entrücken

GrammatikVerb
Aussprache
Worttrennungent-rü-cken
Grundformrücken
Wortbildung mit ›entrücken‹ als Grundform: ↗entrückt

Bedeutungsübersicht+

  1. [gehoben] ⟨jmdn. einer Sache entrücken⟩ jmdn. gedanklich von etw. lösen
    1. [häufig] ⟨einer Sache, jmdm. entrückt sein⟩ gedanklich weit von etw., jmdm. entfernt sein
    2. ⟨jmdn. entrücken⟩ jmdn. in eine andere Welt versetzen
    3. ⟨entrückt⟩ weltverloren, traumversunken
eWDG, 1967

Bedeutung

gehoben jmdn. einer Sache entrückenjmdn. gedanklich von etw. lösen
Beispiel:
die romantische Musik hat ihn der Wirklichkeit entrückt
häufig einer Sache, jmdm. entrückt seingedanklich weit von etw., jmdm. entfernt sein
Beispiele:
dieses Wort entstammt aus einer Periode, die unserem Sprachgefühl weit entrückt ist
Ich ... lasse mich allmählich immer mehr einlullen von der monotonen Musik des Regens da draußen, bis ich endlich der Gegenwart vollständig entrückt bin [RaabeSperlingsgasseI 1,11]
[der echte Arzt] muß dem Tragischen entrückt bleiben, wenn er bewahren und heilen soll [CarossaGion190]
Sie war ihm entrückt oder er ihr, wenn er auch noch ihre Schulter spürte [MusilDrei Frauen32]
jmdn. entrückenjmdn. in eine andere Welt versetzen
Beispiele:
Ihr Anblick, die schöne Galerie, die Gegenwart des Fürsten, verbunden mit dem Hamletgedanken, dies alles entrückte ihn [G. Hauptm.2,414]
Du holde Kunst ... hast mich in eine beßre Welt entrückt [SchubertAn die Musik]
entrücktweltverloren, traumversunken
Grammatik: oft im Part. Prät.
Beispiele:
er lauschte der Musik, völlig entrückt
sie starrte wie entrückt vor sich hin
In sich ein tranken sie die Worte der Verkündigung, mit entrückten Gesichtern [Feuchtw.Füchse75]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

rücken · abrücken · anrücken · ausrücken · einrücken · entrücken · entrückt · verrücken · verrückt · vorrücken · berücken
rücken Vb. ‘sich vorwärts bewegen, zu einem bestimmten Ort aufbrechen, (weg)marschieren, (mit einem Ruck, ruckweise) an einen anderen Platz schieben, in eine andere Lage bringen, von der Stelle bewegen’, ahd. rucken (9. Jh.; vgl. irrucken ‘unterstützen, aufrichten’, 8. Jh.), mhd. rücken (obd. rucken) ‘sich fortbewegen, etw. schnell bewegen’, mnd. mnl. rucken, nl. rukken, anord. rykkja, schwed. rycka, dän. rykke (germ. *rukkjan). Herkunft nicht geklärt. Verwandt sind sicher mhd. nl. (holl.) rocken ‘rücken’, aengl. roccian, engl. to rock ‘wiegen, schaukeln’ (s. ↗Rock and Roll), anord. rugga ‘schütteln, schaukeln, wiegen’, schwed. (mundartlich) rugga ‘schaukeln’. Sieht man in den Formen geminierte schwundstufige Bildungen, kann ein Zusammenhang mit ↗Rahe und ↗regen (s. d.) angenommen werden. abrücken Vb. ‘wegrücken, -schieben, aufbrechen, sich entfernen, abmarschieren, sich distanzieren’, mhd. aberücken ‘wegziehen, entfernen’. anrücken Vb. ‘aneinanderschieben, sich nähern, anmarschieren’ (15. Jh.). ausrücken Vb. ‘aus-, hinausmarschieren, davonlaufen, ausreißen’, mhd. ūʒrücken ‘herausziehen’. einrücken Vb. ‘einsetzen, einmarschieren, den Militärdienst beginnen, dazu eingezogen werden’, mhd. īnrucken ‘hineinschieben’. entrücken Vb. ‘wegnehmen, entfernen, versetzen’ (an einen anderen Ort, in Ekstase, in eine andere Welt), mhd. entrücken; entrückt Part.adj. ‘abgelegen, fern, geistig abwesend, weltverloren’ (13. Jh.). verrücken Vb. ‘wegrücken, an einen anderen Platz schieben, verschieben’, ahd. firrucken (um 1000), mhd. verrücken, verrucken; verrückt Part.adj. ‘nicht bei Verstand, geistesgestört, irre, unsinnig’, eigentlich ‘an eine andere, eine falsche Stelle gebracht’ (16. Jh.), zumal in Fügungen wie verrückt im Kopf, im Hirn ‘töricht, närrisch’ (17. Jh.), aus denen sich rasch absoluter Gebrauch im oben genannten Sinne entwickelt. vorrücken Vb. ‘(weiter) nach vorn, vorwärts rücken, vorwärts marschieren, auf dem Vormarsch sein’, ahd. furirucken (um 1000), mhd. vorrücken ‘vorbeiziehen, -gehen’. berücken Vb. ‘bezaubern, entzücken, betören, verlocken’, ursprünglich ein Ausdruck des Vogel- und Fischfangs mit der Bedeutung ‘listig, täuschend fangen’, eigentlich ‘ein Netz über das Tier rücken, das man fangen will’, von Luther (1. Hälfte 16. Jh.) in die Literatursprache eingeführt. Im Frühnhd. und vor allem in der Barockzeit (17./18. Jh.) wird berücken oft bildlich mit dem Aspekt des Betrugs und der Liebeslist verwendet. Im 18. Jh. geht das Gefühl für die ursprüngliche Bedeutung verloren, und berücken steht gleichbed. neben bezaubern.

Typische Verbindungen zu ›entrücken‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›entrücken‹.

Verwendungsbeispiele für ›entrücken‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Entweder verstärkt sie die ohnehin vorhandene Tendenz, wichtige Entscheidungen jeder Transparenz und Kontrolle zu entrücken.
Die Zeit, 04.02.1985, Nr. 05
Und als die beiden Lieben ganz ins Private zu entrücken scheinen, sind wir plötzlich wieder mitten in der Politik.
Der Tagesspiegel, 06.06.2002
Nach Agrippa kann die Imagination sogar den Leib ihres Trägers an den imaginierten Ort entrücken.
Klages, Ludwig: Der Geist als Widersacher der Seele, 3. Band, Teil 1: Die Lehre von der Wirklichkeit der Bilder, Leipzig: Barth 1932, S. 809
Es war, als hätte sich die Nacht in ihrem Haar zu einem schwarzen Knäuel zusammengeballt und entrückte sie uns.
Trakl, Georg: Aus goldenem Kelch. Maria Magdalena. In: Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, Berlin: Directmedia Publ. 1998 [1906], S. 10966
Wie sehr solche mönchischen Ideale von der Verpflichtung des Künstlers den Maler der Wirklichkeit überhaupt zu entrücken drohten, hat keiner schärfer als Kleist erfaßt.
Beenken, Hermann: Das Neunzehnte Jahrhundert in der deutschen Kunst, München: Bruckmann 1944, S. 83
Zitationshilfe
„entrücken“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/entr%C3%BCcken>, abgerufen am 06.04.2020.

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