kirre

Grammatik Adjektiv · ohne Steigerung
Aussprache  [ˈkɪʀə]
Worttrennung kir-re
Wortbildung  mit ›kirre‹ als Grundform: ↗kirren
ZDL-Vollartikel

Bedeutungen

1.
nervig, anstrengend; stark vom Gewöhnlichen abweichend, schrill (2)
Beispiele:
Alles wie immer, kirre Show [der European Song Contest], unsagbar seltsame Musikdarbietungen, der Favorit gewinnt, Deutschland ganz hinten, oder? Nicht ganz. Der ESC 2019 wird in Erinnerung bleiben. Und nicht wegen Platz 24 von 26 für die deutschen S!sters. [Die Welt, 20.05.2019]
Das Kreativteam hinter dem Welterfolg »Ziemlich beste Freunde« hat sich ein Szenario ausgedacht, wie kaum typischer sein könnte für eine Boulevardbühne, die schrille Typen und kirre Zuspitzungen braucht[…]. [Saarbrücker Zeitung, 01.02.2018]
Die Leiche im Wasser, ein entführtes Kind, eine scheinbar kirre Mutter, die ihren verlorenen Sohn nach 14 Jahren wiedergesehen haben will […] – alles hing mittelbar oder unmittelbar mit unseren Cops zusammen. [Norddeutsche Neueste Nachrichten, 01.02.2016]
Den Job als Fahrlehrer mag er schon gar nicht mehr ausüben, aber mit der kirren Schauspielerin Marianne […], die ganz nebenbei Lauras Tante ist, hat sich eine Fahrschülerin angemeldet, die nicht nur am Steuer unbedingte Aufmerksamkeit einfordert. [Saarbrücker Zeitung, 17.10.2013]
Wer hat es sich noch nicht ausgemalt, das Leben nach dem Millionen‑Gewinn: große Sause statt stumpfer Arbeit, tolle Männer statt oller Macker, irre Wohnung statt kirrer Nachbarn und immer wieder Traumreisen. [Die Welt, 11.01.2003]
Elektronik und Perkussion mischen sich mit Traditionellem, kippen einmal sogar um in eine kirre Marschmusik wie für japanische Comic‑Monster. Meist dominiert das Schlagzeug. [Die Zeit, 12.09.1997]
2.
verunsichert, verwirrt
Beispiele:
Nach ein paar Seiten wird man ganz kirre, man fühlt sich von einem Sprachvirus affiziert beziehungsweise infiziert. [Welt am Sonntag, 09.02.2020]
Das war zu hundert Prozent ein Elfmeter für uns. Da wird man mittlerweile echt kirre und versteht nicht, wann überhaupt ein Handspiel Hand ist. Wenn wir den Elfer bekommen, geht das Spiel anders aus. [Riesige Befreiung und traumhafte Tore, 25.10.2019, aufgerufen am 01.09.2020]
[…] in diesen Tagen muss sich Thiele mit einer Währung beschäftigen, die es auf Papier gar nicht gibt: der Kryptowährung Bitcoin. Deren Wert ist zuletzt über 11.000 Dollar geklettert – von 850 Dollar zu Jahresanfang. Profis und Privatanleger sind ganz kirre angesichts dieser Preissteigerung. [Süddeutsche Zeitung, 01.12.2017]
Daß die Arbeiter aber nicht kirre wurden, daß eine Welle der Solidarität durch die Belegschaften und eine Welle der Empörung durch die Öffentlichkeit ging, das zwang die Konzernchefs zum Kurztreten, zum Verhandeln. [Berliner Zeitung, 20.05.1963]
salopp
Phrasem:
jmdn. kirre machen, kriegen (= verunsichern, verwirren, zermürben)
Beispiele:
»Man sollte sich nicht kirre machen lassen von Leuten, die glauben, sie wüssten es besser als man selbst.« [Reutlinger General-Anzeiger, 19.12.2020]
Von […] Marketinggeheul sollten sich Anleger besser nicht kirre machen lassen und stattdessen nüchtern auf die Lage schauen. [Süddeutsche Zeitung, 21.07.2020]
Der sonst so ruhige Steppke wird im Supermarkt ganz kirre. Zwar kaum der ersten Worte mächtig, aber die Begriffe »Haam, haam«[,] »Hololade« oder »Eis« sind beim Anblick der Regale gleich präsent. Das entschiedene Nein der Eltern wird mit noch entschiedenerem Gebrüll beantwortet[…]. [Berliner Zeitung, 01.09.1994]
Als sie nicht aufhörte zu schreien und zu toben, mußten »Männer mit zupacken«, bestätigt der Essener Anstaltsleiter unschuldsvoll und verständnisheischend. Um sie kirre zu kriegen, fesselte man ihre Hände und Füße an den Sitz. [Die Zeit, 21.09.1984]
Er wollte keinen großen Duft kreieren; er wollte kein Prestigewässerchen zusammenmischen wie damals für Baldini, so eines, das hervorstach aus dem Meer des Mittelmaßes und die Leute kirre machte. [Süskind, Patrick: Das Parfum. Zürich: Diogenes 1985, S. 190]
3.
veraltend zahm, gefügig
Beispiele:
Um einen Vogel kirre zu machen, wird ihm bestimmtes Futter vorgesetzt und kein anderes. [Röhrich, Lutz: Vogel. In: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1973], S. 6829]
Mit Mut, Intelligenz und feuerglühender Zähigkeit macht der kleine King Kong die fiese Echse kirre und zur Sklavin der Erde – der Planet ist schuppenfrei. [Die Zeit, 06.06.1997]
Wer sich trotz des wirtschaftlichen Zwanges weigert, den teuren Mineraldünger und das noch teuerere Hochzucht‑Saatgut abzunehmen, wird mit Zwangsmaßnahmen wegen bewußter Sabotage des Zweijahresplanes kirre gemacht. [Der Spiegel, 26.02.1949]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

kirre · kirren
kirre Adj. ‘gefügig, zahm’, vorwiegend kirre machen, werden, mhd. kürre, (md.) kurre, kirre ‘zahm, mild’, mnd. quere, anord. kyrr, kvirr ‘ruhig, friedlich’, got. qaírrus ‘freundlich, sanftmütig’. Herkunft ungewiß. Wenn die Bedeutung ‘zahm, mild’ aus ‘matt, beschwert, niedergedrückt’ erklärbar ist, lassen sich die germ. Formen verbinden mit lit. gùrti ‘zerfallen, zerfließen, schwach werden’, lett. gurt ‘matt, schwach werden’, lit. gurlùs, lett. gurls ‘müde, matt, schwach’ und griech. barýs (βαρύσ), lat. gravis ‘schwer’, auch ‘niederdrückend, beschwert’, weiter mit aind. gurúḥ ‘schwer’ sowie got. kaúrus ‘lästig, schwer’, kaúrjan ‘drücken, belästigen’. Auszugehen ist von der Wurzel ie. *guer(ə)- ‘schwer’ bzw. für die oben genannte Wortgruppe um kirre von einer Suffixbildung ie. *g‐ͧerəro-. Diese hält Knobloch in: Hist. Sprachforsch. 103 (1990) 286 ff. jedoch mit einer Bedeutung ‘vom (Ochsen)stachel gezwungen’ für eine Ableitung von ie. *gueru- ‘Stange, Spieß’ (wozu awest. grava- ‘Stock’, air. bi(u)r ‘Speer, Spieß’, lat. verū ‘Spieß’, got. qaíru ‘Stachel’); kirre ‘zahm’ (kirre machen bei Taubenzüchtern auch ‘beruhigen, locken’) würde damit (im Hinblick auf ‘Ochsenstachel’) einem Wort aus dem Bereich der Tierhaltung zugeordnet. kirren Vb. ‘zähmen’ (16. Jh.), in der Jägersprache ‘locken, ködern’ (18. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
aufgeregt · beunruhigt · erregt · ↗fieberhaft · ↗gereizt · ↗kribbelig · ↗nervös · ↗ruhelos · ↗schreckhaft · ↗unruhig · wie ein aufgescheuchtes Huhn  ●  ↗(ganz) durcheinander  ugs. · ↗aufgedreht  ugs. · ↗aufgekratzt  ugs. · aufgewühlt  ugs. · durch den Wind  ugs., fig. · ↗fickerig  ugs., norddeutsch · ↗fickrig  ugs., norddeutsch · ↗hibbelig  ugs., regional · ↗hippelig  ugs., regional · ↗kabbelig  ugs. · kirre  ugs. · ↗rappelig  ugs. · ↗rapplig  ugs. · wie angestochen  ugs. · ↗zappelig  ugs.
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›kirre‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›kirre‹.

Zitationshilfe
„kirre“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/kirre>, abgerufen am 16.04.2021.

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