kleinbürgerlich

Grammatik Adjektiv
Aussprache 
Worttrennung klein-bür-ger-lich
Wortzerlegung Kleinbürger-lich
Wortbildung  mit ›kleinbürgerlich‹ als Erstglied: ↗Kleinbürgerlichkeit
DWDS-Vollartikel

Bedeutung

spöttisch eng gefasste, traditionelle und konservative Wertmaßstäbe umfassend, spießig
Kollokationen:
als Adjektivattribut: ein kleinbürgerlicher Spießer; kleinbürgerlicher Mief
in Koordination: kleinbürgerlich und spießig, provinziell
Beispiele:
Er verhält sich wie die kleinbürgerliche Herkunftswelt, aus der der Protagonist in jedem Bildungsroman seit dem 18. Jahrhundert zu entkommen versucht: sehr fromm, aber nicht besonders intelligent und deshalb leicht zu erschrecken. [Süddeutsche Zeitung, 12.12.2018]
Kurzum und um Lützenkirchen nicht noch näher zu treten: Lützenkirchen ist provinziell, bräsig, kleinbürgerlich, spießig, trutschig, altväterlich. [Die Zeit, 03.06.2011 (online)]
Der Schrebergarten – das war die mit dem Lineal gezogene Garten‑Natur, die kleinbürgerliche Idylle im Bonsai‑Format. [Neue Zürcher Zeitung, 02.08.2008]
Und in der schmucklosen Sachlichkeit des Protokolls argwöhnten einige bereits kleinbürgerliche Sparsamkeit und Geiz. [Düffel, John von: Vom Wasser, München: dtv 2006, S. 208]
Micky Maus ist allerdings traditionell die langweiligste Figur Entenhausens, ein kleinbürgerlich denkender Emporkömmling, der Moral reklamiert, wo Pragmatismus gefordert ist. [Die Welt, 14.09.2002]
a)
vom Kleinbürgertum (als gesellschaftliche Schicht) geprägt
Kollokationen:
als Adjektivattribut: kleinbürgerliche Idylle, Ressentiments
Beispiele:
Die Hauptstadt versah sich zwischen der Entstehung des Königreichs Belgien im Jahr 1830 und dem Ende seiner Kolonialzeit mit respektabler Architektur: mit hochherrschaftlichen Bürgervierteln, umgürtet von passablen kleinbürgerlichen Quartieren, später Industrie‑ und Arbeiter‑Vorstädten. [Süddeutsche Zeitung, 18.02.1995]
Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hatte zwar in jener Zeit erhebliche Fortschritte gemacht, aber immerhin war Deutschland damals noch überwiegend ein kleinbürgerliches und kleinbäuerliches Land. [Bebel, August: Aus meinem Leben. In: Simons, Oliver (Hg.) Deutsche Autobiographien 1690–1930, Berlin: Directmedia Publ. 2004, S. 3389. Zitiert nach: Bebel, August: Aus meinem Leben, 3 Teile, Berlin: JHW Dietz Nachfolger, 1946 [1910].]
b)
für Angehörige des Kleinbürgertums charakteristisch
Beispiele:
Ihr Ideal sei nun einmal die Arbeitergesellschaft gewesen – die Wurzel für eine kleinbürgerliche Kultur, die heute vielerorts zu beobachten sei. [Welt am Sonntag, 15.07.2018, Nr. 28]
La Signora und la Mamma sein – der Wunsch nach Rechtschaffenheit im Rahmen einer heilen Familie, dieses kleinbürgerliche und so menschliche Ideal, drohte sich ihr ständig zu entziehen. [Der Spiegel, 08.09.2014, Nr. 37]
Wir stehen immer noch im Bann der kleinbürgerlichen Auffassung über den Wert des mit eigener Kraft Erworbenen. [Neue Zürcher Zeitung, 04.03.2008]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

klein · verkleinern · zerkleinern · Kleinheit · Kleinigkeit · Kleinigkeitskrämer · kleinlich · Kleinlichkeit · Kleinbürger · kleinbürgerlich · Kleinbürgertum · kleingläubig · Kleinkunst · kleinlaut · kleinmütig · Kleinmut · Kleinstaat · Kleinstaaterei · kleinstädtisch · Kleinstädter · Kleinstadt
klein Adj. ‘von geringem Ausmaß, von geringer Größe (an Raum und Zeit, Gewicht, Zahl und Wert), jung, nicht erwachsen, unbedeutend’, ahd. kleini ‘glänzend, glatt, sauber, sorgfältig, zierlich, dünn, gering’ (9. Jh.), mhd. klein(e) ‘rein, niedlich, zierlich, fein, hübsch, scharfsinnig, klug, unansehnlich, gering, schwach’, asächs. klēni ‘zart, schlank, klug, scharfsinnig’, mnd. klēne ‘dünn, zierlich, wenig’, mnl. cleine, clēne, nl. klein ‘klein, gering, wenig’, aengl. clǣne ‘rein, keusch, unschuldig, klar, offen, treu’, engl. clean ‘rein, sauber’ führen auf den nur im Westgerm. auftretenden ja-Stamm germ. *klainja-, der sich außergerm. mit griech. glainó͞i (γλαινοί) Plur. ‘Schmuck (an der Kopfbedeckung, am Helm)’ vergleicht und mit ableitendem Nasal zu ie. *g̑ləi-, einer erweiterten Form der Wurzel ie. *g̑el(ə)- ‘hell, heiter glänzen, heiter sein, lächeln, lachen’, gehören kann, vgl. armen. całr ‘Gelächter’, griech. gelā́n (γελᾶν) ‘lachen’, aglaós (ἀγλαός) ‘glänzend, herrlich’, glḗnos (γλῆνος) ‘Prachtstück’. ‘Glänzend’ geht im Westgerm. über zu ‘rein, sauber’ (wie noch in engl. clean), woraus sich im Dt. die zahlreichen weiteren Bedeutungen entwickeln. Aber auch Anschluß an unter ↗kleben (s. d.) angeführtes ie. *glei- ‘kleben, schmieren’ bei Verwandtschaft mit den Nasalableitungen griech. glínē (γλίνη) ‘Leim’, aslaw. glinьnъ ‘tönern, irden’, russ. (landschaftlich) glína (глина) ‘Lehm, Ton’ wird erwogen, wobei ein Bedeutungsübergang von ‘geschmiert, verschmiert, verputzt’ zu ‘glänzend (vor Fettigkeit), glatt, rein’ vorauszusetzen wäre. Aus ‘fein, zierlich, niedlich’ (mhd.) entwickelt sich klein zum Gegenwort von groß. verkleinern Vb. ‘kleiner machen, verringern’ (17. Jh.), älter verkleinen (mhd. verkleinen). zerkleinern Vb. ‘in kleine Stücke teilen’ (19. Jh.), neben zerkleinen (im Bergbau) ‘Gestein zerschlagen’ (19. Jh.). Kleinheit f. ‘geringe Größe, geringes Ausmaß, Beschränktheit, Enge’, mhd. kleinheit ‘Zartheit, Feinheit’. Kleinigkeit f. ‘Sache von geringem Wert, Geringfügigkeit’, mhd. kleinecheit ‘Feinheit, Kleinheit’; Kleinigkeitskrämer m. ‘wer Kleinigkeiten übertrieben wichtig nimmt’ (18. Jh.). kleinlich Adj. ‘pedantisch, engherzig’, mhd. kleinlich ‘fein, zart, zierlich, mager, scharf sehend’; vgl. ahd. kleinlīhho Adv. (9. Jh.); Kleinlichkeit f. ‘übertriebene Genauigkeit, Pedanterie’, mhd. kleinlīcheit ‘Fein-, Zart-, Kleinheit’. Kleinbürger m. Angehöriger der unteren Mittelschicht, im Sinne von ‘Spießbürger’ wohl zuerst bei Börne (um 1830), zuvor gelegentlich für ‘Arbeiter’ (18. Jh.); kleinbürgerlich Adj. ‘spießig, beschränkt’ (Immermann 1838), ‘das Kleinbürgertum betreffend, zu ihm gehörend’ (19. Jh.). Kleinbürgertum n. (19. Jh.); kleingläubig Adj. ‘zweifelnd, nicht von festem Glauben’ (16. Jh.). Kleinkunst f. ‘kleine künstlerische Arbeit, die entsprechende Kunstrichtung selbst, Kunsthandwerk’ (um 1860), auch ‘kabarettistische Darbietungen’ (20er Jahre 20. Jh.; vgl. Kleinkunstbühne ‘Kabarett’). kleinlaut Adj. ‘verlegen, nicht vorlaut’, älter ‘schwach lautend, leise’ (15. Jh.). kleinmütig Adj. ‘mutlos, verzagt, ohne Entschlußkraft’, mhd. kleinmuotic; dazu die Rückbildung Kleinmut m. ‘Mangel an Mut und Entschlußkraft’ (16. Jh.). Kleinstaat m. ‘kleiner, aber souveräner Staat’, Kleinstaaterei f. ‘Aufspaltung in viele Kleinstaaten, politische Zerrissenheit’ (beide Jahn 1814). kleinstädtisch Adj. ‘einer Kleinstadt eigen, provinziell’ (17. Jh.), Kleinstädter m. (18. Jh.); danach Kleinstadt f. (19. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
bieder · ↗borniert · brav und bieder · ↗engstirnig · kleinbürgerlich · ↗philisterhaft · ↗piefig · ↗provinziell · ↗spießbürgerlich · ↗spießerhaft  ●  ↗spießig  Hauptform · ↗bourgeois  geh. · ↗philiströs  geh., bildungssprachlich
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›kleinbürgerlich‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›kleinbürgerlich‹.

Zitationshilfe
„kleinbürgerlich“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/kleinb%C3%BCrgerlich>, abgerufen am 02.03.2021.

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