Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

orgeln

Grammatik Verb · orgelt, orgelte, hat/ist georgelt
Aussprache  [ˈɔʁgl̩n]
Worttrennung or-geln
GrundformOrgel
Wortbildung  mit ›orgeln‹ als Grundform: Orgelei
DWDS-Vollartikel

Bedeutungen

1.
umgangssprachlich etw. orgelt(auf einer Orgel oder klanglich einer Orgel ähnelnd) laut und eindringlich (er)tönen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiele:
Der Sturm wurde immer ärger. Er orgelte und pfiff, stöhnte und dröhnte durch die Straßen […]. [Simmel, Johannes Mario: Es muß nicht immer Kaviar sein. Zürich: Schweizer Verl.-Haus 1984 [1960], S. 5]
Die Polizeisirenen in New York orgeln anders als in Berlin. [Der Tagesspiegel, 21.12.2019]
Nahezu jedes Jahrmarktsgeschäft hatte tatsächlich seine eigene Orgel; Fahr‑ und Schaugeschäfte, aber auch Schießstände orgelten allesamt wild durcheinander. [Sendhistorie(n), 22.06.2017, aufgerufen am 01.09.2020]
Es orgelt ordentlich, die Gemeinde singt, vorn verkündet jemand eine frohe Botschaft. [Leipziger Volkszeitung, 09.12.2004]
Die Hammond orgelt im Hintergrund, Bläsersätze feuern kurze Salven, die Gitarre seufzt und nörgelt, plaudert und jubiliert. [Süddeutsche Zeitung, 04.03.1999]
Fern orgelte die See, und die Schatten der Bungalows lagen tiefblau auf weißem Korallensand. [Löhndorff, Ernst Friedrich: Südwest-Nordost. Bremen: Schünemann 1936 [1936], S. 5]
spezieller ein lautes, kräftiges, tiefes, röhrendes o. ä. (Motoren-)‍Geräusch erzeugen
Beispiele:
Wer […] Spaß haben möchte, muss zurückschalten, Gas geben und den Motor orgeln lassen. [Der Spiegel, 15.11.2011 (online)]
Der Reihenvierzylinder orgelt tapfer, springt irgendwann an und hackt sich in einen mühsamen Leerlauf. [Rhein-Zeitung, 31.01.2018]
Der Anlasser orgelt, aber das Motorrad springt nicht an. [Motorradreise 2016 (2): Nicht mein Tag, 29.10.2016, aufgerufen am 01.09.2020]
Wenn einem die Maschine seines Oldies lieb ist, dann startet man sie nicht sofort, […] sondern zieht ein Kabel der Zündspule ab und lässt einfach mal den Anlasser orgeln. [Die Welt, 04.04.2015]
Unermüdlich orgeln die Zementmischer, werden historische Portale sandgestrahlt und Arkadengänge aufgefrischt. [Frankfurter Rundschau, 28.12.2002]
2.
umgangssprachlich etw. orgeltmit lautem, kräftigem, tiefem Klang herankommen, sich nähern, sich fortbewegen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘ist’
Beispiele:
Acht neue F‑16‑Kampfjets orgelten im Tiefflug über die Hauptstadt. [Süddeutsche Zeitung, 03.08.2015]
Die Maikäfer kommen in der Dämmerzeit aus den umliegenden Birkenwäldern georgelt. [Strittmatter, Erwin: Der Laden. Berlin: Aufbau-Verl. 1983, S. 7]
Die Mörser beantworteten das Feuer aus der Deckung des Bahndamms[…]; wir konnten die Geschosse rauschen hören, orgeln, und eines sorgte dafür, daß der »Luisenhof« vorerst keine Zimmer mit Seeblick würde anbieten können. [Lenz, Siegfried: Heimatmuseum. Hamburg: Hoffmann und Campe 1978, S. 7]
3.
jmd. orgelt (etw.)(etw. auf einer) Orgel, Drehorgel spielen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiele:
Dann segnet Vater die Gemeinde. Die Kantorin orgelt. [Zeit Magazin, 14.03.2013]
Anfang der Achtzigerjahre orgelten Tangerine Dream ihr Meisterwerk »White Eagle« […]. [Die Welt, 28.11.2020]
In Los Angeles orgelten sich The Doors durch die Pforten der Wahrnehmung, und in San Francisco halluzinierte Grace Slick, wie es wäre, mit Alice durchs Wonderland zu driften – voll auf Pilzen und Pillen. [Süddeutsche Zeitung, 13.03.2019]
Fast ein Jahr lang hatte ich […] versucht, mich mit den verschiedensten Jobs über Wasser zu halten[…]: für einen Wuppertaler Großgastronomen und Kinokettenbesitzer wechselte ich die Bestuhlungen aus und half beim Renovieren seiner Bars, in einer Husumer Fischverarbeitungsfabrik schaufelte ich Fischmehl, und im bayrischen Straubing versuchte ich mich als Drehorgelmann. Stundenlang hab ich umsonst georgelt. [Wallraff, Günter: Ganz unten. Berlin: Aufbau-Verl.1986 [1985], S. 7]
metonymisch Irgendwo spielt ein Akkordeon, ein Leierkasten orgelt Weihnachtliches und am Spätnachmittag tönen ein paar Bläser Stimmung in den sonnigen Himmel. [Badische Zeitung, 16.12.2013]
a)
übertragen (eindrücklich, wirkungsvoll) die Stimme bzw. Stimmlage einsetzen
Beispiele:
Tief orgelnd, wie es nur auf französisch geht, moduliert er [Jacques Chirac] bei der Pressekonferenz seine Sätze von Europas »historischer Verantwortung« und der »Mission des Friedens«, der »Mission der Freiheit«. [Die Welt, 24.11.2005]
Die [im Mitschnitt von »Kabale und Liebe« dokumentierte] Aufführung ist von 1955, die Stimmen der Stars von vorgestern dringen an unser Ohr: […] Walter Franck orgelt staatsmännisch den Präsidenten, Bruno Hübner säuselt den intriganten Wurm, Ewald Balser poltert den Miller, der am besten weiß, was für seine Tochter gut ist. Damals […] konnten Schauspieler noch sprechen. [Die Welt, 21.07.2007]
[…] der Sprecher Alexej Petrenko säuselte und orgelte seinen Text [in der konzertanten Aufführung der Filmmusik] so suggestiv, daß sich die fehlenden Filmbilder von selbst einstellten. [Süddeutsche Zeitung, 17.07.1999]
Es läuten die Glocken, es orgeln russische Männerchöre vom Band. [Süddeutsche Zeitung, 04.10.1994]
Doch sie verfügt über eine erstaunliche Fülle von Registern und Nuancen, sie orgelt und sie lispelt, sie argumentiert mit dünnlippiger Kühle, sie flirtet, sie knarrt vor Verachtung[…]. [Die Zeit, 12.06.1981]
b)
allgemeiner jmd., etw. orgelt (etw.)Musik spielen, musizieren; eine Musikaufzeichnung wiedergeben
Beispiele:
Die […] Band orgelt gewaltig, aber keiner mag schunkeln. [Süddeutsche Zeitung, 09.10.2015]
In gebührendem Abstand vor dem Eingang [der wegen der Coronapandemie geschlossenen Senioreneinrichtung] positioniert, haben sie »georgelt« und mit ihrer Musik die Heimbewohner und Pflegekräfte, die vom Fenster aus zuschauten, unterhalten und ihnen Mut gemacht. [Für ein Lächeln in schweren Zeiten, 08.04.2020, aufgerufen am 31.08.2020]
Platte Melodien werden von elegischen Harmonien weich umspült, ein Keyboard orgelt arglos vor sich hin, während die Streicher ein klassisches Mäntelchen beisteuern. [Neue Zürcher Zeitung, 07.07.2011]
Ein verstaubtes Radio orgelt leise Violinenmusik, Hobelspäne knirschen unter den Füßen. [Leipziger Volkszeitung, 16.03.1998]
4.
Jägersprache jmd., etw. orgelt
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Synonym zu röhren
Beispiele:
Der noch rote Hirsch zog orgelnd auf dem Wechsel in den Einstand. Übersetzt [aus der Jägersprache] bedeutet dieser Satz nicht weniger als: Der Hirsch, noch in seinem Sommerfell, markierte laut röhrend sein Revier und ging dabei langsam einen Pfad entlang, den diese Tierart schon seit Generationen nutzt, in den Waldteil, den er tagsüber bevorzugt aufsucht. [… aus der Jagd in den Sprachgebrauch …, 13.03.2010, aufgerufen am 31.08.2020]
Um den Hirschkühen zu imponieren und den Konkurrenten unmissverständlich mitzuteilen, dass ER [sic!] der Platzhirsch ist, wird geröhrt, georgelt, getrenzt und geknört. [Je kälter die Nacht, desto lauter der Liebestanz, 10.09.2015, aufgerufen am 01.09.2020]
In den vergangenen Tagen schnaufte, orgelte und röhrte es dort [im Wildpark] mächtig gewaltig, und man hatte die Chance, live zu erleben, wie sich der Geweihte hingebungsvoll um seine Damen kümmerte. [Saarbrücker Zeitung, 06.10.2011]
Sein Röhren in der Brunftzeit orgelt unverwechselbar urig durch herbstliche Waldreviere. [Hamburger Abendblatt, 18.10.2007]
Er ist mit dem Geschehen der Hirschbrunft schon vertraut und kennt auch das Abenteuer einer Übernachtung in verlassenen Alp‑ und Holzerhütten, wenn die mächtigen Stimmen der Hirsche in aufregender Nähe durch die Finsternis orgeln. [Jahrbuch des Schweizer Alpen-Clubs. Zürich: Schweizer Alpen-Club 1984]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Orgel · Drehorgel · orgeln · Organist · Orgelpfeife
Orgel f. größtes Musikinstrument, bei dem durch Tasten sowie Pedal und Luftzuführung Pfeifen in verschiedenen Klangfarben zum Tönen gebracht werden. Ahd. organa (9. Jh.), Plur. (mit Dissimilation) orgalūn (Hs. 12. Jh.), mhd. organā, organe, orgene, orgel(e) ist entlehnt aus lat. organa, dem häufig gebrauchten Plural von lat. organum ‘Musikinstrument, Pfeifen-, Orgelwerk’, auch ‘Werkzeug’, griech. órganon (ὄργανον) ‘Werkzeug, Gerät, Instrument, Sinneswerkzeug, Organ’ (s. Organ). Drehorgel f. ‘Leierkasten’ (Mitte 18. Jh.). orgeln Vb. ‘Orgel spielen’, spätmhd. orgelen; auch ‘tiefe, brausende, orgelähnliche Töne hervorbringen’ (18. Jh.), vom Hirsch ‘röhren’. Organist m. ‘Orgelspieler’, mhd. organiste, mlat. organista. Orgelpfeife f. (15. Jh.); vgl. wie die Orgelpfeifen ‘der Größe nach’ (2. Hälfte 16. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
brüllen · orgeln (Jägerspr.) · röhren · schreien
Oberbegriffe
  • Laute von sich geben
Zitationshilfe
„orgeln“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/orgeln>.

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