fühlen

GrammatikVerb
Aussprache
Worttrennungfüh-len
Wortbildung mit ›fühlen‹ als Erstglied: ↗Fühler · ↗Fühlfaden · ↗Fühlhorn · ↗fühlbar · ↗fühlsam
 ·  mit ›fühlen‹ als Letztglied: ↗abfühlen · ↗anfühlen · ↗durchfühlen · ↗einfühlen · ↗entlangfühlen · ↗herausfühlen · ↗herumfühlen · ↗hindurchfühlen · ↗hineinfühlen · ↗mitfühlen · ↗nachfühlen · ↗vorausfühlen · ↗vorfühlen · ↗wohlfühlen
 ·  mit ›fühlen‹ als Grundform: ↗Gefühl · ↗befühlen · ↗erfühlen
 ·  formal verwandt mit: ↗tiefgefühlt · ↗wetterfühlig
eWDG, 1967

Bedeutungen

1.
etw. körperlich (durch den Tastsinn) wahrnehmen
Beispiele:
er fühlte, wie die Spritze in seine Haut eindrang
er fühlte, dass ihn ein Insekt gestochen hatte
den Nadelstich fühlen
einen stechenden Schmerz im Rücken fühlen
etwas Kaltes, Feuchtes am Arm fühlen
er fühlte sein Herz schlagen
einen herben Geschmack auf der Zunge fühlen
er bekam den Stock zu fühlen (= wurde geschlagen)
umgangssprachlich ich fühl' mein Kreuz, alle Knochen (= mein Kreuz, alles tut mir weh)
etw. körperlich und seelisch wahrnehmen
Beispiele:
die Not bitter fühlen
er fühlte sein Ende nahen
ich habe seine grobe Art oft zu fühlen bekommen
sprichwörtlich wer nicht hören will, muss fühlen (= leiden)
sich fühlenmerken, dass man sich in einem bestimmten körperlichen (und seelischen) Zustand befindet
Beispiele:
sich hungrig fühlen
nach der Krankheit fühlte er sich zunächst noch unsicher auf den Beinen
sie fühlt sich Mutter
sich gesund, gut, unwohl, unpässlich, elend, krank fühlen
sich alt, schwach, jung, kräftig, stark fühlen
sich ausgepumpt, ausgelaugt, zerschlagen, wie gerädert fühlen
2.
etw. durch Tasten prüfen
Beispiele:
er fasste an sein Jackett und fühlte, ob die Brieftasche noch da sei
er fühlt nach seinem Portemonnaie
der Arzt fühlt dem Patienten den Puls
sie fühlte die Stirn des Kranken
landschaftlich, umgangssprachlich die Hühner fühlen (= durch Betasten prüfen, ob die Hühner Eier haben)
übertragen
Beispiel:
salopp jmdm. auf den Zahn fühlen (= jmdn. genau prüfen, jmdn. durch geschickte Fragen ausforschen)
3.
etw., besonders einen seelischen Vorgang, innerlich wahrnehmen
Beispiele:
Achtung, Angst vor jmdm., etw., Mitleid mit jmdm., Hass gegen jmdn., Liebe zu jmdm., Schmerz, Unbehagen über etw. fühlen
sie fühlte eine leise Verstimmung
ein Mensch, der dieses Glück nie gefühlt hat
er fühlt den Drang, die Kraft zu großen Taten in sich
die Berufung zum Künstler in sich fühlen
sie fühlte das Bedürfnis, sich mit jmdm. auszusprechen
die Verpflichtung zu etw. fühlen
etw. im Innersten, tief in der Brust fühlen
sie fühlte seinen Kummer, Zorn
sie fühlte seinen Blick auf sich ruhen
er fühlte seine Sicherheit dahinschwinden
sie wusste nicht, dass er da war, fühlte es aber
es kam ihm zum Bewusstsein, was er bisher nur gefühlt hatte
er fühlte, dass er ihr Unrecht getan hatte
er ist in Gefahr, das fühlt sie
etw. dumpf, dunkel, instinktiv fühlen
ich kann den Unterschied nicht definieren, aber ich fühle ihn
er fühlte die Zeit herannahen, da ...
jmdn. seine Abneigung, Überlegenheit, Verachtung fühlen lassen
er fühlt (= merkt, ahnt), dass das nicht die Wahrheit ist
du stehst nicht allein da, alle fühlen mit dir
kein fühlender Mensch kann diesen Hilferuf überhören
sie hat ein fühlendes Herz
das Denken und Fühlen eines Menschen beeinflussen
er fühlt als Deutscher, Muslim
freiheitlich, national, sozial fühlen
mußte man nicht leidenschaftlich fühlen können, wenn man die Liebe wie einen Gott empfand [FlakeSchritt80]
4.
sich fühlensich in einem bestimmten seelischen Zustand befinden, sich für etw. halten
Beispiele:
sich bedroht, beleidigt, beschämt, betrogen, erniedrigt, gedemütigt, verfolgt, verkannt, verraten, zurückgesetzt fühlen
salopp sich auf den Schlips getreten fühlen
sich gepackt, erhoben, erleichtert, geschmeichelt fühlen
er fühlte sich durch diese Bemerkung nicht angesprochen, getroffen
sich der Aufgabe, jmdm. nicht gewachsen fühlen
sich jmdm. überlegen fühlen
sich einer Gemeinschaft zugehörig fühlen
sich jmdm., einer Sache verbunden fühlen
sich mit jmdm. solidarisch fühlen
sich innerlich gebunden fühlen
sich unangenehm, schmerzlich berührt fühlen
sich zu etw. berufen fühlen
sich ungerecht behandelt fühlen
sich zu jmdm., etw. hingezogen, von jmdm., etw. angezogen fühlen
sich zu etw. bewogen, verpflichtet, für jmdn., etw. verantwortlich fühlen
sich schuldig, frei von Schuld fühlen
sich geborgen, sicher fühlen
sich bei jmdm. gut aufgehoben fühlen
ich fühle mich hier überflüssig
sich dort allein, fremd, unbehaglich, heimisch, wohl fühlen
sich angeheimelt, glücklich fühlen
sich auf diesem Wissensgebiet unsicher fühlen
sich (ganz) in seinem Element fühlen
sich im Recht fühlen
sich als Genie, freier Mensch, als Herr im Hause, Märtyrer, Mittelpunkt fühlen
umgangssprachlich, scherzhaft sich als Hahn im Korb(e) fühlen
sich als jmds. geistiger Erbe, als Verteidiger der Freiheit fühlen
umgangssprachlich der fühlt sich aber! (= ist aber stolz, eingebildet!)
sich nicht zuständig fühlen (= der Meinung sein, dass man nicht zuständig ist)
er fühlt sich als Held (= er glaubt, dass er ein Held ist)
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

fühlen · Fühler · Fühlung · Gefühl · fühllos · gefühllos
fühlen Vb. ‘mit dem Tastsinn wahrnehmen, empfinden’, ahd. fuolen ‘befühlen, betasten, empfinden’ (um 800), mhd. vüelen (mit Erweiterung auf seelisches Erleben) ‘wahrnehmen, empfinden’, asächs. gifōlian, mnd. vȫlen, vǖlen, mnl. nl. voelen, aengl. fēlan, engl. to feel. Herkunft unsicher. Verwandt sind vielleicht lat. pollex ‘Daumen, große Zehe’, pollēre ‘stark sein, vermögen’ und bulg. pálam (палам) ‘suche’, aruss. palьcь ‘Daumen’, russ. pálex (палец) ‘Finger, Zehe’, so daß ie. *pō̌l- ‘geschwollen, dick, groß’ angenommen werden kann. Als Ausgangsbedeutung für fühlen wäre dann ‘mit dem Daumen, Finger betasten’ anzusetzen. Erwogen wird andererseits Zusammenhang des Verbs mit lat. palma ‘Hand’, griech. palámē (παλάμη) ‘flache Hand’, ahd. folma ‘flache Hand’ (8. Jh.) und Anschluß an die Wurzel ie. *pelə-, *plā- ‘breit und flach’ (s. ↗Feld); doch stößt die Verknüpfung mit den dazugehörigen Wörtern auf erhebliche lautliche und semantische Bedenken. Anstelle von fühlen bevorzugt das Obd. in gesprochener Sprache empfinden (bair.-öst.) und spüren, merken (schwäb.-alem.). Fühler m. mit Sinnesorganen versehene paarige Antennen bei Insekten, Krebsen, Borstenwürmern, Schnecken (als Verdeutschung von lat. antemna, s. ↗Antenne), älter allgemein ‘wer mit den Fingern prüfend abtastet’ (17. Jh.). Fühlung f. ‘Berührung’ (16. Jh.), ‘Empfindung’ (17. Jh.), seit dem 19. Jh. vielfach in militärsprachlichen Wendungen wie Fühlung haben, (be)halten, in Fühlung bleiben, stehen, Fühlung nehmen ‘Verbindung, Berührung haben’ u. dgl. Gefühl n. ‘Empfindung, Tastsinn’, im 17. Jh. wohl nach Vorbildern wie Gehör, Geschmack, Gesicht entstanden, älteres gleichbed. Fühle f., mhd. vüele ablösend. fühllos Adj. ‘empfindungslos’ (17. Jh.), zu Fühle (s. oben) gebildet, dafür heute gefühllos Adj. (18. Jh.).

Thesaurus

Psychologie
Synonymgruppe
empfinden · fühlen · ↗spüren · ↗verspüren · ↗wahrnehmen
Oberbegriffe
Unterbegriffe
Assoziationen
  • taktile Wahrnehmung
  • Fühlbarkeit · Taktilität
Psychologie
Synonymgruppe
empfinden · fühlen · ↗spüren · ↗verspüren · ↗wahrnehmen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Haus Mensch Stich anfühlen da du einsam er fit genug gut heimisch hier ich offenbar richtig schlecht schuldig sicher sie stark ungerecht unwohl verantwortlich wir wohl wohlfühlen zugehörig zuständig

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›fühlen‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

In der Nähe von Kindern fühlte sie sich einigermaßen sicher, fast unsichtbar.
Pressler, Mirjam: Malka Mai, Weinheim Basel: Beltz & Gelberg 2001, S. 239
Wenn ich diesen Text interpretiere, fühle ich beinahe, wie ich selbst zu dieser Frau werde.
Die Zeit, 02.10.1997, Nr. 41
Ich fühle mich geschmeichelt, aber ich darf mich nicht bestechen lassen; ich ändere nichts an meinem Aufsatz.
Mauthner, Fritz: Wörterbuch der Philosophie. In: Bertram, Mathias (Hg.) Geschichte der Philosophie, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1910], S. 31807
Dennoch fühlte sie sich einigermaßen unsicher, hielt es jedenfalls für angezeigt, die Dinge nur behutsam anzufassen.
Goldfriedrich, Johann: Geschichte des Deutschen Buchhandels vom Beginn der klassischen Litteraturperiode bis zum Beginn der Fremdherrschaft. In: Lehmstedt, Mark (Hg.) Geschichte des deutschen Buchwesens, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1909], S. 28831
Sie fühlen sich getragen von den Idealen der neuen Zeit, die sie der Verwirklichung entgegenführen wollen.
Meyer, Eduard: Geschichte des Altertums, Bd. IV,1. In: Geschichte des Altertums, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1901], S. 15566
Zitationshilfe
„fühlen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/fühlen>, abgerufen am 18.03.2019.

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