entgehen

GrammatikVerb · entging, ist entgangen
Aussprache
Worttrennungent-ge-hen
eWDG, 1967

Bedeutungen

1.
einer drohenden Gefahr ausweichen können, aus dem Wege gehen können
Beispiele:
niemand kann seinem Geschick entgehen
einer Krankheit, Unannehmlichkeit, Gefahr entgehen
er ist einer peinlichen Auseinandersetzung, der Verfolgung, einem Unglück (noch einmal, zum Glück) entgangen
umgangssprachlich er ist einer peinlichen Auseinandersetzung, der Verfolgung, einem Unglück mit Müh und Not entgangen
der Verbrecher wird der Strafe nicht entgehen
sie entging nicht den prüfenden Blicken der Mutter
Deinen Verfolgern entgehst du nicht [GoetheGötzV 11]
sich [Dativ] etw. nicht entgehen lassenan etw. unbedingt teilhaben wollen
Beispiele:
dieses Vergnügen will ich mir nicht entgehen lassen
den Gewinn, Vorteil, die Vergünstigung, Gelegenheit kann ich mir nicht entgehen lassen
diesen Film darfst du dir nicht entgehen lassen (= mußt du sehen)
2.
etw. entgeht jmdm., einer Sacheetw. fällt jmdm. nicht auf, wird von jmdm. nicht bemerkt
Beispiele:
der Doppelsinn, die Bedeutung dieser Worte ist mir ganz entgangen
einige Fehler sind mir, meiner Aufmerksamkeit entgangen
dieser Gesichtspunkt ist meinen Nachforschungen, ist mir bei meinen Nachforschungen entgangen
das ist meinen Ohren, Augen entgangen
seinem Scharfblick entgeht nichts
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

gehen · abgehen · Abgang · angehen · aufgehen · Aufgang · ausgehen · Ausgang · begehen · eingehen · Eingang · entgehen · ergehen · hintergehen · übergehen · Übergang · untergehen · Untergang · vergehen · Vergehen · Vergangenheit · vorgehen · Vorgang · Vorgänger
gehen Vb. ‘sich zu Fuß fortbewegen’. Im Paradigma von nhd. gehen sind die Formen von zwei verschiedenen, nicht miteinander verwandten Verben vereinigt. Das gemeingerm. starke Verb ahd. gangan (8. Jh.), mhd. gangen, asächs. aengl. gangan, mnl. ganghen, anord. ganga, got. gaggan gehört zu den reduplizierenden Verben und ist vielleicht als Rückbildung aus einem jan-Verb germ. *gangjan (vgl. ahd. zigengen ‘zergehen machen, vernichten’, um 1000, mhd. gengen ‘gehen machen, losgehen’, aengl. gengan ‘gehen, reisen, reiten’) anzusehen. Es ist verwandt mit ↗Gang (s. d.) und außergerm. mit aind. jáṅghā ‘Unterschenkel’, jáṁhaḥ ‘Flügel, Schwinge’, lit. žeñgti ‘schreiten, gehen’ und vielleicht griech. kochṓnē (κοχώνη) ‘Stelle zwischen den Schenkeln, Hinterbacke’. Erschließbar ist ie. *g̑hengh- ‘schreiten, Schritt, Schenkelspreize, Schamgegend’. Auf dieses durch ahd. gangan vertretene Verb gehen das Prät. (ging) und das Part. Prät. (gegangen) von nhd. gehen zurück. Daneben steht gleichbed. ahd. gān (8. Jh.) und (zunächst nur bair. und frk.) gēn (8. Jh.), mhd. gān, gēn, asächs. -gān, mnd. aengl. gān, engl. to go, mnl. gaen, nl. gaan, anord. aschwed. , krimgot. geen, das ahd. nur durch den Infinitiv und athematisch gebildete Präsensformen (gām, gās(t), gāt usw. neben gēm, gēs(t), gēt usw.) belegt ist (vgl. aber aengl. Part. Prät. gegān), die Infinitiv und Präsens des nhd. Verbs gehen ergeben haben. Dieses Verb verbindet sich mit griech. (homerisch) kichā́nein (κιχάνειν) ‘erreichen, erlangen, antreffen’, aind. jíhītē ‘springt auf, begibt sich zu’ und führt auf eine Wurzel ie. *g̑hē-, *g̑hēi- ‘leer sein, fehlen, verlassen, fortgehen’, dann auch ‘gehen’, wobei eine Identität mit ie. *g̑hēi-, *g̑hē- ‘gähnen, klaffen, offenstehen’ erwogen wird (s. ↗gähnen), da sich ‘fortgehen’ aus ‘klaffend abstehen’ entwickelt haben kann. abgehen Vb. ‘sich entfernen, fehlen, sterben, abschreiten’, ahd. abagangan, -gān ‘aufhören, vergehen’ (um 1000), mhd. abegān ‘abnehmen, etw. versagen, fehlen’; Abgang m. ‘Weggang, Tod, Weg nach unten’, mhd. abeganc ‘das Hinabgehen, ein hinabführender Weg, Mangel, Abfall’. angehen Vb. ‘beginnen, betreffen, um etw. bitten’, ahd. anagangan, -gān, -gēn (um 800), mhd. anegān ‘anfangen, hineingehen, folgen, angreifen’. aufgehen Vb. ‘sich öffnen, emporsteigen, sichtbar werden’, ahd. ūfgangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. ūfgān, -gēn ‘aufgehen, sich erheben, entstehen, gedeihen’; Aufgang m. ‘Erscheinen, Weg nach oben, Treppe’, ahd. ūfgang (8. Jh.), mhd. ūfganc. ausgehen Vb. ‘fortgehen, sich aufbrauchen, enden, abzielen auf etw.’, ahd. ūʒgangan, -gān, -gēn ‘hinausgehen, aufhören’ (8. Jh.), mhd. ūʒgān, -gēn ‘heraus-, hervorgehen, über die Ufer treten, zu Ende gehen, sich verlieren’; Ausgang m. ‘das Hinausgehen, Schluß, Ende, Weg nach außen’, ahd. ūʒgang (um 800), mhd. ūʒganc ‘das Herausgehen, Ausgang, Ende’. begehen Vb. ‘besichtigen, entlanggehen, feiern’, ahd. bigangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. begān, -gēn ‘erreichen, antreffen, sorgen um etw., feiern, zu Grabe geleiten’. eingehen Vb. ‘hineingehen, eintreffen, sich mit etw. oder jmdm. beschäftigen, kleiner werden, schrumpfen, aufhören zu existieren’, ahd. ingangan, -gān, -gēn ‘hineingehen, ein-, betreten, eindringen, überfallen’ (8. Jh.), mhd. īngān, asächs. mnd. ingān, got. inngaggan. Eingang m. ‘Öffnung, Tür, Ankunft, Weg nach innen’, ahd. ingang (8. Jh.), mhd. īn-, inganc. entgehen Vb. ‘entkommen, nicht bemerkt werden’, ahd. intgangan, -gān, -gēn (9. Jh.), mhd. engān, -gēn ‘entkommen, fortgehen, verlorengehen, sich entziehen’. ergehen Vb. ‘angeordnet werden’, reflexiv ‘spazierengehen’, auch unpersönlich mir ergeht es gut, schlecht, ahd. irgangan, -gān, -gēn (9. Jh.), mhd. ergān, -gēn ‘zu gehen beginnen, kommen, geschehen, sich ereignen, einholen, zu Ende gehen’. hintergehen Vb. ‘betrügen, täuschen’, spätmhd. hindergān ‘von hinten herangehen, überfallen, betrügen’. übergehen Vb. ‘nicht beachten, übersehen, überlaufen, überfließen’, ahd. ubargangan, ubar(i)gān ‘überströmen, hinübergehen’ (8. Jh.), mhd. übergān, -gēn ‘übergehen, -fließen, vorübergehen, über etw. gehen, überfallen, übertreten’; Übergang m. ‘überführender Weg, das Überschreiten, Wechsel’, ahd. ubargang ‘das Herausgehen, Abweichung, Verderben, Seuche, Pest’ (8. Jh.), frühnhd. übergang ‘das Hinübergehen, Durchgang, Stelle, wo man hinübergeht’ (15. Jh.). untergehen Vb. ‘zugrunde gehen, versinken’, ahd. untargangan, -gān, -gēn (um 800), mhd. untergān, -gēn ‘dazwischentreten, überkommen, befallen, versperren’; Untergang m. ‘das Zugrundegehen, Scheitern, Sinken’, ahd. untargang (9. Jh.), mhd. underganc ‘Verderben, Sinken (der Sonne), Unterwerfung, Schiedsgericht’. vergehen Vb. ‘aufhören zu existieren, vorbeigehen, verstreichen’, reflexiv ‘gegen eine Norm verstoßen, ein Verbrechen an jmdm. ausführen’, ahd. firgangan, -gān, -gēn ‘vorwärtsgehen, verstreichen’ (9. Jh.), mhd. vergān, -gēn, auch ‘übergehen, meiden, auseinandergehen, sich verirren’; Vergehen n. ‘zu bestrafende Handlung, Verbrechen’ (18. Jh.), vgl. mhd. vergān ‘das Vorübergehen, Hinweggehen’; Vergangenheit f. ‘zurückliegende, verflossene Zeit’ (18. Jh.), in diesem Sinne grammatischer Terminus für Zeitformen des Verbs, die ein Geschehen oder Sein als vergangen darstellen (19. Jh.), vgl. di vergangen zeit (um 1400), die verlauffene Zeit (Anfang 17. Jh.). vorgehen Vb. ‘vorwärtsgehen, nach vorn gehen, den Vorrang haben, sich ereignen’, ahd. foragangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. vor-, vürgān ‘vorangehen, übertreffen’; Vorgang m. ‘Ereignis, Ablauf eines Geschehens, in den Akten festgehaltener Fall’, mhd. vor-, vürganc ‘das Vorausgehende, Einleitung, Vortritt, Fortschritt, Erfolg’; Vorgänger m. ‘in Amt oder Stellung Vorangegangener’, spätmhd. vorganger, -genger.

Thesaurus

Synonymgruppe
durch die Finger schlüpfen · ↗entfleuchen · ↗entfliehen · entgehen · ↗entkommen · ↗entlaufen · ↗entrinnen · ↗entwischen  ●  durch die Lappen gehen  ugs. · durchs Netz gehen  ugs. · ↗entweichen  geh. · nicht erwischen (können)  ugs. · nicht kriegen  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
(jemandem) entgehen · (jemandem) nicht auffallen · (von jemandem) nicht bemerkt werden · nicht wahrgenommen werden · ungehört verhallen
Synonymgruppe
(jemandem) entgehen · (jemandem) nicht auffallen · (jemandes) Aufmerksamkeit entgehen · nicht bemerken · nicht sehen (nicht gesehen haben)  ●  (etwas) übersehen (haben)  Hauptform · (bei) (jemandem) unter die Räder kommen  ugs., fig. · (jemandem) durch die Lappen gehen  ugs., fig. · ↗(jemandem) durchrutschen  ugs. · (jemandem) untergegangen sein  ugs.
Assoziationen
  • nicht (für sich) ausschließen können · nicht erhaben sein (über) · nicht gefeit sein gegen · nicht gefeit sein vor · nicht von sich behaupten können (dass)
  • im Eifer des Gefechts · in all dem Durcheinander · in der Aufregung · in der Eile  ●  in der Hitze des Gefechts  fig.
  • (einen) Fehler machen (unabsichtlich) · ↗(jemandem) passieren · ↗unterlaufen (Fehler o.ä.)  ●  (einen) Bock schießen  ugs.
  • (etwas) verbummelt haben · (etwas) verkramt haben · (etwas) verlegt haben · (etwas) verschlampt haben · (etwas) verschusselt haben

Typische Verbindungen
computergeneriert

Abschiebung Abstieg Anschlag Attentat Aufmerksamkeit Bestrafung Chance Deportation Dilemma Einnahme Festnahme Fiskus Gefahr Gelegenheit Katastrophe Mordanschlag Not Schicksal Steuereinnahme Strafe Strafverfolgung Todesstrafe Verfolgung Verhaftung Versuchung Verurteilung dadurch jährlich knapp um Haaresbreite

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›entgehen‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Niemand wollte sich die Chance entgehen lassen, Geschichte zu schreiben.
Die Welt, 05.07.2004
Sechsmal steht er vor dem sicheren Tod und entgeht ihm auf wundersame Weise.
Der Tagesspiegel, 21.09.2001
Niemand kann dem Kampf entgehen, falls er nicht unterliegen will.
o. A.: Einhundertvierunddreißigster Tag. Montag, 20. Mai 1946. In: Der Nürnberger Prozeß, Berlin: Directmedia Publ. 1999 [1946], S. 22820
Diesem Fehler ist man beim Ausbau der klassischen Lehre nicht entgangen.
Goldstein, Kurt: Der Aufbau des Organismus, Den Haag: Nijhoff 1934, S. 8
Nationalisten verwickelt, doch gelang es ihm, ihrem harten Schicksal zu entgehen.
Cudworth, Charles: Moore. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1961], S. 37794
Zitationshilfe
„entgehen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/entgehen>, abgerufen am 18.10.2019.

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