Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

dankbarkeit, f.

Fundstelle: Band 6, Spalte 224, Zeile 62
DANKBARKEIT f.   abl. zu dankbar. mhd. dancbærkeit seit etwa 1300 in mystischer literatur (4 b), wahrscheinlich neuschöpfung Eckharts, ein ahd. dancbârî f., mhd. dancbære f. ablösend. 1 einige zeugnisse des 15. jhs. sind möglicherweise im sinne von zustimmung, geneigtheit von dankbar 1 her zu deuten können aber auch zu 2 gehören: M15.jh. der herzog empfieng dise wort in großer dankbarkeit Kiburger stretlinger chr. 10 B. ⟨1451⟩ das wür widerumb .. gegen inen billichen mit grosser dannckhparkhait willig vnnd gnaigt sein zubedennckhen vnnd zuerkhennen in: Brandis landeshauptleute (1850)241. 2 gefühl und bewußtsein, für empfangene guttat verpflichtet zu sein, seit je und bis heute die bestimmende bedeutung. die person, auf die sich das gefühl richtet, wird mit gegen, der grund des gefühls meist mit für, selten mit über oder gegen, bis ins 18. jh. auch mit bloßem gen. angeschlossen: ⟨M14.jh.⟩ sin wir gotte als usgenomen grosse minne schuldig und ein als grosse dankberkeit Tauler 285 DTM. 1524 last uns eyn mal auch der vernunfft brauchen, das gott mercke die danckbarkeyt seyner guͤter Luther w. 15,48 W. 1678 deß adlers danckbarkeit und vergeltung vor die erzeigte wohlthat Nyland/H., schauplatz 3,164b. 1796 großmuth und dankbarkeit gegen seinen vater verließen ihn nie Stein preuß. staat 463. 1804 muß ich bitten .. meiner danckbarkeit für das geschenckte vertrauen gewiß zu seyn Goethe IV 17,55 W. 1919 daß sie (die jugend) .. keine dankbarkeit gegen seine leistungen habe Heitmann großstadt (1913)2,158. a häufig ausdrücklich als gefühl gekennzeichnet, besonders seit und in der 2. hälfte des 18. jhs.: ⟨A15.jh.⟩ sol man das hertz weittren zuͦ sanfftmuͦt vnd dangbarkeit Bonaventura, via 40 TSM. 1510 naygt eüch zuͦ gott mit dannckberkait eüwers hertzen granatapfel C 3a. 1758 mit .. dem lebhaften gefühl der dankbarkeit Gottsched br. 3,104 R. 1874 ob es das gefühl reiner dankbarkeit war, welches das mädchen zu mir trieb Schliemann alterthümer 98. 1965 der professor, das herz voll erregung und dankbarkeit Habe mission 226. b jmd. tut etwas oder etwas geschieht mit, in dankbarkeit im gefühl oder bewußtsein dankbarer verpflichtung: ⟨A/M14.jh.⟩ wer dich yn dyn nicht wil wysen, den entphang mit groszer danckbarkeit und mit mynnen Seuse 518 B. 1522 das er feyn sittig mit gottis furcht unnd danckbarkeyt dißer freyheyt brauche Luther w. 10,2,244 W. 1604 daß ich ihme in danckbarkeit/ zu dienen allzeit bin bereit Spangenberg/F. dr. 1,134 LV. 1756 die lehren, die unser herz mit dankbarkeit hören soll Zinzendorf pred. 1,264. 1947 ich denke mit dankbarkeit an die zeit im Schillertheater zurück Winterstein leben 2,37. elliptisches in, mit dankbarkeit in der schlußformel von briefen: 1825 mit hochachtung und dankbarkeit ihr freund Beethoven Beethoven br. 45 H. 1913 in inniger verehrung und dankbarkeit Christian Morgenstern Morgenstern leben 475 M. c aus dankbarkeit, jünger auch (in der anwendung auf affektbestimmtes verhalten) vor dankbarkeit etwas tun, das motiv einer handlung kennzeichnend: 1514 ich dicht diß buch vß danckbarkeit Murner 1,2,8 Sch. 1627 wer wolte sich denn eine solche grosse imbrünstige liebe gottes vnd Christi gegen vns nicht bewegen lassen, dieselbe widerumb aus schüldiger danckbarkeit zu lieben? Smalcius, hoheit N 8b. 1806 dass die götter aus dankbarkeit vergötterte menschen waren W. v. Humboldt I 3,155 ak. ⟨1901⟩ herr Grünlich blieb einen augenblick stumm vor dankbarkeit Th. Mann ges. w. [1960]1,99. 1955 der gütige, aber gerechte vater, dessen gebote man aus dankbarkeit und liebe zu halten versucht Bovet weg 22. d in verbindungen wie zeichen, zeugnis der dankbarkeit u. ä., aber auch neben verben wie bezeugen, erweisen u. ä., sofern eine gesinnung sichtbar gemacht werden soll, wohl noch hierher, trotz der sachlichen nähe zu 4: 1473 vermeine danckberkeit ze bewysen, wann ich ynen ze er vnd nucz .. vßkomen laͧsse das buͤchlin der ordnung Steinhöwel ordn. 1 faks. 1537 damit ich auch solche mein schuldige danckbarkait (für empfangene wohltaten) .. moͤchte eroͤffnen vnnd bezeügen, so hab demnach e. herrligkait .. dise mein arbait .. dediciert Schaidenreiszer odyssea IIa. 1669 gehen stille schweigend hinweg, ohne einig gegebenes zeichen der danckbarkeit gegen dem wirthe Andersen/I. reise-beschr. 54 O. 1762 wir sind ihnen vielmehr opfer der dankbarkeit schuldig Hagedorn mahlerey 1,307. 1831 andre hundert gulden .. als ein zeichen alter dankbarkeit Schmeller tgb. 2,137 R. 1939 sie kam, wie es hieß, nicht in die verlegenheit, ihm den beweis ihrer dankbarkeit schuldig zu bleiben Flake damen 125. 3 dank in worten, danksagung. mit einer gewissen geläufigkeit nur im späteren 15. und im 16. jh., später durchaus ungewöhnlich: ⟨1386⟩ wer auch dz du dein tag in goͤtlichem lob vnd danckberkeit verzeret hettest Otto v. Passau (1480)173a. 1493 wa es muͤglich waͤr solt jch von seinem (gottes) lob breysen vnd danckbaͤrkait kain zeyt erwinden Mickell goͧtl. liebi a 5b. ⟨1568⟩ dem seye lob, preyß vnd danckbarkeit, von nun an biß in ewigkait Nas 12 pred. (1569)245a. 1785 studirte und unstudirte bitte ich theil an meinem journale zu nehmen, und versichre sie der lautesten dankbarkeit, oder .. der heiligsten verschwiegenheit beitr. kenntniß Sachsen 1,5 H. in ungewöhnlichem plur.: 1910 der bauer aber hielt sich nicht lange mit historischen dankbarkeiten auf, sondern fing an, sich über die kapitalistischen städter zu beklagen Naumann parteien 89. 4 dankerweisung durch die tat, vergeltung, belohnung. statt der motivierung einer handlung ein handeln selbst bezeichnend, aber neben 2 seit je nur beschränkten, später rückläufigen gebrauchs. a in der formel zu einer, älter auch zur dankbarkeit etwas tun zum dank, zur vergeltung (s. dank m. B 3 b), vom 15. bis 18. jh. häufig, aber bei dem immer eindeutigeren vorrang der eine solche anwendung im grunde ausschließenden bedeutung 2 in der ersten hälfte des 19. jhs. auslaufend: ⟨n1420⟩ stiften .. ein ewig messe in dem spital ze dankbarkeit der gnaden, so inen got an mengen enden erzögt hat Justinger berner-chr. 101 S. ⟨1562⟩ die hochgeborne fraw vom Hassenstein ein grossen kelch hie machen ließ zur danckbarkeit Mathesius Sarepta (1571)47a. u1709 gebetten, er woll ihrer ohnschuld verschonen; entgegen zu einer dankhbarkeit soll er durch sie hinder ein .. geheimbnus khomben Abraham a S. Clara w. 3,245 ak. 1726 nimm diese reinen küsse/ von mir zur danckbarkeit; und diese reifen nüsse poesie d. Niedersachsen 3,83 W./K. oft, und besonders in jüngerer zeit, trotz finaler, auf eine zweckhandlung gerichteter formulierung mit kausalem aus dankbarkeit unter 2c in der bedeutung zusammenfließend: 1627 der hernacher zur danckbarkeit mit dem kayser in Italia lieb vnd leid angenommen Piderit chr. Lippiae 2,300. 1839 zur dankbarkeit gab man ihr den namen: goldene Jahnordnung Lengerke reise 87. b in freierem gebrauch: ⟨E13./A14.jh.⟩ dâ ist der geist ein wîp in der widerbernden dankbærkeit, dâ er gote widergebirt Jêsum in daz veterlîche herze meister Eckhart dt. w. 1,27 Q. 1534 dem gemelten Ptholemeo seiner vorbewißnen guͦtthat mit gleichmaͤssiger danckbarkeyt zuͦ begegnen Boner Plutarch 83b. 1601 so gebrauch dich auch der guͤtigkeit vnnd danckbarkeit gegen jhm (durch treue) Quad memorabilia 266. 1745 wir nennen die liebe gegen den wohlthäter die dankbarkeit .. die bezeigung unsrer liebe gegen den wohlthäter durch äußerliche handlungen heißet gleichfalls die dankbarkeit ergetzungen d. vernünftigen seele 1,79. 1937 wir erfahren von der treuen sorge der frauen, die ihn (Christus) umgab, und auf die er gewiß mit dankbarkeit und güte erwidert hat Guardini herr 366. vereinzelt vergegenständlicht: 1759 als ich aber ihr meine dankbarkeit dafür (für die führung) überreichte Stevens, reise 21. in den sonst zu 2 d gehörenden verbindungen dankbarkeit erweisen u. ä. gelegentlich hierher: 1585 dass sie dankbarkeit gegen ihre prediger und seelsorger beweisen .. der erbeiter ist seines lohns werd ev. kirchenordn. 5,425b S. 1682 woselbst der marggraf ausgestiegen, und alle gebührende dankbarkeit gegen den mann erwiesen hat Wilke Nepos 72. c nicht selten ironisch, für ein undankbares handeln: ⟨1470⟩ so ist das unsere dankbarkeit, das wir sy (unsere wohltäter) darum anfahend verachten, schmechlich von inen reden und haltend Frickart twingherrenstreit 125 S. 1765 sie .. werden von dem volke angebetet, welches zur dankbarkeit dafür von ihnen verachtet wird Maubert, warheit 221. vereinzelt geradezu ‘strafe1664 wurden die comoedianten unter sich uneinig, welche einander ziemlich abprügelten, und darauff zur danckbarkeit von beyder partheyen obern in die straffe fallen musten Rihlmann staats-sachen 379. 5 in der vom individuellen einzelfall gelösten anwendung bezeichnet dankbarkeit, die bedeutungen 2–4 übergreifend, aber immer von der vorstellung der erkenntlichkeit her, eine objektive größe innerhalb einer inneren wertordnung. seit etwa 1400, aber besonders jünger. a als eine die grundhaltung des menschen vor gott bestimmende pflicht: ⟨1386⟩ leret .. von danckberkeyt vnd von frid vnd vnfrid Otto v. Passau (1480)150a. ⟨1652⟩ gegen gott unserm herrn, schuldiger danckbarkeit willen t. reichs-arch. 12,3,37b L. 1947 (der mensch) lehnt sich gegen die gnade auf, sie ist ihm zu wenig, er weicht ab von der dankbarkeit Barth dogmatik im grundriß (Stuttg.) 155. b als ein das menschliche zusammenleben normierendes verhalten: v1496 wo plib dan do all dankperkeyt (wenn man einen wohltäter vernachlässigt) Folz meisterlieder 25,71 DTM. 1711 die dankbarkeit ist eine liebe, die wir bezeigen denen, welche uns gutes gethan ..; und eine begierd zur widergeltung Scheuchzer physica 2,343. ⟨1787⟩ daß die dankbarkeit das festeste und sanfteste band der gesellschaft sey Heinse 4,12 Sch. ⟨1918⟩ du bist nun so alt, daß du die dankbarkeit lernen mußt Ponten turm (1920)130. c als objektive größe im tugendsystem personaler ethik, so besonders in und seit der aufklärung: 1669 wie sehr sie (die regenten) nach dem natürlichen gesetz der danckbarkeit verpflichtet, gute sorge zu tragen Kormart wagschale 656. ⟨1727⟩ bey denen, die uns nicht nur nichts widriges zugefüget; sondern auch noch wohlthaten erwiesen, (hat) die tugend der danckbarkeit statt Walch philos. (1730)429. 1950 das bürgerliche gesetzbuch verwendet auch sonst im ethischen wurzelnde begriffe, wie z. b. die dankbarkeit Eichler rechtslehre 109.

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Zitationshilfe
„dankbarkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/dankbarkeit>, abgerufen am 16.10.2021.

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