kiesen

GrammatikVerb
Worttrennungkie-sen
GrundformKies
Wortbildung mit ›kiesen‹ als Letztglied: ↗auskiesen
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Kür · Kurfürst · kurfürstlich · Kurfürstentum · Kurhut · Kurwürde · kiesen · küren · erkoren · auserkoren · kören
Kür f. ‘nach freier Wahl zusammengestellte Übung bei Wettkämpfen’. Der Sportausdruck, auch in Zusammensetzungen wie Kürturnen (19. Jh.), Kürlaufen, Kürübung (20. Jh.) und daher heute oft als Verkürzung solcher Bildungen angesehen, ist eine auf Jahn (Turnkühr, -kühre ‘freiwillige Übungen’ im Unterschied zu Turnschule ‘Übungen nach Vorschrift’, 1816) zurückgehende Wiederaufnahme des bis ins ältere Nhd. lebendigen Substantivs ahd. kuri f. ‘Erwägung, Beratung, Auswahl’ (9. Jh.), mhd. kür(e) f., auch (besonders md.) kur(e), kor(e), kör(e) m. f. ‘Prüfung, Erwägung, prüfende Wahl, Stimmrecht, Beschluß, Bestimmung, Strafe, Art und Weise’, nhd. Kür, Kur f. ‘prüfende Erwägung, Entscheidung, Wahl’ (vor allem terminologisch für die vom 13. bis Anfang des 19. Jhs., d. h. bis zur offiziellen Auflösung des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, übliche Wahl des deutschen Königs durch die hierzu berechtigten Fürsten; in dieser Verwendung bis ins 18. Jh. meist die ursprünglich obd. Schreibung Chur). Dieses ist in der Gegenwart erhalten in historischen Bezeichnungen wie Kurfürst m. ‘zur Königswahl berechtigter Fürst’ (mhd. kür-, kurvürste), kurfürstlich Adj. (spätmhd. kurvürstlich), Kurfürstentum n. (mhd. kurvürstentuom), Kurhut m. ‘die Kurwürde kennzeichnender Hut’ (16. Jh.), Kurwürde f. ‘Würde eines Kurfürsten’ (18. Jh.), ferner in ↗Willkür (s. d.). Zu Kür, Kur vgl. auch asächs. kuri m. ‘Wahl’, mnd. kȫr(e), kür(e) m. f. (Bedeutungen wie im Mhd.), mnl. cōre, cuere m. f. ‘Wahl, Verordnung’, nl. keur f. ‘Wahl, Auswahl, Probe, Verordnung’, aengl. cyre m. ‘Wahl, Entscheidung’, anord. kør n., schwed. kor n. ‘Wahl’. Die angeführten Nomina actionis folgen den tiefstufigen Formen des in seiner Konjugation grammatischen Wechsel zwischen s und r zeigenden gemeingerm. Verbs ahd. kiosan (8. Jh.), mhd. frühnhd. kiesen ‘sehen, wahrnehmen, prüfend betrachten, erwägen, erkennen, aus-, erwählen’, asächs. kiosan ‘wählen’, mnd. kēsen, mnl. kiesen ‘prüfend betrachten, wahrnehmen, aus-, erwählen, sich entscheiden’, nl. kiezen ‘(aus)wählen’, aengl. cēosan ‘(aus)wählen, annehmen’, engl. to choose ‘wählen, bevorzugen’, anord. kjōsa ‘wählen, wünschen, zaubern’ (eigentlich ‘einen Gegenstand zur Zauberei wählen’), got. kiusan ‘prüfen’. Hierzu stellen sich außergerm. Entsprechungen wie aind. juṣátē, jṓṣati ‘hat gern, findet Gefallen, genießt’, awest. zaoš-, apers. dauš- ‘an etw. Gefallen finden’, griech. gé͞uesthai (γεύεσθαι) ‘kosten, schmecken, zu spüren bekommen’, lat. dēgūnere ‘kosten’, air. togu ‘wählen’ und, mit dentalem Element wie in ↗kosten (s. d.), lat. gustāre ‘kosten, genießen’, die auf eine gemeinsame Wurzel ie. *g̑eus- ‘kosten, genießen, schmecken’ (im Germ. und Kelt. ‘wählen’ durch Übertragung des Wahrnehmens und Prüfens auf andere Sinnesbereiche) führen. Im Nhd. findet sich das starke Verb kiesen ‘(er)wählen’ (s. oben) nach dem 17. Jh. nur noch in dichterischer Sprache. Dafür kommt seit dem Mhd. allmählich das schwach flektierende gleichbed. Denominativum küren (vgl. spätmhd. er-, ver-, willekürn, mnd. kȫren) in Gebrauch, das in neuerer Zeit ebenfalls auf gehobene Ausdrucksweise beschränkt bleibt. Feierlichem Stil sind auch die Partizipien erkoren ‘erwählt’ und auserkoren ‘auserwählt’ vorbehalten, die (neben gelegentlich bis heute verwendeten Präteritalformen wie ich erkor, wir erkoren oder ausschließlich im Gliedsatz noch möglichem daß er auserkor) als Reste ehemals geläufiger Präfixbildungen von kiesen fortleben, vgl. ahd. irkiosan ‘prüfen, wahrnehmen, erwählen’ (9. Jh.), mhd. erkiesen ‘wahrnehmen, ersinnen, erwählen, greifen’, nhd. (bis ins 18. Jh.) erkiesen ‘erwählen’ (auch asächs. ākiosan, aengl. ācēosan, got. uskiosan ‘aus-, erwählen’) sowie aus diesem (im Anschluß an das mit Adverb verbundene Part.adj. mhd. ūʒ erkorn) weitergebildetes nhd. auserkiesen ‘auserwählen’ (16. bis 18. Jh.). Die nd. Lautvariante von küren ergibt das Fachwort der Tierzucht kören Vb. ‘ein männliches Tier zur Zucht auswählen’ (19. Jh., vgl. mnd. kȫren ‘wählen, auswählen, sich entscheiden’).

Thesaurus

Synonymgruppe
aussuchen · ↗auswählen · ↗erwählen · ↗küren · ↗optieren (für) · ↗wählen  ●  ↗auserwählen  geh. · ↗erkiesen (Partizip 2 = erkoren)  geh., veraltet · kiesen (Partizip 2 = gekoren)  geh., veraltet
Assoziationen

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Als erste Station meiner lokalen Studien von Wahrheit und Wein kor ich das Hotel „Germania“.
Die Zeit, 17.01.1966, Nr. 03
Der Rechtsprofessor und FDP-Abgeordnete Edzard Schmidt-Jortzig ist als neuer Justizminister ein gekorener Verlierer.
Die Zeit, 11.03.1996, Nr. 11
Minner werch schol sei nicht kiesen, Wil sei daz krentzel nicht verliesen.
Röhrich, Lutz: Kranz. In: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten [Elektronische Ressource], Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1994], S. 3443
Zitationshilfe
„kiesen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/kiesen>, abgerufen am 17.02.2019.

Weitere Informationen …

alphabetisch vorangehend alphabetisch nachfolgend
Kieselzinkerz
Kieselstein
Kieselschwamm
Kieselsäure
kieselsauer
Kieserit
kiesetig
Kiesfang
Kiesfilter
Kiesgrube