jungfräulich

Grammatik Adjektiv · Komparativ: jungfräulicher · Superlativ: am jungfräulichsten, Steigerung selten
Aussprache  [ˈjʊŋfʀɔɪ̯lɪç]
Worttrennung jung-fräu-lich
Wortzerlegung Jungfrau -lich
Wortbildung  mit ›jungfräulich‹ als Erstglied: Jungfräulichkeit
eWDG und ZDL

Bedeutungen

1.
christliche Religion mit Bezug auf die im Neuen Testament dargestellte Geburt Jesu   von der Jungfrau (1) Maria
Kollokationen:
als Adjektivattribut: die jungfräuliche Empfängnis
Beispiele:
Wenn auch z. B. von seiten Roms am Dogma der jungfräulichen Empfängnis Marias (wie auch der fortdauernden Jungfräulichkeit trotz mehrerer Geschwister Jesu) permanent festgehalten wird, obwohl die beiden in der Bibel aufgeführten (im übrigen sich völlig widersprechenden) Stammbäume Jesu (Matthäus 1,1–6 und Lukas 3,23–38) eindeutig Josef als Jesu leiblichen Vater ausweisen, so vermag der Vatikan den Knoten dieser Ungereimtheiten nicht mehr durch einen Schlußstrich auflösen. [Süddeutsche Zeitung, 05.12.1992]
Am 1. November 1950 verkündete, erklärte und definierte Papst Pius XII. das von Gott geoffenbarte Dogma, dass »die unbefleckte, allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.« [Landshuter Zeitung, 14.08.2021]
Die Autorität der Gottesmutter machte Bischof Ackermann an vier Situationen in der Bibel fest: das Zusammenhalten von Maria und Josef nach der jungfräulichen Empfängnis, bei der Hochzeit zu Kanaan, die Ansprache Jesu am Kreuz an seine Mutter und die Versammlung der Apostel nach der Kreuzigung, bei der Maria als eine geistliche Autorität fungiert habe. [Rhein-Zeitung, 10.09.2019]
Und es war schön, daß die katholische Kirche die holdseligste Jahreszeit der holdseligsten Jungfrau geweiht hatte, der jungfräulichen Gottesgebärerin, die aller Mütter schmerzensreichste war, Maria mit dem blutenden Herzen. [Voß, Richard: Zwei Menschen. Stuttgart: Engelhorn 1911 [1949], S. 213]
2.
wie eine Jungfrau (1) erscheinend; im Stande einer Jungfrau
Kollokationen:
als Adjektivattribut: die jungfräuliche Braut, Gottesmutter, Königin
Beispiele:
Im Alter von 70 Jahren verstarb die »jungfräuliche Königin« [Elisabeth I.], die zwar »nur« eine Frau war, sich aber auf dem politischen Spielfeld des turbulenten 16. Jahrhunderts bestens behaupten konnte. [Elisabeth I (Tudor) von England: Biographie einer Vordenkerin, 29.03.2020, aufgerufen am 01.09.2020]
Atalanta ist benannt nach Atalante, einer jungfräulichen Jägerin aus der griechischen Mythologie. [Neue Zürcher Zeitung, 30.09.2021]
Julerl stand mit gesenkten Augen, die Hände unter der seidenen Schürze, die Fußspitzen fest aneinandergedrückt, wie es die gute Sitte des Dorfes von einem jungfräulichen Bräutl beim Examen verlangt. [Ganghofer, Ludwig: Der Dorfapostel. Stuttgart: Adolf Bonz 1917 [1900], S. 235]
Caroline Kennedy ist über uns gekommen, geboren von Jackie, der elegantesten, wenn nicht jungfräulichsten Frau, seitdem die Jungfrau Maria die drei Weisen in einem Stall empfing. [Frankfurter Rundschau, 20.12.2008] ungewöhnl.
a)
einer Jungfrau eigen oder ihr zugeschrieben
Kollokationen:
als Adjektivattribut: jungfräuliches Weiß
Beispiele:
Nach einer Notlandung des Ich‑Erzählers in der Wüste Sahara trifft dieser einen seltsamen Jungen, der ihm verrät, er sei ein Prinz von einem kleinen Stern. Den verließ er, als er an der Liebe seiner Rose zu zweifeln begann. Sie versteckte nämlich ihre Zuneigung hinter widerspenstigen Reden. Dass dies nur aus jungfräulicher Scham und Angst geschah, verstand der kleine Prinz noch nicht. [Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupery, 07.01.2011, aufgerufen am 31.08.2020]
Am letzten Verhandlungstag trug sie ein kurzes Kleid – laut New York Times in »jungfräulichem Weiß«, das eher für eine »Kommunionfeier als für einen Gerichtssaal« geeignet gewesen sei. [Landshuter Zeitung, 27.04.2019]
Züchtig zog sie die Decke vor ihren jungfräulichen Körper, während sie Korsett und Beinkleider anlegte. [Müller-Jahnke, Clara: Ich bekenne. In: Deutsche Literatur von Frauen. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1904], S. 52517]
Die jungfräuliche Gebärmutter ist etwa 6½ Zentimeter lang und wiegt zirka 40 bis 60 Gramm, während sie zur Zeit der Schwangerschaft 25 bis 37 Zentimeter lang, 25 Zentimeter breit und 23 Zentimeter tief wird. [Gerling, Reinhold: Was muß man vor der Ehe von der Ehe wissen? In: ders.: Das große Aufklärungswerk für Braut- und Eheleute. Dresden: Buchversand Gutenberg 1933 [1901], S. 227]
Frau Harries‑Wippern, die jungfräulichste Stimme, die ich je gehört habe. Sie war einst sehr gefeiert, und nur ungern sahen wir sie bald aus unserer Mitte scheiden, da sie krankheitshalber sich sehr früh schon pensionieren ließ. [Lehmann, Lilli: Mein Weg. In: Simons, Oliver (Hg.): Deutsche Autobiographien 1690–1930. Berlin: Directmedia Publ. 2004 [1913], S. 42627] ungewöhnl.
b)
Phrasem:
jungfräulicher Hering (= Matjeshering)
Beispiele:
Ein Matjes ist ein noch jungfräulicher Hering, der sich den Frühling über einen Fettanteil von mindestens 16 Prozent angefressen haben sollte. [Matjes Sandwich mit Avocado-Mayonnaise, 13.06.2018, aufgerufen am 01.09.2020]
»Bei der Spezialität handelt es sich um einen quasi jungfräulichen Hering«, erklärt der Inhaber […]. Der Hering wird vor Erreichen der Geschlechtsreife gefangen. [Münchner Merkur, 10.06.2020]
Nur jungfräuliche Heringe können Matjes werden, das Wort ist abgeleitet vom niederländischen »Maagd« wie Jungfrau. [Thurgauer Zeitung, 12.06.2017]
3.
übertragen unberührt, unbenutzt
Kollokationen:
als Adjektivattribut: jungfräulicher Pulverschnee; jungfräuliche Erde; jungfräuliches Weiß
Beispiele:
Wildnis steht für unberührte, jungfräuliche Natur, eine Landschaft ohne Menschen. [Schluss mit »Wildnis« (neues deutschland), 15.10.2021, aufgerufen am 15.10.2021]
Wir sehen die Welt so, wie wir gelernt haben, sie zu sehen. Es ist schon lange keine jungfräuliche Welt mehr. […] Die Welt mag vermessen, aufgeteilt und geplündert sein. Aber wir entdecken sie jeden Tag neu. [Strandpatenschaft: Die erstaunlichen Nachtwachen des Dichters Thomas Böhme, 02.11.2021, aufgerufen am 03.11.2021]
Zu dieser Zeit ist die ganze Welt geblendet durch den riesigen Erfolg des Ackerbaus auf den jungfräulichen Böden in der nordamerikanischen Prärie und der schwarzen Erde in der Ukraine. [Als Witzwil der beste Knast der Welt war – die Geschichte einer legendären Strafanstalt, 10.10.2021, aufgerufen am 10.10.2021]
Die Hamburger Profis um Kapitän Philipp Ziereis werden also die ersten Spieler eines Gästeteams sein, die Zutritt zum modernen Kabinentrakt erhalten und den noch jungfräulichen Rasen betreten dürfen. [Hamburger Abendblatt, 07.10.2021]
Langsam zogen wir durch eine jungfräuliche Urlandschaft von Wasser, Weiden und Schilf […] [ K. LorenzEr redete71]WDG
[…] Neuseeland bietet etwas, das die Biotech‑Industrie braucht: die wohl jungfräulichste Natur der Erde, reiche biologische Ressourcen, kaum Außeneinflüsse. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.02.2003] ungewöhnl.

letzte Änderung:

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Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

jung · Junge · jungen · verjüngen · Jungbrunnen · Jungfrau · jungfräulich · Junggeselle
jung Adj. ‘nicht alt, frisch, neu’, ahd. jung (8. Jh.), mhd. junc, asächs. jung, mnd. junc, mnl. jonc, nl. jong, aengl. g(e)ong, engl. young, anord. ungr, schwed. ung, got. juggs (germ. *junga- aus *ju(w)unga-) führt mit aind. yuvaśáḥ ‘jung, junger Mensch’, lat. iuvencus ‘junger Stier, junger Mensch’ auf ie. *i̯uu̯ṇk̑ós, eine mit Gutturalerweiterung gebildete Ableitung zum Stamm ie. *i̯uu̯en- (zur Wurzel ie. *i̯eu- ‘jung’). Dazu gehören aind. yúvā (Stamm yúvan-) ‘jung, Jüngling, junger Mann’, lat. iuvenis ‘jung, Jüngling, Jungfrau’ und (mit sekundärer Umbildung nach diphthongischen Komparativformen) lit. jáunas ‘jung’, aslaw. junъ, russ. júnyj (юный); s. auch Jugend, Junior, Junker. Junge m. ‘Kind männlichen Geschlechts’ (überwiegend im Nordd. und Md.), wohl Verkürzung (16. Jh.) aus attributiven Fügungen (der junge Knabe, Geselle u. a.), während mhd. junge m. ‘Jüngling, junger Mann, Jünger’ als maskuline Substantivierung des Adjektivs anzusehen ist. Älter ist das substantivierte Neutrum das Junge ‘Tierjunges’, bereits ahd. jungo (9. Jh., daneben auch ahd. jungīn, jungī), mhd. junge. jungen Vb. ‘Junge werfen’ (15. Jh.). verjüngen Vb. ‘jung machen’ (16. Jh.), auch reflexiv ‘nach oben dünner werden’ (18. Jh.), vgl. ahd. jungen ‘verjüngen, erneuern’ (um 1000), jungēn ‘sich verjüngen’ (11. Jh.), mhd. jungen, jüngen ‘jung machen, werden’. Jungbrunnen m. ‘Brunnen, dessen Wasser jung machen soll’, mhd. juncbrunne. Jungfrau f. ‘junges, unverheiratetes Mädchen’, ahd. jungfrouwa (um 1000), mhd. juncvrouwe, -vrowe, -vrou ‘junge Herrin, unverheiratetes Edelfräulein’, auch (durch Übertragung der ehrenvollen Bezeichnung) die als Gottesmutter verehrte Jungfrau Maria, Äquivalent für lat. virgo und Synonym für mhd. maget (s. Magd). Später allgemein ‘junges, sexuell unberührtes Mädchen’ (s. Frau und Jungfer). jungfräulich Adj. ‘unberührt, rein, frisch’, mhd. juncvrouwelich. Junggeselle m. ‘unverheirateter Mann’, aus der Fügung der junge Gesell zusammengerückt, zunächst ‘junger Handwerksbursche’ (15. Jh.), der noch nicht verheiratet ist, daraufhin allgemein ‘unverheirateter (junger) Mann’ (16. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
makellos · unangetastet · unberührt · unverändert · ursprünglich  ●  jungfräulich  fig.
Assoziationen
Synonymgruppe
aus erster Hand · fabrikneu · frisch ausgepackt · neuwertig · soeben fertig geworden · unbenutzt · ungebraucht · wie neu  ●  neu (unbenutzt)  Hauptform · frischgebacken  ugs. · jungfräulich  ugs., fig.
Assoziationen
Synonymgruppe
Synonymgruppe
frisch auf den Tisch · frisch aus (der/dem - z.B. Druckerei) · ganz neu · sehr neu · taufrisch · unbenutzt · unberührt  ●  brandneu  ugs. · flammneu  ugs. · flatschneu  ugs., ruhrdt. · funkelnagelneu  ugs. · jungfräulich  ugs., fig. · nagelneu  ugs. · nigelnagelneu  ugs. · noch ganz warm  ugs. · ofenfrisch  ugs. · ofenwarm  ugs.
Oberbegriffe
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›jungfräulich‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›jungfräulich‹.

Zitationshilfe
„jungfräulich“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/jungfr%C3%A4ulich>.

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