Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

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drohen, vb.

Fundstelle: Band 6, Spalte 1413, Zeile 40
DROHEN vb.   (1) ahd. dreuuen, drouuen, mhd. dröuwen, drouwen, drôn. as. githrōōn, mnd. drouwen; mnl. druwen, nnl. drouwen; afrs. thrūwa; ae. þrēagan, þrēawian, þrēan. (2) abl. von drohe f. auf westgerm. stufe. (3) schwache flexion, nur im 13./14. jh. gelegentlich die starke präteritalform triew (in analogie zu verben wie houwen?). (4) nhd. nbf. dräuen: ahd. und mhd. stehen formen mit und ohne umlaut nebeneinander. die umlautform wird seit dem 16. jh. zunehmend verdrängt durch die auf kontraktion von mhd. drouwen beruhende oder durch anlehnung an drohe f. entstandene form drôn, nhd. drohen. dräuen wird im 19./20. jh. nur noch historisierend, poetisch oder mdal. (so etwa im bad.) verwendet. drauen für mhd. drouwen begegnet vereinzelt noch bis ins 18. jh. 1 eigentlicher gebrauch. von lebewesen, besonders von personen, die absicht zu erkennen geben, jmdm. übles zuzufügen die ergänzungen bezeichnen das bedrohte lebewesen, die angedrohten unangenehmen konsequenzen, das mit der drohung geforderte verhalten, eine warnend ausgesprochene äußerung. außer dem präpositionalobjekt (mit einer strafe) ist auch ein freier instrumental (mit erhobenem zeigefinger, mit einer gebärde) möglich. auch freie adverbiale angaben situationskontext u. ä. können den inhalt der ergänzungen ausdrücken. a absolut. von personen (lebewesen), auch von deren aktionen, verhaltens- oder ausdrucksweisen, häufig im part. präs., unangenehmes ankündigen: ⟨790/802⟩ dreuui pisuueri refsi benediktinerregel 200,11 S. ⟨u1200⟩ ir sî seht bî iu stân / unde drônde umbe iuch gân Hartmann Iwein 71242 B./L. hs.1.h15.jh. wan wer do drot, der warnet sein veint dt. facetus 110 Sch. ⟨1913⟩ der eine wimper dräuend zucken braucht .. aber er dräute nicht Handel-M. Schwertner [1948]2,67. 1968 die übrigen gäste .. blieben angesichts der drohenden haltung des kellners sitzen Bieler Roth 158. b jmdm., älter auch jmdn., an jmdn., auf jmdn. drohen jmdn. bedrohen: ⟨790/802⟩ vnekihafteem indi vnstilleem scal hartor drauuen benediktinerregel 200,21 S. ⟨v1022⟩ ziu dreuuent ir mir? Notker 3,1,50 ATB. ⟨1130/40⟩ do div frowe uirnam. / daz ime der engel dron began bücher Mosis 37 D. ⟨1411⟩ das si an ainander droen und schelten Vintler 8888 Z. 1600 er drawete auff den bundt Dilich vngar. chr. 130b. 1656 die leinweber .. wolten den igel tod schlagen .. die leinwebers drewen dich sehre venus-gärtlein 30 HND. 1744 darfst du mir drohen und böse worte geben? Holberg, z. 2. male 6 lust-sp. 59. ⟨1891⟩ hebt sich des herren hand / dräuend dem volke Hofmannsthal ged. 67 S. 1974 volle zehn schritte drohten wir einander, und mein zeigefinger war steif vor glück Muschg Albisser 69. c mit akkusativobjekt präpositionalobjekt oder objektsatz, die den inhalt der drohung bezeichnen. α etwas, mit etwas, auf etwas drohen etwas (strafe u. ä.) androhen: hs.A11.jh. da uuir die racha nieth kileistin magen, da drô uuir si ava ahd. sprachdenkm 173 S. ⟨v1022⟩ so heuet ęcclesia iro ougen ad deum ipsum. flebiliter dreuuende. daz si diu ougen aba imo fillenten êr neneme Notker 3,3,950 ATB. ⟨u1285⟩ der dritte drôiwede ûf den dôit bruder Hermann 3567 M. ⟨hs.M14.jh.⟩ swenne er ze jungesten wil mit gluenden scharfen swerten dröuwen minnesinger 3,36a H. 1581 mit getroeter leibsstraf Fischart teuffelsheer 84. 1791 wie er mit geladenen gewehr auf den dorfrichter gelaufen und ihn um geringe ursache gedräuet zu erschießen qu. privatbauern Niederlausitz 206 L. 1970 amateure .., die in einer bewaffneten auseinandersetzung mit relativ primitiven atomwaffen drohen Grewe spiel 347. zusätzlich mit ergänzung der bedrohten person; jmdm., älter auch jmdn., zu jmdm., an jmdn. etwas, mit etwas drohen jmdn. mit etwas (strafe u. ä.) bedrohen: ⟨1060/5⟩ daz muͦse so sin, / want ir da zuͦ drote unser trehten wiener genesis 1074 ATB. ⟨2.h13.jh.?⟩ der capelan .. droet den juden ser, / es gieng in an all ïr er Havich 3093 DTM. 1625 dem nachrichter drawete er den todt G. Maier Camerarius 121. ⟨1826⟩ da Deutschland, England und Holland .. uns mit dem schlimmsten unheil dräuen Tieck (1828)26,86. 1957 die behörden .. drohten käufern und verkäufern mit gerichtlicher verfolgung Grieder Basel 38. β etwas drohen mit einschüchternder gebärde zu etwas auffordern, erstaunen äußern: ⟨1130/40⟩ er drote harte. daz da niman / inne chôme bücher Mosis 10 D. ⟨u1450⟩ die in Sanganserland rettent und trowtent, das hus Sangans müsdi ouch herum Fründ chr. 40 K. 1756 sie .. drohete, sie solten entweder das mädchen aus den garten schaffen, oder ihren dienst meiden leipz. avanturieur 1,117. ähnlich: ⟨1920⟩ ‘was ist das, Ulrika!’ drohte Renate, ‘ich sehe dich mit völlig fremden männern umherlaufen!’ Schaeffer Helianth (1924)1,587. zusätzlich mit ergänzung der bedrohten person; jmdm., jmdn. drohen, etwas zu tun jmdn. unter androhung von konsequenzen zu etwas zu bewegen suchen: u1466 wir droen in das sy von des hin nichten reden in disem namen zuͦ keinem der mann 1. dt. bibel 2,294 LV. 1758 die kinder Israel wurden gedroht, zu schiff in dasselbe (land) wieder zurückzukehren Hamann 1,77 N. 2 gegenüber 1 abgeblaßter gebrauch, ohne das merkmalabsichtsvoll’. besonders von abstrakta, aber auch von gegenständlichem und vereinzelt von personen. a von etwas unangenehmem einer gefahr, (sich) ankündigen, möglicherweise bevorstehen. die davon betroffene person oder sache kann als dativ-, akkusativ- oder präpositionalobjekt erscheinen ebenso aber auch im situationskontext, oder ganz fehlen. α etwas droht jmdm., etwas, für jmdn. oder etwas etwas unangenehmes steht für jmdn., etwas offenbar bevor: 1362 ab uns landes not drawete stadtrechte Eisenach 32 S./D. ⟨1720/1⟩ meiner brust .. / da ihr manches wetter droht Günther 1,279 LV. 1800 das seewesen der Franzosen (stand) auf einer für England drohenden höhe Eichhorn weltgesch. (1799)2,1,887. ⟨1886⟩ die menschheit .. stündlich dräut ihr das weltgericht Holz 1,48 F. 1973 uns drohen längst andere gefahren Walser sturz 41. β etwas droht etwas, mit etwas etwas kündigt etwas unangenehmes an: 1542 das .. das wasser .. grossen schaden troͤwet Herold ee 29a. ⟨1714⟩ daß .. der himmel .. einen starcken regen dräuete Mel schau-bühne (1732)1,36. 1964 wolken, die .. mit einem tintenhaften gewitter drohen Frisch Gantenbein 64. γ absolut, vor allem im part. präs.; von etwas unangenehmem, als gefahr dasein, wohl bevorstehen: 1526 das solche grewliche urteyle uber yhrem kopffe schweben und alle stunde drewen Luther w. 19,605 W. ⟨1787⟩ die treue warnt vor drohenden verbrechen Schiller 4,140 H. ⟨1903⟩ es schweben und schreiten und wachsen bei Hauptmann dräuendere gewalten empor Kerr ges. schr. (1917) I 1,107. 1961 desto leichter droht die irreführung und vergiftung der massen durch sie Groth kulturmacht (1960)2,104. δ etwas droht jmdm. etwas, mit etwas etwas kündigt etwas für jmdn. unangenehmes an: 1537 diß wunderzaichen drouet den werbern ain sunder groß übel Schaidenreiszer odyssea 6b. 1640 hie drawet vns die pestilentz / mit vnverhofftem sterben ged. königsb. dichterkreis 42 HND. 1906 die abendwolke dampft so rot / .. als ob sie uns blutschande droht Dehmel ges. w. 2,32. b übles erwarten lassen; das akkusativobjekt ist ein verbalsubst. u. ä.; nur älter: 1650 die mauren dräuen (den) fall (einsturz) Klaj geburtstag 60. 1784 bring er die tochter weg – sie (Luise Millerin) droht eine ohnmacht Schiller 5,42 nat. 1876 (dünne säulen) missfallen ihm desshalb, weil sie zerbrechen drohen Fechner vorschule 1,100. c wie ein modalverb, mit einem infinitiv mit zu; befürchten lassen, daß übles geschieht. gegenüber b häufiger bezeugt: 1497 so das baufellig zymer troet zefallen auff dein zymer clag antwurt 51b. 1790 diese beschreibungen, womit der elende ein unschuldiges kind moralisch zu vergiften drohte Bahrdt leben 1,49. 1970 eine armut, die sich immer wieder aus sich selbst zu erneuern und zu verewigen droht Baade wohlstand 167.

drohn, m.

Fundstelle: Band 6, Spalte 1415, Zeile 66
DROHN m.   s. drohne.

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Zitationshilfe
„drohn“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/drohn>, abgerufen am 03.12.2021.

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