ergehen

Grammatik Verb · ergeht, erging, ist/hat ergangen
Aussprache 
Worttrennung er-ge-hen
Wortzerlegung er- gehen
Wortbildung  mit ›ergehen‹ als Letztglied: wohl ergehen · wohlergehen
Mehrwortausdrücke  Gnade vor Recht ergehen lassen

Bedeutungsübersicht+

  1. 1. [papierdeutsch] ⟨etw. ergeht (an jmdn.)⟩ etw. wird amtlich erlassen, verordnet
    1. etw. wird offiziell an jmdn. gerichtet
  2. 2. ⟨etw. über sich ergehen lassen⟩ etw. geduldig ertragen, hinnehmen
  3. 3. Präsens ungebräuchlich
  4. 4. [abwertend] ⟨sich in Vermutungen ergehen⟩ weitläufig, langandauernd Vermutungen äußern, anstellen
  5. 5. [gespreizt] ⟨sich im Garten ergehen⟩ sich im Garten durch Gehen Bewegung verschaffen, im Garten etwas spazieren gehen
eWDG

Bedeutungen

1.
papierdeutsch etw. ergeht (an jmdn.)etw. wird amtlich erlassen, verordnet
Grammatik: mit Hilfsverb ‘ist’
Beispiele:
von der vorgesetzten Dienststelle erging eine Anweisung, Verordnung, Mahnung, ein Verbot
an die Soldaten war der Befehl ergangen, …
die bisher ergangenen Anordnungen, Richtlinien, Vorschriften mussten überprüft werden
Juragegen jmdn. ergeht eine gerichtliche Entscheidung
sprichwörtlichGnade vor, für Recht ergehen lassen (= Gnade walten lassen)
etw. wird offiziell an jmdn. gerichtet
Beispiele:
an alle Mitglieder ergingen Einladungen zur Jahreshauptversammlung
an den Professor, Dozenten ist ein Ruf, eine Berufung an die Universität Berlin ergangen
die Regierung ließ einen Aufruf an die Bevölkerung ergehen
2.
etw. über sich ergehen lassenetw. geduldig ertragen, hinnehmen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiele:
er ließ die Vorwürfe, Anschuldigungen, den Wortschwall ruhig, gelassen, wortlos, widerspruchslos über sich ergehen
gleichgültig, teilnahmslos ließ sie alles, alle Schicksalsschläge über sich ergehen
spöttischDa du es wünschest, so sei es. Lassen wir dies Vergnügen über uns ergehen [ Th. MannBuddenbrooks1,352]
3.
Grammatik: mit Hilfsverb ‘ist’, Präsens ungebräuchlich
Beispiele:
ihm ist es dort gut, schlecht, schlimm, übel ergangen (= er hat dort Gutes, Schlechtes, Schlimmes, Übles erlebt, erfahren)
mir ist es damals ähnlich ergangen
warum soll es ihm besser ergehen als mir?
wie ist es dir seither ergangen? (= was hast du seither erlebt, erfahren?)
4.
abwertend sich in Vermutungen ergehenweitläufig, langandauernd Vermutungen äußern, anstellen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiele:
sich in Andeutungen, Mutmaßungen, Prophezeiungen ergehen
er erging sich in allgemeinen Redensarten, Betrachtungen, Meditationen
man erging sich in Lobreden, Schmähungen über ihn
ich will mich nicht in Einzelheiten darüber ergehen
Geradezu behaglich jetzt erging sich Jovellanos in Erinnerungen (= schwelgte Jovellanos in Erinnerungen) [ Feuchtw.Goya88]
5.
gespreizt sich im Garten ergehensich im Garten durch Gehen Bewegung verschaffen, im Garten etwas spazieren gehen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiele:
sich im Park, in den Anlagen, auf der Promenade ein wenig ergehen
er ergeht sich gern im Freien
Sie ergingen sich plaudernd … im Schatten der Bäume [ ZuchardtSpießrutenlauf8]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

gehen · abgehen · Abgang · angehen · aufgehen · Aufgang · ausgehen · Ausgang · begehen · eingehen · Eingang · entgehen · ergehen · hintergehen · übergehen · Übergang · untergehen · Untergang · vergehen · Vergehen · Vergangenheit · vorgehen · Vorgang · Vorgänger
gehen Vb. ‘sich zu Fuß fortbewegen’. Im Paradigma von nhd. gehen sind die Formen von zwei verschiedenen, nicht miteinander verwandten Verben vereinigt. Das gemeingerm. starke Verb ahd. gangan (8. Jh.), mhd. gangen, asächs. aengl. gangan, mnl. ganghen, anord. ganga, got. gaggan gehört zu den reduplizierenden Verben und ist vielleicht als Rückbildung aus einem jan-Verb germ. *gangjan (vgl. ahd. zigengen ‘zergehen machen, vernichten’, um 1000, mhd. gengen ‘gehen machen, losgehen’, aengl. gengan ‘gehen, reisen, reiten’) anzusehen. Es ist verwandt mit Gang1 (s. d.) und außergerm. mit aind. jáṅghā ‘Unterschenkel’, jáṁhaḥ ‘Flügel, Schwinge’, lit. žeñgti ‘schreiten, gehen’ und vielleicht griech. kochṓnē (κοχώνη) ‘Stelle zwischen den Schenkeln, Hinterbacke’. Erschließbar ist ie. *g̑hengh- ‘schreiten, Schritt, Schenkelspreize, Schamgegend’. Auf dieses durch ahd. gangan vertretene Verb gehen das Prät. (ging) und das Part. Prät. (gegangen) von nhd. gehen zurück. Daneben steht gleichbed. ahd. gān (8. Jh.) und (zunächst nur bair. und frk.) gēn (8. Jh.), mhd. gān, gēn, asächs. -gān, mnd. aengl. gān, engl. to go, mnl. gaen, nl. gaan, anord. aschwed. , krimgot. geen, das ahd. nur durch den Infinitiv und athematisch gebildete Präsensformen (gām, gās(t), gāt usw. neben gēm, gēs(t), gēt usw.) belegt ist (vgl. aber aengl. Part. Prät. gegān), die Infinitiv und Präsens des nhd. Verbs gehen ergeben haben. Dieses Verb verbindet sich mit griech. (homerisch) kichā́nein (κιχάνειν) ‘erreichen, erlangen, antreffen’, aind. jíhītē ‘springt auf, begibt sich zu’ und führt auf eine Wurzel ie. *g̑hē-, *g̑hēi- ‘leer sein, fehlen, verlassen, fortgehen’, dann auch ‘gehen’, wobei eine Identität mit ie. *g̑hēi-, *g̑hē- ‘gähnen, klaffen, offenstehen’ erwogen wird (s. gähnen), da sich ‘fortgehen’ aus ‘klaffend abstehen’ entwickelt haben kann. abgehen Vb. ‘sich entfernen, fehlen, sterben, abschreiten’, ahd. abagangan, -gān ‘aufhören, vergehen’ (um 1000), mhd. abegān ‘abnehmen, etw. versagen, fehlen’; Abgang m. ‘Weggang, Tod, Weg nach unten’, mhd. abeganc ‘das Hinabgehen, ein hinabführender Weg, Mangel, Abfall’. angehen Vb. ‘beginnen, betreffen, um etw. bitten’, ahd. anagangan, -gān, -gēn (um 800), mhd. anegān ‘anfangen, hineingehen, folgen, angreifen’. aufgehen Vb. ‘sich öffnen, emporsteigen, sichtbar werden’, ahd. ūfgangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. ūfgān, -gēn ‘aufgehen, sich erheben, entstehen, gedeihen’; Aufgang m. ‘Erscheinen, Weg nach oben, Treppe’, ahd. ūfgang (8. Jh.), mhd. ūfganc. ausgehen Vb. ‘fortgehen, sich aufbrauchen, enden, abzielen auf etw.’, ahd. ūʒgangan, -gān, -gēn ‘hinausgehen, aufhören’ (8. Jh.), mhd. ūʒgān, -gēn ‘heraus-, hervorgehen, über die Ufer treten, zu Ende gehen, sich verlieren’; Ausgang m. ‘das Hinausgehen, Schluß, Ende, Weg nach außen’, ahd. ūʒgang (um 800), mhd. ūʒganc ‘das Herausgehen, Ausgang, Ende’. begehen Vb. ‘besichtigen, entlanggehen, feiern’, ahd. bigangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. begān, -gēn ‘erreichen, antreffen, sorgen um etw., feiern, zu Grabe geleiten’. eingehen Vb. ‘hineingehen, eintreffen, sich mit etw. oder jmdm. beschäftigen, kleiner werden, schrumpfen, aufhören zu existieren’, ahd. ingangan, -gān, -gēn ‘hineingehen, ein-, betreten, eindringen, überfallen’ (8. Jh.), mhd. īngān, asächs. mnd. ingān, got. inngaggan. Eingang m. ‘Öffnung, Tür, Ankunft, Weg nach innen’, ahd. ingang (8. Jh.), mhd. īn-, inganc. entgehen Vb. ‘entkommen, nicht bemerkt werden’, ahd. intgangan, -gān, -gēn (9. Jh.), mhd. engān, -gēn ‘entkommen, fortgehen, verlorengehen, sich entziehen’. ergehen Vb. ‘angeordnet werden’, reflexiv ‘spazierengehen’, auch unpersönlich mir ergeht es gut, schlecht, ahd. irgangan, -gān, -gēn (9. Jh.), mhd. ergān, -gēn ‘zu gehen beginnen, kommen, geschehen, sich ereignen, einholen, zu Ende gehen’. hintergehen Vb. ‘betrügen, täuschen’, spätmhd. hindergān ‘von hinten herangehen, überfallen, betrügen’. übergehen Vb. ‘nicht beachten, übersehen, überlaufen, überfließen’, ahd. ubargangan, ubar(i)gān ‘überströmen, hinübergehen’ (8. Jh.), mhd. übergān, -gēn ‘übergehen, -fließen, vorübergehen, über etw. gehen, überfallen, übertreten’; Übergang m. ‘überführender Weg, das Überschreiten, Wechsel’, ahd. ubargang ‘das Herausgehen, Abweichung, Verderben, Seuche, Pest’ (8. Jh.), frühnhd. übergang ‘das Hinübergehen, Durchgang, Stelle, wo man hinübergeht’ (15. Jh.). untergehen Vb. ‘zugrunde gehen, versinken’, ahd. untargangan, -gān, -gēn (um 800), mhd. untergān, -gēn ‘dazwischentreten, überkommen, befallen, versperren’; Untergang m. ‘das Zugrundegehen, Scheitern, Sinken’, ahd. untargang (9. Jh.), mhd. underganc ‘Verderben, Sinken (der Sonne), Unterwerfung, Schiedsgericht’. vergehen Vb. ‘aufhören zu existieren, vorbeigehen, verstreichen’, reflexiv ‘gegen eine Norm verstoßen, ein Verbrechen an jmdm. ausführen’, ahd. firgangan, -gān, -gēn ‘vorwärtsgehen, verstreichen’ (9. Jh.), mhd. vergān, -gēn, auch ‘übergehen, meiden, auseinandergehen, sich verirren’; Vergehen n. ‘zu bestrafende Handlung, Verbrechen’ (18. Jh.), vgl. mhd. vergān ‘das Vorübergehen, Hinweggehen’; Vergangenheit f. ‘zurückliegende, verflossene Zeit’ (18. Jh.), in diesem Sinne grammatischer Terminus für Zeitformen des Verbs, die ein Geschehen oder Sein als vergangen darstellen (19. Jh.), vgl. di vergangen zeit (um 1400), die verlauffene Zeit (Anfang 17. Jh.). vorgehen Vb. ‘vorwärtsgehen, nach vorn gehen, den Vorrang haben, sich ereignen’, ahd. foragangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. vor-, vürgān ‘vorangehen, übertreffen’; Vorgang m. ‘Ereignis, Ablauf eines Geschehens, in den Akten festgehaltener Fall’, mhd. vor-, vürganc ‘das Vorausgehende, Einleitung, Vortritt, Fortschritt, Erfolg’; Vorgänger m. ‘in Amt oder Stellung Vorangegangener’, spätmhd. vorganger, -genger.

Thesaurus

Synonymgruppe
(Gutes / Schönes / Schlechtes ...) erleben · (jemandem gut /arg / übel ...) ergehen · (positive / schlechte / unerfreuliche ...) Erfahrungen machen
Synonymgruppe
(sich) auslassen · (sich) ergehen (in) · (sich) verbreiten (über) · daherplappern · plappern · quasseln · salbadern · schwadronieren · schwatzen · schwätzen  ●  daherreden  Hauptform · (herum)labern  ugs. · (herum)sülzen  ugs., abwertend · faseln  ugs., abwertend · groß herumtönen  ugs. · sabbeln  ugs. · schwafeln  ugs. · sülzen  ugs., abwertend
Oberbegriffe
  • (das) Wort ergreifen · (einen) Redebeitrag leisten · (seine / die) Stimme erheben · (sich) äußern · etwas sagen · etwas von sich geben · reden · sprechen  ●  (eine) Äußerung tätigen  Amtsdeutsch · den Mund aufmachen  ugs., fig.
  • reden · sagen · sprechen
Assoziationen
Synonymgruppe
(einen) Bummel machen · (einen) Spaziergang machen · (einen) Stadtbummel machen · an die frische Luft gehen · flanieren · frische Luft schnappen · herumschlendern · herumspazieren · schlendern · sich die Beine vertreten · sich die Füße vertreten · spazieren gehen · umherbummeln  ●  spazieren  Hauptform · (sich) ergehen  geh., veraltet · dahintändeln  geh. · lustwandeln  geh. · promenieren  geh., französierend, bildungssprachlich · umhertigern  ugs. · wandeln  geh.
Oberbegriffe
  • einen Fuß vor den anderen setzen · gehen · laufen  ●  zu Fuß gehen  Hauptform · latschen  ugs., salopp · zu Fuß laufen  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
(sich) berauschen an · (sich) einer Sache überlassen · aufgehen (in) · fortgetragen werden (von)  ●  (sich) ergehen (in)  geh. · schwelgen (in)  geh.
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›ergehen‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›ergehen‹.

Verwendungsbeispiele für ›ergehen‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

In den ergangenen Jahren eroberte er längst verlorenes Terrain zurück. [Die Zeit, 07.10.1994, Nr. 41]
Das läßt sich auch aus den bisher ergangenen Entscheidungen belegen. [Die Zeit, 26.06.1952, Nr. 26]
Auch Ihnen wird es vermutlich kaum anders als mir ergehen. [Schröter, Heinz: Ich, der Rentnerkönig, Genf: Ariston 1985, S. 123]
Es erging ihm darin nicht besser als vielen großen Revolutionären vor ihm. [Kursbuch, 1977, Bd. 48]
So ist es mir selbst in einem langen Leben ergangen. [Weizsäcker, Richard von: Dreimal Stunde Null? 1949 1969 1989, Berlin: Siedler Verlag 2001, S. 6]
Zitationshilfe
„ergehen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/ergehen>.

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