Etymologisches Wörterbuch des Deutschen

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

ent-

ent- Präfix bei Verben (und bei deverbativen Ableitungen), das Hinwendung zu einem Gegenüber, den aufhebenden Gegensatz einer Handlung sowie ein Entfernen ausdrückt. Die gemeingerm. Vorsilbe ahd. (8. Jh.), mhd. ant-, asächs. and-, ant-, mnd. mnl. nl. ant-, aengl. anord. and-, got. and(a)- (selbständige Präpositionen sind noch got. and ‘entlang, über … hin, auf … hin’, asächs. ant ‘bis zu’), die bei Nomina unter dem Hauptton ihren Vokal bewahrt (s. ↗Antlitz, ↗Antwort und ↗anheischig), ergibt unbetont bei Verben ahd. int-, in- (8. Jh.), mhd. ent-, en-, nhd. ent-; in einigen Fällen steht im Nhd. vor einem mit f- anlautenden Simplex die assimilierte Form emp- (s. ↗empfangen, ↗empfehlen, ↗empfinden). Das vorauszusetzende germ. *and(a)- gehört mit aind. ánti ‘gegenüber, vor, nahe’, griech. antí (ἀντί) ‘angesichts, gegenüber, anstatt’, lat. ante ‘vorn, vor’ und lit. añt ‘auf, zu, gegen’ (älter anta) zu ie. *ant- ‘Vorderseite, Stirn’ (ebenfalls verwandt ist dt.Ende, s. d.). Die ursprüngliche Bedeutung ‘gegen, entgegen’ (vgl. got. andstandan ‘entgegenstehen, widerstreiten’) ist heute im Dt. nur noch in wenigen Fällen erkennbar (z. B. entbieten, entsprechen). Häufiger sind transitive Präfixbildungen zur Bezeichnung einer Handlung, die das mit dem einfachen Verb Ausgesagte rückgängig macht (z. B. entfalten, entladen, entspannen, enttäuschen), wobei dieses Verb auch eine denominative Ableitung sein kann (z. B. entadeln, entehren, entwaffnen, entwürdigen). Solchen Vorbildern folgen präfigierte Verben, die unmittelbar auf ein Substantiv (Privativa wie entlarven, entrinden, entseelen, entvölkern) oder ein Adjektiv (entmündigen, entsittlichen) zurückgehen. Schließlich weist ent- bei transitiven und intransitiven Verben auf eine Trennung, einen vom Ausgangspunkt wegführenden Vorgang hin (z. B. entfernen, entnehmen, entreißen, entfliehen, entgehen, entweichen), gelegentlich im Sinne eines Hervortretens, Sichtbarwerdens (z. B. entsprießen, entspringen). Wahrscheinlich anderer Herkunft als in den bisher genannten Bildungen und mit deren Präfix erst durch formalen Ausgleich zusammengefallen ist nhd. ent- in Verben, die das Eintreten in einen Zustand angeben (Inchoativa oder Ingressiva, z. B. entbrennen, entflammen, entzünden); hier kann ahd. in-, mhd. in-, en- ‘in, ein’ als Vorstufe angenommen werden (vgl. den Lautwandel der Präp. ahd. mhd. in bei ↗entgegen, ↗entzwei, ↗entlang). Auf Sonderentwicklungen beruht ↗ent- in ↗entbehren (s. d.) und in ↗entweder (s. d.).
Zitationshilfe
„ent-“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/etymwb/ent->, abgerufen am 29.10.2020.

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