Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

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duld, f.

Fundstelle: Band 6, Spalte 1475, Zeile 14
DULD f.   s. 2dult.

dulden, vb.

Fundstelle: Band 6, Spalte 1475, Zeile 24
DULDEN vb.   (1) ahd. dulten, mhd. dulten, dulden. mnd. dülden; mnl., nnl. dulden; afrs. thelda. zugrunde liegt das schwache vb. I *þuldjan, eine westgerm. abl. von 2dult f. (2) ahd., frmhd., abgesehen von vereinzelten md. -ld-belegen, ausschließlich die form dulten, die jedoch von obd. zuerst bei Hartmann bezeugtem seit 2. hälfte 13. jhs. in md. und obd. texten überwiegendem dulden bis zum ende der mhd. zeit völlig verdrängt wird. ihr erneutes auftreten mitte 16. jhs., verstärkt um 1700, bleibt ohne auswirkung auf die dominierende stellung der konkurrenzform, die sich seit etwa 1800 schriftsprachlich endgültig durchgesetzt hat. das nebeneinander von dulten und dulden führt Bahder grundlagen nhd. lautsystem (1890)244 auf grammatischen wechsel zurück.auf einen neben dem i-stamm dult und dem î(n)-stamm dultî vorhandenen ô-stamm *dolta deutet gelegentlich begegnendes obd. dolden. (3) vor lt, ld ist der umlaut unterblieben. vereinzelte umlautformen lediglich von mitte 16. bis mitte 17. jhs. in texten des md. und nd. bereichs lexikalisch noch: 1727 dülden Aler dict. 1,549a. (4) das ahd. als südrhfrk.-al. synonym von druoên vb. und dolên vb. erscheinende wort ist bereits um 1200 im gesamten hd. sprachbereich bezeugt und seitdem fester bestandteil der dt. schriftsprache. den mdaa. ist es weitgehend fremd geblieben. (5) lit.: de Smet in: leuvense bijdragen 44(1954)1–20. 47–64. A von etwas betroffen sein. 1 in der regel von unangenehmem unerwünschtem. in dieser ahd., mhd. hauptbedeutung nhd. zunehmend durch konkurrierendes leiden vb. eingeschränkt: 8.jh. tolerat tholet sustenet thuldit pacitur troed ahd. gl. 1,260,22 S./S. a mit akk.-objekt. α der akk. gibt an, worunter jmd. leidet. körperliche oder seelische schmerzen, mangel, strafe, den tod leiden: 863/71 druhtin, .. thin gibot ih ofto meid, bi thiu thulta ih thrato manag leid Otfrid H 12 E. ⟨u1120/30⟩ e si danne gebære si muͦse dulten swære milst. genesis 18,18 D. ⟨u1280⟩ ich hân übel getân, / .. dar umb ich dulde gotes zorn Jansen Enikel weltchr. 214 MGH. hs.1360/70 daz sull wir all gelauben wol / daz got nymmer marter duld. / .. der gothait ward nie marter schein Teichner 11,41 DTM. 15.jh. und werstu nit di schwester mein, / du müst dulden des todes pein fastnachtsp. 2,662 LV. dr.1555 (Christus) duldet gar viel hon vnd spot kirchenlied 4,32 W. 1645 nun wir wollen dieses scheiden / dulten nicht mit vngedult Birken pegnitz-schäferey 23. ⟨1747⟩ ich schließe, daß es deine schickung sey, daß ich so viel dulde Gellert (1769)5,44. 1882 was wir von den kindern dulden, / ist es nicht gerechte sühne ..? C. F. Meyer s. w. 1,163 L. 1936 was wir geduldet, es war nicht genug Euringer chr. 103. rechtssprachlich: 1269 er dvlde di vorgenanten bvͦzze corp. altdt. originalurk. 1,171 W. 1597 den costen betreffend, da sölle jede parthyg den irigen .. an iro selbs d[ulden] und tr[agen] schweiz. id. 12,1766. β der akk. gibt an, wofür jmd. leidet. leidend büßen: 863/71 thaz wir (die schächer) ofto worahtun .. thaz selba thulten wir nu Otfrid IV 31,12 E. hs.1471 ich hofft, ich wolt beschulden, / sy solt mir fräden machen; / das muͦsz ich ietz hertt dulden liederb. Hätzlerin 48b H. b intrans.: A9.jh. (iudex ex alto humilis) uenisti pati pro nobis. chuami dulten pi unsihc murbacher hymnen 6,4,4 S. 15.jh. la dein herz mit den clagunden dulten, / sei mit den freudenreichen fro pseudo-aristotel. secreta D 86 T. 1848 ich hatte viel verschuldet, / .. und bitter hab’ ich drum geduldet Geibel juniuslieder 73. ⟨1953⟩ warum stehn sie (die götter) den guten nicht bei .. und dulden kein dulden? Brecht stücke (1953)8,298. 2 selten in neutralem sinn. a intrans.: hs.E12.jh. bene patientes erunt wol dultente werdent si cod. pal. vind. 2682 1,152 LGF. b mit akk.-objekt: ⟨1225/30⟩ daz er des armen (Lazarus) sêle sach / dulten êweclîch gemach Rudolf v. Ems Barlaam 86,32 P. 1556 das sie (ehegatten) gutes vnd boͤses, gluͤck vnd vngluͤck mit einander dulden, leiden, vnd ausstehen sollen Sarcerius disciplin 35a. noch lexikalisch: 1605 stare al bene & al male. dulten, guts vnnd böses erleiden Hulsius dict. it.-t. 285b. B mit zusätzlichem bezug auf die aufnahme des unerwünschten des leids durch den betroffenen, seine leidensbereitschaft und leidensfähigkeit. 1 sich dem leiden nicht entziehen, ertragen, hinnehmen. a mit akk.-objekt oder objektsatz: 863/71 nu ih (Christus) sulih thultu widar thie, thih waltu, / .. wio harto mer zimit iu (den jüngern), .. thaz ein andremo fuazi wasge gerno Otfrid IV 11,47 E. ⟨1060/5⟩ do begunde si (die sklavin Hagar) ire uroͮwen / .. uersmahen. / diu uroͮwe daz newolte / noh dulten ne scolte wiener genesis 1699 ATB. ⟨M13.jh.⟩ daz dulte er (Christus) allez als ein schâf warnung 3504 H. ⟨M14.jh.⟩hs.1463 den roub der sterker eine hielt, / .. die dri er von dem teile schielt, / das musten sie durch große forchte dulden Heinrich v. Mügeln kl. dicht. 1,95 DTM. 1473 in kurczer zyt ward sie so manlich, daz sie .. understuͦnd .. hicz, kelty, regen, wind und schne für ander zedulden Steinhöwel de claris mulieribus 299 LV. 1523 das wir dulden vnd gedultigklich tragen die vnuolkummenheit der andren Jud paraphrases 33d. 1652 wie, der alles dulden kan / für die feinde lehrt zu bitten Basse spatzier-gang D 5a. 1783 er war von seiner meinung so überzeügt, daß er keinen widerspruch duldete Uz brw. 423 LV. 1822 wenn aber auch die moral den beleidigten auffordert, lieber das erlittene unrecht zu dulden, als das leben eines andren .. in gefahr zu setzen Grävell bürger 229. 1974 jener dunklen und schwachen seite der männer .., die gott den frauen zu dulden aufgegeben hatte Muschg Albisser 129. mit nichtpersönlichem subjekt: hs.n1172 so reine sint div ovgin vnseres herrin daz sie nehein vbil in ir beschowede dvltin wellin altdt. pred. 11 W. 1654 solche sachen .., die kein anstand dulten oder leiden öst. weist. 14,275. ⟨1937⟩ wir neigen uns vor diesem inneren bereiche, er duldet keinen zugriff Weizsäcker arzt [1941]210. – rechtssprachlich: 10.jh. subire (iudicium) dultan ahd. gl. 1,505,67 S./S. 1596 Gostauus .. erbote sich .. rechtlich erkentnis zu dulden Chytraeus, Sachssen chr. 1,342. mit persönlichem objekt: ⟨1357/87⟩ der beleente man en mac daruber kein kungez ban haben, daz man in dulden durfe rechtsb. nach distinctionen 327 O. 1852 menschen konnte ich am wenigsten um mich dulden Goltz jugendleben 1,170. ⟨1958⟩ der historisch bezeugte .. gott, der keine anderen götter neben sich duldete Szczesny unglaube (1959)64. speziell, jmdn. nachsichtig behandeln, geduld mit ihm haben: hs.M/E12.jh. ualsce brvͦdir si dultint .. vnd di vlvͦchenden sih si segenunt regula st. Benedicti 20 S. 1870 ein unendliches bedürfniß, geliebt, gehegt, geduldet, verstanden zu werden Haym schule 297. b intrans.: hs.M/E12.jh. di gidulti er umhalsit vnd dultende nit mvͦdei (ermüde) regula st. Benedicti 20 S. 1654 wer nicht duldet, ist kein mann Abele gerichtshändel 405. 1872 ihr müßt die strafe auf euch nehmen ... diess gebot ginge wesentlich weder auf ein lassen noch auf ein thun wohl aber auf ein dulden Binding normen 1,24. 1952 nicht immer duldete Haydn schweigend Jacob Haydn 82. c refl.: hs.E15.jh. ab man uwer kinde .. jemmerlichen erhinge / .. das musten sie sich dulden alsfelder passionssp. 6830 G. 1738 ein pilger muß sich schicken, / sich dulden und sich bücken Tersteegen lieder 196 N. d unpersönlich: ⟨1834⟩ mich duldet’s hier nicht länger Grillparzer 57,128 S. 1881 ihn duldete es nun nicht länger im hause Storm 5,307 K. 2 älter auch aushalten können, vertragen: 1520 die wyl mine vereinigte glider mügen die arbeit dulden spiegel d. wyßheit 12b. 1672 beume und stauden, so den winter dulden Elsholtz garten-baw 255. 1713 die, so ambra und bisam nicht dulten können Sincerus becker 237. 1833 sie essen alles, was ihr magen duldet Laube jahrhundert 2,14. 3 speziell, abwarten; nur vereinzelt neben geduld haben, sich gedulden. a intrans.: n1530 yr welend mitt mir d[ulden] und der zitt erwarden schweiz. id. 12,1768. 1819 was bringt in schulden? / harren und dulden! / was macht gewinnen? / nicht lange besinnen Goethe divan 1,61 ak. b refl.: 1642 dulde dich doch unterdessen Zesen rosen-wälder 63. 1850 mußt dich dulden, mußt warten lernen Gotthelf 17,301 H./B. C unter zurücktreten des leidensmoments zur bezeichnung eines bestimmten passiven verhaltens. 1 aus schwäche, gleichgültigkeit, zweckmäßigkeitserwägungen oder nachsicht seiner einspruchspflicht nicht nachkommen oder auf sein einspruchsrecht verzichten. der nhd. hauptgebrauch. a mit akk.-objekt oder objektsatz: 863/71 ir ni thultut thuruh got thaz ih giangi nachot Otfrid V 20,75 E. 1455 ouch vorbutet man, das nimant sal snachtis schreien .. in birhusern, welcher wirt das dult .., sal geben v soll. urk. Kahla 92 B. 1659 daß man dactylische wörter in jambischen reimarten zuweilen wol dulden könne Tscherning bedencken 93. 1778 diese schulen wurden nicht vom staate unterhalten. eine lange zeit über wurden sie von ihm blos geduldet Smith, nationalreichthümer (1776)2,456. 1842 einer liebschaft wegen, die ihre aeltern nicht dulden wollten Hitzig/H. Pitaval 2,165. 1975 nicht nur, was er tut, auch was er duldet, daß es anderen geschehe, richtet den mann Bloch experimentum 120. mit nichtpersönlichem subjekt: ⟨u1235⟩ natûre niht dulden kan / daz ein wîp âne man / menschlîche vruht geber Rudolf v. Ems Alexander 17909 LV. ⟨1650/60⟩ welches alles alhie zu erzehlen, die zeit nicht dulden will font. rer. austr. I 3,29. 1946 die wildnis duldet das unvollkommene nicht Gerlach vierfüssler 12. mit persönlichem objekt: ⟨1180/90⟩ daz man in (einen irrlehrer) dulden solde, / ob er sich bezzern wolde obd. Servatius 1005 W. 1478 daz ouch dise vnser zyt zuͦ laͮsset duldet vnd haͮt gelert fürsten vnd herren Niclas v. Wyle translationen 206 LV. 1693 die probir-stube wohl verwahret .. halten, darinnen .. keine verdächtige personen dulten Schönberg berg-information 1,85. 1784 juden werden im bernischen nirgends geduldet Storr alpenreise 1,83. 1954 dieses restaurant beherrschten die höheren mannschaftsdienstgrade ... kanoniere wurden wohlwollend geduldet Kirst null-acht 1,61. b unter dem einfluß synonymer verben wie gestatten, erlauben gelegentlich auch mit dativ- und akkusativobjekt: ⟨1597⟩ so lassen wir zu vnd goͤnnen denselben juͤden .., daß sie .. jhre parschafft .. hoͤher .. anlegen .. vnd jhnen solches gedultet werden moͤge Ayrer d. j. processus (1600)567. c intrans.: ⟨u1479⟩ mit weisheit des rates, die vorhengen, leiden und dulden musten, niemand strafen torsten Eschenloer Breslau 2,78 K. 1954 noch immer fragt Speidel ängstlich – obwohl nun respektvoll duldend – ‘ob solche naturwahrheit nicht doch die grenzen der kunst übersteige?’ Bab kränze 253. 2 etwas gelten lassen; vereinzelt mhd.: ⟨1220/5⟩ des (erbe) was in solher mâze vil / daz ich für guot ez dulden wil Rudolf v. Ems Gêrhart 1142 ATB.

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„duld“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/duld>, abgerufen am 07.12.2021.

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