Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

gnädig

Grammatik Adjektiv
Aussprache 
Worttrennung gnä-dig
Wortbildung  mit ›gnädig‹ als Letztglied: allergnädigst · ungnädig

Bedeutungsübersicht+

  1. 1. [spöttisch] große, herablassende Güte zeigend
    1. [gehoben] ⟨gnädige Frau, gnädiges Fräulein!⟩ Anrede
    2. [spöttisch, veraltend] ⟨die Gnädige⟩ die Herrin
    3. [veraltet] ⟨der gnädige Herr⟩ der Herr
    4. [veraltet] ⟨die gnädige Herrin⟩ die Herrin
  2. 2. unverdiente Schonung gewährend, mild
eWDG

Bedeutungen

1.
spöttisch große, herablassende Güte zeigend
Beispiele:
er war so gnädig, mir die Hand zu geben, mir zu helfen
sei so gnädig und stehe auf
du bist aber auch zu gnädig!
gnädig danken, nicken, lächeln, abwinken
jmdn. gnädig anhören
etw. gnädig entgegennehmen, geschehen lassen
er war heute in gnädiger Laune, Stimmung
sie gab mir die gnädige Erlaubnis
es möchte ihm gnädigst die Heirat mit dem Fräulein von Gutstedt verstattet werden [ ZuchardtSpießrutenlauf6]
Der Zufall – der gnädige, gute Zufall [ FalladaJeder stirbt182]
gehoben gnädige Frau, gnädiges Fräulein!Anrede
Beispiele:
Ein Kind möcht Sie sprechen, gnädiges Fräulein [ KästnerLottchen113]
wenn sich die gnädige Frau beeile, vielleicht könnte sie sie noch einholen [ FusseneggerAntlitz133]
spöttisch, veraltend die Gnädigedie Herrin
Beispiel:
die Gnädige ist nicht zu Haus, ist ausgegangen
veraltet der gnädige Herrder Herr
Beispiel:
Franz von Moor ist ja gnädiger Herr geworden [ SchillerRäuberIII 1]
veraltet die gnädige Herrindie Herrin
Beispiel:
Da nun die gnädige Frau schöne Blumen zu ihrem Anzuge braucht [ EichendorffTaugenichts3,26]
2.
unverdiente Schonung gewährend, mild
Beispiele:
das Unglück ist noch gnädig abgegangen
etw. ist gnädig an jmdm. vorübergegangen
scherzhaftmachen Sie es gnädig (= glimpflich) mit mir
ein gnädiges Urteil
eine gnädige Strafe
er hatte einen gnädigen Tod, wünscht sich einen gnädigen Tod
Der Turm … war ein einförmiger Rundbau, zum Teil gnädig von Efeu verdeckt [ KafkaSchloß18]
Ach neige, / Du Schmerzenreiche, / Dein Antlitz gnädig meiner Not! [ GoetheFaustI 3589]
Franz ringt und wartet auf den Tod, auf den gnädigen Tod [ DöblinAlexanderpl.475]
Gott ist den Sündern gnädig [ Suderm.Reise nach Tilsit6,42]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Gnade · begnaden · begnadet · begnadigen · gnädig · Gnadenbrot · Gnadenfrist · gnadenreich · Gnadenstoß
Gnade f. ‘verzeihende Güte, Nachsicht, Schonung, herablassende Gunst, Strafnachlaß’, in der christlichen Religion ‘Barmherzigkeit Gottes, Sündenvergebung’, ahd. gināda ‘göttliches Erbarmen, Gottes Hilfe, Wohlwollen, Gunst’ (8. Jh.), mhd. g(e)nāde ‘das Sichniederlassen, um auszuruhen, ruhige Lage, Glück(seligkeit), Gunst, Huld, Gottes Hilfe und Erbarmen’, asächs. (gi)nāða, mnd. genāde, mnl. ghenāde, nl. genade, anord. (aus dem Asächs. oder Mnd.) nāð ‘Gnade, Frieden, Ruhe’ sind dehnstufige Feminina zu einem nur in got. niþan ‘helfen’ belegten Verb unbekannter Herkunft. Eine Verbindung zu aind. nā́thatē ‘sucht Hilfe, fleht’ und griech. oninánai (ὀνινάναι) ‘nützen, helfen’ ist zweifelhaft. Als Ausgangsbedeutung für das Verb wird ‘sich in Ruhelage begeben, sich niederlassen, um auszuruhen’ und für das Substantiv entsprechend ‘Ruhe, ruhiges Leben, Friede, Glück’ angenommen (vgl. spätmhd. diu sunne gēt ze genāden ‘die Sonne geht unter, begibt sich zur Ruhe’). Gnade im Sinne von ‘huldvolles Zugeneigtsein’ wird in der süddeutschen Mission Übersetzungswort für kirchenlat. grātia und auf das Verhältnis Gottes zu den Menschen bezogen. Die als Zusatz bei Herrschertiteln erscheinende Formel von Gottes Gnaden ist die seit dem 13. Jh. geläufige Übersetzung von lat. grātiā deī, griech. cháriti theū́ (χάριτι θεοῦ), zurückgehend auf Paulus (1. Kor. 15, 10), der sein Apostelamt auf der Gnade Gottes aufbaut. Sie wird von Karl dem Großen dem weltlichen Herrschertitel hinzugefügt. Die Anrede Euer Gnaden, mhd. iuwer gnāde, daneben Ihr(e), Ihro Gnaden (16. Jh.) an fürstliche oder hochgestellte Personen entwickelt sich unter Einwirkung von spätlat. tua bzw. vestra clēmentia. Ferner vgl. Redewendungen wie Gnade geht vor Recht, mhd. gnāde gēt vür daʒ reht; sich auf Gnade und Ungnade ergeben ‘sich bedingungslos ausliefern’ (15. Jh.); die Gnade haben (‘geruhen’), etw. zu tun (18. Jh.); zu Gnaden halten ‘gnädig sein’ (18. Jh.); Gnade ergehen lassen ‘Nachsicht üben’ (19. Jh.). – begnaden Vb. ‘eine Gnade zuteil werden lassen, mit hohen Gaben beschenken’, mhd. begnāden ‘Gnade erweisen, ein Privileg erteilen, Almosen geben’; dazu begnadet Part.adj. ‘hochbegabt, genial’, eigentlich ‘durch Gnade mit besonderen Gaben beschenkt’, vgl. ein begabter vnd begnadter Mensch (17. Jh.). begnadigen Vb. ‘Strafnachlaß, Straferlaß gewähren, Gnade erweisen, beschenken’ (16. Jh.), spätmhd. begnādigen, begnedigen ‘mit einer Gnade versehen, begaben, beschenken’; mit Umlaut (begnädigen) noch im 18. Jh. Als Part.adj. begnadigt im Sinne von begnadet (s. oben) vereinzelt bis ins 19. Jh. gnädig Adj. ‘Gnade übend, gewährend, barmherzig, gütig, nachsichtig, freundlich’, ahd. ginādīg ‘wohlwollend, liebreich, barmherzig, mild, geneigt’ (8. Jh.), mhd. genædec; zunächst (seit ahd. Zeit) vornehmlich Attribut Gottes. Dann häufig (14. Jh.) in der Anrede adliger, später (18. Jh.) auch bürgerlicher Personen, vgl. gnädiger Herr, gnädige Frau, gnädiges Fräulein, auch substantiviert die Gnädige, meine Gnädigste (18. Jh.). Gnadenbrot n. ‘aus Barmherzigkeit, Dankbarkeit für geleistete Dienste im Alter gewährter Unterhalt’ (18. Jh.). Gnadenfrist f. ‘aus Gnade gewährte Zeit der Schonung, Zeit der Strafaussetzung, letzte Frist’ (um 1800), zuvor im religiösen Sinne ‘Zeit der Gnade für die Seele vor dem Jüngsten Gericht’ (um 1600). gnadenreich Adj. ‘voller Gnade, huldreich, gesegnet’, mhd. genādenrīche, aus der genitivischen Verbindung mhd. der genāden rīche. Gnadenstoß m. ‘Stoß, Stich zur Beendigung der Todesqual (eines verwundeten Tieres)’, anfänglich ‘vom Henker ausgeführter Todesstoß ins Genick oder Herz des Verurteilten, um ihm die Qualen der nachfolgenden Räderung zu ersparen’ (um 1700); vgl. mhd. genādenstōʒ ‘Anstoß der göttlichen Gnade’.

Thesaurus

Synonymgruppe
gnädig · großzügig  ●  huldvoll  altertümelnd

Typische Verbindungen zu ›gnädig‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›gnädig‹.

Verwendungsbeispiele für ›gnädig‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Weswegen man einen anderen Gang schaltet, wissen Sie möglicherweise, gnädige Frau. [o. A.: Eva und das Auto, Hamburg: BP Benzin und Petroleum Aktiengesellschaft Verl. 1966, S. 7]
Es war klar, daß es nicht leicht werden würde, sie wieder gnädig zu stimmen. [Düffel, John von: Houwelandt, Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag 2004, S. 179]
Um des V. es der Väter willen handelt Gott gnädig mit seinem Volk. [Schott, E.: Verdienst. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1962], S. 31493]
Dafür zeigt sich das Programm äußerst gnädig, wenn man längere Zeit vergessen hat, seine Arbeit abzuspeichern. [C’t, 2000, Nr. 12]
Ich denke, das wäre etwas für eine kluge gnädige Frau. [Tucholsky, Kurt: Rieges Holzschnitte. In: ders., Kurt Tucholsky, Werke – Briefe – Materialien, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1922], S. 28786]
Zitationshilfe
„gnädig“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/gn%C3%A4dig>.

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