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tolerieren

Grammatik Verb · toleriert, tolerierte, hat toleriert
Aussprache  [tɔleˈʀiːʀən]
Worttrennung to-le-rie-ren
Wortbildung  mit ›tolerieren‹ als Erstglied: tolerabel · tolerierbar
Herkunft aus tolerārelat ‘ertragen, erdulden, unterstützen’
Dieses Stichwort finden Sie im DWDS-Themenglossar zur Bundestagswahl.
eWDG und ZDL

Bedeutungen

1.
jmd., etw. toleriert jmdn., etw.jmdn., etw. dulden;
etw. gelten, jmdn. gewähren lassenWDG
Kollokationen:
mit Adverbialbestimmung: jmdn., etw. stillschweigend, zähneknirschend tolerieren; nicht tolerieren [können, wollen]
mit Akkusativobjekt: Abweichungen, ein Verhalten, eine Religion tolerieren
hat Präpositionalgruppe/-objekt: jmdn., etw. auf Dauer tolerieren
in Koordination: tolerieren und akzeptieren
mit Aktivsubjekt: der Körper, das Immunsystem toleriert etw.; der Staat toleriert etw.
Beispiele:
Verstöße gegen Gesetze und Mindestlöhne seitens der Lieferanten würden nicht toleriert, sondern sanktioniert […] [Südkurier, 11.10.2019]
Während im Kerngebiet des Nationalparks eine ungestörte Ausbreitung des Borkenkäfers toleriert wird, soll in den Randbereichen verhindert werden, dass er auf angrenzende Wälder übergreift und sie schädigt. [Wissenschaftler beobachten Borkenkäfer aus dem Weltall, 05.08.2021, aufgerufen am 05.08.2021]
Der Schluck Wein oder der Cocktail »ohne Umdrehungen« passen offensichtlich gut in eine Zeit, in der das Gesundheitsbewusstsein gestiegen ist und alkoholbedingte Ausfälle weniger toleriert werden. [Alkoholfreie Alternativen sind im Trend, 05.08.2021, aufgerufen am 05.08.2021]
Um es kurz auf den Punkt zu bringen: Ab sofort werde ich nur noch Kleidungsstücke in meinem Kleiderschrank tolerieren, in denen ich mich pudelwohl fühle, die mein Leben enorm erleichtern und die 100 % zu mir und meinem Lifestyle passen. [Weißes T-Shirt in Kombination mit Jeans, 11.06.2019, aufgerufen am 20.08.2020]
Dass Obdachlose in den Eingängen von Geschäften in der Innenstadt übernachten, wurde bislang toleriert. [Hamburger Abendblatt, 14.03.2017]
An dem als Immuntoleranz bezeichneten Prozess sind […] so genannte dendritische Zellen beteiligt, die besonders in den Lymphknoten vorkommen. Sie seien darauf spezialisiert, den aggressiveren Zellen des Immunsystems Molekülstrukturen zu präsentieren und ihnen dadurch quasi beizubringen, was sie bekämpfen und was sie tolerieren sollten. [Der Standard, 10.12.2005]
spezieller, Politik (als Fraktion) zulassen, dass eine Regierung ohne parlamentarische Mehrheit gewählt wird, zulassen, dass diese Regierung bestimmte Vorhaben durchsetzt
Kollokationen:
mit Aktivsubjekt: eine Minderheitsregierung, ein Minderheitskabinett tolerieren
Beispiele:
In Sachsen‑Anhalt bildete SPD‑Mann Reinhold Höppner eine rot‑grüne Minderheitsregierung, die von der SED‑Nachfolgepartei PDS toleriert wurde. [Süddeutsche Zeitung, 17.07.2021]
Nach der Landtagswahl 2010 wagte sie [Hannelore Kraft] das Experiment einer von der Linkspartei tolerierten rot‑grünen Minderheitsregierung und wurde erste Ministerpräsidentin in NRW. [Aachener Zeitung, 12.06.2021]
Mal sehen[,] ob eine Minderheitenregierung bei Gesetzesvorhaben von den Linken toleriert wird. [Bumerang, 05.02.2020, aufgerufen am 01.09.2020]
Wenn er [Peter Harry Carstensen] bei der Wahl des Ministerpräsidenten gegen Heide Simonis antreten will, kann er dies nur in der Hoffnung tun, daß einige Sozialdemokraten für ihn stimmen oder ihn durch Enthaltung tolerieren. [Die Welt, 28.02.2005]
Sie [sich enthaltende Abgeordnete] wollen dem Kandidaten, der die relative Mehrheit hat, zwar nicht durch ihre Wahl zur absoluten Mehrheit verhelfen, sie wollen ihn aber tolerieren. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.1994]
2.
oft Technik jmd., etw. toleriert etw.Abweichungen von einem bestimmten Maß oder Wert zulassen bzw. verkraften
Beispiele:
Die Spezialkeramik toleriert auch plötzliche Temperaturschwankungen, ist hitze‑ und kältebeständig und speichert die Wärme lange Zeit, auch wenn das Feuer abgebrannt ist. [Hamburger Abendblatt, 06.07.2002]
Bei Messungen unter realen Bedingungen (RDE = Real Driving Emission) dürfen Diesel nur noch um Faktor 1,43 vom Stickstoffoxid‑Grenzwert von 80 mg/Kilometer abweichen, der für das Prüfstands‑Messverfahren WLTP gilt – bislang wurde ein Faktor von 2,1 toleriert. [Neue Gesetze: Was ändert sich 2020?, 06.05.2020, aufgerufen am 31.08.2020]
Auf dem Messestand werden Großschriftdrucker mit sieben, 16 oder 32 Düsen vorgestellt, die wechselnde Verhältnisse, Vibrationen und starke Temperaturschwankungen tolerieren. [REA JET: Ohne Stempel und Schablone, 21.08.2014, aufgerufen am 31.08.2020]
Als vor Jahren in Kommissionen des Bundestages über das gleiche Problem bei den Bundestagswahlkreisen diskutiert wurde, war das einvernehmliche Urteil der Experten, dass eine Abweichung von 33 Prozent von der Durchschnittsgröße der Wahlkreise toleriert werden könne. [Der Tagesspiegel, 27.08.1999]

letzte Änderung:

Zum Originalartikel des WDG gelangen Sie hier.

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

tolerieren · Toleranz · tolerant · Intoleranz · intolerant
tolerieren Vb. ‘dulden, zulassen, gelten lassen’, zunächst bezogen auf religiöse Anschauungen, Glaubensgemeinschaften, später auch auf weltanschaulich-politische Meinungen, Einstellungen, Sitten, Gebräuche, daher auch ‘mit Großzügigkeit, Nachsicht begegnen, einer Sache aufgeschlossen gegenüberstehen’, entlehnt (2. Hälfte 16. Jh.) aus lat. tolerāre ‘ertragen, erdulden, unterstützen’ (verwandt mit dulden, s. d.). – Toleranz f. ‘Duldung, Duldsamkeit’ (Mitte 16. Jh.), später auch allgemein ‘Rücksichtnahme, Großzügigkeit, Aufgeschlossenheit’ und (ab 19. Jh.) ‘zulässige Abweichung vom Nennwert’, aus lat. tolerantia ‘Fähigkeit zu ertragen, Geduld, Duldsamkeit’. tolerant Adj. ‘duldend, gelten lassend, verständnisvoll’ (Mitte 18. Jh.), mfrz. frz. tolérant (16. Jh.), lat. tolerāns (Genitiv tolerantis) Part.adj. von tolerāre (s. oben). Intoleranz f. ‘Unduldsamkeit’ (2. Hälfte 18. Jh.), vgl. gleichbed. frz. intolérance (17. Jh.) sowie lat. intolerantia ‘Unduldsamkeit, Unerträglichkeit, Übermut’. intolerant Adj. (2. Hälfte 18. Jh.), frz. intolérant (17. Jh.), lat. intolerāns Part.adj.

Thesaurus

Synonymgruppe
dulden · tolerieren · zulassen · über etwas hinwegschauen · über etwas hinwegsehen  ●  (ich will dann) mal nicht so sein  ugs. · ein Auge zudrücken  ugs., fig. · fünf(e) gerade sein lassen  ugs., sprichwörtlich
Assoziationen
  • (etwas) nicht ahnden · (etwas) nicht bestrafen · (jemandem etwas) durchgehen lassen · (jemandem) etwas nachsehen · (jemandem) nicht böse sein (können) · (sich) nachsichtig zeigen · Gnade walten lassen · Milde walten lassen · Nachsicht üben · auf (eine) Bestrafung verzichten · auf (eine) Strafe verzichten · barmherzig sein · gnädig sein · nicht zu streng sein · von einer Bestrafung absehen  ●  Gnade vor Recht ergehen lassen  floskelhaft · beide Augen zudrücken  fig. · dann woll'n wir mal nicht so sein  ugs., Spruch · etwas mit dem Mantel der Nächstenliebe zudecken  ugs., sprichwörtlich
  • (etwas) nicht so eng sehen sollen  ugs. · Man kann es auch übertreiben.  ugs., Spruch
Synonymgruppe
(sich etwas) bieten lassen · (sich etwas) gefallen lassen · (sich) nicht wehren (gegen) · (sich) nicht widersetzen · (widerspruchslos) hinnehmen · Nachsicht üben · dulden · einstecken · in Kauf nehmen · leisetreten · nicht protestieren · schlucken · stillhalten · tolerieren · verschmerzen  ●  (es) nicht auf einen Streit ankommen lassen (wollen)  variabel · (die) Füße stillhalten  ugs., fig. · konnivieren  geh. · mitmachen  ugs.
Assoziationen
  • (sich) halten an · (sich) zu Herzen nehmen · akzeptieren · annehmen · beherzigen · ernst nehmen · hinnehmen  ●  (sich) gesagt sein lassen  ugs.
  • (klaglos) über sich ergehen lassen · (sich) (notgedrungen) arrangieren mit · (sich) abfinden (mit) · (sich) bescheiden (mit) · (sich) ergeben in · (sich) fügen (in) · (sich) in sein Schicksal ergeben · (sich) kleiner setzen · ertragen · hinnehmen  ●  (sich) schicken (in)  veraltet · (sich) d(a)reinfinden  geh., veraltet · (sich) dreinschicken (in)  geh., veraltend · keinen Aufstand machen  ugs. · schlucken  ugs.
  • (einen) Rückzieher machen · (es mit/bei etwas) bewenden lassen · (es) aufgeben · (es) aufstecken · (etwas) auf sich beruhen lassen · (sich dem) Schicksal ergeben · (sich dem) Schicksal fügen · (sich mit etwas) abfinden · (sich) beugen · (sich) geschlagen geben · aufhören zu kämpfen · kapitulieren · klein beigeben · nicht weiter versuchen · nicht weiterverfolgen · nicht weiterversuchen · passen · passen müssen · resignieren  ●  (das) Feld räumen (müssen)  fig. · (die) Waffen strecken  fig. · aufgeben  Hauptform · (das) Handtuch schmeißen  ugs., fig. · (das) Handtuch werfen  ugs., fig. · (den) (ganzen) Bettel hinschmeißen  ugs. · (den) (ganzen) Bettel hinwerfen  ugs. · (den) (ganzen) Kram hinschmeißen  ugs. · (den) (ganzen) Krempel hinschmeißen  ugs. · (die) Brocken hinschmeißen  ugs. · (die) Brocken hinwerfen  ugs. · (die) Flinte ins Korn werfen  ugs., fig. · (die) Segel streichen  ugs. · (etwas) stecken  ugs. · (sich) ins Bockshorn jagen lassen  ugs. · (sich) schicken (in)  geh., veraltet · abbrechen  ugs. · aufstecken  ugs. · die weiße Fahne hissen  ugs., fig. · einpacken (können)  ugs., fig. · hinschmeißen  ugs. · in den Sack hauen  ugs. · schmeißen  ugs., fig. · zurückrudern  ugs., fig.
  • (einer Sache) standhalten · aushalten · ausstehen · durchstehen · erdulden · ertragen  ●  verkraften  ugs.
Synonymgruppe
respektieren · tolerieren  ●  leben und leben lassen  ugs.

Typische Verbindungen zu ›tolerieren‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›tolerieren‹.

Zitationshilfe
„tolerieren“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/tolerieren>.

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