Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

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er-.

Fundstelle: Band 8, Spalte 1571, Zeile 46 [Peperkorn]
ER-. (1) ahd. ir-, ar-, er-, vereinzelt ur-; mhd. nhd. er-; mnl. nnl. er-, ir-; got. us; idg. *uds ‘hinauf, hinaus’. die etymol. verwandtschaft von as. a-; ae. ā-, me. a- ist umstritten. das präfix er- stellt eine variante zum präfix ur- dar, bei der die unbetontheit zur vokalschwächung führte. (vgl. 1DWB ur-). (2) im ahd. ist das untrennbare schwachtonige verbalpräfix ir- von der formgleichen präposition ir, er ‘aus, von außerhalb’ zu unterscheiden. das präfix erscheint ahd. nur noch in wenigen fällen als ur-, die formen ar-, ir-, er- treten parallel seit dem 8. jh. auf. ar- wird nach dem 9. jh. ungebräuchlich. (3) seit dem 12. jh. ist im mittel- und oberdeutschen die präfixvariante der- bezeugt, die jedoch nach dem 18. jh. verkehrssprachlich ungebräuchlich erscheint (vgl. 2DWB der-). (4) er- tritt nur an verbale basen. die basisverben sind selten desubstantivisch (ermannen), häufiger deadjektivisch (erröten, erstarren, erfrechen). bildungsbeschränkungen nach transitivität oder intransitivität der basisverben sind nicht zu beobachten. er- zeigt seit dem ahd. neben lokalen oder direktiven funktionen inchoative, resultative und mediale funktionen, von denen mehrere parallel im bedeutungsgefüge eines verbs auftreten können. er- erscheint häufiger in konkurrenz zu den präfixen aus- (-fallen, -gießen; -denken), be- (-greifen, -leuchten), ent- (-lassen, -sprießen), ver- (-faulen, -löschen, -kühlen), zer- (-hauen, -stoßen), besonders jedoch zum präfix auf- (-frischen, -muntern; -gellen, -glänzen; -richten, -stellen). von den ca. 2500 im belegmaterial bezeugten bildungen sind viele lexikalisiert. eine reihe von er-bildungen löst seit dem frnhd. synonymische basisverben ab oder übertrifft diese an gebräuchlichkeit weiterbildung wie an-erkennen, auf-erstehen, zu-erteilen sind seit dem ahd. geläufig. sie stellen teilweise verdeutlichungsbildungen dar. 1 er- bezeichnet ein raum- oder richtungsmerkmal. es steht für(her)auf, (her)aus, heran, nach innen, umher’ usw.:-atmen 2, -brechen 4,-fallen 1,-gehen, -pressen, -reichen, -stehen -steigen, -strecken. 2 er- bezeichnet einsetzen, bewirken, hervorrufen eines zustands oder vorgangs. in abhängigkeit von den bedeutungen der in dieser gruppe überwiegenden deadjektivischen basen kann das inchoative element gegenüber dem resultativen zurücktreten. das präfix steht fürmachen, werden-alten, -bleichen, -blühen, -feuchten, -frischen, -heitern, -hitzen, -kranken, -lustigen, -mutigen, -röten, -schallen, -staunen, -wecken, -weichen, -zürnen. 3 er- bezeichnet das erreichen eines resultats durch die in der wortbasis genannte tätigkeit:-arbeiten, -bitten, -denken, -dichten, -finden, -jagen, -kaufen, -lügen, -mieten, -schleichen, -streiten, -wandern. 4 er- bezeichnet einen völligen abschluß, eine beendigung der in der basis bezeichneten tätigkeiten oder vorgänge:-fallen, -liegen, -löschen, -schöpfen, -stoßen. dieser gruppe können auch die bildungen zugeordnet werden, in denen er- die bedeutung ‘tot’ besitzt: -frieren, -hungern, -säufen, -schießen, -schlagen, -würgen.

erbrechen, vb.

Fundstelle: Band 8, Spalte 1625, Zeile 16 [Peperkorn]
ERBRECHEN vb.   ahd. irbrehhan, mhd. erbrëchen. präfixbildung zu brechen vb. 1 zerbrechen, zerstören: 8.jh. irprahchun disrumpebant ahd. gl. 1,101,19 S./S. ⟨v1022⟩ dero leuuon chinnezene erbrichet truhten Notker 3,2,374 ATB. ⟨u1300⟩ dô wart vil âventiure geseit,/ .. wie si sich gerâchen/ und ime sîn hûs erbrâchen Laurin D 2752 H. 1488 zu dem letzsten brachten sie auch die burg in iren gewalt, die sie erprachen (Nürnb.) chr. dt. städte 3,166. 1553 lasß es (gebäck in einer form) jber nacht sten, am morgen thús fein heraús, thú schon, das dús nit erprechest Welser kochb. 76 S. ⟨v1601⟩ sie .. trugen gemeinlich lange haar/ auch lange spieß die feind zu rechen/ vnd jhre tartschen zu erbrechen Spreng ilias (1610)23a. 1651 richter seyn, vnd vrtel sprechen,/ wunder würcken ebenfals,/ sol ja dise köpf erbrechen,/ die noch stehn auff stärrem hals? Khuen mvnera 180. 2 in erscheinung treten; refl.: 8./9.jh. erumpit arprihhit ahd. gl. 1,118,13 S./S. ⟨1275/7⟩ durliuhteclichen sol erbrehen/ din name zaller zite Konrad v. Würzburg schmiede 800 Sch. ⟨u1300⟩ zu Ihrlm ein dinc geschach/ daz sich do witen erbrach/ an iemerlicher schowe passional 275,12 H. u1480 zart lip, nun sich/ wie ineclich/ ich mich erprich/ und dir verjich/ mein gunst deglich Folz meisterlieder 69,33 DTM. 1545 der tüfel steckt in disem gsind,/ in vnseren voͤgten vnd regenten,/ sy bringend vns vmb naͤpff vnd brenten/ .. hat vnser vogt sich nit erbrochen,/ in vnser gmeind mit schryen vnd bochen,/ so weiß ich mir deßglychen nit schweiz. schausp. 3,74 B. 1670 wer sich wider ihn erbricht/ wird, mit schanden, sich aufläsen Dedekind schau-sp. 3,A4b. 3 (gewaltsam) öffnen, aufbrechen: ⟨n1291⟩ ob iemen nâ mir frâge,/ dem sagent sô, ich kum her wider,/ swenn ich ein stunde mîniu lider/ von dem slâfe erbriche Reinfrid v. Braunschw. 2951 LV. ⟨A14.jh.⟩ ir ougen klâr, ir varwe glanz/ diu erbrechent wünschen tür Virginal 230,12 Z. 1450 in der pflege zcu Mylan kirchen erbrochen, hofe gewonnen vnd dorusz genomen an kelchen, messegewände, .. font. rer. austr. II 42,89. 1556 der trabant .. zeigt an, er hab in derselben nacht gelt verlorn, vnd sein kasten erprochen funden Lauterbeck regentenb. 124b. 1620 ich habe die schatzkammer nicht erbrochen und bestohlen schausp. engl. komödianten 171 T. 1693 ich will besorget seyn/ zu eurer flucht euch mittel zu verschaffen/ und bringen solch geräth und waffen/ durch ein erbrochnes loch euch bey/ womit ihr euch selbst frey könnt machen J. Meier großmuth E4a. 1738 als man die thüre erbrach, um zu sehen, was vorging, erblickte man den secretarium d. neueste v. gestern 2,349 B. 1863 das volk erbricht jetzt alle gefängnisse H. Grimm Michelangelo (1860)2,197. 1909 man verwünschte das priesterregiment, erbrach und zerstörte das gefängnis der inquisition Hofmiller schr. 1,68 H. 1971 verschwinden soll jedes geheimnis, erbrochen werden wie eine verschlossene lade Bachmann Malina 32. häufig briefe öffnen (brief-)siegel aufbrechen; jünger gehoben: 1523 aldo der herolt seinen g. angesaget, wie das er e. cfl. g. des koniges briff aus bevell des koniges am ersten uberantwortt und gebeten, denselben zu erbrechen Planitz ber. 432 W./V. 1639 eß mag auch mein herr vetter das memorial wol erbrechen vnd ihme also offen zustellen Camerarius brw. 40 E. 1730 der brief geschickt hat erbrochen, und wieder versiegelt werden können Gottsched Fontenelle, orackel 97. 1849 erbricht das siegel und liest Nestroy 5,523 B./R. 1975 Indien .. erschien mir als ein buch mit sieben siegeln, die zu erbrechen ich als vermessen betrachtete Studnitz seitensprünge 150. 4 teile von pflanzen kultivierend entfernen; überwiegend im weinbau: 1491 so erbricht ains knechts tag werck ain juchart des wingarten Oesterreicher Columella 2,225 LV. ⟨z.j. 1527⟩ uff dye zitt ist grossy nott gesin und mangel ain wyber in die reben zu werkan, erbrechen und hiefftan, wan es was unstett wetter Stockar jerusalemfahrt 147 Sch. 1705 an warmen und hitzigen sonnen=rainen sollen die reben an blätteren weniger, in böden aber und schattechten orten mehr erbrochen werden König georgica 20. 5 unverdautes durch den mund wieder von sich geben. stets im zusammenhang mit ekel, angst, krankheit u. dgl.; refl.: 1488 wann du das thust, so erbricht er sich, so schat es im umb ain har Claus v. Metry arzneibüchl. 64 E. 1578 man mag jhnen auch ein lauw wasser zu trincken geben, vnd ein federen so in oͤl geduncket in den halß stossen, damit sie sich wol vnnd leichtlich erbrechen moͤgen Pantaleon Baden 104. 1612 es konten aber ettlich daß mer nit liden, fiengen sich an erbrechen F. Platter 247 B. 1783 er spürt ueblichkeiten, ekel, neigungen zum erbrechen, und erbricht, wenn er sich lange an solchen orten aufhält, sich würklich Ackermann Ramazzini, krankheiten (1780)2,198. 1841 einige wurden schon seekrank und mußten sich erbrechen Döscher erfahrungen 5. 1897 nach dem essen mußte sie sich erbrechen Thoma aus 80 lebensjahren 2246 B. 1978 als Leonhard mit dem zeugnis nach hause gekommen war, hatte er seine erste zigarre geraucht, sich auf die stachelbeeren unter seinem fenster erbrochen Bieler kanal 36. – auch transitiv: ⟨1542⟩ die erbrechen fast leichtlich was sie einnemen Ryff spiegel (1544)154a. 1612 daß ich dorab kranck worden, groß magen wee bekommen und vil gall darnoch erbrochen hab F. Platter 137 B. 1791 der mensch hat oft säure und erbricht saure stoffe de La Méthérie, luft 2,68. 1874 erbricht der angeschuldigte nicht rasch den gifttrank, so ist seine schuld erwiesen Peschel völkerkde. 279. 1978 ich würge, ich erbreche fast nichts und möchte alles herauskotzen können Geiser Grünsee 194. jünger phraseologisch bis zum erbrechen bis zum überdruß: ⟨1949⟩ allein unter vielen menschen, .. mit denen man nicht in einer unwürdigen, qualvollen enge bis zum erbrechen zusammenklebte Zuckmayer ges. w. (1960)2,308. 1979 zu viele waren halt, wie die gängige, bis zum erbrechen servierte floskel lautet, an diesem europa-tag ungenügend bis ungut ‘motiviert’ süddt. ztg. 133,1.

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Zitationshilfe
„erbrechen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/erbrechen>, abgerufen am 25.10.2021.

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