Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

nervig

Grammatik Adjektiv · Komparativ: nerviger · Superlativ: am nervigsten
Aussprache  [ˈnɛʁfɪç]
Worttrennung ner-vig
Wortzerlegung Nerv -ig
Wortbildung  mit ›nervig‹ als Erstglied: Nervigkeit
eWDG und ZDL

Bedeutungen

1.
umgangssprachlich auf die Nerven gehend, auf lästige, störende Weise anstrengend
Kollokationen:
als Adjektivattribut: nerviges Warten
in Koordination: nervig und anstrengend
Beispiele:
Die nervigen Mathestunden und langweiligen Gesellschaftskundelektionen wurden nur dadurch gerettet, dass der Klassenclown hin und wieder ein paar lustige Sprüche in den Raum warf. [Welt am Sonntag, 20.05.2018]
Die Frage, wie angenehm oder nervig Home‑Office ist, hängt doch maßgeblich an der Größe der Wohnung, oder? [Süddeutsche Zeitung, 07.12.2020]
Die meistgestellte Frage an der Kasse und eine der nervigsten überhaupt: »Haben Sie eine Payback‑Karte?« [Norddeutsche Neueste Nachrichten, 13.06.2017]
Brüder finden ihre Schwestern ja meistens nervig, oder? [Fülscher, Susanne: Mia. Hamburg 2011]
Bart, ich hatte dich gebeten, nicht diese nervige Melodie zu pfeifen. [»Die Simpsons« Bart Gets Famous, 1994, aufgerufen am 31.10.2014]
2.
von Sehnen, Leitungsbahnen (z. B. Adern, Nerven) o. Ä. durchzogen
Grammatik: ohne Steigerung
a)
von Körperteilen, besonders von Händen
Beispiele:
er hat nervige Arme, HändeWDG
ein schlanker, nerviger MannWDG
Ein neues Markenzeichen hat man […] schon. […] Das alte Logo […] zeigt eine Hand mit einer Fackel; das neue enthüllt den ganzen nervigen Unterarm. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2004]
Aber auf den Handrücken zeigte sich ein Geflecht blauer, hervortretender Venen, das die Hände nervig, feinfühlig machte. [Noll, Dieter: Die Abenteuer des Werner Holt. Berlin: Aufbau-Verl. 1984 [1963], S. 34]
Antonios nervige braune Hand lag noch immer auf dem weißen Atlas des Puffärmels und zerdrückte ihn unbarmherzig[…]. [Ebner-Eschenbach, Marie von: Agave. In: Deutsche Literatur von Frauen. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1903], S. 20565]
b)
von Pflanzenblättern
Beispiele:
Die Pflanze wird ca. 5–20 cm hoch und hat sehr charakteristische nierenförmige Blätter, die oberseits glänzend‑dunkelgrün sind und unterseits eher hellgrün mit einem dichten nervigen Netz sind. [Scharbockskraut – Ranunculus ficaria, 10.03.2010, aufgerufen am 01.09.2020]
Den Breitwegerich findet man bevorzugt auf verdichteten Böden […]. Er ist dank seiner […] breiten, parallel nervigen Blättern [sic!, Blätter] besonders einfach zu bestimmen. [Anwendungen für Breitwegerichsamen, 18.08.2017, aufgerufen am 01.09.2020]
Einige Herbstblätter, hingestreut, nicht von einem Wind, sondern von einer Hand, nicht völlig verdorrt, die bröckelnden Ränder angelaufen; das nervige Gerippe gibt dem einzelnen Blatt noch Halt. [Die Zeit, 25.10.2001]
Cannaceae, Blumenrohrgewächse, besondere Sippe der Bananen (Scitamineae), […] sind krautige Gewächse mit breiten, nervigen Blättern, welche den Stengel scheidenartig umfassen, haben meist knollige Wurzeln. [Herders Conversations-Lexikon. Bd. 1. Freiburg im Breisgau 1857]
3.
kraftvoll, angespannt; sensibel, feinfühlig
Beispiele:
Manche Pferde sind ganz ruhig, und andere sind nervig, da sie so ungeduldig sind, bis es endlich los geht. [Fränkischer Tag, 29.08.2018]
Ralph Towner und Glen Moore sind zwei hervorragende amerikanische Musiker, deren Jazz zart ist, nervig, aber auch nervös, diffizil gebaut und empfindlich, der Klang ist meist kristallklar und streckenweise sehr lyrisch. [Die Zeit, 27.07.1973]
Wunderbar nervig und gespannt sind die Streichertremoli, federnd und durchsichtig ist der Klang – da ist der Zuhörer gefesselt. [Südkurier, 07.04.2008]
Da war kein eitler Virtuose am Werk, sondern ein feinsinniger Musiker, der das Cello in Robert Schumanns Konzert a‑Moll mit samtenem und doch nervigem Ton singen liess. [Luzerner Zeitung, 18.02.2005]
Vor drei Jahren hatte Bondy das Stück in Paris inszeniert, nun hat er, mit den Hauptdarstellern von damals[…] Arthur Schnitzlers großbürgerliche Ehe‑ und Ehebruch‑Tragikomödie noch einmal erzählt, im schärferen, nervigeren Rhythmus des Films […]. [Der Spiegel, 25.05.1987]
Gleich eisernen Klammern packten seine nervigen Fäuste den Fels an. Ruckweise zog und arbeitete er sich an der vereisten Wand […] hinauf. [Jahrbuch des Schweizer Alpen-Clubs. Zürich: Schweizer Alpen-Club 1923]

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Zum Originalartikel des WDG gelangen Sie hier.

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Nerv · nervig · nervös · Nervosität · entnerven · enervieren
Nerv m. aus parallel verlaufenden Fasern bestehender, von Bindegewebe umhüllter Strang des Nervensystems, entlehnt (Anfang 16. Jh.) aus lat. nervus ‘Sehne, Flechse, Muskel, Nerv, aus Tiersehnen, Därmen Verfertigtes (Saite, Bogensehne, Fußfessel), Kraft, Spannkraft’, verwandt mit griech. né͞uron (νεῦρον) ‘Sehne, Faser, Bogensehne, Schnur, Saite, Nerv’ (s. Neuro-). Nach Auffassung der antiken Medizin sind Sehnen und Nerven identisch oder wesensverwandt und werden demzufolge mit derselben Bezeichnung benannt. Im 16. Jh. vollzieht die medizinische Fachsprache eine begriffliche Begrenzung des Wortes auf ‘Nerv’, die sich aber in der Allgemeinsprache erst im 19. Jh. durchsetzt. Im Dt. halten sich bis ins 18. Jh. die Bedeutungen ‘Band, Sehne, Muskel’ (wofür in älterer Sprache Ader), bis ins 19. Jh. ‘Bogensehne, Saite’; daneben ist Nerv (seit Anfang 18. Jh.) ‘Leiter von Empfindungen und Bewegungen, Sinnesleiter’ (wohl unter Einfluß von engl. nerve) nach der Lehre des schottischen Arztes R. Wytt (2. Hälfte 18. Jh.) und der sich entwickelnden Psychiatrie, in deren Gefolge Nervenkrankheiten zur Modeerscheinung werden. Übertragen (17. Jh.) ‘innere Kraft, Wesen, Gehalt’; vgl. auch auf die Nerven fallen ‘nervös machen’ (2. Hälfte 17. Jh.). – nervig Adj. ‘sehnig, muskulös, kraftvoll’ (18. Jh.), nervicht (Anfang 18. Jh.). nervös Adj. ‘die Nerven betreffend, an schwachen Nerven leidend, reizbar, erregt’ (vgl. nervoese und hypochondrische Krankheiten, 1758), mit dieser Bedeutung unter Einfluß von engl. nervous älteren Gebrauch (1. Hälfte 18. Jh.) im Sinne von ‘nervig, stark, kräftig’, auch ‘kraftvoll, nachdrücklich’ (von Ausdruck und Rede), nach frz. nerveux (afrz. nervos) ‘nervig, kräftig’, zurückdrängend. Zuvor (Mitte 17. Jh.) gilt im Dt. nervos ‘kräftig, kernig’, (von der Rede) ‘nachdrücklich’, dann (Anfang 18. Jh.) ‘mit Nerven versehen, aus Nerven bestehend’, und (vereinzelt Ende 17. Jh.) nervosisch ‘mit Nerven versehen’, beide aus lat. nervōsus ‘sehnig, muskulös, kraftvoll, kernig’. Nervosität f. ‘Nervenschwäche, Empfindlichkeit, Reizbarkeit, krankhafter Zustand der Nerven’ (1. Hälfte 19. Jh.), nach gleichbed. frz. nervosité, zuvor vereinzelt ‘Kraft, Stärke’ (Ende 18. Jh.), nach mfrz. frz. (älter) nervosité ‘Stärke, (Widerstands)kraft, Sehnigkeit’, dieses entlehnt aus lat. nervōsitās (Genitiv nervōsitātis) ‘Stärke einer Faser, Kraft’. entnerven Vb. ‘entkräften, der Nervenkraft berauben, nervlich erschöpfen’ tritt (Ende 17. Jh.) neben nur wenig älteres, in demselben Sinne gebrauchtes enervieren Vb. (2. Hälfte 17. Jh.), dies nach gleichbed. mfrz. énerver, afrz. soi esnerver ‘sich verweichlichen’ (entlehnt aus lat. ēnervāre ‘die Nerven herausnehmen, der Nerven entledigen, schwächen, entkräften’).

Thesaurus

Synonymgruppe
Assoziationen
Synonymgruppe
belastend · beschwerlich · lästig · mühevoll · mühselig · schwer · verdrießlich  ●  in mühevoller Kleinarbeit  floskelhaft · anstrengend  ugs. · nervig  ugs.

Typische Verbindungen zu ›nervig‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›nervig‹.

Zitationshilfe
„nervig“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/nervig>.

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