Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

rücken

Grammatik Verb · rückt, rückte, hat/ist gerückt
Aussprache 
Worttrennung rü-cken
Wortbildung  mit ›rücken‹ als Erstglied: Rückung  ·  mit ›rücken‹ als Letztglied: abrücken · anrücken · aufrücken · ausrücken · einrücken · fortrücken · heranrücken · herausrücken · herrücken · hervorrücken · herüberrücken · hinausrücken · hinrücken · hinüberrücken · nachrücken · rausrücken · vorrücken · wegrücken · zurechtrücken · zurückrücken · zusammenrücken
 ·  mit ›rücken‹ als Grundform: Rücken2 · entrücken
eWDG

Bedeutungen

1.
etw. (mit einem Ruck) an einen anderen Platz, in eine andere Lage bringen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiele:
den Tisch, die Bank an eine andere Stelle rücken
er hatte den Schrank an die Wand, an den richtigen Platz, zur Seite gerückt
die Mütze über das Ohr rücken
sich [Dativ] die Mütze in die Stirn rücken
rücke den Sessel zu mir!
ein Bild näher, höher rücken
das empfindliche Gerät darf nicht gerückt werden
den Uhrzeiger rücken (= verstellen)
ForstwesenHolz rücken (= das geschlagene Holz zu nahe gelegenen Lagerplätzen transportieren)
am Kragen rücken (= ihm die richtige Lage geben)
er rückte, als er mich sah, am Hut (= grüßte lässig, ohne den Hut abzunehmen)
und mein Freund rückte am Segel [ AndresLiebesschaukel131]
übertragen
Beispiele:
etw. in den Mittelpunkt, Vordergrund rücken (= etw. als besonders wichtig hinstellen)
der Flug zu den Planeten rückte in greifbare Nähe (= wird in naher Zukunft Wirklichkeit werden)
etw. ins rechte, in ein schiefes Licht rücken (= etw. richtig, verzerrt darstellen)
diese neuen Erkenntnisse rückten die Probleme in ein völlig neues Licht (= zeigten sie aus ganz neuer Sicht)
2.
(mit einem Ruck) einen anderen Platz, eine andere Lage einnehmen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘ist’
Beispiele:
an jmds. Seite rücken
er war näher an den Tisch, die Wand gerückt
auf, mit dem Stuhl rücken
in jmds. Nähe rücken
neben jmdn. rücken
ein wenig, unruhig, nach vorn, hin und her rücken
könnt ihr bitte etwas rücken? (= zusammenrücken und dadurch Platz machen?)
sie rückten dicht aneinander
der Zeiger ist um eine Minute gerückt (= weiter gegangen, vorgerückt)
Schacher rückte mit dem König (= zog den König) auf das schwarze Feld
übertragen
Beispiele:
an jmds. Stelle rücken (= jmds. Stelle einnehmen)
etw., jmd. rückt in den Mittelpunkt (= wird als besonders wichtig angesehen)
das Projekt ist in weite Ferne gerückt (= läßt sich vorläufig nicht realisieren)
er war in die erste Reihe der Experten gerückt (= zählte fortan zu den besten Experten)
der Künstler rückte ins Rampenlicht der Öffentlichkeit (= weckte allgemeines Interesse)
3.
an einen bestimmten Ort rückenzu einem bestimmten Ort aufbrechen, wegmarschieren
Grammatik: mit Hilfsverb ‘ist’
Beispiele:
landschaftlichan den See, in die Heide rücken
die Soldaten rücken in die Kaserne, ins Manöver
die Truppe rückte ins Feld (= zog in den Krieg)
landschaftlichAls wir beide … auf den Bahnhof rückten [ BecherAbschied4,165]
salopp, bildlich
Beispiele:
jmdm. auf die Bude rücken (= jmdn. überraschend, ungebeten aufsuchen)
jmdm. auf den Leib, auf den Pelz, auf die Pelle rücken (= jmdm. zu nahe kommen, jmdn. bedrängen)
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Rücken · zurück · Rückblick · Rückfall · rückfällig · Rückgang · rückgängig · Rückkehr · Rücksicht · rücksichtslos · rücksichtsvoll · berücksichtigen · Rücksprache · Rückstand · rückständig · Rückzug · Rückhalt · rücklings · Rucksack · Rückseite · rückwärts · rückwärtig
Rücken m. ‘Rückseite des menschlichen Oberkörpers, Oberseite des tierischen Rumpfes’, ahd. (h)ruggi (8. Jh.), mhd. rügge, rugge, rück(e), ruck(e), asächs. hruggi- (in hruggibēn ‘Rückenknochen’), mnd. rugge, mnl. rugghe, rigghe, regghe, nl. rug, afries. hreg, aengl. hrycg (auch ‘Anhöhe’), engl. ridge (auch ‘Gebirgskamm, Erhöhung, First’), anord. hryggr, schwed. rygg (germ. *hrugja-) führen mit außergerm. Verwandten wie aind. krúñcati ‘krümmt sich, bewegt sich in Krümmungen’, lat. crux (Genitiv crucis) ‘Balken (mit Querholz), Marterpfahl’ (s. Kreuz), ir. crūach ‘Haufen, Schober, Hügel’, korn. cruc ‘Hügel’, lit. kriáuklas ‘(Ge)rippe, Skelett’, kriaũklė ‘Schneckenhäuschen’ auf ie. *(s)kreuk-, eine Erweiterung von ie. *(s)kreu-, seinerseits Erweiterung der verbreiteten und vielfach weitergebildeten Wurzel ie. *(s)ker- ‘drehen, biegen, kreisend bewegen’ (s. Reis2 n.). Mhd. frühnhd. rück(e) nimmt im 16. Jh. die Endung -en aus den obliquen Kasus des zur schwachen Flexion übergetretenen ehemaligen ja-Stammes an. zurück Adv. ‘rückwärts, (nach) hinten, hinter, wieder zum Ausgangspunkt’, ahd. zi rugge (9. Jh.), mhd. ze rucke, zerucke, zerücke ‘hinter sich, rückwärts’, eigentlich ‘nach dem Rücken, auf dem, im Rücken, dem Rücken zu’, mnd. to rugge, mnl. terugghe, nl. terug. zurück bildet Zusammensetzungen mit Verben (vgl. zurückblicken, -gehen, -liegen, -rufen) und in der Regel deren Ableitungen auf -ung (vgl. Zurückbildung, -haltung), während Verbalnomina mit eigener Stammbildung die Kurzform Rück- bevorzugen. Rückblick m. ‘Blick auf Vergangenes’ (Ende 18. Jh.). Rückfall m. ‘Teil der Mitgift, der nach kinderlosem Absterben an die Verwandten zurückgeht, das Zufallen eines Lehens an den Lehnsherrn beim Tode des Lehnsträgers’ (Ende 17. Jh.); dann (wohl als Übersetzung von lat. bzw. medizin.-lat. recidīva) ‘Rückkehr in einen scheinbar überwundenen Krankheitszustand’, übertragen ‘Rückkehr in einen früheren (schlechteren) Zustand’ (18. Jh.); rückfällig Adj. (17. Jh.). Rückgang m. ‘Verringerung, Abnahme’; rückgängig Adj. ‘zum Ausgangspunkt zurückführend, sinkend’ (beide 17. Jh.). Rückkehr f. ‘das Zurückkehren, Heimkehr, Fahrt zum Ausgangspunkt zurück’ (Anfang 18. Jh.). Rücksicht f. ‘Achtsamkeit gegenüber Interessen, Gefühlen anderer, wohldurchdachte Erwägungen, Gründe’ (18. Jh.), Übersetzung von gleichbed. lat. respectus (s. Respekt); rücksichtslos Adj. ‘ohne Rücksicht handelnd, unbedenklich, schonungslos, selbstsüchtig’ (Anfang 19. Jh.), rücksichtsvoll Adj. ‘voll Rücksicht handelnd, Rücksicht nehmend’ (19. Jh.); berücksichtigen Vb. ‘Rücksicht nehmen, in Betracht ziehen, beachten’ (Anfang 19. Jh.). Rücksprache f. ‘Besprechung noch ungeklärter Fragen’ (18. Jh.), eigentlich ‘Bericht des Verhandlungsbevollmächtigten an den Auftraggeber’, wohl aus der nd. Kanzleisprache, mnd. ruggesprāke. Rückstand m. ‘Zurückbleibendes, Rest, noch ausstehende Forderung’ (17. Jh.); rückständig Adj. ‘restlich, übrigbleibend, noch ausstehend (von Zahlungen), überholten Ansichten anhängend, au fniederer Entwicklungsstufe verharrend’ (Ende 17. Jh.). Rückzug m. ‘Zurückweichen vor dem Angriff eines Gegners und Aufgabe des bis dahin besetzten Gebietes’ (17. Jh.). Mit Rücken bzw. älterem Rück(e) sind zusammengesetzt Rückhalt m. ‘Stütze, Hilfe, Rückendeckung, Vorbehalt’ (16. Jh.). rücklings Adv. ‘rückwärts, nach hinten, mit dem Rücken nach vorn oder nach unten’, ahd. ruggilingūn ‘rückwärts, hinten’ (um 900), mhd. rückelingen, frühnhd. rücklings (16. Jh., Luther), s. -lings. Rucksack m. ‘mit Traggurten versehener, auf dem Rücken zu tragender sackartiger Behälter’ (2. Hälfte 19. Jh.), aus den obd. Alpenmundarten in umlautloser Form, vgl. schweiz. ruggsack (Mitte 16. Jh.). Rückseite f. ‘rückwärtige, hintere Seite, Kehrseite’ (18. Jh.). rückwärts Adv. ‘nach hinten, zurück, der ursprünglichen Bewegung entgegengesetzt, mit dem Rücken zuerst, hinten’ (17. Jh.), eigentlich ‘nach der Richtung, wo sich der Rücken befindet’ (s. -wärts). Vgl. spätmhd. zurucke wart (14. Jh.). Auch, zumal bair. und öst., für ‘hinten’ (nach rückwärts ‘nach hinten’), wozu die Weiterbildung rückwärtig Adj. ‘dahinter, hinten, an der Rückseite befindlich oder geschehend’ (18. Jh.).

rücken · abrücken · anrücken · ausrücken · einrücken · entrücken · entrückt · verrücken · verrückt · vorrücken · berücken
rücken Vb. ‘sich vorwärts bewegen, zu einem bestimmten Ort aufbrechen, (weg)marschieren, (mit einem Ruck, ruckweise) an einen anderen Platz schieben, in eine andere Lage bringen, von der Stelle bewegen’, ahd. rucken (9. Jh.; vgl. irrucken ‘unterstützen, aufrichten’, 8. Jh.), mhd. rücken (obd. rucken) ‘sich fortbewegen, etw. schnell bewegen’, mnd. mnl. rucken, nl. rukken, anord. rykkja, schwed. rycka, dän. rykke (germ. *rukkjan). Herkunft nicht geklärt. Verwandt sind sicher mhd. nl. (holl.) rocken ‘rücken’, aengl. roccian, engl. to rock ‘wiegen, schaukeln’ (s. Rock and Roll), anord. rugga ‘schütteln, schaukeln, wiegen’, schwed. (mundartlich) rugga ‘schaukeln’. Sieht man in den Formen geminierte schwundstufige Bildungen, kann ein Zusammenhang mit Rahe und regen (s. d.) angenommen werden. abrücken Vb. ‘wegrücken, -schieben, aufbrechen, sich entfernen, abmarschieren, sich distanzieren’, mhd. aberücken ‘wegziehen, entfernen’. anrücken Vb. ‘aneinanderschieben, sich nähern, anmarschieren’ (15. Jh.). ausrücken Vb. ‘aus-, hinausmarschieren, davonlaufen, ausreißen’, mhd. ūʒrücken ‘herausziehen’. einrücken Vb. ‘einsetzen, einmarschieren, den Militärdienst beginnen, dazu eingezogen werden’, mhd. īnrucken ‘hineinschieben’. entrücken Vb. ‘wegnehmen, entfernen, versetzen’ (an einen anderen Ort, in Ekstase, in eine andere Welt), mhd. entrücken; entrückt Part.adj. ‘abgelegen, fern, geistig abwesend, weltverloren’ (13. Jh.). verrücken Vb. ‘wegrücken, an einen anderen Platz schieben, verschieben’, ahd. firrucken (um 1000), mhd. verrücken, verrucken; verrückt Part.adj. ‘nicht bei Verstand, geistesgestört, irre, unsinnig’, eigentlich ‘an eine andere, eine falsche Stelle gebracht’ (16. Jh.), zumal in Fügungen wie verrückt im Kopf, im Hirn ‘töricht, närrisch’ (17. Jh.), aus denen sich rasch absoluter Gebrauch im oben genannten Sinne entwickelt. vorrücken Vb. ‘(weiter) nach vorn, vorwärts rücken, vorwärts marschieren, auf dem Vormarsch sein’, ahd. furirucken (um 1000), mhd. vorrücken ‘vorbeiziehen, -gehen’. berücken Vb. ‘bezaubern, entzücken, betören, verlocken’, ursprünglich ein Ausdruck des Vogel- und Fischfangs mit der Bedeutung ‘listig, täuschend fangen’, eigentlich ‘ein Netz über das Tier rücken, das man fangen will’, von Luther (1. Hälfte 16. Jh.) in die Literatursprache eingeführt. Im Frühnhd. und vor allem in der Barockzeit (17./18. Jh.) wird berücken oft bildlich mit dem Aspekt des Betrugs und der Liebeslist verwendet. Im 18. Jh. geht das Gefühl für die ursprüngliche Bedeutung verloren, und berücken steht gleichbed. neben bezaubern.

Ruck · rucken1 · anrucken · ruckeln · ruckweise
Ruck m. ‘durch einen plötzlichen Stoß, Zug ausgelöste schnelle, kurze Bewegung’. Die Substantive ahd. ruc (um 1000; vgl. auch framruc ‘Fortschritt’, 9. Jh.), mhd. ruc ‘schnelle Ortsveränderung, Fortbewegung’, mnd. ruck, nl. ruk, anord. rykkr, schwed. ryck, dän. ryk ‘Ruck’ gehören zu den unter rücken (s. d.) behandelten Verben. Vgl. die Fügung in einem Ruck ‘plötzlich und ohne Halt’ (16. Jh.), heute häufig mit einem Ruck ‘auf einmal, plötzlich’, ferner die Wendung sich einen (inneren) Ruck geben ‘sich zusammenreißen, sich überwinden, etw. gegen seine Neigung zu tun’. Vom Substantiv neu abgeleitet ist rucken1 Vb. ‘Rucke machen, sich in kurzen Stößen, Schüben, Zügen fortbewegen’ (18. Jh.) und anrucken Vb. ‘mit einem Ruck, unvermittelt anfahren’ (19. Jh.). Dazu das landschaftlich, besonders nordd. und md. gebrauchte Iterativ ruckeln Vb. ‘leichte Rucke machen, sich stoß-, schubweise fortbewegen’. ruckweise Adv. ‘in Rucken, stoßweise’ (17. Jh.; anfangs auch mit Umlaut rückweise).

rucken2 · rucksen
rucken2, rucksen Vb. ‘gurren’ (von der Taube), mhd. ruckezen, nd. rukuken, lautmalend zur Wiedergabe des Taubenlauts rucku (15. Jh.), rucke di guck (Grimm, Aschenputtel).

Thesaurus

Synonymgruppe
fortschieben · rücken · schieben · umsetzen · umstellen · verdrängen · verrücken · verschieben · wegschieben  ●  deplacieren  veraltet · verfrachten  ugs.

Typische Verbindungen zu ›rücken‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›rücken‹.

Verwendungsbeispiele für ›rücken‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Von Tag zu Tag, zwanglos, rückst du dem Ziel näher. [Riemkasten, Felix: Yoga für Sie, Gelnhausen: Schwab 1966 [1953], S. 162]
Kann man das gespielt von so weit nach vorn rücken, ohne Unheil anzurichten? [Reimann, Hans: Vergnügliches Handbuch der Deutschen Sprache, Düsseldorf: Econ-Verl. 1964 [1931], S. 335]
Das rückt den Begriff Bewußtsein in eine theoretisch vorrangige Position. [Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984, S. 347]
Gleichwohl will es nicht gelingen, M. ins helle Licht der Geschichte zu rücken. [Oßwald, E.: Moses. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1960], S. 12525]
Und schon rückt das Verfahren in die Nähe der praktischen Anwendung. [Die Zeit, 17.06.1998, Nr. 26]
Zitationshilfe
„rücken“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/r%C3%BCcken>.

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