Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

leiden

Grammatik Verb · leidet, litt, hat gelitten
Aussprache 
Worttrennung lei-den
Wortbildung  mit ›leiden‹ als Erstglied: Leideform · leidend · leidsam
 ·  mit ›leiden‹ als Letztglied: ausleiden · durchleiden · erleiden · mitleiden
 ·  mit ›leiden‹ als Binnenglied: Not leidend · augenleidend · blasenleidend · herzleidend · leberleidend · lungenleidend · magenleidend · nervenleidend · notleidend
 ·  mit ›leiden‹ als Grundform: Leiden  ·  formal verwandt mit: wohlgelitten
eWDG

Bedeutungen

1.
großen Kummer, Leid, Schmerzen haben, ertragen müssen
Beispiele:
er leidet schwer, maßlos, sehr, innerlich
sie hat seinetwegen viel gelitten
was muss die arme Frau gelitten (= durchgemacht) haben!
um jmdn. leiden
Ich habe so viele Unschuldige leiden und untergehen sehen [ HesseNarziß5,235]
an, unter etw., jmdm. leiden (= wegen etw., jmdm. Kummer) haben
Beispiele:
er litt an den Menschen, seiner Zeit
sie litt unter ihrer Armut, der ungerechten Behandlung, dem Verlust
die Kinder litten sehr darunter, unter ihm
Sie litt kaum unter der Verworrenheit [ JahnnHolzschiff129]
an etw. leiden (= eine Krankheit haben, mit etw. Unangenehmem, Krankhaftem behaftet sein)
Beispiele:
an einer schweren Krankheit, an Schwermut, Migräne, unglücklicher Liebe, Wahnvorstellungen, Schlaflosigkeit leiden
er starb nach langem Leiden
umgangssprachlich, scherzhaftjmd. leidet an chronischer Faulheit
Seit ein paar Monaten litt Sarno an der Idee, törichte Salonlustspiele […] zu beleben [ G. HartlaubGroßer Wagen89]
etw. leidenetw. Unangenehmes ausstehen, erdulden müssen
Beispiele:
Hunger, Not, Durst, Langeweile, Traurigkeit, große Angst, (keinen) Mangel leiden
er litt große Schmerzen, Qualen
gehobenetw. leidet Schaden, Einbuße
etw., jmd. leidet Schiffbruch (= hat Misserfolg)
2.
etw. leidet unter etw.etw. nimmt durch etw. Schaden, wird durch etw. beschädigt
Beispiele:
die Bilder hatten unter der Feuchtigkeit, die Gardinen unter der Sonne stark gelitten
der gute Ruf, das Ansehen, Niveau des Unterrichts würden darunter leiden
sein Gedächtnis hat durch die Krankheit gelitten
3.
umgangssprachlich jmdn., etw. leiden können, mögenjmdn., etw. mögen, gern haben, an jmdm., etw. Gefallen finden
Beispiele:
er konnte, mochte ihn (nicht, gut, nie) leiden
ich kann das (gar) nicht leiden!
er hat Widerspruch, Operetten nie leiden können
salopp, übertriebenjmdn., etw. in, auf den Tod nicht leiden können
umgangssprachlichsie ist zu leiden (= man kann sie gern haben)
jmd. ist gut gelitten (= jmd. ist beliebt)
Grammatik: nur im Partizip II
Beispiel:
er ist von seinen Kollegen, bei den Damen gut, wohl gelitten
4.
gehoben etw. dulden, zulassen, erlauben
Beispiele:
die Sache litt keinen Aufschub
das leidet keinen Zweifel
das leide ich nicht in meinem Hause!
er litt es nicht, dass …
er litt es nicht länger
Die Wirtschaft litt Müßiggang nicht [ A. ZweigDe Vriendt253]
jmdn. um sich leidenjmdm. den Aufenthalt in seiner Nähe gestatten
Beispiele:
er litt nur seine engsten Freunde um sich
sie litten ihn in ihrem Haus
Grammatik: mit unpersönlichem »es«
Beispiele:
es leidet (= hält) jmdn. nicht (länger) an einem Ort
es litt ihn nicht (mehr) auf seinem Platz, im Bett, daheim
Den Alten litt es nicht lange am Tisch [ NellFischer192]
Dieses Wort ist Teil des Wortschatzes für das Goethe-Zertifikat B1.
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

leiden · erleiden · Leiden · Leidenschaft · leidenschaftlich · leidlich
leiden Vb. ‘von körperlichem oder seelischem Schmerz gequält werden’, mit Akkusativ ‘etw. ausstehen müssen, ertragen, dulden, zulassen’, daher auch (bereits frühnhd.) jmdn., etw. (nicht) leiden können; ahd. līdan ‘ertragen, erdulden’ (Otfrid, 9. Jh., doch zuvor wohl schon gilīdan ‘mit jmdm. dulden’ für spätlat. compatī, 8. Jh. in St. Gallen), mhd. līden ‘ertragen, erdulden’ (vereinzelt ‘dulden’ ohne Akkusativobjekt), mnd. mnl. līden, nl. lijden, afries. lītha, schwed. lida, dän. lide ‘ertragen, dulden’. Das gemeingerm. Verb bedeutet ursprünglich ‘sich fortbewegen, gehen, vergehen’, so got. -leiþan (in Präfixbildungen), anord. līða (auch ‘dahingehen, sterben’; daneben spät ein schwaches Verb anord. līða ‘leiden, dulden’, unter mnd. Einfluß), asächs. līðan, aengl. līþan; Reste des alten Gebrauchs sind gleichfalls ahd. līdan im Sinne von ‘fahren, vergehen’ (8. Jh., meist in präfigierten Formen; hierzu wohl bereits langobard. līd in laib ‘geh ins Erbe!’, 7. Jh.), mhd. mnd. mnl. līden ‘gehen, vorübergehen’, nl. geleden Part. Prät. ‘vergangen, verflossen’, ferner schwed. lida, dän. lide ‘fortschreiten, vergehen’ (von der Zeit); s. auch leiten. Der im Ahd. zuerst nachzuweisende Bedeutungswandel setzt sich offenbar von Süden (alem., rheinfrk.) nach Norden durch, erreicht um 1300 die Küste und findet vom Nd. aus Eingang ins Nl., Fries. und in die nord. Sprachen. Diese semantische Entwicklung, die sich ebenso bei der später bezeugten Präfixbildung erleiden Vb. ‘etw. ertragen müssen, erdulden, durch etw. Schaden nehmen’ vollzieht (ahd. irlīdan ‘durchlaufen, bis zu Ende gehen, erreichen, fertigbringen’, 9. Jh., ‘durchstehen, erdulden’, um 1000, mhd. erlīden ‘bis zu Ende gehen, bestehen, erleben, ertragen’; vgl. got. usleiþan ‘weggehen, vergehen’), beruht vielleicht auf Einfluß der unter Leid (s. d.) dargestellten Wortgruppe, die jedoch etymologisch von leiden zu trennen ist. Da für germ. *līþan sichere Verwandte außerhalb des Germ. fehlen, bleibt sein Ursprung trotz mehrfacher Herleitungsversuche fraglich. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit toch. AB lit- ‘fortgehen’, awest. raēθ- ‘sterben’, außerdem wird auf griech. ló͞itē (λοίτη) ‘Grab’, loité͞uein (λοιτεύειν) ‘begraben’ hingewiesen; dann wäre eine gemeinsame Wurzel ie. *leit(h)- ‘gehen, fortgehen, sterben’ anzunehmen. – Leiden n. ‘anhaltende Krankheit’, auch allgemeiner ‘Qual, Pein’, heute vor allem ‘seelischer Schmerz’, mhd. līden ‘Leiden Trübsal, Plage’; substantivierter Infinitiv des starken Verbs mhd. līden ‘ertragen, dulden’ (s. oben), der sich im Nhd. zunehmend verselbständigt (seit dem 18. Jh. wird dazu ein Plural gebildet), wohl begünstigt durch den biblischen Gebrauch; vgl. das Leiden Christi (häufig als Schwur- und Beteuerungsformel beim Leiden Gottes, Christi). Leidenschaft f. ‘intensive, das gesamte Verhalten bestimmende und vom Verstand nur schwer zu steuernde emotionale Reaktion’, namentlich ‘heftige Zuneigung zu einer Person, ausgeprägter Hang zu bestimmten Tätigkeiten oder Dingen’, Mitte des 17. Jhs. aufkommendes, jedoch erst im 18. Jh. geläufiges Übersetzungswort für frz. passion, auch für frz. passibilité (dieses eigentlich ‘Leidens-, Empfindungsfähigkeit’, vgl. lat. passio ‘Leiden’, spätlat. ‘Empfindsamkeit’, spätlat. passibilitās ‘Leidensfähigkeit’); Ableitung mit dem Kompositionssuffix -schaft (s. d.) vom substantivierten Infinitiv Leiden (wie Wissenschaft, s. d.); dazu leidenschaftlich Adj. ‘von Leidenschaft getrieben, überaus heftig, von starker Zuneigung, großer Begeisterung erfüllt’ (18. Jh.). leidlich Adj. ‘gerade noch zu dulden, erträglich, halbwegs gut’ (15. Jh.), spätmhd. līdelich ‘leidend, für körperliche Leiden empfänglich, geduldig’ (zu mhd. līden ‘ertragen, dulden’).

Thesaurus

Synonymgruppe
Trübsal blasen · betrauern · den Kopf sinken lassen · deprimiert (sein) · durch nichts aufzuheitern sein · enttäuscht (sein) · leiden · mutlos (sein) · resigniert (sein) · trauern · traurig (sein)  ●  den Kopf hängen lassen  Redensart, fig. · (wie) ein Häufchen Elend  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
krank sein · kränkeln · leiden
Assoziationen
Synonymgruppe
(sich) quälen · Qualen leiden · leiden  ●  (große) Qualen ausstehen  variabel · Schmerzen haben  variabel
Assoziationen
Synonymgruppe
erkrankt sein (an) · krank (sein) · leiden (an)  ●  auf der Plauze liegen  derb · bekommen haben  ugs. · haben (Krankheit / Symptom)  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
Schaden nehmen · leiden (Sache)  ●  beschädigt werden  fig.
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›leiden‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›leiden‹.

Verwendungsbeispiele für ›leiden‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Eine Frau, die sich makrobiotisch ernährte, litt an Übelkeit, bis sie sich erlaubte, Käse zu essen. [Wilberg, Gerlinde M.: Zeit für uns, München: Frauenbuchverl. 1979, S. 25]
An den schweren Folgen dieser That leiden wir heute trotz der "Ära Falk" noch. [Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung, 1901, Nr. 1, Bd. 53]
Die an sich vorzüglichen hellenistischen Heere hatten sehr darunter zu leiden gehabt. [Heuß, Alfred: Das Zeitalter der Revolution. In: Propyläen Weltgeschichte, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1963], S. 9045]
Gegen seine Anhänger wütete blutigste Verfolgung, und kaum weniger hatten die Christen zu leiden. [Altheim, Franz: Das alte Iran. In: Propyläen Weltgeschichte, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1962], S. 24419]
Trotz Ihrer Erfolge leiden Sie, wie man hört, an Depressionen. [Der Spiegel, 20.09.1999]
Zitationshilfe
„leiden“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/leiden>.

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