Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

brille, f

Fundstelle: Band 5, Spalte 813, Zeile 64 [Meyer-Hinrichs]
BRILLE f.   (1) lexikalisierte pluralform des noch bis ins 19. jh. bezeugten mask. brill, der synkopierten form zu beryll m. ; vgl. mnd. berille, nnl. bril. zunächst auch in der form barill(e), berill(e). (2) ursprünglich schwach flektiert; das starke fem. sing. brille ist seit dem 16. jh. vereinzelt, seit dem 18. jh. kontinuierlich bezeugt; es ist sekundär zum plur. gebildet. (3) bereits im 13. jh. wurden geschliffene (halb)edelsteine als vergrößerungsgläser und sehhilfen verwendet: ⟨u1270⟩ sam der berillus grozzet die schrift in im zv lesene Albrecht v. Scharfenberg Titurel 140,1400 H. vgl. auch lex. d. mittelalters 2,689–692. 1 zwei durch ein gestell mit bügeln verbundene geschliffene oder gefärbte gläser, die zur verbesserung der sehkraft oder zu ihrem schutz vor den augen getragen werden. selten auch für das einzelne augenglas: 1434 auch bitten ich uch gar sere, das ir mir ein par pryllen sendendet (!), do unser herre durch lyesst, dy beste dy er mocht fynden, dy wil ich gern beczal Frankf. reichscorr. 1,401 J. ⟨1534⟩ wie ein jeglicher ein barill auff der nasen hat, also erscheinen jm alle ding Franck encomion (o. o. u. j.) 92a. 1558 und wann er einen brieff lesen will, so gebraucht er zway augengläser, die man sonsten auff guͦt teütsch brillen nennet Lindener katzipori 181 LV. 1647 in diesen zimmern sol alles, was man von der sehkunst zu erlernen, beobachtet werden: als da sind vergrösserungsgläser, fernegläser, mancherley arten brillen Harsdörffer gesprächsp. (1641)7,196. 1676 Franciscus Smethwick (hat) .. im jahr 1668 .. der societet gewisse muster vorgewiesen; als nemlich ein fern=glas, und eine brill zum lesen Francisci lust‐haus 737. 1730 es ist der hiesige raths‐verwandter .. des lichts seiner beyden augen .. völlig beraubet gewesen, nachdem er schon viele jahre her, wegen dieser paßion, eines brills sich bedienet in: Buchner ärzte (1922)73. 1797 er .. zog die brille aus dem futteral zum lesen Jean Paul I 5,488 ak. 1825 ein nicht mehr junger und eleganter mann mit brillen auf der nase Schmeller tgb. 1,552 R. 1867 unser gutes mutterchen (muß) ihre augen anstrengen .., auch nachdem der brill, der jedesmal, wenn man seiner bedarf, ein versteck aufgesucht hat, endlich entdeckt worden ist Justi br. aus Italien 62 K. ⟨1928⟩ da sich ihr mann zu hause öfters die brille abnahm, so wußte sie, daß er schielte Döblin vertreibung 15 B. 1966 seit Hannelore die brille trug, gehörte sie zu den besten schülern Otto zeit 203. 2001 die erbin ist knapp sechzig und verhuscht, das einzig auffällige ist ihre starke brille berl. ztg. (31.3./1.4.)5a. übertragen auf dinge, die einer brille äußerlich ähnlich sind, z. b. sitz auf der toilette: n1574 auf der parillen, da man mit dem gesaͤs durchguckt Fischart in: Gengenbach 427 G. 1719 brill eines heimlichen gemachs Kramer nd.‐hocht. dict. 1,58b. ⟨1788⟩ meine situation, solange ich auf der brille saß, war zwar ein wenig kühl, indessen ward ich doch bald durch die kunst des zimmermanns erlöst Bürger 2,173 W. 1807 wegen ähnlichkeit der gestalt, nennt man brille auch, die runde öffnung in dem sitze des heimlichen gemachs Campe wb. 1,621a. ⟨1946⟩ sie zogen mich durch eine tür, und ich stand vor der brille eines aborts Renn adel (1950)347. 1963 ich sah dich auf den knien vor der brille, half dir auf, zog dich zum becken hinüber, in dem du dich mühselig wuschst Lenz stadtgespräch 271. 2006 ein modernes weltraumklo .. erinnert ein wenig an eine campingtoilette. vor der benutzung ist unter der brille eine tüte einzuspannen frankf. allg. sonntagsztg. 46,75c. 2 häufig phraseologischer gebrauch, motiviert durch die eigenschaft der brillengläser, etwas vergrößert bzw. verändert darzustellen. vgl. Wander sprichw.‐lex. 1,466. jmdm. eine brille aufsetzen, jmdm. brillen verkaufen o. ä. ‘jmdn. betrügen, übervorteilen, jmdm. etwas vormachen’: u1520 also thuͦn sie einander schenden,/ damit daß sie den leigen blenden,/ setzen im ein brillen uf/ und schlagen im zuͦ ruck den muff sat. u. pasquille 22,167 Sch. ⟨1579⟩ es solt einer eygentlich meynen, das solche catholische prediger jr lebenlang prillen verkaufft hetten, vnd quacksalber .. gewesen weren Fischart binenkorb (1588)213a. 1630 es ist von natur zulessig, was thewer ist, wolfeil kauffen, vnd was man wolfeil eynkaufft, wider thewr verkauffen, einander brillen verkauffen, vnd vbervorteln Lehmann florilegium 414. ⟨1672⟩ .. berathschlagten unser etliche, wie wir einem stoltzen auffgeblasenen kerl in unserer compagnie möchten die brille auffsetzen Weise erznarren 220 HND. 1724 sie drehen den leuten nicht nur nasen an, sondern setzen ihnen dazu brillen darauf Fabricius oratorie 109. 1789 .. daß es in Münster solche tumme teffels gibt, die sich ohne alles arg, brillen auf die nasen sezen laßen Bürger br. 3,252 S. 1881 merke dir, mein sohn, brillen lasse ich mir von anderen .. nicht aufsetzen, sondern gucke .. durch die meinige Raabe 14,319 H. etwas durch eine bestimmte brille betrachten o. ä. ‘etwas mit einer bestimmten (subjektiven) perspektive ansehen, beurteilen’. häufig in verbindung mit farbadj. etwas durch eine rosarote, schwarze o. ä. brille betrachten, ansehen ‘etwas nicht objektiv, zu günstig bzw. ungünstig beurteilen’: 1541 wer ein verkert vrteyl hat, vnd durch blaw baryllen sihet, dem muͦß ye all ding blaw erscheinen Franck sprichw. 2,143a. 1630 wer sorgt der siehet durch brillen, vnd siehets schwerer an, als es ist Lehmann florilegium 710. 1648 gehet es also anders nicht daher, als wan jemand durch gefärbte brillen siehet Chemnitz schwed. krieg 1,IVa. ⟨1740⟩ denn gleichwie durch eine grüne, rothe oder blaue brille der vorwurf unsrer augen grün, roth oder blau erscheinet Lindenborn Diogenes 1(1742)2. 1770 wenn man so in seine vergangenen tage zurücksieht, eben indem man die schwarze brille vor augen hat, so sieht man alles schwarz an Garve br. an seine mutter 140 M. 1822 Deutsche .. haben gewöhnlich die Polen durch die deutsche brille betrachtet Heine br. 1,46 H. ⟨1878⟩ er sieht freund und feind, die welt, die zustände, sein eigenes volk durch die brille seiner minister Fontane ges.‐ausg. [1925] I 2,128. 1903 mir trübt das weltbild keine graue brille./ ich liebe sehr der sommertage schluß Lavant ged. (1965)110. 1967 wir sehen diesen erfolg nicht durch die rosarote brille sportecho (1.2.)3a. 2005 (der) reiseführer von Istanbul .. ist .. ganz und gar auf die erlebniswelt eines künstlers zugeschnitten, der die stadt immer auch durch die brille seiner eigenen tätigkeit .. zu sehen geneigt ist n. zürch. ztg. (28.9.)35a. brillen reißen ‘possen reißen, späße machen’, s. brillenreißer m. ; in der verbindung brillen und grillen ‘possen, närrische, lustige einfälle’, vgl. 1DWB 4,1,6,319: 1572 der bischoff ../ der kan mir rechte brillen reissen,/ er mag wol Eulenspiegel heissen Fischart 2,293 DNL. 1616 prillen reissen, gobe zotten vnd possen treiben Albertinus Lucifer 17 DNL. 1748 das beste ist, man überläst sie ihren grillen und brillen, und bemüht sich selbst mit eigenen augen so viel von dem grossen wesen gottes zu sehen, als ein jeder .. fähig ist Edelmann evangelium 51. 1894 bald bist du selbst gewiß wieder brillen und grillen los und schaust wieder klar und munter aus den augen Busch br. 2,34 B.

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Zitationshilfe
„brille“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/brille>.

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