Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

spekulativ

Grammatik Adjektiv
Aussprache 
Worttrennung spe-ku-la-tiv
Wortbildung  mit ›spekulativ‹ als Letztglied: hochspekulativ
Herkunft zu speculativusmlat ‘in forschendes Denken sich versenkend, betrachtend’
eWDG

Bedeutung

über die Grenzen der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis hinaus denkend, philosophierend, rein gedankenmäßig
Beispiele:
spekulatives Denken, spekulative Philosophie
diese Erwartungen sind rein spekulativ (= stellen eine bloße Mutmaßung dar)
Die Betrachtungen über die Existenz von Leben im Weltall sind natürlich sehr spekulativ, da die Erfahrungsgrundlagen weitgehend fehlen [ Urania1961]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

spekulieren · Spekulant · Spekulation · spekulativ
spekulieren Vb. ‘nachdenken, gewagte, riskante Geschäfte machen, auf etw. rechnen’, mhd. speculieren ‘sich in religiöse Betrachtung versenken, (Gott) zu erforschen suchen, sinnen’ wird durch die Mystiker entlehnt aus lat. speculārī ‘(umher)spähen, sich umsehen, auskundschaften, beobachten’; zu lat. specere ‘sehen’. Bei den Reformatoren (Luther) erhält spekulieren den abschätzigen Nebensinn ‘forschen, nachdenken auf phantastischer (d. h. nicht auf biblischer Überlieferung beruhender) Grundlage’, verallgemeinert ‘ohne Bezug zur Wirklichkeit nachsinnen, forschen’, auch ‘dichten’ (16. Jh.). Doch bleibt daneben wertneutraler Gebrauch im Sinne von ‘nachdenken, überlegen, mutmaßen’ erhalten, in der Philosophie weiterentwickelt zu ‘durch bloßes Denken (ohne Empirie) Erkenntnisse zu gewinnen suchen’ (18. Jh.). Eine eigene Verwendungsweise zeigt die Kaufmannssprache, wo ‘Berechnungen, Überlegungen anstellen, die einen Erfolg möglich erscheinen lassen, solche Absichten und Geschäfte ausführen’ (16. Jh., geläufig 18. Jh.) in ‘riskante Geschäfte machen’ übergeht. Davon herzuleiten ist der allgemeinsprachliche Gebrauch spekulieren (‘rechnen’) auf etw. (Ende 18. Jh.). Spekulant m. philosophisch ‘wer über metaphysische Dinge nachdenkt, Grübler’ (17. Jh.), kaufmannssprachlich ‘wer mit Risiko nach Gewinn strebt, auf Gewinn rechnender Unternehmer’ (18. Jh.); vgl. lat. speculāns (Genitiv speculantis), Part. Präs. zu lat. speculārī (s. oben). Spekulation f. mhd. speculācie (Anfang 14. Jh.), frühnhd. Speculacz (15. Jh.), Speculation (16. Jh.), aus spätlat. speculātio (Genitiv speculātiōnis) ‘das Ausschauhalten, Ausspähen, Betrachtung, das Beschauen’; entsprechend dem Gebrauch des Verbs zuerst bei den Mystikern ‘Betrachtung Gottes und seiner Schöpfung, geistliche Verzückung’, dann ‘tiefsinniges Nachdenken, Betrachten, Forschen’ (16. Jh.), philosophisch ‘kontemplatives, von der Wirklichkeit losgelöstes Erkenntnisstreben’ (18. Jh.), bald auch abschätzig windige, müßige Speculation ‘Spintisiererei’ (18. Jh.). Kaufmannssprachlich ‘kaufmännische Berechnung, riskante, auf Gewinn zielende Unternehmung’ (18. Jh.). spekulativ Adj. philosophisch (als Gegensatz zu empirisch) ‘in reinen Begriffen denkend, wirklichkeitsfremd, übersinnlich’, verallgemeinert ‘grübelnd, forschend, zur Spekulation neigend’ (17. Jh.), kaufmannssprachlich ‘berechnend, auf Gewinn, Handelsvorteil bedacht’ (19. Jh.), aus mlat. speculativus ‘in forschendes Denken sich versenkend, betrachtend’.

Thesaurus

Synonymgruppe
hypothetisch · in der Theorie · rein gedanklich · spekulativ · theoretisch  ●  kontrafaktisch  geh.
Assoziationen
Synonymgruppe
(an einer Sache) ist kein wahres Wort · (ein) Produkt der Phantasie · ausgedacht · belegfrei · eingebildet · erfunden · erlogen · fiktiv · frei erfunden · frei phantasiert · haltlos · imaginär · irreal · nicht auf Tatsachen beruhen(d) · ohne Realitätsbezug · ohne Realitätsgehalt · spekulativ · surreal  ●  kenntnisfrei  ironisch · (an einer Sache) ist nichts Wahres dran  ugs. · (da ist) nichts dran  ugs. · an den Haaren herbeigezogen  ugs., fig. · aus der Luft gegriffen  ugs., fig. · erstunken und erlogen  ugs. · imaginiert  geh. · von A bis Z gelogen  ugs., variabel · zusammenfantasiert  ugs.
Assoziationen
Antonyme
  • auf Tatsachen beruhend
Synonymgruppe
(hoch)spekulativ (sein) · keine gesicherte Datenbasis haben  ●  (sich) auf dünnem Eis bewegen  fig.
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›spekulativ‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›spekulativ‹.

Verwendungsbeispiele für ›spekulativ‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Rein spekulativ haben wir ihn in der ersten Zeit manchmal reflektiert. [o. A.[Autorenkollektiv am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin]: Sozialistische Projektarbeit im Berliner Schülerladen Rote Freiheit. Frankfurt: Fischer Bücherei 1971, S. 44]
Das ist die höchste Form des Erkennens, die "spekulative Wissenschaft". [Blättner, Fritz: Geschichte der Pädagogik, Heidelberg: Quelle & Meyer 1961 [1951], S. 179]
Und auch die interlokalen Gewerbe brachten offenbar oft erheblichen spekulativen Gewinn. [Weber, Max: Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen. In: Weber, Marianne (Hg.), Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I, Tübingen: Mohr 1920 [1916-1919], S. 365]
Gesehen hat diese fremden Welten – so sie existieren – also noch niemand, und somit ist die Frage, ob sie bewohnt sind, spekulativ. [o. A.: ASTRONOMIE: RÄTSEL 1. In: Bild der Wissenschaft auf CD-ROM, Stuttgart: Dt. Verl.-Anst. 1998 [1997]]
Was ist daran »spekulativ«, daß einer so lustvollen Sex zeigt, wie viele unter uns ihn gerne sehen mögen? [konkret, 1983]
Zitationshilfe
„spekulativ“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/spekulativ>.

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