Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

fetzen

Grammatik Verb · fetzt, fetzte, hat gefetzt
Aussprache  [ˈfɛʦn̩]
Worttrennung fet-zen
Wortbildung  mit ›fetzen‹ als Erstglied: fetzig  ·  mit ›fetzen‹ als Letztglied: abfetzen · anfetzen · auffetzen · auseinanderfetzen · durchfetzen · hinfetzen · wegfetzen
eWDG und DWDS

Bedeutungen

1.
umgangssprachlich jmd. fetzt sich (mit jmdm.)sich mit einer Person um eine Sache heftig, unsachlich streiten (1 a), zanken (1); über eine Sache verschiedene Ansichten vertreten und heftig, lautstark, unsachlich diskutieren
siehe auch kloppen (2)
Beispiele:
Ich habe mich mit ihm gefetzt, schriftlich zuerst, dann auch in Gesprächen. [Welt am Sonntag, 09.09.2012]
[Die Fußballspieler] Streich und Tuchel lieferten sich in der A‑Jugend mit ihren Mannschaften heiße Duelle, fetzten sich an der Seitenlinie richtig. [Bild, 03.08.2020]
Die fünf Berater stritten 2019 über das, worüber sich auch die Bundesregierung fetzt. [Süddeutsche Zeitung, 15.01.2020]
Wir waren keineswegs immer einer Meinung und haben uns häufiger gefetzt. [Welt am Sonntag, 18.12.2011]
In Kiew machten prowestliche Abgeordnete den Parlamentspräsidenten mit Sirenenlärm vorübergehend mundtot und fetzten sich um den Zugang zur Rednertribüne. [Der Spiegel, 16.01.2009 (online)]
Die Schwestern fetzen sich, und Papa ist total überfordert. [Berliner Zeitung, 27.12.2002]
Der unkonventionelle West‑Advokat und die charmante Ost‑Anwältin lassen keine Gelegenheit aus, sich zu fetzen. [Berliner Zeitung, 04.01.1994]
Statt die Umweltkatastrophe im anderen Deutschland zum beherrschenden Thema zu machen, fetzten sich Fundi‑Fraktion und Realo‑Flügel über den künftigen Umgang mit der zur Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) gewendeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). [Der Spiegel, 30.04.1990]
2.
salopp jmd., etw. fetzt etw. (von etw., irgendwoher)eine Sache herunterreißen (1); eine Sache von einem Objekt abreißen¹ (1)
Beispiele:
Er [der Sturm] fetzt die letzten Blätter von den Linden[.] [ StrittmatterTinko41]WDG
Herbststürme setzen ein. Es scheint Toni, als hätten sie noch nie so roh an den Sträuchern im Garten gerissen, nie so schnell und gründlich die letzten Blätter von den Bäumen gefetzt. [Die Frau ohne Mann, aufgerufen am 03.08.2021]
Der Tropensturm, der über das damals weit verzweigte Flusssystem im heutigen Atlasgebirge und der Sous‑Ebene ausbrach, muss Stämme umgerissen und Äste von den Bäumen gefetzt haben. [Der Standard, 30.06.2013]
Katja, die mit der schweren schwarzen Posttasche von Briefkasten zu Briefkasten stolpert, merkt kaum, wie die Winde ihr die Kapuze vom Kopf fetzen. [Der Tagesspiegel, 27.12.2002]
3.
jmd. fetzt etw. (aus etw.)einen Bestandteil aus einem Objekt herausreißen (1)
Kollokationen:
mit Akkusativobjekt: Papier, Stoff fetzen
Beispiele:
Wütend reißt sie [die Romanfigur Jenn Lindh] seine Kleider aus den Schränken und wirft sie auf den Boden, fetzt Seiten aus dem Fotoalbum, wirft gerahmte Bilder und Andenken in einen Karton. [Holmberg, John-Henri: Kalte Schatten. [o. O.]: Goldmann 2014]
Gibt es Grenzen – wenn ja, welche? Moralische? Ethische? Ästhetische? Darf man beispielsweise auf der Bühne mit den Zähnen Seiten aus dem Koran fetzen? [Der Standard, 22.10.2015]
Ritsch, ratsch – geräuschvoll und mit großer Geste fetze ich die drei Seiten aus dem Büchlein. [Bild, 31.01.2002]
Fieberhaft sucht er [Jakob] in der Schultasche nach einem Kugelschreiber, fetzt ein Papierstück vom Notizblock, kritzelt eine Botschaft hin, knüllt eine Kugel daraus [und steckt sie dem Mädchen mit dem roten Anorak in die Jackentasche]. [Kortner, Joachim: Raststraße. [o. O.]: Books on Demand 2013]
Auch im Schlafzimmer war alles durcheinander: Die Schranktüren hatte man aufgerissen, […] die Bücher aus den Reaglen geworfen, die Papiere aus den Ordnern gefetzt und zwischen den Kleidern und den persönlichen Gegenständen verstreut. [De Carlo, Andrea: Arcodamore. [o. O.]: Diogenes 2012]
4.
jmd., etw. fetzt irgendwohinsich mit rasender Geschwindigkeit über eine Sache hinwegbewegen; sich mit rasender Geschwindigkeit bewegen¹ (1)
Beispiele:
Seit der Sturm Kyrill im Januar durch die Wälder fetzte, sind in Deutschland nicht nur etliche Bäume umgefallen, noch mal so viele, die stehen blieben, gerieten in lebensgefährlichen Stress. [Süddeutsche Zeitung, 22.05.2007]
Der kalte Wind aus Nordost fetzt die Wolken über den strahlend‑blauen Morgenhimmel. [Süddeutsche Zeitung, 11.02.2003]
Doch es gibt noch andere Möglichkeiten, mit blitzenden Kufen übers Eis zu fetzen. [Bild, 03.01.1998]
Als die Schüsse durch die Straßen fetzten, vergnügte sich Tamir hundert Meter von den Demonstranten entfernt im zweiten Stock des Hauses seiner Eltern, die ihren Kindern Ausgehverbot erteilt hatten, mit seinen beiden Brüdern beim Murmelspiel. [Der Spiegel, 25.06.1990]
Teuflisch fetzt sie [eine Rock-Sängerin] über die Bühne, schmeißt den wilden Mini, fletscht die Zähne […]. [die tageszeitung, 31.05.1990]
5.
salopp jmd., etw. fetztPersonen begeistern, in Ekstase versetzen (4 b)
Synonym zu reinhauen (4)
Beispiele:
Der Song [»Psychocision« von Accu§er] geht sechs Minuten, ist mir persönlich zu lang, aber fetzt total. [Accu§er – Accuser, 24.10.2020, aufgerufen am 03.08.2021]
Der [Titel-]Song [der neuen Fernsehserie] hat voll gefetzt. Die Themes der andere Serien waren einfach extremst dröge. [Ab Januar 2011 bei Tele 5, 06.08.2011, aufgerufen am 03.08.2021]
[Über die Songs einer Musikband:] Gefetzt, bis die Scheiben beschlugen [Überschrift] [Gefetzt, bis die Scheiben beschlugen, 11.09.2009, aufgerufen am 22.02.2021]
Die Partyidee fetzt erst richtig, als ein Gast wirklich tot ist. [Der Spiegel, 20.08.1990]
[Schauspieler Tom] Cruise fetzt zwar schön, aber leider stimmt es nicht, daß irgendwie alles auf irgendeine Weise mit allem zusammenhängt. [die tageszeitung, 09.05.1990]
Zum Ende eines Schuljahres rissen Schüler vor Freude über die nahenden Ferien Seiten aus Schulbüchern und Heften – das fetzte, begeisterte […]. [Berliner Zeitung, 08.07.1986]
6.
jmd. fetzt jmdm. eine, jmd. bekommt eine gefetzteiner Person einen Schlag oder Hieb ins Gesicht versetzen (4 a), geben (3), erteilen; einen Stromschlag bekommen (I 1 d)
Beispiele:
Im Auto hatten wir Streit wegen einer Wurstsemmel. Er ist handgreiflich geworden. Ich lass’ mich aber nicht abwatschen, hab’ ihm auch eine gefetzt. [Attacke mit dem Geißfuß, 03.03.2016, aufgerufen am 03.08.2021]
Da [wenn die Stromkabel freiliegen] kann man […] [auch] bei 100 V richtig eine gefetzt bekommen. [Dynacord DT 96 – Was sind das für Stecker?, 02.10.2014, aufgerufen am 22.02.2021]
Beide Hände auf Holz, Glas oder Stein legen, hilft mir immer, wenn ich beim Autozuschließen eine gefetzt bekomme … [Stromschlag-Alarm!, 08.02.2012, aufgerufen am 03.08.2021]
Die kleine Hündin wollte natürlich gleich mit ihm [meinem Kater] spielen, da sie das nicht anders kennt. Da hat mein Kater ihr gleich eine gefetzt, sodass sie aufheulte ohne Ende. [Wie gewöhnt sich Kater 15 an 5 Mon. junge Yorki-Mix, 23.08.2010, aufgerufen am 22.02.2021]

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Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Fetzen · fetzen · zerfetzen
Fetzen m. ‘Lumpen, abgerissenes Kleidungsstück’, spätmhd. vetze. Die substantivische Bildung gehört zu dem unter fassen (s. d.) behandelten Verb (wobei ein ehemaliges j der zweiten Silbe des Substantivs die Verschiedenheit der Konsonanz im Vergleich zum Verb bewirkt) und knüpft an die Bedeutung ‘sich kleiden’ an, die noch in mhd. vaʒʒen erhalten ist. Vgl. verwandtes anord. fat ‘Gefäß, Decke, Kleid’, Plur. fǫt ‘Kleider’ sowie Faß (s. d.). In Süddeutschland gilt Fetzen heute weithin für ‘Lappen’. fetzen Vb. ‘zerreißen’ (Ende 15. Jh.); häufiger zerfetzen Vb. ‘in Stücke zerreißen’ (16. Jh.). Dazu in der modernen expressiven Sprache der Jugend das fetzt (ein) ‘findet großen Anklang, schlägt ein, reißt mit’ (70er Jahre 20. Jh.), wobei die durch Spirans und Affrikata hervorgerufene Klangschärfe das Verb zum affektisch getönten Ausdruckswort geeignet macht. Davon abgeleitet fetzig Adj. ‘einschlagend, beeindruckend, mitreißend’.

Thesaurus

Synonymgruppe
(sich) streiten (mit / über / um / wegen) · hadern (mit)  ●  (mit jemandem) ein Hühnchen rupfen  ugs., fig. · (sich) fetzen  ugs. · (sich) kabbeln  ugs. · (sich) zanken  ugs. · (sich) zoffen  ugs.
Assoziationen
  • (einen) Streit beginnen · Streit anfangen · Streit bekommen  ●  (einen) Streit vom Zaun brechen  fig. · in Streit geraten (mit)  Hauptform · (sich) anne Köppe kriegen  ugs., ruhrdt. · (sich) in die Haare kriegen  ugs., fig. · (sich) in die Wolle geraten  ugs., fig. · (sich) in die Wolle kriegen  ugs., fig. · Krach kriegen  ugs. · aneinandergeraten  ugs. · das Kriegsbeil ausgraben  ugs., fig. · zusammenknallen  ugs., fig.
  • (ein) Streitgespräch führen · (einen) Disput haben · (sich) heftig auseinandersetzen (über) · (sich) streiten (über) · disputieren  ●  (sich) zoffen  ugs.
  • (einen) Strauß ausfechten · (einen) Streit zur Entscheidung bringen · bis zur Entscheidung kämpfen  ●  (einen) Streit austragen  Hauptform
Synonymgruppe
eilen · galoppieren · hasten · hechten · hetzen · huschen · pfeifen · rasen · schnell laufen · schnellen · sprinten · stieben  ●  fegen  fig. · laufen  Hauptform · rennen  Hauptform · schießen  fig. · Gummi geben  ugs. · Hackengas geben  ugs. · dahinpreschen  ugs. · die Beine in die Hand nehmen  ugs., fig. · düsen  ugs. · fetzen  ugs. · fitschen  ugs., ruhrdt. · fliegen  geh., fig., literarisch · flitzen  ugs. · jagen  ugs. · pesen  ugs. · preschen  ugs. · sausen  ugs. · spurten  ugs. · stürmen  ugs. · wetzen  ugs. · zischen  ugs.
Oberbegriffe

Typische Verbindungen zu ›fetzen‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›fetzen‹.

Zitationshilfe
„fetzen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/fetzen>.

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