Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

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ent-.

Fundstelle: Band 8, Spalte 1339, Zeile 23 [Horlitz, Albrand]
ENT-. die nhd. ent-verben haben sich aus zweifacher wurzel entwikkelt meist liegen ihnen bildungen mit dem präfix ant-, zum teil aber auch solche mit in- zugrunde. durch die germ. akzentfestlegung nach der entstehung der nominal-, aber vor derjenigen der verbalkomposita erscheint das in substantiven wie antlitz, antwort in voller form erhaltene ant- als verbalpräfix in gestalt einer unbetonten vorsilbe. nur die frühesten ahd. quellen bieten gelegentlich noch das ursprüngliche a. sonst liegt allgemein der durch abschwächung daraus entstandene unbestimmte murmellaut vor, der ahd. in der regel mit i, mhd., nhd. mit e wiedergegeben wird. neben ahd. int- auch die var. ent- und unt-, neben mhd. ent-, int-, ont- und unt-. – schon in frühahd. zeit entsprechen die formen mit und ohne t nur noch zum geringsten teil der ursprünglichen präfixverteilung sie spiegeln vielmehr meist jüngere lautentwicklung wider: schwund oder erhalt, unter umständen auch neueinfügung des präfixdentals sind vor allem durch die qualität des folgelautes bestimmt. vor vokal und h sind t-lose formen so gut wie nicht bezeugt. vor w, m, n, r und nachahd. l sind sie selten. die verschlußlaute haben dagegen schon im 9. jh. weitgehenden t-schwund bewirkt, dem bei stimmhaft gebliebenem b, d, g assimilation vorangegangen war (enpern, entecken, enkelten). in unmittelbarer nachbarschaft zu labialen stehendes n ist ebenfalls assimiliert worden (embern, emplündern). vor s hat eine unterschiedliche entwicklung stattgefunden: vor dem spätmhd. als ̌s erscheinenden s vor konsonanten und in der bereits im 11. jh. in denselben laut übergegangenen verbindung sk wechseln t-formen mit t-losen, wobei die ersteren außer vor sch < sk zu überwiegen scheinen. s vor vokal hat dagegen seit Notker in den allermeisten fällen ein t vor sich, das auch seit dem späten 13. jh. auftretende z-schreibungen (enzeubern für entsäubern, enzeben für entseben) bestätigen. wo, wie im omd., anlautendes vorvokalisches s stimmhaft gesprochen wurde, weisen solche schreibvar. außerdem auf auch bei dieser lautgruppe eingetretene assimilation hin. zur auffälligsten assimilationsbedingten formveränderung ist es vor f gekommen hier ist die gruppe tf zur affrikata pf, auch ph geschrieben, geworden (inphâhan schon im Tatian, zahlreichere belege, enpfremden, enpfüeren, seit 12., 13. jh.), der sich dann das vorangehende n angeglichen hat (empfallen, empfliehen). – auch wo das t ahd. völlig geschwunden war, stellen sich, für gewöhnlich ausgehend vom nfrk., ende 12. jhs., in der regel md. früher und häufiger als obd., wieder t-formen ein. dabei braucht es sich nicht in jedem fall um die wiederherstellung der ursprünglichen präfixform zu handeln. so kann z. b. das tz eines mhd. entziehen auch bloße orthographische z-var. sein. seit dem späten 13. jh. auftretende entpfüeren-, entperen-belege sind aber zweifellos als übergang von der durch reinen lautwandel entstandenen zur analogisch umgebildeten form anzusehen und lassen eine konservative, auf die wiederbzw im fall der ursprünglichen in-verben, neueinführung des weithin geschwundenen präfixdentals gerichtete entwicklungstendenz erkennen. der endpunkt dieser entwicklung ist, für die einzelnen anlauttypen unterschiedlich zwischen mitte 16. und 1. viertel 18. jhs. mit der rückgängigmachung jeglicher assimilation und der wiederherstellung des ursprünglichen grundwortanlauts erreicht. von der wiederherstellung ausgeschlossen bleiben nur die drei nicht mehr als ent-bildungen erkannten verben empfangen, empfehlen und empfinden. das archiv der göttinger arbeitsstelle des 2DWB enthält etwa 1870 bildungen mit ent-. nach dem datum der frühesten bezeugung entfallen davon auf das althochdeutsche 10% und auf das mittelhochdeutsche 27 ̇für das 15. bis 19. jh. sind jeweils rund 10% der erstbezeugungen zu beobachten, für das 20. jh. 23%. ent-verben sind untrennbar. deverbale bildungen überwiegen. die verben der gruppe 2 b schließen an be-, ver- und ein-antonyme an. unmittelbar von substantiven oder adjektiven abgeleitet sind, abgesehen von wenigen gelegenheitsbildungen, nur die verben der gruppe 3. die gruppen 6 und 7 enthalten ausschließlich bildungen, die in der jüngeren sprachgeschichtlichen entwicklung durch er- bzw. zer- abgelöst worden sind. 1 verben mit direktivem ent-. die seltenen bildungen sind durchweg früh auch in germanischen, insbesondere gotischen entsprechungen schon vorahd. bezeugt. mit ausnahme mehrerer wahrnehmungsverben erscheint der bildungstyp schon ahd., mhd. nicht mehr einheitlich. nhd. ist er auf einige vielgebrauchte einzelwörter beschränkt:-bieten, -seben. 2 verben mit aufhebung oder negierung bezeichnendem ent-. a ent- bezeichnet einen aufhebenden gegensatz zum basiswort. im hinblick auf die geringe zahl sicherer denominaler ent-abl. in vornhd. zeit werden dieser gruppe auch alle auf ein denominatives simplex beziehbare ältere bildungen zugeordnet, die möglicherweise direkt vom zugrundeliegenden substantiv oder adjektiv abgeleitet sind. in vielen fällen ist mit jüngeren umdeutungen im sinn von 3 zu rechnen:-binden, -decken A,-falten 1,-fesseln, -gürten, -hüllen, -kleiden -satteln, -schleiern, -stellen, -tarnen, -täuschen 1, 2,-waffnen 1,-zweien 1. b ent- bezeichnet einen aufhebenden gegensatz zu einer be-, ver- oder ein-bildung:-dunkeln, -geistigen, -giften, -krampfen, -loben, -motten, -puppen, -sorgen, -völkern, -zaubern. c ent- bezeichnet eine negation. vom spätahd. bis ins ältere nhd. spärlich bezeugter bildungstyp:-helfen 2,-hören 1. 3 verben mit privativem ent-. seit ahd. zeit auftretende nominalableitungen zunächst vor allem von körperteilbezeichnungen; nhd. deutlich zunehmend. nicht immer eindeutig gegen 2 abzugrenzen. für die ältere zeit nur bei fehlen einer verbalen herleitungsmöglichkeit angenommen: -arten 2,-ästen, -beinen, -gräten, -haupten, -jungfern, -kernen 1,-machten, -mündigen, -mutigen, -rätseln, -rechten, -rümpeln, -sittlichen. 4 verben mit separativem ent-. a ent- bezeichnet ‘von etwas fort oder her, aus etwas heraus-eilen, -fahren, -fallen, -fliegen, -fliehen, -führen 1, 2,-gehen 1, 2, 3,-gleiten, -kommen, -laufen 1,-lehnen, -leihen, -leiten, -locken, -nehmen B, C,-quellen, -reißen, -rücken, -schlüpfen, -schwinden, -senden, -sinken, -weichen, -wenden, -wischen, -ziehen, -zücken 1, 2, 3. b ent- bezeichnet den abstand oder die abwesenheit:-behren, -halten A,-raten 2,-stehen C. c ent- bezeichnet den perfektiv-resultativen aspekt. meist synonym neben entsprechenden ab-verben:-lohnen, -richten B,-scheiden B, C,-schichten, -sühnen. 5 verben mit inchoativem ent-. das geraten oder versetzen in einen zustand. die bildungen gehen z. t. auf alte in-bildungen zurück; vgl. imbiß neben entbeißen und germ. entsprechungen wie got. inbrannjan und mnl. inbiten-äußern, -beißen, -blößen, -brennen, -fachen -fernen, -flammen, -fremden, -leeren, -schlafen, -schlummern, -spinnen, -stehen, -unehren, -zünden, -zweien. 6 verben mit ent- als konkurrenzform zu verschiedenen er-bildungen. vereinzelte parallelbildungen zu er-verben unterschiedlicher bedeutungstypen seit mhd. zeit:-bauen, -bitten, -denken, -folgen, -götzen, -kälten, -kobern, -mangeln, -örtern, -seufzen, -sterben. 7 verben mit ent- in der bedeutungauseinander’. selten; oft neben geläufigeren zer-bildungen:-rütten, -schrunden, -spreiten, -stoßen 2.

entgehen, vb.

Fundstelle: Band 8, Spalte 1403, Zeile 45 [Rahnenführer]
ENTGEHEN vb.   ahd. intgangan, intgân, mhd. engân. mnd. entgān; mnl. ontgaen, nnl. ontgaan; afrs. undgunga; ae. ōþgān. präfixbildung zu gehen vb. 1 fortgehen, sich entfernen. seit dem 18. jh. nur noch vereinzelt. a fliehen, entkommen, sich entziehen: u830 er (Jesus) ingieng fon iro hanton exivit de manibus eorum Tatian 2134,10 S. ⟨u1130⟩ ich bin daz din (irrec scaf,/ daz) dir was engangen millst. sündenklage 66,2 M. ⟨u1350⟩ dô der (hase) im ûz dem munde engieng,/ der hêr von zorne sluog den hunt Boner edelstein 46 P. 1594 droben .., da gewisen worden, wie auß einem gefaͤhrlichen ort zu entgehn sey Budrys kriegs regiment 437. 1669 ich hängete mich an seine ketten .. und vermeynte ihn damit zu halten, damit er mir nicht entgehen solte Grimmelshausen Simplicissimus 36 Sch. 1794 alle sollen erfahren, wie Reineke schändlich gelogen,/ wie er entgangen Goethe I 50,87 W. ⟨1850⟩ jetzt entgehst du mir nicht so bald wieder Waldau natur (1851)1,28. 1937 so war auch Taraton .. seinen eltern entgangen, um sein abbild in der großen welt zu suchen Tumler d. ausführende 10. –sterben: 1691 wie mancher glaubens = held ist uns in wenig jahren/ entgangen? Fabricius traur-ged. 1,277. 1781 daß .. wegen lebens=umstände eines berühmten mannes, so gar an dem ort seines entstehens, aufenthalts und entgehens, man so nachläßig befunden wird Geret bruchstücke 1,21. b davon-, wegfließen, abgehen, entfahren: ⟨u1220⟩ im was engangen sîn bluot Fleck Flore 1072 S. ⟨n1396⟩ (bruder Heinrich) leydt ettwenn sollichen smertzen dar an, daz yme die sele moͤhte entgangen sin Johannes v. Rinstetten Heinrich 46 B. 1523 wenn eym man ym schlaff der samen entgehet Luther bibel 8,378 W. 1747 Johann Gallego .. verfolgte einen moren in die see, bis ihm der grund entgieng hist. d. reisen 1,181. ⟨1870⟩ sie .. umarmte ihn mit solcher furiosen inbrunst, daß auch ihm nunmehr der atem fast entging Raabe 8,319 H. 2 die vorstellung einer fortbewegung im raume ist verblaßt. einer bedrohung umständebedingt oder durch eigenes zutun entkommen von etwas nicht betroffen werden: 863/71 er (Johannes) in (den leuten) .. riati,/ wio sie ingiangin alle themo egislichen falle Otfrid I 24,2 E. A12.jh. (tod und teufel) thes nemohte nehein mennisce untgen, her nesolde in gesen mfrk. reimbibel 465 M. ⟨1227⟩ swer sich ze gote gesindet,/ der mac der helle engân Walther 1177,7 K. hs.E15.jh. also gewapent mochten sy (bürger der stadt) nit engen den verderblichen zenen oder mörtischen raub des wolfs franziskan. schrifttum 1,37 R. 1564 vil hoher baͤum vmbreißt der wind./ was aber tieff vnd nider steht,/ dasselb dem wetter wol entgeht Spreng Palingenius 25a. 1649 die weltberühmte stadt Rom selbsten hat dergleichen vnglück nicht entgehen mögen Friedrich de La Serre, spiegel 170. 1723 wann jemand .. leugnen wolte, daß er nichts dergleichen wüste, sondern solches nur um denen schlägen zu entgehen .. geredet russ. land-recht 5. 1873 die umrisse der kapelle, welche .. der übrigen zerstörung entgangen waren François zwillingssöhne 1,66. 1979 juden, die .. den konzentrationslagern der nazis hätten entgehen können, wenn es aufnahmeländer gegeben hätte welt 143,8. 3 verlorengehen, als vorgang. a vergehen, dahinschwinden: 863/71 so ih hiar thir obana gibot;/ in herzen si iz bifangan, ni laz es wiht ingangan Otfrid V 15,20 E. ⟨v1022⟩ iam perdidit hesternum .. fore ist imo noh taz morgeniga, ingangen ist imo daz kesteriga Notker 1,3,382 ATB. ⟨u1300⟩ im was sein kraft engangen gar Heinrich v. Neustadt Apollonius 5117 DTM. 1568 das jhm (dem menschen) alle entpfindlichheit, gesicht, gehoͤre, verstandt, bewegen der glieder entgehet Wirsung artzneyb. 227a. 1779 daß nicht die theure zeit der rettung uns entgehe Goethe I 39,371 W. 1860 durch die sünde hat uns der teufel nun so geschlagen .., daß uns alle kraft entgangen ist Harms pred. evangelien 848. b unerreicht bleiben. in aussicht stehendes nicht erhalten. besonders in verbindung mit lassen vb.: ⟨v1022⟩ nelâ mir in- gân des ih pîto Notker 3,3,921 ATB. ⟨u1210⟩ swes iuwer ouge hie gesiht,/ des engat iu niemer niht Gottfried 45198 R. 1410 wellem teil daz zúnftmeysterampte entginge basler chr. 5,80 V. ⟨1606⟩ es muß dir kein vnglück entgehen Herberger passionzeiger (1611)154. 1773 wenn er sieht .., welche aussichten mir vielleicht entgangen seyn dürften Lessing 12,40 L./M. 1822 im ersteren falle heißt der zugefügte nachtheil schaden, im letzteren entgangener gewinn Grävell bürger 114. 1975 seitdem lassen sich die dahinten keine mainzelmännchen-sendung mehr entgehen Degenhardt brandstellen 117. unbemerkt bleiben, übersehen werden überwiegend in der verbindung nicht(s) entgehen. verbreitet seit dem 18. jh.: ⟨1172⟩ swaz die alten chunden,/ daz enmahte ir niht engân priester Wernher 1367 W. ⟨1539⟩ es kann ihnen doch nun nicht wohl entgehen, wo der almechtige s. l. das leben lesst korr. Moritz v. Sachsen 1,33 B. 1665 daß ../ dem käyser nichts entgeh, was nicht mit süßem blicke/ manch bürger schauen kan Lohenstein röm. trauersp. 20 LV. 1787 laß deiner aufmercksamkeit nichts entgehen Goethe Egmont 1,71 ak. 1975 ich will aber nicht nur die hälfte wissen, .. sondern mir darf im grunde genommen überhaupt nichts entgehen Bieler mädchenkrieg 45. c ausrutschen, weggleiten: ⟨E12.jh.⟩ do begunden ime (dem wolf) die fuze ingan,/ vonme sliffe er nider kam fuchs Reinhart 2S 809 ATB. 1556 so einem die fuͤß entgond, wen̄ einer im leimaͤchtigen aͤrderich schlipfft Frisius dict. 1258a. 1672 als ihr die leiter entgangen, ist sie die stege hinunder gefallen Grimmelshausen simplician. schr. 4,63 K. 4 fehlen, bei jmdm. oder etwas nicht vorhanden sein (als zustand) ⟨u1300⟩ beide vurchten und schemen/ was in (den plündernden knappen) gentzlich entgan marienlegenden passional 14,61 ATB. 1562 liplich auch selich trost vnd rat/ mir zmal entgat/ sampt schwoͤsterlichen truͤwen kirchenlied 3,597 W. 1691 was der gestalt entgeht, soll lieb’ und hertz ersetzen Ziegler u. K. helden-liebe 91. 1876 vielmehr würde (in einem gemälde) .. dem eindrucke mit dem zusammenschluss in einer einheitlichen spitze auch die kraft einer solchen entgehen Fechner vorschule 1,141. 5 seinen ausgang nehmen (von), herausdringen (aus): 1324 daz (diese urkunde) ist engangen .. an aller heyligen obent urkb. ob d. Enns (1852)5,407. 1493/1523 was schadens seinem nagsten .. daraus (entfernung eines grenzsteins) enget (var.: entstehet), sull er inen .. widerkeren öst. weist. 14,222. 1675 wie das .. Gabriel sich nach entgangnem befelch got(es) habe begeben nach Nazaret zu .. Maria Abraham a S. Clara w. 1,276 ak. ⟨1772⟩ Danischmend hustete noch zu rechter zeit einen seufzer weg, der ihm entgehen wollte Wieland I 9,178 ak. ⟨1923⟩ zeig ihm, ../ wie selbst das klagende leid ../ selig der geige entgeht Rilke (1927)3,300.

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Zitationshilfe
„entgehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/entgehen>, abgerufen am 18.10.2021.

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