Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

reaktionär

Grammatik Adjektiv
Aussprache 
Worttrennung re-ak-ti-onär · re-ak-tio-när
Wortbildung  mit ›reaktionär‹ als Letztglied: erzreaktionär · stinkreaktionär · stockreaktionär
Herkunft aus gleichbedeutend réactionnairefrz
eWDG

Bedeutung

abwertend an politisch überholten Gegebenheiten festhaltend, fortschrittsfeindlich
entsprechend der Bedeutung von Reaktion (3)
Beispiele:
reaktionäre Kreise, Parteien, Organisationen, Politiker
ein reaktionärer Staat, ein reaktionäres Regime
reaktionäre Bestrebungen, Umtriebe
eine reaktionäre Politik betreiben
reaktionäre Kräfte, Elemente entlarven
er ist reaktionär
Wie der ritterliche Aufstand innerlich reaktionär war, so ist die bäuerliche Revolution in ihrem historischen Kern innerlich reaktionär gescholten worden [ MehringDt. Geschichte47]
sie sind reaktionär, denn sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen [ Marx-EngelsManifest19]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

reagieren · abreagieren · Reagens · Reagenz · Reaktor · Reaktion · reaktionär · Reaktionär
reagieren Vb. ‘eine chemische Veränderung, Umwandlung eingehen, auslösen, zeigen’, entlehnt (18. Jh.) in die Sprache der Chemie aus spätlat. reagere ‘zurücktreiben’, mlat. ‘entgegenwirken’; vgl. lat. agere ‘treiben, handeln, tätig sein’ (s. agieren, aktiv). Gegen Ende des 18. Jhs. wird das Verb in die Sprache der Medizin und Biologie übernommen im Sinne von ‘auf einen äußeren Reiz ansprechen’ (von lebenden Organismen), danach (Anfang 19. Jh.) in allgemeiner Verwendung ‘eine Gegenwirkung ausüben, zeigen, für etw. empfindlich sein’. – abreagieren Vb. ‘(durch bestimmte Erlebnisse angestaute) Affekte, eine seelische Spannung durch Handlung verringern, ableiten, neutralisieren’ (Ende 19. Jh.). Reagens n. ‘mit einem anderen chemisch reagierender Stoff, Nachweismittel’ (2. Hälfte 18. Jh.; anfangs mit dem Plur. Reagentia, später Reagentien), in der Gelehrtensprache substantiviertes Part. Präs. von spätlat. reagere. Reagenz f. ‘das Reagieren, chemische Reaktion’ (Mitte 19. Jh.). Reaktor m. ‘Anlage zur großtechnischen Durchführung chemischer, physikalischer Reaktionen’, Übernahme (Mitte 20. Jh.) von gleichbed. amerik.-engl. reactor, zu engl. to react ‘zurückwirken, reagieren’. Reaktion f. ‘durch Einwirkung hervorgerufene Gegenwirkung’. Als Entlehnung von mlat. reactio (Genitiv reactionis) ‘Rückwirkung’ zuerst (17. Jh.) in der Sprache der Naturwissenschaft für ‘Widerstand, den ein Körper leistet, wenn ein anderer Körper auf ihn einwirkt’ (seit der 1. Hälfte des 19. Jhs. auch von physischen und psychischen Verhaltensweisen des Menschen), in der Rechtssprache ‘Erneuerung eines abgeschlossenen Streites’ (2. Hälfte 18. Jh.). Frz. réaction entwickelt während der französischen Revolution die Bedeutung ‘Bewegung gegen die Meinung der Mehrheit der Bürger, politische Partei (oder Parteiengruppe), die sich gegen Demokratie und sozialen Fortschritt stellt’ und wird zur Bezeichnung aller der ‘Kräfte (in einem Staat), die sich dem Fortschritt entgegenstellen’. Diese Verwendung wird gegen Ende des 18. Jhs. ins Dt. aufgenommen und danach besonders bei den Vertretern des Vormärz, des jungen Deutschland und in der Revolution von 1848 geläufig. reaktionär Adj. ‘rückschrittlich, fortschritts-, neuerungsfeindlich, streng konservativ’ (1. Hälfte 19. Jh.), aus gleichbed. frz. réactionnaire (um 1790). Reaktionär m. ‘Anhänger, Vertreter der Reaktion’ (Mitte 19. Jh.), aus gleichbed. frz. réactionnaire m.

Thesaurus

Synonymgruppe
ewig gestrig · reaktionär · restaurativ · rückschrittlich · rückwärtsgewandt · unfortschrittlich  ●  (das) Rad der Geschichte zurückdrehen (wollen)  fig.
Assoziationen
Synonymgruppe
fortschrittsfeindlich · nicht in der Gegenwart angekommen · reaktionär · rückschrittlich · zurückgeblieben  ●  Früher war alles besser.  ugs., Spruch · antimodernistisch  geh. · rückwärtsgewandt  geh., Hauptform · vergangenheitsverklärend  geh.
Assoziationen
  • ewig gestrig · reaktionär · restaurativ · rückschrittlich · rückwärtsgewandt · unfortschrittlich  ●  (das) Rad der Geschichte zurückdrehen (wollen)  fig.
  • am Bestehenden festhalten(d) · am Bewährten festhalten(d) · in der Tradition (stehen) · rechts (politisch) · traditionsverbunden · zum rechten Spektrum zählen(d)  ●  konservativ  Hauptform
  • anachronistisch · antiquiert · mittelalterlich · überholt  ●  Steinzeit  fig., abwertend · finsteres Mittelalter  fig., abwertend · gestrig  fig. · rückständig  abwertend · steinzeitlich  fig., abwertend · verstaubt  fig. · von Vorgestern  fig. · vorgestrig  fig. · vorsintflutlich  fig., abwertend · (auf den) Müllhaufen der Geschichte (gehörend)  ugs. · (das) wussten schon die alten Griechen  ugs. · (ein) Anachronismus  geh.
  • antiquiert · archaisch · auf den Müllhaufen der Geschichte (gehörend) · veraltet · überaltert · überholt  ●  in die Mottenkiste (gehörend)  fig. · (Das ist doch) Achtziger!  ugs. · aus der Mottenkiste (stammend)  ugs., fig. · old school  ugs., engl. · von gestern  ugs.
  • (ein) Auslaufmodell (sein) · Geschichte (sein) · Vergangenheit sein · altbacken · altmodisch · anachronistisch · antiquiert · hat seine Chance gehabt · hat sich überlebt · hatte seine Chance · nicht mehr Stand der Technik · nicht mehr State of the Art · nicht mehr auf der Höhe der Zeit · nicht mehr in Mode · nicht mehr in die (jetzige) Zeit passen · nicht mehr zeitgemäß · unmodern · veraltet  ●  Old School  engl. · aus der Zeit gefallen (sein)  fig. · ausgedient haben  auch figurativ · vorsintflutlich  fig. · zum alten Eisen gehören(d)  fig. · überholt  Hauptform · (der/die/das) gute alte (...)  ugs. · Die Zeiten sind vorbei.  ugs., Spruch · Schnee von gestern  ugs. · abgelutscht  ugs., salopp · abgemeldet  ugs. · aus der Mode (gekommen)  ugs. · ausgelutscht  ugs., salopp · damit lockt man keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor  ugs., sprichwörtlich · der Vergangenheit angehören  geh. · durch  ugs., Jargon · démodé  geh., franz. · gehört entsorgt  ugs. · hat seine besten Zeiten hinter sich  ugs. · hat sich erledigt  ugs., fig. · museumsreif  ugs., scherzhaft-ironisch · nicht mehr aktuell  ugs. · nicht mehr angesagt  ugs. · nicht mehr up to date  ugs., veraltend · out  ugs. · passé  ugs., veraltend · uncool  ugs. · vorbei  ugs. · war mal. (Heute ...)  ugs.

Typische Verbindungen zu ›reaktionär‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›reaktionär‹.

Verwendungsbeispiele für ›reaktionär‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Indem er die Wissenschaft emanzipatorischer Politik entgegensetzt, macht er sie zum Instrument reaktionärer Politik. [o. A.[Autorenkollektiv am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin]: Sozialistische Projektarbeit im Berliner Schülerladen Rote Freiheit. Frankfurt: Fischer Bücherei 1971, S. 421]
Daran scheidet sich die reaktionäre Kritik der Kultur von der anderen. [Adorno, Theodor W.: Minima Moralia, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1971 [1951], S. 188]
Diese Pläne, so utopisch sie sind, werfen freilich zum Teil noch einen reaktionären Schatten. [Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung Bd. 2, Berlin: Aufbau-Verl. 1955, S. 0]
Das Festhalten an alten avantgardistischen Formen galt von nun an als »reaktionär". [Die Zeit, 22.07.1999, Nr. 30]
Wer weniger Verkehr will, darf das Zurückgreifen auf den historischen Stadtplan nicht gleich als reaktionär verfemen. [Die Zeit, 29.11.1996, Nr. 49]
Zitationshilfe
„reaktionär“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/reaktion%C3%A4r>.

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