Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

erdreisten

Grammatik Verb · reflexiverdreistet sich, erdreistete sich, hat sich erdreistet
Aussprache 
Worttrennung er-dreis-ten
Grundformdreist
eWDG

Bedeutung

sich dreist unterstehen
Beispiele:
der Schüler erdreistete sich, während des Unterrichtes zu essen
was erdreisten Sie sich!
Was, sie erdreisten sich, uns Vorschriften zu machen [ BrechtCommune2]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

dreist · Dreistigkeit · dummdreist · erdreisten
dreist Adj. ‘zudringlich, frech’, Übernahme (1. Hälfte 16. Jh., zunächst dreiste, dann dreist, Ende 16. Jh., daneben noch driest, drist in hd. Texten des 16./17. Jhs., bei omd. Autoren des 18. und frühen 19. Jhs. gerundet dreust) von mnd. drīste ‘beherzt, kühn, wagemutig’, auch ‘frech’, in die Literatursprache, das mit asächs. thrīst(i), mnl. drijst(e), driest(e), nl. driest, aengl. þrīst(e) am ehesten mit dem unter dringen (s. d.) behandelten Verb zu verbinden und damit zu ie. *trenk- ‘stoßen, zusammendrängen, bedrängen’ zu stellen ist. Wie got. þreihan ‘drängen’ steht das Adjektiv, setzt man germ. *þrīstja- aus *þrinhstja- voraus, in grammatischem Wechsel (h – g) zu dringen; nach n-Ausfall folgt Dehnung des Vokals. Als Ausgangsbedeutung ist, im Hinblick auf die Zugehörigkeit zu dringen, ‘kühn andrängend’ anzusetzen, die in der Literatursprache des 19. Jhs. jedoch hinter ‘zudringlich, frech’ verblaßt. Wenig wahrscheinlich ist dagegen Verwandtschaft mit lat. trīstis ‘finster gelaunt, traurig’ und ein zusammenfassender Ansatz ie. *treisti- oder *trīsti- ‘trotzig, finster gelaunt’. Dreistigkeit f. ‘Frechheit’ (Ende 16. Jh.), von mnd. drīstichēt. dummdreist Adj. ‘dumm und frech zugleich’ (Mitte 17. Jh.), von nd. dumm-drīste ‘kühn ohne Klugheit und Überlegung’, mnd. dumme dryste. erdreisten Vb. ‘(frech) anmaßen’ (16. Jh., geläufig seit dem 18. Jh.). dreist und seine Ableitungen und Zusammensetzungen werden wohl durch die Buchung bei Adelung (1774) im Hd. heimisch.

Thesaurus

Synonymgruppe
(die) Unverfrorenheit haben (zu + Infinitiv) · (sich einer Sache) erdreisten · (sich etwas) anmaßen · (sich etwas) herausnehmen · (sich) Freiheiten (heraus)nehmen · (sich) die Freiheit nehmen (zu) · (sich) erkühnen · (sich) erlauben · (sich) nicht scheuen (zu)  ●  (sich) aufschwingen (zu)  fig. · (die) Frechheit haben (zu + Infinitiv)  ugs. · (die) Nerven haben (zu + Infinitiv)  ugs. · (frech) das Haupt erheben  geh., fig. · (sich etwas) leisten  ugs. · (sich) erfrechen  geh., veraltet · (sich) unterstehen  ugs. · die Chuzpe besitzen  geh. · die Chuzpe haben  geh. · die Stirn haben  ugs. · so frei sein (zu)  geh., ironisch
Assoziationen
  • (einer Sache) trotzen · (etwas) nicht auf sich sitzen lassen · (jemandem / einer Sache) die Stirn bieten · (sich) (etwas) nicht gefallen lassen · (sich) sträuben · (sich) verteidigen · (sich) widersetzen · Widerstand leisten  ●  (sich) auf die Hinterbeine stellen  fig. · (sich) nichts gefallen lassen  Hauptform · (sich) seiner Haut wehren  auch figurativ · (sich) wehren  Hauptform, auch figurativ · (sich) zur Wehr setzen  auch figurativ · (sich jemandes / einer Sache) erwehren  geh. · Kontra geben  ugs. · Trotz bieten  geh. · wider den Stachel löcken  geh., veraltend
  • frech werden · patzige Antworten geben · provozieren  ●  Widerworte geben  ugs. · wider den Stachel löcken  geh., veraltet
  • (sich) aufführen (als) · (sich) darstellen · (sich) gefallen in der Pose (des/eines/der/einer) · (sich) gefallen in der Rolle (des/eines/der/einer) · (sich) in die Pose eines (einer ...) werfen · (sich) inszenieren (als) · (sich) präsentieren  ●  (sich) gerieren (als)  geh.
  • Sie werden entschuldigen, aber (...) · ich bin so frei · in aller Bescheidenheit (adverbial) · nehmen Sie's mir nicht übel (aber) · wenn Sie gestatten · wenn Sie nichts dagegen haben · wenn ich (so) ehrlich sein darf  ●  wenn Sie erlauben  Hauptform · wenn ich mir die(se) Bemerkung erlauben darf  variabel · Ich hab da mal ne ganz blöde Frage: (...)  ugs., Spruch · Sie werden gestatten, dass (...)  geh. · Tschuldigung, aber (...)  ugs. · bei allem Respekt (, aber)  geh. · halten zu Gnaden (veraltet, heute ironisierend)  geh. · ich will ja nix sagen, aber (...)  ugs. · mit Ihrer (gütigen) Erlaubnis  geh. · mit Verlaub  geh. · sit venia verbo  geh., lat. · wenn's recht ist  ugs.
  • (etwas) steht jemandem nicht zu  ●  (da) wedelt der Schwanz mit dem Hund  fig., variabel
Synonymgruppe
(etwas) dreist (tun) · (sich) erdreisten (zu + Infinitiv) · (sich) nicht genieren (zu) · die Unverfrorenheit besitzen (zu) · frech genug sein (zu) · unverschämt genug sein (zu)  ●  so schamlos sein (zu)  variabel

Typische Verbindungen zu ›erdreisten‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›erdreisten‹.

Verwendungsbeispiele für ›erdreisten‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Wie können Sie sich erdreisten, hier als Mann zu erscheinen? [Friedländer, Hugo: Die falsche Hofdame und der falsche Kammerherr. In: ders., Interessante Kriminal-Prozesse, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1921], S. 7812]
Mit welchem Recht, mit welchem Ziel denn hätten wir uns dazu erdreisten können. [Die Zeit, 23.09.1977, Nr. 39]
Wie können wir uns erdreisten, am Leben teilhaben zu wollen? [Süddeutsche Zeitung, 07.08.2003]
Bislang hat sich noch niemand erdreistet, zu erklären, wir seien überhaupt niemals modern gewesen. [Der Tagesspiegel, 12.05.1996]
Wie er sich erdreisten könne, so gröblich zu ihr hereinzufahren, herrschte sie ihn an. [Huch, Ricarda: Der Dreißigjährige Krieg, Wiesbaden: Insel-Verl. 1958 [1914], S. 14]
Zitationshilfe
„erdreisten“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/erdreisten>.

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