Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

kritisch

Grammatik Adjektiv
Aussprache  [ˈkʀiːtɪʃ]
Worttrennung kri-tisch
formal verwandt mitKritik
Herkunft zu kritikósgriech (κριτικός) ‘entscheidend, zur Entscheidung gehörig’ < krī́neingriech (κρίνειν) ‘scheiden, trennen, auswählen, entscheiden, (ver)urteilen, anklagen’
eWDG

Bedeutungen

1.
gewissenhaft prüfend, streng urteilend
Beispiele:
etw., jmdn. kritisch beobachten, betrachten
etw. kritisch einschätzen, abwägen, werten, durchforschen
sich mit etw. kritisch auseinandersetzen
kritisch eingestellt, veranlagt sein
einen kritischer Blick, kritische Urteilskraft besitzen
etw., jmdn. mit kritischem Augen sehen
etw. ohne kritisches Nachdenken übernehmen
eine kritische Einschätzung der Leistungen vornehmen
die kritische Analyse eines Werkes, einer Konzeption
die kritische Sichtung des Materials
die kritische Aneignung des kulturellen Erbes
ein kritischer Beobachter, Leser, Rezensent sein
Wissenschaftder kritische (= wissenschaftlich erläuternde) Apparat einer Textausgabe
Wissenschafteine kritische (= nach den Methoden der modernen Textkritik bearbeitete) Ausgabe der Werke Goethes
Wissenschaftder kritische Realismus (= Stilrichtung in der Kunst, die Widersprüche aufdeckt, ohne eine positive Lösung der Probleme zu zeigen)
tadelnd
Beispiele:
kritische Bemerkungen machen
einen sehr kritischen Bericht geben
kritische Vorbehalte gegen jmdn., etw. haben
auf kritische Ablehnung stoßen
Kritisch betrachtete er den halb eingeduselten Kutscher [ ViebigSchlafendes Heer4]
2.
eine Wende ankündigend, entscheidend
Beispiele:
ein kritischer Moment, Zeitpunkt kommt, steht bevor
die Ereignisse sind an einem kritischen Punkt angelangt
das ist für mich eine kritische (= heikle) Situation
die kritischen Jahre (= Wechseljahre) einer Frau
gefährlich, bedrohlich
Beispiele:
der Zustand des Verunglückten, Kranken ist kritisch
sie befindet sich in einem kritischen Zustand
jetzt wird die Sache kritisch
kritischer kann die Angelegenheit nicht mehr werden
Physikdie kritische (= kleinste, eine Kettenreaktion ermöglichende) Masse bei atomaren Spaltungsprozessen
Physikdie kritische Temperatur (= Temperatur, oberhalb derer sich ein Gas nicht mehr verflüssigen lässt)
Sportder kritische Punkt einer Sprungschanze (= Punkt, bis zu dem ein Springer unter normalen Bedingungen aufsetzen kann)
Der Bauer hat die kritischen Stunden überstanden [ StrittmatterBienkopp84]
Das Werk geriet in eine kritische Lage [ NollHolt2,413]
Dieses Wort ist Teil des Wortschatzes für das Goethe-Zertifikat B1.
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

kritisch · Kritik · Kritiker · kritisieren · Kriterium
kritisch Adj. ‘entscheidend, bedrohlich, gefährlich’. Spätlat. diēs criticī bezeichnet in der Sprache der Ärzte ‘die entscheidenden Tage (im Ablauf einer Krankheit)’ als Nachbildung von gleichbed. griech. hēmérai kritiká͞i (ἡμέραι κριτικαί); vgl. spätlat. criticus, griech. kritikós (κριτικός) ‘entscheidend, zur Entscheidung gehörig’, zu griech. krī́nein (s. Krise). Die lat. Fügung wird zu Anfang des 16. Jhs. in dt. medizinische Texte aufgenommen und daraus (2. Hälfte 17. Jh.) das Adjektiv kritisch im Sinne von ‘entscheidend’ in bezug auf einen Zeitpunkt oder Zeitabschnitt entlehnt, das dann (Ende 18. Jh.) in ‘bedrohlich, gefährlich’ in bezug auf eine Situation oder Lage übergeht. In der im 17. Jh. aufkommenden Bedeutung ‘wertend, prüfend, streng feststellend’ im Sinne philologischer Textüberprüfung, dann (18. Jh.) zur Charakterisierung wissenschaftlicher Arbeiten (vgl. Critische Dichtkunst, Critische Beyträge) und schließlich allgemein für ‘genau, streng beurteilend’ knüpft kritisch unmittelbar an griech. kritikós ‘entscheidend, zur Entscheidung gehörig, zum (Be)urteilen gehörig’, substantiviert ‘Beurteiler der Sprache und der Schriftwerke, Kunstrichter’ an. Kritik f. ‘Beurteilung, Bewertung, Besprechung’, auch ‘Beanstandung’, Übernahme (Critique, Ende 17. Jh., dann Critic, Critik, 18. Jh.) von frz. critique als Ausdruck des (zuerst in Frankreich beginnenden) ästhetischen Kunstrichtertums. Dem frz. Ausdruck liegt griech. kritikḗ (téchnē) (κριτικὴ τέχνη) ‘Beurteilungskunst’, also das substantivierte Femininum von griech. kritikós (s. oben) zugrunde. Redensartlich unter aller Kritik ‘sehr schlecht’ (zuerst in der Journalistik, 2. Hälfte 18. Jh.). Kritiker m. ‘wer Kritik übt, Beurteiler, Kunstrichter’ (18. Jh.), älteres (heute nur noch geringschätzig gebrauchtes) Criticus (17. Jh.) ablösend, lat. criticus, griech. kritikós ‘Kunstrichter’ (s. oben). kritisieren Vb. ‘beurteilen, beanstanden’ (17. Jh.). Kriterium n. ‘unterscheidendes und entscheidendes Merkmal’ (17. Jh.), latinisierte Übernahme von griech. kritḗrion (κριτήριον) ‘entscheidendes Kennzeichen, Merkmal’.

Thesaurus

Synonymgruppe
kritisch · unbequem · ungelegen
Assoziationen
Synonymgruppe
achtsam · aufmerksam · kritisch · skeptisch · wachsam  ●  vigilant  geh.
Synonymgruppe
bedenklich · brenzlich · brenzlig · brisant · delikat · heikel · knifflig · kritisch · mit Vorsicht zu genießen · neuralgisch · nicht geheuer · nicht unbedenklich · prekär · problematisch · problembehaftet · schwierig · verfänglich  ●  heiklig  veraltet · spinös  veraltend · haarig  ugs. · nicht (ganz) ohne  ugs.
Antonyme
Synonymgruppe
anspruchsvoll · das Beste ist gerade gut genug · kritisch · wählerisch  ●  spitzfingrig  fig. · krüsch  ugs., regional · schneubisch  ugs., regional
Synonymgruppe
ausschlaggebend · bestimmend · das Zünglein an der Waage sein · entscheidend · maßgeblich  ●  kritisch (für)  Anglizismus
Oberbegriffe
  • (einen) hohen Stellenwert genießen · (einen) hohen Stellenwert haben · Bedeutung haben · ankommen auf (es) · bedeutend · bedeutsam · gewichtig · groß · ins Gewicht fallen(d) · keine Kleinigkeit (sein) · maßgeblich · nicht zu unterschätzen · nicht zu vernachlässigen (sein) · relevant · von Belang · von Gewicht · von Relevanz · von großer Bedeutung · von großer Wichtigkeit · zentral · zählen  ●  Gewicht haben  fig. · großgeschrieben werden  fig. · von Bedeutung  Hauptform · wichtig (sein)  Hauptform · kein Kleckerkram  ugs.
Assoziationen
  • am ausgeprägtesten · am stärksten ausgeprägt · ausschlaggebend · beherrschend · bestimmend · dominant · dominierend · entscheidend
  • der entscheidende Faktor (sein)  ●  das Zünglein an der Waage (sein)  fig. · den Ausschlag geben  Hauptform
Synonymgruppe
Besorgnis erregend · alarmierend · bedenklich · beunruhigend (Situation, Entwicklung ...) · ernst (Lage) · gibt Anlass zu Befürchtungen (dass) · kritisch  ●  besorgniserregend  Hauptform · beängstigend (Vorstellung, Szenario)  fig. · erschreckend  fig. · horrend (Zahlen u.ä.)  fig. · schwindelerregend  fig. · (da / bei diesen Zahlen) kann einem Angst und Bange werden  ugs.
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›kritisch‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›kritisch‹.

Verwendungsbeispiele für ›kritisch‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Selbst eine wohlmeinende Äußerung über einen am Kommen verhinderten Gast ruft oft ein kritisches Wort über ihn hervor. [Schwarz, Peter-Paul (Hg.), Gepflegte Gastlichkeit, Wiesbaden: Falken-Verl. Sicker 1967, S. 55]
Gerade das kritische Element geht dem scheinbar unabhängigen Denken verloren. [Adorno, Theodor W.: Minima Moralia, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1971 [1951], S. 74]
Mit dieser Frage kommt unsere Untersuchung als kritische an ein Ende. [Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft Bd. 2, Frankfurt: Suhrkamp 1983, S. 6101]
Hier bleibt eine kritische Analyse des Textes abzuwarten, ebenso eine Übersetzung des Textes in eine europäische Sprache. [Franke, Herbert: Sinologie, Bern: A. Francke 1953, S. 72]
Ende 40, das lernen wir aus dem Leben großer Männer, ist eine kritische Zeit. [Die Zeit, 04.11.1999, Nr. 45]
Zitationshilfe
„kritisch“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/kritisch>.

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