Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

empören, vb.

Fundstelle: Band 7, Spalte 1279, Zeile 5 [Albrand]
EMPÖREN vb.   (1) mhd. enbœren. mnd. enbȫren. herkunft unklar. das wort wird zu mhd. bôr m. ‘trotz’ (bezeugt Wolfram Willehalm 308,6 Sch.) gestellt. semantisch erscheint mhd. enbœren, das vorwiegend in der bedeutung(räumlich) erheben’ begegnet, wie ein faktitivum zu empor adv. (s. d.), stimmt aber lautlich wegen der länge des stammvokals nicht mit diesem zusammen. bôr m. ‘trotz’ gehört mit dem in empor adv. enthaltenen bor n. ‘höhe, spitze’ wohl zur idg. wz. *bher- ‘tragen, bringen’. vgl. die ältere parallelbildung ahd. irbôren, mhd. erbœren, nhd. mdal. erbören ‘erheben anfangen’. die vorsilbe ist vielleicht zu erklären als assimilationsform von mhd. en- (aus ahd. in-präfix, das jünger mit ent- zusammenfällt) – daneben steht in isolierter frühbezeugung mhd. an(e)boren, übersetzungswort für lat. insurgere (13. jh., s. 3): hier liegt vermutlich das präfix mhd. ane-, nhd. an- vor, das lat. in- wiedergibt. (2) lautgestalt. vorsilbe: die ältesten sicher nachweisbaren formen lauten – mit ausnahme des unter (1) erwähnten an(e)boren – en-; em- begegnet seit dem 14. jh.; ent-formen vom 15. jh. bis anfang 18. jhs. -p- im stammanlaut ist seit ende 13./anfang 14. jhs. nachweisbar, altes -b- begegnet noch bis ins 18. jh. -o- statt -ö- im stamm bis ende 16. jhs. die heutige form empören setzt sich im lauf des 16. jhs. im allgemeinen durch. (3) mhd. herrschen die bedeutungen 1 ‘in die höhe bewegen’ und 2 ‘in bewegung, einen zustand versetzen oder geratenvor, im nhd. die bedeutungen 3 ‘sich gegen jmdn. erheben’ und 4 ‘entrüsten’. die älteren bedeutungen 1 und 2 begegnen seit dem 17. jh. nur noch dichterisch und gehoben sowie sporadisch mdal. (4) das wort wird in allen bedeutungen trans. und refl. verwendet.in der bedeutung 4 begegnen die part. oft in adjektivischer funktion: empört ‘entrüstet, aufgebracht’, empörend ‘entrüstung hervorrufend, schändlich, unerhört’. 1 in die höhe bewegen, erheben. trans. und refl. a hochheben (vom boden) aufheben, refl. sich in die luft erheben, aufsteigen: ⟨1210/45⟩ hs.E13./A14.jh. ich wil .. / im (dem mai) ze lobe den mînen lîp mit manegem sprunge enbœren (hs. enporen) Neidhart 23,18 H./W. ⟨u1300⟩ dc wolchen, dc enboͤret sich von der erde dt. pred. 1,33 G. ⟨u1480⟩ Lantzilet, der sprang schnell von seinem ors und entportt auch sein guet schwert Füetrer Lanzelot 141 LV. ⟨v1640⟩ bis die silberne Diane / .. am planken himmelsplane / ihr gestirntes häupt empört Fleming ged. 1,302 LV. ⟨1778⟩ wie windeswirbel fährt, / und rührig laub und staub empört Bürger 1,154 W. 1838 wie sie jetzt die faust empören, / .. haß und tod den Türken schwören Lenau n. ged. 31. ⟨1900⟩ da regte sich, von tausend rücksichtslosen füßen / beleidigt, der ergrimmte boden. sand und gries / empören stäubend sich Spitteler frühling (1920)1,38. oft bildlich, innerlich erheben, erhöhen:⟨u1200⟩ hs.u1310/30 von deme lobe ich mich tumplîche enbôrte, / daz ir (der geliebten) diu werlt alsô güetlîchen tuot Hiltbolt v. Schwangau 7,3 J. ⟨u1400⟩ es (der hörnerklang) tett mir muot enbören Hugo v. Montfort 28,67 W. 1545 (der könig) kan mich nit gnuͦg hoch empoͤren / .. so muͦß ich sin .. / deß gantzen küngrychs landpflaͤger gesch. Danielis N 1b. 1642 denn die furcht des herren stehet / vber alle ding’ empört, / wer sie hat, wird auch erhöhet ged. königsb. dichterkreis 151 HND. jünger noch mdal.,wirtschaftlich vorwärtskommen, sich hocharbeiten’ . b sich erheben, aufstehen, aufrichten: ⟨u1217⟩ alda lagen si die naht. / des morgens gein der heiden maht / sich daz her begunde enbœren Wolfram Willehalm 316,15 Sch. ⟨u1460⟩ von aim ritter, der sich enport in der par Hartlieb dialogus 363 DTM. 1526 es kan sich kein gräslin so klein enbören, / dass sie (die gelehrten) es nit wachsen hören N. Manuel 191 B. 1771 vom blossen gedanken empört sich ihr haar Wieland Amadis 1,36. jünger noch mdal. im nd. und hess.wachsen, emporschießen(von der saat) u. ä. 2 in heftige bewegung, in einen zustand versetzen oder geraten trans. und refl. a erregen, aufwühlen. nhd. oft vom meer: ⟨u1270⟩ het er diu mær gehoͤret .. / sin herze wer enpoͤret, daz man iz von vreuden tobnde funde Albrecht v. Scharfenberg Titurel 3023,2 DTM. hs.2.h15.jh. myn hercz sich dick embort / zu springen uß der brust mhd. minnereden II 7,230 DTM. ⟨1545⟩ zertheyle den laudanum mit wein darein, thuͦ je ein wenig darzuͦ, damit es sich nit entpoͤre vnd vber den kessel außlauff Ryff chirurgei (1559)1/5,154b. 1673 dannenhero (vom sturm) die wellen annoch mehr zur auffruhr erreget, sich dermassen empöreten, daß sie .. das schiff bald in den himmel, bald in den tieffsten abgrund brachten Happel Onogambo 263. ⟨1785⟩ will ungeduld / mein blut in mir empören Schubart s. ged. (1787)1,134. 1881 alsdann bietet das empörte meer einen .. majestätischen anblick Hesz streifzüge 225. ⟨1912⟩ ihre (der brücke) letzten trümmer rasten auf den empörten wogen der Steyr davon Handel-M. Schwertner [1948]1,162. b aufkommen, plötzlich beginnen; aufkommen lassen, hervorrufen: ⟨u1270⟩ vil vreuden sich enporte an Elizabel der suͤzen, / swenn si in nennen horte Albrecht v. Scharfenberg Titurel 142,1 DTM. ⟨1301/19⟩ dâ wart solhes brahts / nie niht mêr ge- hôrt, / als von den wart enpôrt, / die der zagheit wurden gezigen Ottokar öst. reimchr. 26365 MGH. ⟨1536⟩ was mag verderblicher sein, denn so die statt von feinden vmbrandt wirt, der krieg sich empoͤret Vielfeldt spigel (1545)4b. 1642 zwar weiß ich nicht, woher dein kummer sich empöre Tscherning früling 227. 1786 auen, weiden, wiesen .. liegen in feyerlicher stille vor dem auge des reisenden, und empören in ihm den wunsch, daß sich einstens der pinsel (des malers) .. damit beschäftigen möchte Schrank baiersche reise 39. ⟨1872⟩ das macht ihnen den muth vollends schwer und empört sie in zorn Freytag (1886)8,36. 3 sich gegen jmdn. erheben, sich auflehnen, rebellieren; aufwiegeln meist refl., seltener trans. (mit präp. gegen, wider). vereinzelte frühbezeugung als übersetzungswort für lat. insurgere vb., mit abweichender form des präfixes (vgl. einleitungsteil (1)):hs. 13.jh. lose mih uon den uianden minen .. unde uon den anboriden an mich lose mich (ab insurgentibus in me libera me, ps. 58,2) trierer ps. 265 G.hs. 13.jh. in mir aneborende (insurgentes in me, ps. 91,12) ebd. 436. sonst seit dem spätmhd.; anfang 16. jhs. unter einfluß der lutherbibel und im zusammenhang des bauernkriegs rasch zunehmend und bis ins 19. jh. vorherrschend: ⟨1.h14.jh.⟩ kúng rich, / wie tuͦnd ir so zaglich? / gen eẃern vinden soͤlt ir úch entpoͤrn / und die uß dem lannd stoͤren Friedrich v. Schwaben 3759 DTM. hs. 1523 das diße stad von allters herr widder die konige sich emporet hatt vnd auffrür vnd abfall drynnen geschicht (Esra 4,19) Luther bibel 1,346 W. ⟨1525⟩ in allen landen teten sich empören / die bawren, .. / under dem evangelischen schein,/ gerechtigkeit gottes zu schützen lieder Württembergs 247 S./M. 1676 die schwedische in Freyburg gelegene dragoner haben sich empöret, ihre fahnen zerrissen d. unruhige löu J 1b. ⟨1791⟩ ein papst, der .. die unterthanen gegen kayser, könige und fürsten .. empörte Klinger w. (1809)3,18. 1844 sein herz sträubt und empört sich gegen die unverdiente beleidigung Bluntschli studien 172. 1990 er (Th. Bernhard) wollte nicht schreiben, ohne sich gegen das elend seiner und unserer existenz zu empören .. (seine schriften) sind .. bruchstücke .. einer rebellion frankf. allg. ztg. 47, bilder u. zeiten. 4 sich entrüsten, jmdn. in zorn, entrüstung versetzen. refl. (mit präp. über) oder trans. mit nichtpersönlichem subjekt. vor dem 18. jh. vereinzelt, im 20. jh. vorherrschend: 1533 (kaiser Augustus) hat sich als ainer grossen schmach und scheltwort entpört (var. 1566: entrüst), wan er von ainem ‘dominus’ gehaissen ist worden Turmair 4,2,726 ak. 1770 der gedanke (den Amor aus einem gedicht zu verbannen) empört ihn; er erhebt sich, seinen geliebten Amor zu verfechten Gerstenberg rezensionen 320 DLD. ⟨1858⟩ empört über diese zumuthung, richtete ich mich auf M. Hartmann ges. w. (1873) 4,235. ⟨1914⟩ ich finde es empörend, daß ein (solches) gebäude entsteht Hasenclever sohn (1918)6. 1977 taxichauffeur .., der sich darüber empört, daß studenten streiken universität heute 94 F./H.

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Zitationshilfe
„empören“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/emp%C3%B6ren>, abgerufen am 18.10.2021.

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