postfaktisch

GrammatikAdjektiv · Superlativ: am postfaktischsten, ohne Komparativ
Worttrennungpost-fak-tisch
HerkunftIn seiner heute häufigsten Verwendung (Lesart 1) ist das Wort eine Lehnbildung zu dem gleichbedeutenden Adjektiv post-truthamerik-engl, das zurückgeführt wird auf einen 1992 erschienenen Essay des Autors Steve Tesich sowie auf den Titel des von Ralph Keyes 2004 veröffentlichten Buches »The Post-Truth Era: Dishonesty and Deception in Contemporary Life« (vgl. oxforddictionaries.com, »A brief history of post-truth«).
Wortzerlegungpost-faktisch
Das Wort post-truth wurde von Oxford Dictionaries am 8. November 2016 zum Wort des Jahres 2016 gewählt. Am 9. Dezember 2016 wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) postfaktisch zu ihrem Wort des Jahres 2016.
DWDS-Vollartikel, 2016

Bedeutungen

1.
bildungssprachlich, (meist) abwertend anerkannte Tatsachen, als gesichert geltendes Wissen nicht zur Kenntnis nehmend und sich stattdessen auf subjektive Wahrnehmungen und ungeprüfte Behauptungen stützend bzw. sich auf Stimmungen und Gefühle beziehend
Postfaktisch wird vor allem als Schlagwort in der politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzung gebraucht, mit dem entsprechende Haltungen, kommunikative Praktiken oder eine Politik als nicht vernunftgeleitet gekennzeichnet werden. Als problematisch bei der Wortverwendung wird häufig ein zu einfacher Politikbegriff angesehen, der davon ausgeht, dass politisches Handeln ausschließlich auf objektiven, allgemein anerkannten Fakten gründet, wohingegen Kritiker des Begriffs die allgemeingültige Objektivität von Fakten bezweifeln und davon ausgehen, dass Politik immer ein Zusammenspiel von (konstruierten) Fakten und Meinungen ist.
Beispiele:
»Postfaktisch« steht […] für die gesellschafts- und medienpolitische These, dass heute – im Gegensatz zu früher! – viele öffentliche Debatten nicht mehr auf der Basis von Fakten geführt würden. […] [Telepolis, 10.12.2016, aufgerufen am 13.12.2016]
[Bundeskanzlerin Merkel:] Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen. [Der Tagesspiegel, 21.09.2016]
Und es ist immer ein Verhältnis von Fakten und Meinungen. Fakten lassen sich ja selten in einem nackten Zustand erwischen. Und darum gibt es Meinungsstreit. Und meistens ist es so, dass man die Argumente der eigenen Seite für Fakten hält und die auf der anderen Seite nicht für Fakten. Ich [der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler] glaube, dass in diesem Ausdruck, alles sei nun postfaktisch, doch auch eine politische Enttäuschung darüber mitschwingt, dass ganz viele Menschen so entschieden haben, wie man es nicht erwartet hat und wie man es auch nicht gerne sieht. [www.deutschlandradiokultur.de, 17.12.2016]
»Postfaktisch« ist ein Schimpfwort, das auf politische Hasardeure zielt, die sich nicht mehr an Tatsachen orientieren wollen und bloss noch auf Stimmung setzen. […] Heute verlaufen die politischen Trennlinien nicht zwischen Faktengläubigkeit und postfaktischer Chuzpe, sondern zwischen Lebensvorstellungen, die man für richtig hält, und solchen, die man bekämpft. Es geht um Standpunkte, Blickwinkel und Glaubenshaltungen. [Neue Zürcher Zeitung, 09.12.2016]
[…] Das [als Wort des Jahres 2016 gewählte] Kunstwort postfaktisch verweist darauf, dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. […]. [Gesellschaft für deutsche Sprache, 09.12.2016, aufgerufen am 10.12.2016]
[…] obschon man denken könnte, dass nach der langen Kampagne alles gesagt sei über die große Verfassungsreform [in Italien], […] verkommt die politische Auseinandersetzung […] zur hässlichen Propagandaschlacht voller Beschimpfungen und postfaktischer Ablenkungsmanöver. [Süddeutsche Zeitung, 23.11.2016]
Die Rede von »postfaktischer Politik« ist zuallererst polemisch. […] Sie beschwört Faktengläubigkeit, indem sie bei den angeblich postfaktisch Denkenden den Mangel an Realismus beklagt. Sie übergeht, dass die Fakten, die so gern »knallhart« tun, selber Produkte von Deutungen sind. [Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2016]
Bewirtschaftung von Launen: Das ist die politische Verlockung des postfaktischen Zeitalters. […] [Neue Zürcher Zeitung, 22.08.2016]
[…] [Obamas Kritiker Raines:] »Barack Obama. Schlechter Rat. Schlechte Instinkte. Nicht regierungsbereit.« Dabei sei angemerkt: Raines und Obama haben nie etwas miteinander zu tun gehabt. Aber wir leben halt schon seit längerem in einer »postfaktischen Gesellschaft«. [die tageszeitung, 29.09.2008]
Wir sollten uns […] nicht darüber wundern, wenn es 2017 zum postfaktischsten Wahlkampf in der Geschichte der BRD kommt. [Telepolis, 12.12.2016, aufgerufen am 12.12.2016] ungewöhnl.
Kollokation:
als Adjektivattribut: ein postfaktisches Zeitalter; eine postfaktische Politik, Gesellschaft
2.
selten, bildungssprachlich den tatsächlichen, historischen Vorgängen oder Verhältnissen zeitlich nachfolgend
Beispiele:
[…] Kommt nur irgend etwas zustande, wird die Zahl derer, die lieber doch nicht nicht dabei sein möchten, immer größer sein als das kleine Häufchen jener, die auf einer […] Ablehnung beharren. Natürlich bleibt die Möglichkeit postfaktischer Kritik, aber das riecht immer ein wenig altbacken, wertkonservativ oder gar neidisch. [Die Presse, 05.04.2008]
Die all die scharfen politischen Differenzen […] ausblendende, vereinheitlichende Bezeichnung »Generation« [der 68er] ist eine nachträgliche Kosmetik der Geschichte. […] Einerseits konnte man so auch die damals weniger mutigen Zeitgenossen eingemeinden und sich mit postfaktischem Aufbruchsgeist schmücken. Und andererseits konnte man auf subtile Weise verniedlichen. [Süddeutsche Zeitung, 24.07.1999]
Zitationshilfe
„postfaktisch“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/postfaktisch>, abgerufen am 12.11.2019.

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