postulieren

Grammatik Verb · postuliert, postulierte, hat postuliert
Aussprache  [pɔstuˈliːʀən]
Worttrennung pos-tu-lie-ren
Wortbildung  mit ›postulieren‹ als Erstglied: Postulierung  ·  formal verwandt mit: Postulat
Herkunft aus postulārelat ‘verlangen, begehren, erwarten, fordern’, zu poscerelat ‘fordern, verlangen, forschen, fragen’
Duden, GWDS, 1999 und DWDS

Bedeutung

jmd., etw. postuliert etw.
a)
bildungssprachlich fordern, unbedingt verlangen, für notwendig, unabdingbar erklären
Kollokationen:
mit Adverbialbestimmung: etw. ausdrücklich postulieren
mit Akkusativobjekt: ein Recht, eine Pflicht, einen Anspruch postulieren
Beispiele:
»Solange nukleare Bedrohungen bestehen, braucht Europa weiterhin den nuklearen Schutzschirm der USA unter dem Dach der Nato«, postuliert die Fraktion. [Süddeutsche Zeitung, 27.01.2021]
Der heilige Augustinus postulierte […] zwar das Überleben der Juden als »Rest Israels«, als Zeugen der Offenbarung bis zum Jüngsten Tag – doch wie Kain, der Mörder Abels, sollten sie rastlos durch die Welt irren und dabei doch nicht der Rache verfallen. [Süddeutsche Zeitung, 12.02.2021]
Alexandra Grants textbasierte Malerei rekurriert auf die poststrukturalistische Philosophin und Feministin Hélène Cixous, die einen radikal antitotalitären Ansatz verfolgt und das Zeigen und Verhüllen zugleich postuliert. [Die Welt, 22.08.2020]
Die Vizemeisterschaft wurde als neues Ziel postuliert. [Die Welt, 19.06.2020]
Man kann die Erniedrigung, die das preußische Pflichtideal postuliert, und die Depravation, zu der es notwendig führen muß, nicht verstehen, wenn man seine Entwicklung nicht kennt. [Ball, Hugo: Preußen und Kant. In: Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1918], S. 9802]
b)
bildungssprachlich etw. (mit dem Anspruch, es sei richtig, wahr) feststellen, behaupten; als wahr, gegeben hinstellen
Kollokationen:
mit Adverbialbestimmung: etw. kühn, unabhängig [voneinander] postulieren
Beispiele:
Dass die Frontier‑Zeit prägend für die amerikanische Denkweise war, hatte schon 1893 der Historiker Frederick Jackson Turner postuliert. [Die Welt, 11.09.2020]
Einige Astronomen glauben, dass es sich bei dem am Rand des Sonnensystems postulierten »Planeten Neun« in Wahrheit um ein Objekt handelt, das die Sonne einem benachbarten Stern entrissen und ihrem Schwerkraftbereich einverleibt hat. [Die Welt, 05.09.2020]
Er [Sigmund Freud] unterscheidet in der von ihm verfassten Sexualtheorie klitorale und vaginale Sexualität und postuliert, nur letztere sei die erwachsene und gesunde. [Süddeutsche Zeitung, 11.07.2020]
Wenn das Tragen von Jogginghosen bedeutet, dass man die Kontrolle über sein Leben verloren hat, wie es Mode‑Papst Karl Lagerfeld einst postulierte, dann sind die vergangenen Monate offenbar ein kollektiver gesellschaftlicher Totalabsturz gewesen. [Süddeutsche Zeitung, 09.07.2020]
Man kann eine solche Umwandlung der Hautempfindung in eine Ton‑ oder Farbenempfindung wohl postulieren, aber man kann sie schlechterdings nie vorstellen. [Dilthey, Wilhelm: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. In: Philosophie von Platon bis Nietzsche. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1910], S. 58425]
c)
Philosophie etw. zum Postulat machen; etw., ohne es beweisen zu können, vorläufig als wahr, gegeben annehmen
Kollokationen:
mit Akkusativobjekt: die Gleichheit, Existenz, ein Prinzip, den Zusammenhang (von etw.) postulieren
Beispiele:
Auch der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack kann in seinem »Wesen des Christentums« Jesus als übergeschichtliche Figur nicht beweisen, sondern nur postulieren, wie Christoph Markschies zeigte[…]. [Süddeutsche Zeitung, 26.05.2008]
Der Übergang vom Prinzip zur politischen Praxis musste auf eine Hypothese gestützt werden: jene von der natürlichen Tugendhaftigkeit des Volks, garantiert durch das von Robespierre postulierte gotthafte »Höchste Wesen«. [Süddeutsche Zeitung, 04.12.2018]
Doch wie Longuenesse zeigte, postuliert Kant in seiner Schrift über den »Mutmaßlichen Anfang der Menschengeschichte« ganz ähnlich wie Freud, dass die Entwicklung der moralischen Motivation in der Unterdrückung des Geschlechtstriebs wurzele. [Süddeutsche Zeitung, 20.06.2017]
Ich stelle Schiller als den Sartre des späten achtzehnten Jahrhunderts dar, der postuliert, dass der Geist stärker ist als der Körper. [Welt am Sonntag, 13.03.2011]
Entstehen und Vergehen, Bewegung und Veränderung, kurz alles Werden postuliert ja einen Übergang von nicht Vorhandenem zu Vorhandenem, von [dem] Nichts zu [dem] Etwas; wie aber ist das denkbar? [Meyer, Eduard: Geschichte des Altertums. Bd. IV, 1. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1901], S. 20475]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

postulieren · Postulat
postulieren Vb. ‘unbedingt fordern, verlangen, als Bedingung stellen’ (Anfang 15. Jh.), in der Philosophie ‘ein Postulat aufstellen, etw. vorläufig als wahr annehmen’ (18. Jh., s. unten Postulat), entlehnt aus lat. postulāre ‘verlangen, begehren, erwarten, fordern’, auch ‘vor Gericht fordern, gerichtlich belangen’; zu lat. poscere ‘fordern, verlangen, forschen, fragen’ (verwandt mit forschen, s. d.). Postulat n. ‘unbedingte (sittliche) Forderung’ (Anfang 15. Jh.), in der Philosophie ‘logische, methodische oder erkenntnistheoretische Annahme, These, die nicht (oder noch nicht) bewiesen werden kann’ (2. Hälfte 17. Jh.), aus lat. postulātum ‘Forderung, gerichtlicher Antrag, Gesuch’, dem substantivierten Neutrum des Part. Perf. von lat. postulāre (s. oben).

Thesaurus

Synonymgruppe
Anspruch erheben (auf) · abfordern · abverlangen · anfordern · anmahnen · beanspruchen · einfordern · fordern · verlangen  ●  postulieren  geh. · prätendieren  geh., franz., bildungssprachlich
Synonymgruppe
als sicher ausgeben · als wahr hinstellen · behaupten  ●  postulieren  geh., bildungssprachlich

Typische Verbindungen zu ›postulieren‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›postulieren‹.

Zitationshilfe
„postulieren“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/postulieren>.

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