radikal

Grammatik Adjektiv · Komparativ: radikaler · Superlativ: am radikalsten
Aussprache  [ʀadi'kaːl]
Worttrennung ra-di-kal
Wortbildung  mit ›radikal‹ als Erstglied: Radikalinski · Radikalismus · Radikalist · Radikalkur · Radikalmittel · Radikaloperation · radikalisieren
 ·  mit ›radikal‹ als Letztglied: linksradikal · rechtsradikal  ·  mit ›radikal‹ als Grundform: Radikale · Radikalität
Herkunft zu radicalismlat ‘an die Wurzel gehend, von Grund auf, gründlich’ < rādīxlat ‘Wurzel’
ZDL-Vollartikel

Bedeutungen

1.
bis auf den Grund gehend, weitreichend, vollständig
Kollokationen:
als Adjektivattribut: ein radikaler Umbau, Kurswechsel, Bruch, Schnitt, Wandel, Plan
als Adverbialbestimmung: etw. radikal umbauen, umkrempeln, modernisieren, verändern, vereinfachen
Beispiele:
Die Soziologie ist radikal, kritisch und politisch brisant: Sie ist radikal, weil sie an die Wurzel der Dinge geht; sie ist kritisch, weil sie rücksichtslos mit Vorurteilen und geheiligten Werten aufräumt; sie ist politisch brisant, weil sie – ihre Schlußfolgerungen zu Ende gedacht – häufig zu einschneidenden Reformen drängt. [Die Zeit, 15.03.1996]
Ich dachte, es sei Zeit für einen Bruch. Viele Produkte waren damals vom 19. Jahrhundert oder vom Anfang des 20. Jahrhunderts inspiriert, dabei technologisch gut ausgestattet. Für mich waren das Replikas, und ich fragte mich, warum keiner eine moderne, zeitgenössische Uhr macht. Ich wollte etwas Radikales. [Welt am Sonntag, 18.11.2018]
Die radikale Sanierung nach einem schweren Bilanzskandal bringt dem Technologieriesen Toshiba den höchsten Verlust seiner Geschichte ein. [Die Zeit, 21.12.2015 (online)]
Änderungen im Versicherungssystem haben in den USA viel radikalere Folgen für die Bürger als in Europa, weil es keine gesetzliche Grundabsicherung für alle gibt. [Die Zeit, 24.02.2010 (online)]
F. Bastiat […] wurde der schwärmerische Apostel der volkswirtschaftlichen Harmonie, des radikal freien Verkehrs, der Verteidiger des Privateigentums, das er ausschließlich auf die Arbeit zurückführte. [Schmoller, Gustav: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre. Erster Teil. Berlin: Duncker & Humblot 1978 [1900], S. 93]
2.
abwertend besonders in Politik, Religion und Gesellschaft
a)
zu extremen Ansichten oder Positionen neigend
Kollokationen:
als Adjektivattribut: ein radikaler Islamist; radikale Linke, Palästinenser, Gruppen, Prediger
in Koordination: radikal und extremistisch, militant, gewaltbereit, fundamentalistisch, revolutionär; radikal oder gemäßigt, moderat
Beispiele:
Eine der radikalsten [syrischen Rebellen-]Gruppen, Ahrar al‑Sharqiya, forderte nach der Eroberung die Vollverschleierung von Frauen. [Die Welt, 10.10.2019]
In Thüringen ist Björn Höcke, der Anführer des besonders radikalen »Flügels« [der AfD], Spitzenkandidat. [Bild am Sonntag, 06.10.2019]
Radikale Klimaschützer haben am Samstag in der Nähe des Kanzleramts in Berlin mit dem Bau eines sogenannten Klimacamps begonnen. [Welt am Sonntag, 06.10.2019]
Der Vater: ein radikaler Atheist und anarchistischer Philosoph, streng im Urteil, ewig von Geldnöten geplagt. [Süddeutsche Zeitung, 29.12.2018]
Der Vorstand weiß, daß Herr v. O[…] sich von je als extrem agrarisch gezeigt hat und daß er allgemein als einer der radikalsten Führer der agrarischen Bewegung angesehen wird. [Berliner Tageblatt (Sonntags-Ausgabe), 16.02.1902]
b)
gelegentlich anerkennend durch extreme Ansichten, Argumente o. Ä. charakterisiert
Kollokationen:
als Adjektivattribut: der radikale Islam
Beispiele:
Sie sollte prüfen, ob mit Geld aus den Ölmonarchien am Golf eine radikale Auslegung des Islam in Deutschland gefördert wird; der Salafismus, der westliche Demokratien ablehnt. [Süddeutsche Zeitung, 28.12.2018]
Bislang war er nicht bei der Polizei bekannt, fiel den Behörden auch nicht als Rechtsextremist oder durch andere radikale Haltungen auf. [Bild, 10.10.2019]
Der Polizisten‑Mörder von Paris war Anhänger einer radikalen Form des Islam. [Bild am Sonntag, 06.10.2019]
Aber für mich muss Literatur auch sprachlich immer interessant sein – damit meine ich nicht, dass sie immer schön und wohlklingend sein muss, ich bin auch für Experimentelles, Radikales, Extremes zu haben, bei Salinger habe ich sie aber leider nur als lästig empfunden. [SchöneSeiten, 18.04.2008, aufgerufen am 14.09.2018]
Andererseits wuchs das Selbstbewußtsein der Arbeiter mit der Schulbildung, mit dem Vereinsrecht und der Vereinsbildung, dem Wahlrecht, der ganzen politisch‑liberalen und radikalen Atmosphäre der Zeit; Gefühle der Bitterkeit über geringen Lohn und demütigende Behandlung entstanden in breiten Schichten des Arbeiterstandes. [Schmoller, Gustav: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre. Erster Teil. Berlin: Duncker & Humblot 1978 [1900], S. 519]
3.
oft abwertend rigoros, rücksichtlos, kompromisslos
Kollokationen:
als Adjektivattribut: radikale Forderungen
in Koordination: radikal und kompromisslos
Beispiele:
Für Stephen Emmott ist die Zukunft ein düsterer Ort. Der britische Wissenschaftler[…] fordert: »Um die [Klima-]Katastrophe zu verhindern, müssen wir irgendetwas Radikales tun, und ich meine wirklich tun.« [Die Zeit, 21.10.2013]
[Die Umweltschutzbewegung] Extinction Rebellion verfolgt drei zentrale Ziele: Die Regierung soll den Klimanotstand ausrufen, durch schnelles Handeln die Treibhausgasemissionen bis 2025 auf Nettonull senken und das Artensterben stoppen sowie eine Bürgerversammlung mit zufällig ausgewählten Mitgliedern schaffen, deren Beschlüsse für die Regierung bindend wären. Letzteres wäre ein tiefer Einschnitt in die demokratische Ordnung Deutschlands. Die Ziele sind radikaler als die von Fridays for Future. [Die Welt, 11.10.2019]
Noch können die Umsätze der Verlage mit digitalen Einnahmequellen die Verluste im Printgeschäft nicht ausgleichen. Der DuMont‑Plan ist aber besonders radikal, weil er eine Absage an das Verlegertum bedeuten würde. Oder, schärfer formuliert: eine Kapitulation. [Welt am Sonntag, 06.10.2019]
Es sei Zeit für »radikale Antworten« auf die Probleme in Deutschland, sagt Grünen‑Chef Robert Habeck immer wieder. [Süddeutsche Zeitung, 29.12.2018]
Die französische Revolution führte sie [Gewerbefreiheit] 1791 in radikaler Weise durch und die unter Frankreichs und Napoleons Einfluß kommenden Staaten folgten. [Schmoller, Gustav: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre. Erster Teil. Berlin: Duncker & Humblot 1978 [1900], S. 477]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

radikal · Radikalismus
radikal Adj. ‘bis auf die Wurzel, bis zum äußersten (gehend), gründlich, gänzlich, rücksichtslos, rigoros’, entlehnt (16. Jh.) aus mlat. radicalis ‘an die Wurzel gehend, von Grund auf, gründlich’, zu lat. rādīx (Genitiv rādīcis) ‘Wurzel’ (s. Radieschen, Rettich); zuerst in lat. Fügungen vorkommend, besonders als Adverb radicaliter (vgl. bereits spätlat. rādīcāliter ‘mit der Wurzel, im Keime, von Grund aus, ganz’); seit dem 18. Jh. mit dt. Flexionsbildung. radikal erscheint zunächst in der ursprünglichen, jetzt seltenen Bedeutung ‘eingewurzelt, Grund-, angeboren’ (16. Jh.), dann (unter Einfluß von frz. radical) ‘bis auf die Wurzel gehend, grundlegend, von Grund auf, gründlich’ (Ende 18. Jh.), schließlich (wohl unter dem Einfluß von engl. frz. radical) in der heute zentralen Bedeutung ‘extrem eingestellt, kompromißlos, unnachgiebig’, besonders im Hinblick auf politisch-weltanschauliche Haltungen und Verhaltensweisen (Anfang 19. Jh.). Radikalismus m. ‘bis zum Äußersten gehende Verfolgung der Ziele, unnachgiebiges, rücksichtsloses Vorgehen, politisch-ideologische Denk- und Handlungsweise, die auf eine grundlegende Umwandlung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse abzielt, extreme politische Strömung unterschiedlicher Richtungen’ (1. Hälfte 19. Jh.), vgl. gleichzeitig entstandenes engl. radicalism, frz. radicalisme.

Thesaurus

Synonymgruppe
Assoziationen
Synonymgruppe
absolut · ausgesprochen · extrem · hoch... · hyper... · höchst · mega... · radikal · sehr · total · unglaublich · äußerst · über die Maßen · überaus  ●  brutal  ugs., süddt. · derbe  ugs. · echt  ugs. · ganz  ugs. · ganz ganz  ugs. · super...  ugs. · voll  ugs., jugendsprachlich · was das Zeug hält  ugs. · wirklich  ugs.
Oberbegriffe
Assoziationen
  • mit äußerster Heftigkeit · wie ein Irrer · wie ein Verrückter · wie verrückt · wie wild · äußerst heftig
  • ausgesprochen · ganz und gar · gänzlich  ●  betont  geh. · prononciert  geh.
Antonyme
  • radikal
Synonymgruppe
mit der Abrissbirne  fig. · ohne Rücksicht auf Verluste  fig. · radikal (vorgehen)  Hauptform · verbrannte Erde zurücklassen  fig.
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›radikal‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›radikal‹.

Zitationshilfe
„radikal“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/radikal>, abgerufen am 06.12.2021.

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