Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

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dich, pron.

Fundstelle: Band 6, Spalte 868, Zeile 44
DICH pron.   ahd. dih, mhd. dich. as. thic, mnd. dik; ae. þec; an. þik, isl. þig, norw. schwed. dän. dig. mit -i- in anlehnung an die form der 1. pers. sing. des pers.pron. statt -u- im nom. der 2. pers. sing. zugrunde liegt idg. *tū̆: te, zu dem got. þuk stimmt. inhaltlich entspricht die verwendung der anredeform dich der des nom. du, s. du pron. 1 personalpronomen der 2. pers. sing. im akk.; auch refl. verwendet. in einigen mundartgebieten (ostfäl., ndfrk., Aachen, in teilen des nördlichen thür. und obs.) auch die form des dativs. als apposition kann hinzutreten ein substantiv, ein substantiviertes adjektiv oder, bei refl. verwendung, selb, selbst pron. a in der anrede an eine bestimmte einzelne person: ⟨790/802⟩ qhuidit vvizzago truhtine fora dih ist eocouuelih kirida miniv (dicit propheta domino; ante te est omne desiderium meum) benediktinerregel 212,21 S. 863/71 heil wih dohter,/ wola ward thih lebenti joh giloubenti! Otfrid I 6,6 E. hs.12.jh. ih besueren dich, uberbein, .. ahd. sprachdenkm. 386 S. ⟨u1285/90⟩ Ȋsôt, mîner vröuden hort – / ich meine dich blunden ûz Irlant Heinrich v. Freiberg Tristan 163 B. hs.1550/5 du waist daß ich on argen won/ lieb han/ dich höchste kron volks- u. gesellschaftslieder 225 DTM. 1608 ich bitt dich, aber irtz mich nicht Nendorf Asotus 124 G. 1790 willkommen! der du uns zugleich dich selbst/ und gute botschaft bringst Goethe I 10,128 W. ⟨1824⟩ nur einmal noch möcht ich dich sehen,/ .. und sterbend zu dir sprechen:/ madame, ich liebe sie! Heine s. w. 1,120 W. 1955 sie ist natürlich stolz auf dich Nossack spätestens 168. in verbindung mit interjektionen: ⟨u1120/30⟩ so wol dich des troͮmes! milst. genesis 81,5 D. ⟨16.jh.⟩ pfü dich, du schnöde böse welt! fastnachtsp. 2,1054 LV. ⟨1813⟩ pfui dich, du weicher landgraf, werde hart! A. v. Arnim 5,81 G. schweiz. als prädikativer akk.: 1781 wenn ich dich wäre Pestalozzi 2,44 B. 1844 es hat mir geschienen, es sei dich Gotthelf 7,151 H./B. schweiz. id. 12,210. mhd. relativsätze einleitend: ⟨1150/60⟩ nû hôre dû, vrouwe, mînen ruof,/ dich dâ got zuo diu gescuof,/ .. daz dû die burde,/ .. mit samt ime (Christus) huobest vorauer sündenklage 278 ATB. b verallgemeinernd, in der anrede an ein personenkollektiv, besonders an ein leser- oder hörerpublikum, oder an eine einen typus vertretende person: u830 thaz aftera (gebot) ist gilîh thesemo: thaz thû minnos thînan nahiston samaso thih selbon Tatian 2128,3 S. ⟨n1291⟩ wîp, dîn nam wirt vollelopt/ unz ûf ein ende niemer. / und der dich lobte iemer,/ .. Reinfrid v. Braunschw. 10956 LV. hs.1550/5 gott weiß wol zeit und mosse – / der wirdt dich nit verlassen volks- u. gesellschaftslieder 7 DTM. 1660 bedenket ihr nicht, o irdische menschen, .. wie lächerlich würde dich das dunken Boethius, bedenken 83. 1858 ‘laß dich baar oder im voraus bezahlen’, sagt das gesetz, ‘so kommst du um nichts.’ Griesinger bilder 234. 1964 wo wir in der bibel aufgefordert werden, über jemanden nachzudenken, .. über dich selbst aber denke nach Thielicke gespräche 174. –in verbindung mit interjektionen: ⟨u1227/47⟩ der schilt (ritter) der sol niht zegelîch gebâren:/ .. daz man iht spreche: ‘schilt, phî dich!/ wie sêre mir vor dîme tuonne grûset!’ Reinmar v. Zweter 153,11 R. ⟨1349/50⟩ pei dem widhopfen verstên ich ainen iegleichen menschen, .. der ainez in dem herzen hât und redt ain anderz mit dem mund. .. pfui dich, dû schanden ritter, dû seist lai oder pfaff Konrad v. Megenberg b. d. natur 228 P. von da her pfui dich, daß dich u. ä. als einheitlicher ausdruck verstanden ohne echte anredefunktion des pronomens: 15.jh. ei das dich fastnachtsp. 1,186 LV. E15.jh. vach, vah .. pfi-dich Diefenbach gl. 604b. 1801 dass dich! rief hier der alte .. kann er (anrede) denn keinen augenblick schweigen? Engel Stark 120. noch mdal.: 1908 dass dich u. ä. Fischer schwäb. wb. 2,93. mhd. gelegentlich substantiviert: ⟨2.h13.jh.⟩ hêrre (gott), alsus mochte ich und mich/ werden ein dû und ein dich d. sünden widerstreit 323 Z. 2 reflexivpronomen der 2. pers.sing., als verbbestandteil ohne satzgliedfunktion. a im zusammenhang der anrede an eine einzelne bestimmte person: E8.jh. (gott) quhad: .. freuuui dhih, Siones dohter Isidor 11,21 H. ⟨1150/60⟩ vrowe du sundigis dich./ an mer ellenden manne könig Rother 1958 F./K. hs.14.jh. geloube dich dîner trugenheite Arnold st. Juliana 126 Sch. 1557 er .. sprach zu sich selbs, schemestu dich, die milch .. zu tragen Dräuer Petersen, chr. Holsten 72. 1885 darauf kannst du dich verlassen in: Liebknecht brw. 286 E. 1951 ‘beeil dich’, flüsterte er H. W. Richter sie fielen 82. b im zusammenhang der anrede an ein personenkollektiv, besonders an ein leser- oder hörerpublikum: 863/71 biginnet gote thankon, .. / .. ir natarono kunni!/ thu scalt thih io mit driwon fora gote riwon Otfrid I 23,43 E. 1610 es sagt wol die schrifft, es gehe den gottlosen wol, sie grünen vnd blüen ein zeitlang, aber ehe du dich vmbsihest, sind sie nimmer da Arndt christenthumb 2,356. ⟨1938⟩ weithin strecken sich die marschen/ grau und grün. ../ und du eilst und freust dich endlich/ jenes lampenscheins am fenster Claudius ges. w. 2,27 J. 3 in einigen mdaa., in denen der akk. der 1. und 2. sing. des personalpronomens die funktion des dat. mit übernimmt (s. unter 1), auch in einer dem dat. ethicus entsprechenden verwendung: 1927 dat is dek doch en dum dink u. ä. Damköhler nordharz. wb. 47b. 1928 kömmt dech doә ene kerl an .. do bön ech dech äver gelofe u. ä. rhein. wb. 1,1334.

diech, n.

Fundstelle: Band 6, Spalte 940, Zeile 32
DIECH n.   ahd. dioh, mhd. diech. as. thē, mnd. dē; anfrk. thio, mnl. die, nnl. dij; afrs. thiāch; ae. þēoh, me. thīh, ne. thigh; an. isl. þjó, norw. (mdal.) tjo ‘krümmung der sense’, schwed. (mdal.) tju ebenso. zu einer k-erweiterung der idg. wz. *tēu- ‘schwellen’ mit lat. tuccetum ‘eine art bauernwurst’, mir. tōn m., cymr. tin f. ‘podex’ (*tūknā?), lett. tūks ‘geschwulst’, tàuki pl. ‘fett, talg’, aksl. tukõ ‘fett’. – deklination als starkes neutr., plur. diech(e), seit dem 14. jh. oft dieher, diecher. – mhd. gelegentlich verkürzt die. – mit ende des 16. jhs. ungebräuchlich werdend infolgedessen bei vereinzelter jüngerer verwendung unsichere schreibung und unsicheres genus, als mask. 1619 der dighe Garzoni, schauwplatz 245a (in anlehnung an dick adj.?). 1741 der diech Frisch wb. 1,194c. 1 oberschenkel, älter auch unter einschluß der hüfte, als körperglied von menschen und tieren. in zahlreichen ahd. glossierungen: 8.jh. femora theoh ahd. gl. 1,157,21 S./S. 11.jh. coxe deoh ebd. 3,436,57. 13.jh. femen dich ebd. 4,142,43 u. ö. im anschluß an gen. 24,2 für die hüfte in einer den schwur begleitenden geste, vgl. 2: E8.jh. duo dhina hant undar miin dheoh, endi suueri bi himilischin gote Isidor 33,6 H. ⟨1415/6⟩ Abrahames knecht swuer uf sin diech Rothe ritterspiegel 130 ATB. sonst literarisch: ⟨v1022⟩ curte dîn suert umbe dîn dîeh Notker 3,1,281 ATB. ⟨1187/9⟩ ein wenig boben dem knie/ stach her in rechte durch das die/ .. durch Heinrich v. Veldeke Eneide 7800 DTM. 1331/6 ein teil er imme von dem diehe hie,/ daz daz bluot reren began Wisse/Colin 807 Sch. ⟨u1440⟩ ist er (falke) .. vnwillig zuͦ der beiße, so sol er jne essen mit einem diech von einem kleinen huͦn v. falken, hunden u. pferden 2,49 L. ⟨1517⟩ die teyl die do vßwendig gont seind die hoden .. vnnd musculi die zuͦ den dyecheren abstigen Gersdorff wundartzney (1528) d 1b. 1682 mit der andern hand haͤlt er das roß bey dem hintern tiech Hohberg georgica 2,149a. 1792 Klein provinzialwb. 1,83. tierkeule als nahrungsmittel: ⟨E13.jh.⟩ vz sime dihe sneit man do/ dem eber eine stvcke harte groz fuchs Reinhart P 21948 ATB. u1460/70 do gab im sanctus Franciscus ein dieh von dem kappen Sibilla v. Bondorf Franciscus 87 TSM. 1706 dann löse .. den oberschnitt an rechten dieg curieuse köchin 703. jünger noch mdal. obd. und omd.; besonders für die schenkel des geflügels: 1741 Frisch wb. 1,194c. 1925/40 bad. wb. 1,477a. 1955 Schatz tirol. mdaa. 1,129. 1963 Mitzka schles. wb. 1,196b. keule des schlachtviehs: 1903 Unger/K. steir. wortschatz 153b. 1957 Hermann cob. mda. 262 a. gelegentlich von andern gegenständen: 1872 hauptast eines baumes Schmeller/F. bayer. wb. 1,482. 1955 handhaben am schubkarren, die balken, welche die deichsel halten Schatz a. a. o. 2 im anschluß an die lat. vorlage übertragen, geschlecht: E8.jh. Jacob .. quhad: ’ni zirinne herrin fona Iudae noh herizohin fona sinem dheohum (de faemoribus eius, gen. 49,10) Isidor 34,15 H.

dir, pron.

Fundstelle: Band 6, Spalte 1114, Zeile 74
DIR pron.   ahd. mhd. dir. as. thī̆, mnd. dī; mnl. di; afrs. thī̆; ae. þē̆, me. thee, ne. thee; an. þér, isl. þjer; got. þus. zugrunde liegt idg. *tū: *te (vgl. dich pron.), an das ein -s unsicherer herkunft tritt, s. dazu u. a. H.-F. Rosenfeld in: forschungen u. fortschritte 29(1955)150–156. Liebert in: lunds universitets ȧrsscrift, n. f. 1, bd. 52 (1957)81 f. Szemerényi einführung in d. vergleichende sprachwiss. (1970)198. – dī statt dir vereinzelt im adh.: ⟨9.jh.⟩ würzb. beichte 2 S., mhd. öfters in md. quellen, in den meisten nd. und einigen md. mdaa. bis in die gegenwart. –in Norddtld., besonders Berlin, tritt umgangssprachlich vermischung des dat. dir mit dem akk. dich ein. inhaltlich entspricht die anredeform dir der des nom. du, s. du pron. 1 personalpronomen der 2. pers. sing. im dat.; auch refl. verwendet. als apposition kann ein substantiv oder selb, selbst pron. hinzutreten. a individualisierend, in der anrede an eine einzelne bestimmte person: E8.jh. qui ante te fuit dher ær fora dhir uuas (1. par. 17,13) Isidor 37,21 H. ⟨1271/86⟩ wer du sîst, ich râte dir/ .. Ulrich v. Etzenbach Alexander 8481 LV. 1545 mein son, sag an, was dir gebrist Schmeltzl sohn 49 HND. 1973 du mußt .. zutrauen zu dir selber haben Grün glatteis 149. im dat. des interesses u. ä. gebrauchsweisen: E8.jh. quod edificaturus sit domum tibi dominus dhazs druhtin dhir ist huus zimbrendi (1. par. 17,10) Isidor 37,8 H. ⟨A13.jh.⟩ reine vrouwe Kunegunt,/ dîn name wart dir wîten kunt Ebernand 4302 B. 1787 ich bin dir wohl zu lang geblieben, du machst ein verdrießlich gesicht Goethe Egmont 1,51 ak. ⟨1931⟩ die (ohrfeige) heb dir man jut uff Zuckmayer ges. w. (1960)3,336. b verallgemeinernd, in der anrede an ein personenkollektiv, besonders an ein leser- oder hörerpublikum: u830 thir tuentemo elimosinam (te autem faciente elimosinam), ni uuizze iz thin uuinistra, uuaz thin zesuua tuo (Matth. 6,1) Tatian 233,3 S. ⟨1255⟩ dâ ein man und ouch ein wîp/ vor liebe werdent des enein/ .. dâ wol dir man, dâ wol dir wîp Ulrich v. Lichtenstein 511 L. 1947 dir (dem menschen) gilt es .., was gott .. tut Barth dogmatik im grundriß (Stuttg.) 56. im dat. des interesses u. ä. gebrauchsweisen: 863/71 oba thu armen wihtin duest drost mit eregrehtin/ joh thir wolles ana ruam elemosyna giduan Otfrid II 20,2 E. 1610 der himmel ist dir o mensch von gott erschaffen Guarinonius grewel 32. 1937 ich will dir deuten, wer du bist Guardini herr 137. redensart mir nichts, dir nichts: 1792 der es (licht), mir nichts, dir nichts, .. ausblies Hippel verbesserung 2. 1954 man setzt ja eine stadt nicht mir nichts, dir nichts hin Mönnich land 170. 2 reflexivpronomen der 2. pers. sing. im dat., ohne satzgliedfunktion im zusammenhang der anrede an eine einzelne person oder ein personenkollektiv. als bestandteil des verbs: u830 ne timeas .. ni forhti thu thir Tatian 22,5 S. 1671 wenn du (der leser) dir einbildest, .. Schott, magia 105. 1960 merkst du dir gar nichts? Gaiser pass 85. weglaßbar und oft in verbindung mit dem imperativ; nhd. mit abnehmender frequenz: 863/71 lis thir Matheuses deil, wio ward ein horngibruader heil Otfrid III 14,65 E. ⟨v1022⟩ ecce .. sih tir .. Notker 3,1,27 ATB. ⟨A12.jh.⟩ stant uf, .. / unde geinc dir zi demo gizelti ält. Judith 12,4 M. 1589 hab dir noch drey brot darzu Frischlin dicht. 36 LV. 1805 du fühltest dir noch kräfte, dich hervor / zu wagen Schiller 10,12 H. 3 als partikel ohne anredefunktion, im dat. ethicus; umgangssprachlich: 15.jh. ich kam dir eins auf meins vater dillen fastnachtsp. 1,72 LV. 1768 ja, das weis ich dir nicht Weisze opern 1,197. ⟨1933⟩ die läuft dir die schmalen stege lang, daß es nur so raucht Klepper kahn 1262.

du, pron.

Fundstelle: Band 6, Spalte 1458, Zeile 30
DU pron.   (1) ahd. mhd. dû, du. as. thū, mnd. dū; mnl. nnl. (älter) du; afrs. thū; ae. þū̆, me. ne. thou; an. isl. þú, norw. dän. schwed. du; got. þu. mit gr. τύ, lat.zu idg. *tū̆. (2) ahd. und mhd. gelten länge und kürze des -u nebeneinander, nhd. (seit wann?) gilt länge. bis ins 18. jh., mdal. und umgangssprachlich jünger, begegnet verschmelzung mit dem verb, z. b. bistu, geschwächt biste. – ahd. und mhd. steht du gelegentlich in der funktion eines relativpron meist gestützt durch die partikel 1da, ahd. dâr adv. (in formen wie der, dir, dar, da), s. z. b. 2. (3) in der älteren ahd. literatur ist du das einzige anredepron. im sing. und gilt uneingeschränkt jedem angeredeten gegenüber; dies entspricht sowohl gemeingerm. tradition als auch klassisch-lat. und biblischem sprachgebrauch. relikte begegnen mhd. und nhd. noch in den verwendungen unter 1 a. die weitere geschichte der anredeform du wird dadurch bestimmt, daß im 9. jh. das pers.pron. der 2. plur. ihr als respektvolle anrede an eine einzelne person (plur. reverentiae) aus dem lat. vos der karoling. verkehrssprache in die dt. literatur übernommen wird ( 863/71 Otfrid S 5 E. u. ö.) und damit ein zweites pron. für die singularische anrede zur verfügung steht. ihr ist, nach anfangs zögernder verwendung, vom 12. jh. bis ins frnhd. anrede an ranghöhere und unter gleichgestellten der höheren stände, mit zunehmender ausweitung auf bürgertum und untere stände. seit dem 17. jh. führt die konkurrenz weiterer höflichkeitsanreden zu einschränkung und abwertung der singularischen ihr-anrede. konkurrenten sind im 17. jh. das pers.pron. der 3. sing. er, sie (das seinerseits im 18. jh. abgewertet und, ebenso wie ihr, nur noch gegen untergebene und sozial niedrigstehende verwendet wird), seit dem 17., zunehmend im 18. jh. das pers.pron. der 3. plur. sie. dieses sie ersetzt ende 19. jhs. die älteren höflichkeits- und untergebenenanreden vollständig und gilt in der hochsprache allein neben du. – demgegenüber ist du im mhd. und frnhd. vertrauliche anrede unter nahestehenden und gleichgestellten, vornehmlich der unteren stände (1 b α) sowie, einseitig verwendet, anrede an rangniedrigere (1 b β). im 16./ 17. jh. gilt, parallel zur ausweitung der höflichkeitsanreden, das du vielfach als geringschätzig oder bäurisch und geht von da her im gesamten gebrauch 1 b zurück. ende 17. jhs. und im 18. jh. wird es in der einseitigen verwendung unter 1 b β eingeschränkt und z. t. ersetzt durch die abgewerteten anredepron. ihr und er, sie (3. sing.). dagegen nimmt in der 2. hälfte 18. jhs. mit dem zurücktreten standesbestimmter vorstellungen die wechselseitige du-anrede (1 b α) stark zu; diese tendenz setzt sich bis in die gegenwart fort. (4) lit.: Ehrismann duzen u. ihrzen im ma., in: zfdwf. 1,117–149; 2,118–159; 4,210–248; 5,127–220. Keller formen d. anrede im frnhd., ebd. 6,129–174. Metcalf forms of address in German (1500– 1800) (1938). Augst sprachnorm (1977)13–60. personalpronomen der 2. pers. sing. im nom. 1 in der anrede an eine einzelne person. a uneingeschränkt geltend. α im ahd. unterschiedslos jeder angeredeten person gegenüber: 8.jh. adesto .. az uuis thu ahd. gl. 1,23,7 S./S. A9.jh. (Hildebrand) fragen gistuont / wer sin (des ihm unbekannten Hadubrand) fater wari / .. ‘eddo welihhes cnuosles du sis / ..’ hildebrandslied 11 S. 863/71 ih bin eigan scalk thin, thu bist herero min (Petrus zu Jesus, vgl. Joh. 13,6) Otfrid IV 11,22 E. ⟨u900⟩ biuuaz kerost thu, guot man, daz ih thir geba trinkan? (zu Joh. 4,9) Christus u. d. Samariterin 7 S. vgl. dir, dich als anrede an den priester in ahd. und frmhd. beichtformeln, z. b. noch: hs.u1170 ih .. begihe .. dir, ewart, .. benediktbeurer glaube III 49 S.; dagegen: hs.11./12.jh. .. iu, briestir, .. sangaller glaube III 20 S.; dazu zfdwf. 2,119. –mhd und nhd. so noch historisierend oder stilisierend, in literarischer behandlung biblischer und geistlicher, antiker oder germanischer stoffe: ⟨u1170⟩ (der heidnische bote zu kaiser Karl:) heil sist du keiser here Konrad rolandslied 711 W. ⟨1225/30⟩ sie sprâchen zuo dem künege dô: / herre guot, wie tuost dû sô Rudolf v. Ems Barlaam 14,18 P. 1690 antwortete Bion: herr könig, du .. Simmer edelmann 28. 1779 (Iphigenie:) woher du seist und kommst, o fremdling, sprich! Goethe I 39,352 W. ⟨1921⟩ (Sibich zu könig Ermenrich:) wenn du Dietrichs lande gewinnst Wolters/P. heldensagen (1941)151. ⟨1943⟩ ‘du warst es, herr der länder (Pharao)’, antwortete Joseph Th. Mann ges. w. [1960]5,1437. β bis in die gegenwart in der anrede an gott und übernatürliche wesen, an dinge, tiere, an nichtanwesende oder nur vorgestellte personen, an sich selbst u. ä.: ⟨u790⟩ fater unseer, thu pist in himile sangaller paternoster 1 S. hs.10.jh. nu fliuc du, uihu minaz, hera lorscher bienensegen 1 S. ⟨u1195⟩ wider sich selben er dô sprach: / dû hâst einen tumben gedanc Hartmann Heinrich 101243 ATB. ⟨u1200⟩ Liupolt ûz Ȏsterrîche, .. / dû wünschest underwîlent biderbem man, dun weist niht wie Walther 1135,20 K. ⟨M13.jh.⟩ ich sprach wâ bist dû, minne? d. minne lehre 1165 P. 1528 das er (Zwingli) .. schlecht sagt: du Luther verstehest sie (kirchenväter) nicht recht Luther w. 26,378 W. ⟨1644⟩ du, berühmter Pregel-fluß, .. Titz ged. 190 F. 1808 du alt geräthe, das ich nicht gebraucht, / du stehst nur hier, weil dich mein vater brauchte Goethe Faust 2,37 ak. 1963 zu ihm (gott) zu sprechen, als wäre er ein mensch; zu ihm zu sagen: du! Andres mann 237. γ in sprichwörtern und redensarten: ⟨v1022⟩ tu nemaht nîeht mit einero dohder zeuuena eidima machon Notker 1,595,9 P. hs.A13.jh. daz dv nit wilt daz dir geschehe, daz entv du einim anderin nit (quod tibi non vis fieri alteri non feceris) regula st. Benedicti 83 S. ⟨u1300⟩ tuostu mir, sam tuon ich dir Hugo v. Trimberg 9922 LV. 1771 ich will schon fragen thun, hast du nicht gesehn (ganz schnell) Weisze opern (1768)3,281. 1845 wie du mir, so ich dir rhein. jb. 1,287 P. 1967 WDG 2,863a. b durch soziale konventionen in der verwendung eingeschränkt und neben höflichkeitsanreden wie ihr, sie gebraucht. α wechselseitiges du in vertraulicher oder sozial gleichstellender anrede, besonders zwischen verwandten, freunden, nachbarn, kollegen: hs.10.jh. trench tu, brother (kamerad) (‘altdt. gespräche’) ahd. gl. 5,522,23 S./S. ⟨u1147⟩ Tharsillâ, liebez wîp, / dû bist mir alse der lîp kaiserchr. 12856 MGH. ⟨M13.jh.⟩ ‘nu sage mir, liebiu tohter ..’ / si sprach ‘liebiu muoter, .. / du weist wol ..’ Wolfdietrich B 194,2 J. ⟨1256/68⟩ war umb ich dich heize ‘dû’. / dast von rehter liebe liederdichter 242 K. 1413 lieber bruoder, ich bitte dich frntlich .., daz du mir helffest rappoltstein. urkb. 3,71 A. 1668 ach! wie geht es immer zu? / die verliebten hertzen / heissen nicht einander du, / .. alles heist nur er und sie Weise überflüssige gedanken 167 HND. 1781 wenn du mir du bist. um gotteswillen kein sie mehr! (an Charlotte v. Stein) Goethe IV 5,237 W. 1874 lieber Engels! kannst du mir nicht .. Liebknecht brw. 185 E. 1973 du, bring ihn doch so weit, daß .. Grün glatteis 21. spontaner wechsel der anrede in bewußtem verstoß gegen die konvention, in mhd. epik als besonderes stilmittel. zum ausdruck der geringschätzung: ⟨u1150⟩ (Alexander zu Pincun:) iz wirt iv ze laster gewant. / .. (später, im zweikampf:) du solt lugenare wesen Lamprecht Alexander V (1923)1363 M. A15.jh. (die zum zweikampf auffordernden bauern) ruoften laut .. / her frömder gsell, wes hast du muot? Wittenwiler 353 DLE. 1774 Beaumarchais: .. warum, ungeheuer! hattest du die grausamheit, .. Clavigo: oh mein herr! wenn sie (anrede) wüsten, .. Goethe jugendw. 2,29 ak. zum ausdruck von zuneigung, intimität: ⟨u1170/3⟩ (Rudolf:) vrowe, harte groze not / l[idich umme] uwere minne. / .. do sprach di[e vrowe] riche / .. Rudolf, du b[ist mir] harte liep graf Rudolf E 23 G. ⟨u1200⟩ (Kriemhilt:) vil lieber vriunt Hagene, gedenket an daz, / .. du bist mîn mâc nibelungenlied 13898,1 B./B. ⟨1946⟩ (general Harras zu einem jungen offizier:) dann seien sie doch froh, daß .. mein gott –junge – hab ich dich verletzt? .. das ist mir nur so rausgerutscht – aus wut, verstehst du Zuckmayer ges. w. (1960)3,545. redensartlich mit jmdm., etwas auf du und du, per du sein sich mit jmdm. duzen, auch mit jmdm., etwas vertraut sein: 1785 Karlos: auf du und du?/ marquis: .. dein bruder Schiller 5,1,62 G. 1790 bist mit dem teufel du und du Goethe Faust 1,66 ak. ⟨1896⟩ wir sind ja per du Schnitzler (1912) II 1,254. 1929 mit dem tode auf du und du zu sein Werfel Barbara 165. 1954 er stand mit den leuten auf du und du Mönnich land 160. β einseitiges du in der anrede an rangniedrigere oder abhängige der gebrauch wird im jüngeren nhd. zunehmend seltener und gilt heute in der regel nur kindern gegenüber: hs.10.jh. guaz guildo i. quod vis tu? guer is tin erro i. ubi est senior tuus? (anrede an einen knecht in den ‘altdt. gesprächen’) ahd. gl. 5,518,3 S./S. (im gleichen text der plur. reverentiae, ebd. 5,517,30). ⟨u1120/30⟩ (Pharao:) daz da uor niht wære du nesagest mir dei gewissiv mære (deutung der träume). / do sprach Joseph .. got si gesaget ivr troͮm milst. genesis 84,12 D. ⟨1187/9⟩ ‘tochter, du solt sie (minne) wol irkennen doch.’ / ‘muter, muget ir des erbeiten noch?’ Heinrich v. Veldeke eneide 9809 DTM. 1483 also schreibent die fürsten graffen oder iren steten ..: lieber getreüer, wir begeren, daz du .. formalari 44a. 1557 du solt mich nit mehr dautzen .. ich binn yetzunder unser herr der schultheus .. sagt der ander baur, das hab ich nit gewißt .. got geb euch glück und heyl Frey gartenges 127 LV. 1754 Chrys.: was willst du .. Damis.: .. herr vater .. die (bücher, die) sie (anrede) hier auf dem tische sehen, .. Lessing schr. (1753)4,152. 1811 (dorfrichter) Adam (zum büttel): die kläger rufst du – marsch! Kleist krug 37. 1968 ich (Siggi Jepsen) ..: was wollen sie (anrede) denn von mir hören? (direktor) Himpel: warum du hier bist Lenz deutschstunde 537. 2 verallgemeinernd in der anrede an eine personengruppe vor allem an ein leser- oder hörerpublikum, auch im sinne vonman E8.jh. (gott spricht:) chihori dhu Israhel (audi Israhel) Isidor 13,15 H. 863/71 wio harto mihiles mer suorget druhtin iuer? / thu mo liabara bist thanne al gifugiles thaz ist Otfrid II 22,20 E. hs.14.jh. nv vernement ir lieben ivncvrowen, dv da wilt sin ein vrivndin vnd ein gemahele des togenin minners altdt. pred. 149 W. 1523 du solt keyn ander gotter neben myr haben Luther bibel 8,260 W. 1701 wie man holtz .. färben soll. ein iegliches holtz .., so du färben wilt, .. kunst-büchl. 81. 1948 genügt es ihnen (den menschen) zu sagen, ich leide wie du? Beckmann tgb. 252 G. 1967 WDG 2,863a.

du, n.

Fundstelle: Band 6, Spalte 1460, Zeile 65
DU n.   substantiviert aus du pron. 1. 1 dichterisch der oder das andere, im gegensatz zum eigenen ich: ⟨2.h13.jh.⟩ hêrre, alsus mochte ich und mich / werden ein dû und ein dich d. sünden widerstreit 323 Z. ⟨1798⟩ wird nicht der fels ein eigentümliches du ..? Novalis 21,100 K./S. ⟨1948⟩ die frage nach dem verhältnis zwischen einem ich und einem du Schröder ges. w. (1952)3,472. 2 die vertrauliche anrede; von du pron. 1 b α her als substantiv verwendet: 1616 da sauffet man .. auff ein du Albertinus Lucifer 224. 1936 er .. trug allen das freundschaftliche du an Zillich grenzen 224. 1967 jmdm. das du anbieten WDG 2,863a.

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Zitationshilfe
„du“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/du>, abgerufen am 21.01.2022.

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