erbärmlich

GrammatikAdjektiv
Aussprache
Worttrennunger-bärm-lich
Wortbildung mit ›erbärmlich‹ als Erstglied: ↗Erbärmlichkeit  ·  mit ›erbärmlich‹ als Letztglied: ↗gottserbärmlich · ↗hundserbärmlich
eWDG, 1967

Bedeutungen

1.
umgangssprachlich sehr schlecht, miserabel
a)
elend, jämmerlich
Beispiele:
in einer erbärmlichen Lage stecken
ein erbärmliches Dasein führen
ich war, befand mich damals in einem erbärmlichen Zustand
ihm war erbärmlich zumute
b)
ärmlich, kärglich
Beispiele:
ein erbärmliches Dorf
salopp ein erbärmliches Nest
eine (recht) erbärmliche Gegend
er läuft erbärmlich gekleidet umher
weshalb ich vorhin bei dieser erbärmlichen Tankstelle haltmachte [DürrenmattVersprechen21]
c)
außerordentlich schwach, minderwertig
Beispiele:
der Vortrag, die Rede war erbärmlich
seine Leistungen sind (einfach) erbärmlich
ein erbärmlicher Film
die Aufführung des neuen Stückes war (geradezu) erbärmlich
d)
abwertend nichtswürdig, verwerflich
Beispiele:
ein erbärmliches Verhalten
das Buch ist ein erbärmliches Machwerk
er hat sich ziemlich erbärmlich benommen
es wäre erbärmlich von ihr, wenn ...
so ein erbärmlicher Lump, Wicht!
Ich weiß, was für ein feiges erbärmliches Subjekt das ist [R. BartschGeliebt598]
2.
salopp, übertrieben sehr groß
Beispiele:
ich habe einen erbärmlichen Hunger
er hatte erbärmliche Angst
sehr
Beispiele:
es tat erbärmlich weh
sie froren ganz erbärmlich
ein erbärmlich kleines Stück
das ist erbärmlich wenig (Geld)
3.
veraltet Erbarmen, Mitleid erregend
Beispiel:
Daß, ein schwach erbärmlich Weib, / Hinter dir so fern ich bleib [Grillp.TraumII]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

barmen · erbarmen · Erbarmung · Erbarmen · erbärmlich · barmherzig · Barmherzigkeit
barmen Vb. ‘mit Mitgefühl erfüllen’ (selten), ‘jammern, klagen, lamentieren’ (nordd. und omd.). Die got. Kirchensprache bildet zur Übersetzung von griech. eleé͞in (ἐλεεῖν) ‘bemitleiden, Mitleid, Erbarmen haben’ nach dem Muster von gleichbed. lat. miserēre bzw. miserērī (zu lat. miser ‘elend, kläglich, bejammernswert, arm’) ein von got. arms ‘beklagenswert, elend’ abgeleitetes Verb got. arman ‘sich erbarmen’. Ein an das Adj. ahd. arm ‘gering, hilflos, schwach, besitzlos, arm’ (s. ↗arm) sich anschließendes Verb ahd. armēn (9. Jh.) bedeutet ‘arm werden, Not leiden’, so daß die Kirchensprache zur Wiedergabe von ‘sich erbarmen, Mitleid erregen’ präfigiertes ahd. *bi-armën benutzt, belegt (10. Jh.) in der adverbial gebrauchten Partizipialform barmēnto ‘erbarmend, voll Erbarmen’ (für lat. miserando); vgl. mit anderem Präfix und anderer Stammbildung aengl. ofearmian ‘mitleidig sein, Erbarmen zeigen’ (zu aengl. earmian ‘bemitleiden, bedauern’, von aengl. earm ‘arm’). Zusammengezogenes und darum als Einheit empfundenes ahd. barmēn wird im Hinblick auf seine durativ-inchoative Bedeutung erneut präfigiert, so daß ahd. irbarmēn, nhd. erbarmen (s. unten) entsteht. Diese Weiterbildung wird zum geläufigen Verb im Dt.; mhd. barmen ‘(sich) erbarmen, Mitleid erregen’ bleibt selten, nhd. barmen wird weithin in die Mundarten abgedrängt und entwickelt im Nordd. und Omd. die oben angegebene Bedeutung ‘jammern, klagen, kläglich tun’, mit der es im 19. Jh. auch in die Literatursprache eingeht. erbarmen Vb. ‘jmds. Mitleid erregen, jmdm. leid tun’, (reflexiv) ‘sich aus Mitleid und Barmherzigkeit jmds. annehmen, mildtätig sein’. Ahd. irbarmēn ‘sich zu jmdm. herablassen, sich die Not eines anderen zu eigen machen, Mitleid empfinden oder erregen’ (9. Jh.), mhd. erbarmen ‘Mitleid haben, gerührt werden, rühren’. Weiterbildung mit dem Präfix ahd. ir- (s. ↗er-) von ahd. barmēn (s. oben). Erbarmung f. ‘Barmherzigkeit, Mitleid’, ahd. irbarmunga (10. Jh.), mhd. erbarmunge. Erbarmen n. ‘Mildtätigkeit, Mitleid’, mhd. erbarmen, substantivierter Infinitiv. erbärmlich Adj. ‘elend, ärmlich, nichtswürdig’ (16. Jh.), ahd. irbarmalīh ‘Erbarmen erregend’ (um 1000); vgl. mhd. erbarmeclich ‘barmherzig, erbarmenswert’. barmherzig Adj. ‘mitfühlend, mitleidsvoll, mildtätig’ (gegenüber Bedürftigen), mhd. barmherzec, Weiterbildung von mhd. barmherze, ahd. barmherzi ‘voll Erbarmen’, eigentlich ‘ein barmendes Herz habend’ (11. Jh.), das unter dem Einfluß von ahd. (ir)barmēn aus ahd. armherz ‘barmherzig’ als Eigenschaft Gottes und der nach seinem Willen handelnden Menschen (9. Jh.) hervorgegangen ist (vgl. auch ahd. armherzīg, 11. Jh.). Dies ist eine Bildung aus ahd. arm (s. oben) und ahd. herza (s. ↗Herz) unter dem Einfluß der got. Kirchensprache, die einem nach dem Muster von lat. misericors ‘mitleidig’ (eigentlich ‘ein mitleidiges Herz habend’, zu lat. miserēre, -ērī bzw. miser und cor ‘Herz’) entstandenen got. armahaírts folgt; vgl. auch aengl. earmheort neben (umgebildetem) anord. aumhjartaðr. Weitere Überlegungen zur Bildungsweise des got. Adjektivs bringt Beck in: ZfdPh 98 (Sonderheft 1979) 109 ff. Barmherzigkeit f. ‘Erbarmen, Mitgefühl, Mildtätigkeit’, mhd. barmherzekeit; vgl. daneben got. armahaírtiþa, ahd. armherzida (8. Jh.), mhd. barmherzede sowie got. armahaírtei, ahd. armherzī (9. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
beklagenswert · ↗elend · ↗elendig · ↗elendiglich · erbärmlich · ↗katastrophal · ↗kläglich · ↗miserabel  ●  ↗desaströs  geh. · ↗hundserbärmlich  ugs.
Oberbegriffe
Synonymgruppe
erbärmlich · ↗niederträchtig · ↗schandbar · ↗schnöde · ↗schändlich · ↗verachtenswert · ↗verächtlich  ●  eine Schande  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
(ein) Trauerspiel · ↗armselig · ↗bemitleidenswert · erbärmlich · ↗kläglich · ↗schäbig · ↗unsäglich · ↗unwürdig · ↗würdelos
Assoziationen
  • (man) hätte mehr erwartet (von)  ●  (eine) Bankrotterklärung (sein)  fig. · (etwas ist) keine Heldentat  fig. · (sich) ein Armutszeugnis ausstellen (mit)  fig. · ein Armutszeugnis (für jemanden/etwas sein)  Hauptform · (ein ...) sieht anders aus  ugs. · (jemand) sollte sich was schämen!  ugs. · (sich) nicht (gerade) mit Ruhm bekleckert haben  ugs., Redensart · kein Ruhmesblatt  geh.
  • (leicht) durchschaubar · schlecht kaschiert  ●  ↗durchsichtig  fig. · ↗fadenscheinig  fig. · (etwas) merkt ein Blinder (doch) mit dem Krückstock  ugs., fig.
  • Schmierenkomödie · ↗Schmierentheater · die Karikatur (einer Sache) · schlechter Scherz · unwürdiges Schauspiel  ●  ↗(eine) Farce  Hauptform
Synonymgruppe
Mitleid erregend · ↗arm · armer Kerl · ↗armselig · ↗beklagenswert · ↗bemitleidenswert · erbärmlich · ↗heruntergekommen · ↗hoffnungslos · ↗jammervoll · ↗jämmerlich · ↗kläglich · ↗unglücklich · zu bedauern (sein)  ●  armer Tropf  veraltend · ↗bedauernswert  Hauptform · arm dran  ugs., ruhrdt. · arme Sau  derb · armer Teufel  ugs. · armes Schwein  ugs. · ↗bejammernswert  fachspr. · ↗erbarmungswürdig  geh. · letztklassig  ugs., österr. · ↗miserabel  geh.
Assoziationen
Synonymgruppe
blamabel · erbärmlich · ↗kläglich · ↗ruhmlos · ↗schmachvoll · ↗schmählich · ↗unrühmlich · wenig ruhmreich
Assoziationen
Synonymgruppe
armselig · erbärmlich · ↗schofel · ↗schofelig · ↗schäbig
Assoziationen
  • nicht fair · nicht gerecht · nicht in Ordnung · nicht okay · ↗unfair · ↗ungerecht
  • e goldenes Nixle un e silbernes Warteweilche (un e Schächtele wo des nei dus)  ●  (nur ein) warmer Händedruck  Hauptform
  • (jemandem) Dank schuldig bleiben  ●  ↗undankbar (sein)  Hauptform

Typische Verbindungen
computergeneriert

Anblick Behausung Dasein Feigheit Feigling Gestank Häuflein Hütte Kreatur Lebensbedingung Lebensumstand Lebensverhältnis Lügner Machwerk Schauspiel Trauerspiel Tropf Wicht Zustand armselig beschämend elend erbarmungswürdig feig frieren jämmerlich stinken undurchdacht unwürdig winseln

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›erbärmlich‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Nur 26 Tore in 26 Spielen - nur Köln (21) ist erbärmlicher.
Bild, 29.03.2004
Ich mag die ärgerliche Szene, welche nun folgte, gar nicht beschreiben; sie war erbärmlich.
Le Fort, Gertrud von: Das Schweißtuch der Veronika, Frankfurt a. M.: Fischer 1959 [1928], S. 150
Wir waren derart sehr lange im Bad, ich schlotterte nachher erbärmlich.
Klemperer, Victor: [Tagebuch] 1926. In: ders., Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum, Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verl. 2000 [1926], S. 122
Keuchend, schwitzend, erbärmlich müde, so kamen wir auf neuen Pfaden voran.
Rangnow, Rudolf: Tropenpracht und Urwaldnacht, Braunschweig: Gustav Wenzel & Sohn 1938 [1938], S. 151
Wenn die Sommerregen ausbleiben, müssen sie mit ihren erbärmlichen Schafherden über die Steppe ziehen.
Schrott, Raoul: Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde; Hanser Verlag 2003, S. 305
Zitationshilfe
„erbärmlich“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/erbärmlich>, abgerufen am 23.10.2019.

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