Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

brüten, vb.

Fundstelle: Band 5, Spalte 920, Zeile 58 [Stöwer]
BRÜTEN vb.   ahd. bruoten, mhd. brüeten. mnd. brden; mnl. nnl. broeden; ae. brēdan, me. brēden, ne. breed lassen sich auf germ. *:rođjan‐ vb. ‘warm halten, erwärmen’ zurückführen. weitere herkunft unsicher (vgl. Lloyd/S. et. wb. ahd. 2,397f., Kluge/S. et. wb. 25157a). 1 hegen, umsorgen, großziehen. seit frnhd. zeit nur noch vereinzelt bezeugt: E8./A9.jh. foueat pruatte rigiloe liluche ahd. gl. 1,280,30 S./S. ⟨u1280⟩ reht als ein huon ir hüenelîn hât under den vetachen sîn gezogen und gebrüetet Jansen Enikel weltchr. 7075 MGH. 1519 den elteren sy es grosse pyn,/ wenn ir kind zuͦ geuchen werden/ mit boͤsen sytten, oͤden berden. / wie wol die elter sy nit bruͤten Murner 5,64 Sch. 1771 zwar wie der adler/ liegt er am kühlen mondenlicht,/ brütend über seinen geliebten,/ und scheint in leisen träumen zu ruhn gött. musenalm. 72 DLD. 2 sich entwickeln lassen. a junge durch langes sitzen auf dem gelege zum ausschlüpfen bringen: 10.jh. fouit pruotta ahd. gl. 1,630,19 S./S. ⟨u1120⟩ diu perdix (rebhuhn) .. nimit einer ander perdice ir eier unt bruͦtet siu jüng. physiologus 3,23, 7 W. ⟨u1275/7⟩ mit der gesihte kan der strûz/ sîn eier schône brüeten Konrad v. Würzburg schmiede 529 G. ⟨u1350⟩ ‘ich brüet mîn eiger’ sprach diu krâ,/ ‘als mîn geslecht tuot anderswâ’ Boner edelstein 81 P. 1480/1 vff ein zyt saß die tub aber vnd brütet ire eyger Pforr beispiele 190 LV. 1533/4 dieweil die störchin prüet hat und der storch aus umb narung geflogen, ist ain ander storch zu der störchin komen Turmair 5,1,89 ak. 1565 wie das geuoͤgel vber seinen eyern bruͤtet Heyden Plinius 183. 1647 einen eißvogel, von welchem die naturkündiger schreiben, daß sie sieben tage bruten Harsdörffer gesprächsp. (1641)7,47. ⟨v1683⟩ wenn eine erzürnte taube ein ey lege, werde eine natter daraus gebrüttet Lohenstein Arminius (1689)1,146a. 1722 wenn man ein weide, damit man holtz bindet, in einem stalle drehet, darinnen .. hüner brüten, so bekommen die junge alle krumme hälse J. G. Schmidt rocken‐philos. 5/6,44. 1776 die vögelein brüten/ im schatten des mays Hölty 1,173 M. v1844 sie (die spätzin) ist ein häuslich gutes weib/ und brütet brav und schmollet nicht Heine 1,207 E. ⟨1884⟩ alles gackert, aber wer will noch still auf dem neste sitzen und eier brüten? Nietzsche w. 2,433 Sch. ⟨1910⟩ die störche brüteten wieder auf den dächern Löns s. w. 8,460 C. 1972 die maisonne ist wie eine brütende glucke über dem land Seeger Batti 239. 2005 die bedenken wegen der flora und fauna wurden schliesslich durch die verlegung des ‘gates’‐ projekts (von Christo und Jeanne‐Claude) in eine jahreszeit, wo nichts blüht und brütet, zerstreut n. zürch. ztg. (19.1.)33b. b hervorbringen, (unbemerkt) entstehen (lassen): ⟨1.h12.jh.⟩ sanfda unde warma ligen, sat gedrunkin unde gaz, di dru dinc bruoden den slaf idsteiner sprüche 86 M. ⟨14.jh.⟩ der vogele geniste sint uͦch die bosen herze da sich inne bruͦten vnd hecken die bosen werk dt. pred. 56 L. 1549 die vaͤtter vnd muͦter soͤnd erwegen,/ das sy recht jre kinder ziehend,/ by zyt die laster leerend fliehen,/ die sünd inn jnen nit lan bruͦten Aal Johannes 260 HND. 1616 dergleichen hasen, lappen vnd stocknarren werden billich wie böse murrende vnd beissende baurenhund, an ketten geschmidt vnd anheimbs behalten, damit auß solchen fantasten keine wütrich, tyrannen vnnd der jugend oder weibermörder gebrütet werden Albertinus Lucifer 343 DNL. 1665 verhön dein böses glück, verlach sein tolles wüten,/ erwarte was es doch wil endlich aus dir brüten in: dt. lit. 3,200 K. 1776 die mächtigsten triebe und kräfte brütet der stral der liebe in unserm innersten Leisewitz Julius 44. 1844 eine halbe straße (in Rom) ist gesund, die andere hälfte brütet krankheiten Hebbel III 3,178 W. ⟨1910⟩ was fault, das gärt; was gärt, das brütet heimlich feuer Spitteler frühling (1920)2,181. 1979 wenn politiker tönende reden halten, man müsse die krasse ungleichheit beseitigen, denn armut brüte haß und gewalt, so absolvieren sie pflichtübungen, sprechen aber nicht die wahrheit frankf. allg. ztg., beil. (4.8.)3f. 3 lange, intensiv über etwas nachdenken, grübeln; konzentriert an etwas arbeiten: ⟨u1210⟩ swer der (weisheit) ze sêre hüetet,/ der wermet unde brüetet,/ der siudet unde briuwet/ daz in dar nâch geriuwet Otte 2642 G. ⟨E13./A14.jh.⟩ ich gibe den edelen rat vil guten,/ daz sie mit williglichen sinnen brüten/ ob ritterschaft und minnen spil Frauenlob XI 14,2 ak. 1695 Flaccus will, man solle ein carmen wohl zehenmal verbessern, und etzlige tage drüber brüten Weber poet. lust‐kinder ( 6a. ⟨1758⟩ nein, ich will thaten erfinden, über die die höll’ erstaunen soll; .. so dacht’ er und brütete im einsamen Geszner schr. (1762)1,83. 1802 der trübsinn .. unterscheidet sich von der schwermuth durch nichts anders, als daß er nicht, wie dieser, unabläßig über einer idee .. brütet Hoffbauer unters. 1,120. 1899 hoffnungslos und unversöhnlich brütete sie (Susanne) über den trümmern ihres lebens Kurz in: dt. rundschau 100,7 R. 1905 aber von allen anderen hielt er sich fern, so dass in akademischen kreisen .. das gerücht ging, dass er schon wieder über einem neuen wissenschaftlichen werke brüte Stilgebauer Krafft (1904)4,298. 1953 der zweite, ein mann von fast sechzig jahren .., war .. so schweigsam, daß er oft tagelang kaum ein wort redete und nur vor sich hin brütete Joho weg 480. 2005 doch so lässig und locker diese sprüche (dichterisches werk) daherkommen, so lang hatte (Antonio) Machado über ihnen gebrütet n. zürch. ztg. (22.11.)25b. etwas (böses) planen, aushecken. zunächst vereinzelt, seit der 2. hälfte des 18. jhs. kontinuierlich bezeugt: 1689 aus welchem fällt eine erschröckliche schluß=rede auf alle die, so den gantzen tag nicht einmal gedencken an etwas bethen, sondern .. brüten über neuen und neuen anschlägen, geld zu machen, ehren zu erhalten, häusel zu bauen, ohngedacht an gott Schwartz doctrina (1686)2,313. 1787 und weiß ich nicht, daß Alba rache brütet? Schiller 5,2,321 G. 1832 daß der könig bei dieser gelegenheit einen mordanschlag gegen Sforza gebrütet habe Platen 3,77 R. ⟨1875⟩ die (lutherischen) sitzen, weiß gott, in welchem winkel der welt und brüten pläne Rosegger ges. w. 22(1922)50. 1904 und diese edle ritterschaar/ soll uns beschützen vor der gefahr,/ daß Polen unheil brütet? jugend 299a. 1980 da sitzen die (studenten) rum, haben nichts zu tun und brüten rache spiegel 27,121a. 4 (unentfaltet verborgen) schlummern, (angespannt) ruhen: ⟨v1749⟩ o könig, ../ du stillest einen krieg, der in der ferne tönt,/ da doch Europa sich nicht mit sich selbst versöhnt,/ noch immer stillen groll in ihrem busen brütet,/ der bald vielleicht in krieg und hellen flammen wütet J. E. Schlegel 4,58 Sch. 1765 das narren‐volk .. hat vielleicht ihren namen nicht aussprechen können, und deswegen wird der brief auf der post brüten Winckelmann br. 3,142 R. 1806 schon als ich herkam, war ich nicht ohne furcht. es brütet hier was Baillie, leidenschaften 1,114. ⟨1869⟩ die krankheit, die in ihnen schon lange brütete, der sie mit ihrer seltenen, kraftvollen natur nur so lange widerstanden, kam zum ausbruch Spielhagen s. rom. (1895)3,318. ⟨1937⟩ schweres brütete über Capri: der düstere geist des Tiberius! G. Hauptmann (1942) I 14,635. 5 drückend (heiß und schwül) auf etwas lasten; jünger häufig in der verbindung brütende hitze: 1794 Emanuel war nichts weiter als matt und setzte sich, da der abend schwül auf allen brütete, mit Viktor auf die grasbank Jean Paul I 4,188 ak. 1806 denn es brütet über ihm .. ein finstrer trübsinn, starr, mit schwarzer wolke Baillie, leidenschaften 3,92. 1898 es ist ein wilder sommerabend am fluß. dumpfe schwüle brütet über dir Bölsche liebesleben 1,10. 1915 in den .. straßen der stadt brütete die glut des tages Braun lebenssucher 372. 1966 als sie Petersburg verließen, brütete hochsommerhitze über dem land Joho aufstand 336. 2002 am nächsten tag erreichten wir die Toskana: überall brütende hitze berl. ztg. (18.9.)9c.

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Zitationshilfe
„brüten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/br%C3%BCten>.

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