Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

liberal

Grammatik Adjektiv · Komparativ: liberaler · Superlativ: am liberalsten
Aussprache  [libeˈʀaːl]
Worttrennung li-be-ral
Wortbildung  mit ›liberal‹ als Erstglied: Liberaldemokrat · Liberalismus · liberal-konservativ · liberalisieren · liberalkonservativ
 ·  mit ›liberal‹ als Letztglied: antiliberal · illiberal · linksliberal · nationalliberal · rechtsliberal · scheißliberal · sozial-liberal · sozialliberal · wirtschaftsliberal
 ·  mit ›liberal‹ als Grundform: Liberale · Liberalität
Herkunft zu līberālislat ‘die Freiheit betreffend, edel, vornehm, anständig, gütig, freigebig’, zu līberlat ‘bürgerlich frei, unabhängig, ungehindert, zwanglos, freimütig, offen, ungebunden’
Dieses Stichwort finden Sie im DWDS-Themenglossar zur Bundestagswahl.
DWDS-Vollartikel

Bedeutungen

1.
auf den Prinzipien des (politischen, wirtschaftlichen) Liberalismus beruhend, von diesen geprägt, diese vertretend
Grammatik: ohne Steigerung
Kollokationen:
als Adjektivattribut: die liberale Demokratie; eine liberale Partei, Wirtschaftspolitik, Zeitung; der liberale Rechtsstaat; das liberale Bürgertum; ein liberaler Politiker; die liberale Presse
als Prädikativ: das Land, die Gesellschaft ist liberal
mit Adverbialbestimmung: gemäßigt, verhältnismäßig liberal
in Koordination: liberal und bürgerlich, demokratisch; liberal oder konservativ
Beispiele:
Eine tief ausdifferenzierte arbeitsteilige Gesellschaft sei zu komplex, als dass ein Master Mind [sic!] planen könnte, was die Menschen brauchen, so argumentierten liberale Ökonomen seinerzeit. Der Markt sei intelligenter. [Debatte – Amazon auf human, 29.06.2021, aufgerufen am 29.06.2021]
Seit seiner Gründung beim »Colloque Walter Lippmann« im Jahr 1938 in Paris vertrat der Neoliberalismus die Auffassung, der Glaube an sich selbst regulierende Märkte sei ein Irrweg des klassischen Liberalismus im 19. Jahrhundert. Also das exakte Gegenteil dessen, was ihm heute unterstellt wird. Die sich in Paris versammelnden liberalen Intellektuellen waren tief besorgt um den Fortbestand des Liberalismus als gesellschaftliche Leitidee. [Neue Zürcher Zeitung, 05.06.2021]
Es gehe, sagte Fertsch, um »die Erziehung des deutschen Bürgers zu liberaler Weltanschauung und demokratischer Staatsgesinnung, zum Gedanken der freien verantwortungsbewussten Persönlichkeit, zur Bekämpfung jeder Diktatur, zur Toleranz auf geistigem und religiösem Gebiet und zur Achtung vor dem Eigenleben jedes Menschen«. [Frankfurter Rundschau, 07.01.2006]
Für mich – und damit stehe ich nicht allein – bedeutet es, liberal zu sein, zuvörderst eine Haltung zu haben, die den Menschen und seine individuelle Freiheit in den Vordergrund stellt. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.1995]
2.
einer an liberalen (1) Werten orientierten Partei angehörend
Grammatik: ohne Steigerung
Kollokationen:
als Adjektivattribut: ein liberaler Abgeordneter, Politiker
Beispiele:
Es gibt seit letztem Frühjahr wieder liberale Minister in Deutschland – in Rheinland‑Pfalz regiert die FDP in einer Ampelkoalition mit SPD und Grünen. [Berliner Morgenpost, 04.01.2017]
»Ich bin stolz, dass es mir gelungen ist, im EU‑Parlament eine Mehrheit zu versammeln«, sagt der französische liberale Abgeordnete Pascal Canfin, der den Antrag eingebracht hatte. [Süddeutsche Zeitung, 29.11.2019]
Der liberale Bundestagskandidat Jimmy Schulz sicherte sich in der reichen Isartalgemeinde 16,7 Prozent der Erststimmen und seiner Partei 27,5 Prozent der Zweitstimmen. [Münchner Merkur, 26.09.2017]
Der FDP‑Bundesvorsitzende [Christian Lindner] war der Star des Abends, der liberalen Parteimitgliedern und Kommunalpolitikern aus der Region, aber auch anderen Zuhörern wie Landrat Sven Hinterseh (CDU) sowie Politikinteressierten ausdrucksstark und humorvoll seine Redner‑Qualitäten bewies. [Südkurier, 19.01.2016]
Der nordrhein‑westfälische FDP‑Vorsitzende Jürgen Möllemann ist überzeugt, dass der Bundesparteitag im Mai mit satter Mehrheit dafür stimmen wird, dass bei der Bundestagswahl 2002 ein liberaler Kanzlerkandidat antritt. [Berliner Morgenpost, 05.04.2001]
3.
in gesellschaftlichen Fragen oder Angelegenheiten freizügiges Handeln befürwortend, eine tolerante Einstellung zeigend
Kollokationen:
als Adjektivattribut: ein liberaler Geist
als Prädikativ: ihre Einstellung ist liberal; die Gesellschaft, die Erziehung ist liberal
als Adverbialbestimmung: liberal denkend, eingestellt, gesinnt
in Koordination: liberal und offen, tolerant
Beispiele:
Anhänger einer liberaleren Drogenpolitik diskutieren […] Modelle, in denen der Konsum für über 25‑Jährige freigeben wird. [Frankfurter Rundschau, 06.11.2019]
Die auf Wunsch Kinderlosen attestierten sich im Vergleich zu den Eltern liberalere Einstellungen. [Kinderwunsch: Auch ohne Nachwuchs glücklich, 22.06.2021, aufgerufen am 23.06.2021]
[Das] Aids[-Virus] hat dazu beigetragen, dass sich der Lebensstil verändert hat: Waren die 70er Jahre sexuell freizügiger und Lebensentwürfe liberaler, setzte in den 80er Jahren eine konservative Gegenbewegung ein, die sich noch heute auswirkt. [Allgemeine Zeitung, 01.09.2018]
Kosmopolitische Überzeugungen gibt es nicht nur im Norden. Die Bevölkerungen des globalen Südens schätzen den Freihandel mehr als jene im Norden; sie haben auch liberalere Einstellungen zu Migrationsfragen. [Der Tagesspiegel, 30.12.2016]
1900 und 1901 veröffentlichte sie ihre Bestseller Das Geschlechtsleben des Weibes und Die Frau als Hausärztin, mit denen [die Ärztin Anna] Fischer‑Dückelmann sich zwar viele Leser, aber auch Gegner einbrachte – vor allem wegen ihrer liberalen Einstellung zu Sexualität und Verhütung. [Der Standard, 29.03.2015]
4.
Religion offen für eine Anpassung religiöser Normen an sich verändernde gesellschaftliche Wertvorstellungen
in gegensätzlicher Bedeutung zu orthodox (2)
Beispiele:
Hamburgs liberale Juden nannten die Synagoge »Tempel«, grenzten sich gegen die orthodoxen Juden mit Predigten in deutscher Sprache, Orgelmusik und deutschen Chorälen ab. Wichtig war ihnen die Gleichberechtigung von Mann und Frau. »Sie wollten ihr Judentum bewahren, indem sie es mit den Anforderungen der modernen, säkularen Gesellschaft zu einer liberalen Einheit verschmolzen«, so die »Jüdische Allgemeine«. [Hamburger Abendblatt, 29.11.2019]
Der LIB (= Liberal-Islamischer Bund) ist eine muslimische Religionsgemeinschaft, gegründet 2010 in Köln, mit Gemeinden unter anderem in Frankfurt am Main, Hamburg und Berlin. Seine Mitglieder vertreten einen liberalen Islam. Konkret bedeutet das: Beim LIB beten auch Frauen vor, es gibt interreligiöse Eheschließungen, Eheschließungen zwischen homosexuellen Paaren, gemischtgeschlechtliche Gebete. [Süddeutsche Zeitung, 15.05.2021]
Ich bin unter anderem im Vorstand der Union progressiver Juden in Deutschland, einem Dachverband der liberalen jüdischen Gemeinden. [Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Kreis Unna spricht über Antisemitismus, 30.06.2021, aufgerufen am 30.06.2021]
I[…] sagt: »Ich bin Alevit, das ist eine liberale und gemäßigte Richtung im Islam, die den christlichen Werten sehr ähnelt.« [Badische Zeitung, 06.03.2020]
»Von der Orthodoxie unterscheidet das liberale und konservative Judentum die Überzeugung, dass die Offenbarung Gottes nicht abgeschlossen ist«, erklärt H[…]. Immer wieder neue Deutungen der heiligen Texte seien in der jüdischen Tradition angelegt. [Saarbrücker Zeitung, 14.09.2006]
»Wir haben der Welt heute nichts Dringlicheres zu bezeugen als den Tod und die Auferstehung Jesu Christi«, sagte [Erzbischof Ludwig] Averkamp am Sonnabend in seiner Osterpredigt. Christen hätten der Welt kein »verwässertes und verdünntes Christentum« anzubieten. »Das mag niemand, das können wir uns und der Welt ersparen«, sagte der Erzbischof. Mit einem sogenannten liberalen Christentum nach Art des Zeitgeistes sei nichts gewonnen. [Welt am Sonntag, 30.03.1997]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

liberal · Liberaler · liberalisieren · Liberalismus · liberalistisch · Liberalität · Libero
liberal Adj. ‘freiheitlich, nach unbeschränkter Entwicklung des individuellen Lebens strebend, großzügig, den Liberalismus betreffend’, entlehnt (16. Jh.) in der heute unüblichen Bedeutung ‘freigebig, hochherzig, großzügig’ aus lat. līberālis ‘die Freiheit betreffend, edel, vornehm, anständig (von Art oder Gesinnung), gütig, freigebig’, zu lat. līber ‘bürgerlich frei, unabhängig, ungehindert, zwanglos, freimütig, offen, ungebunden’. In der 2. Hälfte des 18. Jhs., besonders im Zusammenhang mit der französischen Revolution, erfolgt eine Entlehnung von frz. libéral im Sinne von ‘vorurteilslos (in politischer und religiöser Beziehung), freiheitlich (gesinnt)’; vgl. die als politisches Schlagwort gebrauchte Fügung liberale Ideen (um 1800). Liberaler m. ‘Anhänger einer liberalen Richtung bzw. Partei’ (Görres 1819). liberalisieren Vb. ‘freier, großzügiger gestalten, von Einschränkungen befreien’ (19. Jh.), speziell ‘Beschränkungen im (Außen)handel aufheben’ (20. Jh.); frz. libéraliser ‘freisinniger machen, freier gestalten’. Liberalismus m. antifeudale bürgerliche politische Richtung mit dem Ziel der freien Entfaltung des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und individuellen Lebens (um 1820, etwa gleichzeitig mit frz. libéralisme, engl. liberalism). liberalistisch Adj. ‘den Liberalismus betreffend, auf ihm beruhend’ (Goethe 1807). Liberalität f. ‘Freigebigkeit, Hochherzigkeit, Großzügigkeit’ (Mitte 16. Jh.), vgl. lat. līberālitās (Genitiv līberālitātis) ‘freisinnige Denk- und Handlungsart, edle Gesinnung, Güte, Freigebigkeit’; dann auch ‘Vorurteilslosigkeit, liberales Wesen, liberale Gesinnung’ (Anfang 19. Jh.). Libero m. Spieler einer Mannschaft, der je nach Situation („frei“) in Abwehr oder Angriff agiert, Übernahme (20. Jh.) von gleichbed. ital. libero, eigentlich ‘der Freie’, einer Substantivierung von ital. libero ‘frei’, aus lat. līber (s. oben).

Thesaurus

Synonymgruppe
Antonyme
Synonymgruppe

Typische Verbindungen zu ›liberal‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›liberal‹.

Zitationshilfe
„liberal“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/liberal>.

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