sittlich

GrammatikAdjektiv
Aussprache
Worttrennungsitt-lich
Wortbildung mit ›sittlich‹ als Erstglied: ↗Sittlichkeit  ·  mit ›sittlich‹ als Letztglied: ↗unsittlich  ·  mit ›sittlich‹ als Grundform: ↗entsittlichen
eWDG, 1976

Bedeutungen

1.
die Moral, die gute Sitte betreffend oder auf sie bezogen, moralisch
Beispiele:
die sittliche Erziehung, Bildung, Sauberkeit, Würde eines Menschen
jmdm. fehlt die sittliche Reife, der sittliche Ernst
sittliches Empfinden
ein sittliches Bewusstsein, Gewissen, sittliche Werte haben
das sittliche Weltbild der Klassik
jeden sittlichen Halt verlieren
sie war voller sittlicher Entrüstung
die sittliche Verwahrlosung, Verworfenheit des Angeklagten
jmdn., etw. sittlich rechtfertigen, verurteilen
sittlich gefestigt, hochstehend, überlegen sein
sexuell
Beispiele:
ein sittliches Vergehen
eine sittliche Entgleisung
2.
den Forderungen der Moral, der guten Sitte entsprechend
Beispiele:
ein sittliches Verhalten, Handeln
einen sittlichen Lebenswandel führen
etw. als sittliche Verpflichtung betrachten
sittliche Verantwortung, Grundsätze haben
3.
auf moralischem Gebiet vorbildlich, erzieherisch wirkend
Beispiele:
eine sittliche Persönlichkeit, Grundhaltung
die sittliche Kraft, der sittliche Wert einer künstlerischen Aussage
ein unzweifelhaft sittliches Moment im Wesen der Musik [Th. MannZauberb.2,163]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Sitte · Unsitte · sittlich · Sittlichkeit · unsittlich · sittsam · Sittenlehre
Sitte f. ‘Brauch, Gewohnheit, (moralischer) Anstand’, ahd. situ (8. Jh.), mhd. site ‘Art und Weise, wie man lebt und handelt, Volksart, -brauch, Gewohnheit, Beschaffenheit, Anstand’ (ursprünglich m., durch häufigen pluralischen Gebrauch bereits spätmhd. f.), asächs. sidu, mnd. sēde, sedde, mnl. sēde, nl. zede, afries. side, aengl. sidu, anord. siðr, schwed. sed, got. sidus (germ. *sedu- m.). Herkunft nicht geklärt. Die übliche Herleitung vergleicht aind. svadhā́ ‘Eigenheit, Eigenkraft, Charakter, gewohnte Art, Gewohnheit’, griech. éthos (ἔθος, aus *ϝέθος, ie. *su̯édhos) ‘Gewohnheit, Brauch, Übung’, lat. sodālis ‘Genosse, Kamerad, Gefährte, Mitglied einer Gemeinschaft’ und geht von ie. *su̯ē̌dh- aus, in dem eine Bildung zum Pronominalstamm ie. *seu̯e- (s. ↗sich) gesehen wird. Dagegen erklärt Wissmann in: Münchener Studien zur Sprachwiss. 6 (1955) 129 das stammhafte i in aengl. sidu und anord. siðr für alt (also nicht aus e hervorgegangen). Aus dem gleichen Grunde lehnt Trier Lehm (1951) 41 die oben vorgetragene Etymologie (also auch die Verbindung mit griech. éthos) ab und schließt die germ. Formen von Sitte an die unter ↗Saite und ↗Seil (s. d.) behandelten Substantive an, so daß Sitte (im Ablaut zu Saite stehend) als ‘Verbindendes, Bindung’ gedeutet werden kann. Unsitte f. ‘Anstand und Benehmen Zuwiderlaufendes’, ahd. unsitu (9. Jh.), mhd. unsite ‘üble Gewohnheit, Aufgebrachtheit, Zorn, unfeines oder grobes Benehmen’. sittlich Adj. ‘der Sitte, Moral entsprechend, moralisch’ (15. Jh.), ahd. situlīh (um 800), mhd. sitelich ‘dem Brauch gemäß, ruhig, milde, bescheiden, anständig’. Sittlichkeit f. ‘Wohlanständigkeit, Moral’ (Anfang 16. Jh.). unsittlich Adj. ‘unanständig, anstößig, unmoralisch’, ahd. unsitulīh (um 800), mhd. unsitelich ‘ungehörig, unziemlich, unpassend’. sittsam Adj. ‘brav, ehrbar, geziemend’ (15. Jh.), ahd. situsam ‘passend, geeignet’ (8. Jh.). Sittenlehre f. ‘Lehre von den Sitten, der Moral und Ethik, Moralphilosophie’ (17. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
ethisch · ↗moralisch · sittlich
Antonyme
  • sittlich

Typische Verbindungen zu ›sittlich‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Anschauung Betragen Empfinden Endzweck Entrüstung Ernst Gebot Handeln Hebung Ideal Läuterung Norm Pflicht Postulat Reife Verfall Verfehlung Verrohung Verwahrlosung Verwilderung Vollkommenheit Weltordnung Werturteil Wollen gefestigt geistig geistig-religiös hochstehend religiös verkommen

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›sittlich‹.

Verwendungsbeispiele für ›sittlich‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Nach der Französischen Revolution soll eine Reform die »sittliche Ordnung« wiederherstellen.
Die Zeit, 27.12.2007, Nr. 52
Gibt es so etwas wie eine sittliche »Erziehung des Menschengeschlechts«?
Jonas, Hans: Das Prinzip der Verantwortung, Frankfurt a. M.: Insel-Verl. 1979, S. 282
Ja, er sagte das allgemein, es läge ein sittliches Vergehen vor.
o. A.: Einhundertvierunddreißigster Tag. Montag, 20. Mai 1946. In: Der Nürnberger Prozeß, Berlin: Directmedia Publ. 1999 [1946], S. 22801
Kann sie je siegen, wenn sie vom Kampf abläßt, um sittlicher Ideen willen?
Toller, Ernst: Eine Jugend in Deutschland, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1985 [1933], S. 151
Von sittlicher Erneuerung kann auf diesem Wege überhaupt nicht die Rede sein.
Vossische Zeitung (Morgen-Ausgabe), 07.03.1922
Zitationshilfe
„sittlich“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/sittlich>, abgerufen am 26.02.2020.

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