Etymologisches Wörterbuch des Deutschen

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Spießbürger, ...

Spieß2 m. alte Wurf- und Stoßwaffe, ahd. spioʒ (um 800; vgl. als Jagdwaffe swīnspioʒ, 8. Jh.), mhd. spieʒ ‘Kampf-, Jagdspieß’, auch ‘Spießträger’, asächs. spiot, mnd. spēt, mnl. spiet, anord. spjōt ‘Spieß, Speer’, schwed. spjut ‘Speer’. Herkunft unbekannt. Ein Zusammenhang mit griech. speú͞dein (σπείδειν) ‘sich sputen, eilen, streben, sich anstrengen’, transitiv ‘antreiben, beschleunigen’, spūdḗ (σπουδή) ‘Eile, Eifer, Mühe, Ernst, Wohlwollen’, lit. spáusti (aus *spáudti) ‘(aus)drücken, -pressen’, intransitiv ‘eilen’ mit einer Ausgangsform ie. *(s)p(h)eud- ‘drücken, mit Nachdruck betreiben, eilen’ (vgl. Pokorny 1, 999), wonach der geschleuderte Spieß als ‘Eilender’ zu deuten wäre, ist wenig befriedigend. de Vries in: PBB (T) 80 (1958) 20 faßt dagegen germ. *speuta- ‘Spieß’ als vokalische Variante von germ. *spita- ‘Spitze’ (s. ↗Spieß1) auf. Spieß3 m. in der Soldatensprache ‘Kompanie-, Hauptfeldwebel’ (um 1900), anspielend auf den Offizierssäbel, den dieser früher zu tragen berechtigt war; vgl. bereits mhd. spieʒ, nhd. Spieß ‘Spießträger, Krieger’ (bis 17. Jh.). spießen Vb. ‘(mit dem Spieß) durchbohren’ (17. Jh.). Nicht hierher, sondern zu ↗Spieß1 gehört mhd. spiʒʒen ‘an den Bratspieß stecken’ und auch frühnhd. spissen ‘mit dem Spieß, mit der Stichwaffe durchstechen’ (16. Jh.), das sich jedoch semantisch an ↗Spieß2 anlehnt. Unklar in seiner Zugehörigkeit ist mhd. (md.) spīʒen ‘aufspießen’. Spießbürger m. ‘kleinlich denkender, engstirniger Mensch’ (17. Jh.), studentisches Schimpfwort, eigentlich ‘der mit dem Spieß bewaffnete, zu Fuß kämpfende Bürger’; im 18. Jh. (Wieland) in die Literatursprache aufgenommen. Daraus verkürzt Spießer m. (19. Jh.). spießbürgerlich Adj. ‘kleinstädtisch, kleinlich, engstirnig’ (18. Jh.); entsprechend spießig Adj. (um 1900). Spießgeselle m. ‘Mittäter in einer üblen Sache’ (16. Jh.), eigentlich ‘der (ebenfalls mit einem Spieß kämpfende) Waffengefährte’ (16. Jh.). Den pejorativen Sinn erhält das Wort durch den schlechten Ruf, den in älterer Zeit Landsknechte und Soldaten genießen.
Zitationshilfe
„Spießbürger“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/etymwb/Spie%C3%9Fb%C3%BCrger>, abgerufen am 24.02.2020.

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