Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

entnerven

Grammatik Verb
Aussprache 
Worttrennung ent-ner-ven
GrundformNerv
Wortbildung  mit ›entnerven‹ als Erstglied: Entnervung  ·  mit ›entnerven‹ als Grundform: Entnervtheit
eWDG

Bedeutung

etw. entnervt jmdn.etw. macht jmdn. nervös und kraftlos, nimmt jmdm. die Nerven
Beispiele:
der durch die Krankheit entnervte Mann
eine entnervende Wartezeit
ein entnervender Arbeitstag
ein entnervendes Studium
entnervende Rhythmen
der Gram, der Wurm, der schwärende Dorn, der zehrende Hunger im Innern entnervte und entmannte sie [ Th. MannJoseph3,548]
[das 11. Regiment] leeren Magens seit zwei Tagen, entnervt, gebrochen von den Gefechten und der Flucht [ Kisch1,217]
Es war ein Hüne von einem Mann, heute war er aber derartig entnervt, daß er kaum ein Weinglas halten konnte [ Kellerm.Totentanz437]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Nerv · nervig · nervös · Nervosität · entnerven · enervieren
Nerv m. aus parallel verlaufenden Fasern bestehender, von Bindegewebe umhüllter Strang des Nervensystems, entlehnt (Anfang 16. Jh.) aus lat. nervus ‘Sehne, Flechse, Muskel, Nerv, aus Tiersehnen, Därmen Verfertigtes (Saite, Bogensehne, Fußfessel), Kraft, Spannkraft’, verwandt mit griech. né͞uron (νεῦρον) ‘Sehne, Faser, Bogensehne, Schnur, Saite, Nerv’ (s. Neuro-). Nach Auffassung der antiken Medizin sind Sehnen und Nerven identisch oder wesensverwandt und werden demzufolge mit derselben Bezeichnung benannt. Im 16. Jh. vollzieht die medizinische Fachsprache eine begriffliche Begrenzung des Wortes auf ‘Nerv’, die sich aber in der Allgemeinsprache erst im 19. Jh. durchsetzt. Im Dt. halten sich bis ins 18. Jh. die Bedeutungen ‘Band, Sehne, Muskel’ (wofür in älterer Sprache Ader), bis ins 19. Jh. ‘Bogensehne, Saite’; daneben ist Nerv (seit Anfang 18. Jh.) ‘Leiter von Empfindungen und Bewegungen, Sinnesleiter’ (wohl unter Einfluß von engl. nerve) nach der Lehre des schottischen Arztes R. Wytt (2. Hälfte 18. Jh.) und der sich entwickelnden Psychiatrie, in deren Gefolge Nervenkrankheiten zur Modeerscheinung werden. Übertragen (17. Jh.) ‘innere Kraft, Wesen, Gehalt’; vgl. auch auf die Nerven fallen ‘nervös machen’ (2. Hälfte 17. Jh.). nervig Adj. ‘sehnig, muskulös, kraftvoll’ (18. Jh.), nervicht (Anfang 18. Jh.). nervös Adj. ‘die Nerven betreffend, an schwachen Nerven leidend, reizbar, erregt’ (vgl. nervoese und hypochondrische Krankheiten, 1758), mit dieser Bedeutung unter Einfluß von engl. nervous älteren Gebrauch (1. Hälfte 18. Jh.) im Sinne von ‘nervig, stark, kräftig’, auch ‘kraftvoll, nachdrücklich’ (von Ausdruck und Rede), nach frz. nerveux (afrz. nervos) ‘nervig, kräftig’, zurückdrängend. Zuvor (Mitte 17. Jh.) gilt im Dt. nervos ‘kräftig, kernig’, (von der Rede) ‘nachdrücklich’, dann (Anfang 18. Jh.) ‘mit Nerven versehen, aus Nerven bestehend’, und (vereinzelt Ende 17. Jh.) nervosisch ‘mit Nerven versehen’, beide aus lat. nervōsus ‘sehnig, muskulös, kraftvoll, kernig’. Nervosität f. ‘Nervenschwäche, Empfindlichkeit, Reizbarkeit, krankhafter Zustand der Nerven’ (1. Hälfte 19. Jh.), nach gleichbed. frz. nervosité, zuvor vereinzelt ‘Kraft, Stärke’ (Ende 18. Jh.), nach mfrz. frz. (älter) nervosité ‘Stärke, (Widerstands)kraft, Sehnigkeit’, dieses entlehnt aus lat. nervōsitās (Genitiv nervōsitātis) ‘Stärke einer Faser, Kraft’. entnerven Vb. ‘entkräften, der Nervenkraft berauben, nervlich erschöpfen’ tritt (Ende 17. Jh.) neben nur wenig älteres, in demselben Sinne gebrauchtes enervieren Vb. (2. Hälfte 17. Jh.), dies nach gleichbed. mfrz. énerver, afrz. soi esnerver ‘sich verweichlichen’ (entlehnt aus lat. ēnervāre ‘die Nerven herausnehmen, der Nerven entledigen, schwächen, entkräften’).

Thesaurus

Synonymgruppe
abhetzen · aufreiben · brechen · enervieren · entkräften · entnerven · ermatten · ermüden · heimsuchen · mürbe hauen · mürbe klopfen · mürbe kriegen · mürbe machen · strapazieren · zermürben  ●  kleinkriegen  ugs.

Typische Verbindungen zu ›entnerven‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›entnerven‹.

Verwendungsbeispiele für ›entnerven‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Entnervend hat es ein Kritiker einmal genannt, weil es so sehr in sich selbst gefangen ist. [Die Zeit, 23.03.2000, Nr. 13]
Ich versuche, mich zu entnerven, dann kann ich auch besser meinen antikapitalistischen Gelüsten frönen. [konkret, 1985]
Nur wenige sind nicht im Bild: Entnervt hat es sich ein junges Pärchen auf einer Bank bequem gemacht. [Die Zeit, 22.04.2013 (online)]
Die jetzt immer noch anhaltende Stagnation ist für sie entnervend, zumindest bringt sie nichts ein. [Die Zeit, 23.10.1964, Nr. 43]
Entnervend ist nicht allein die Masse all der frohen Botschaften, sondern auch die Art ihrer Einsätze. [Die Zeit, 21.08.1995, Nr. 34]
Zitationshilfe
„entnerven“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/entnerven>.

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