umkehren

GrammatikVerb · kehrt um, kehrte um, ist/hat umgekehrt
Aussprache
Worttrennungum-keh-ren (computergeneriert)
Wortzerlegungum-kehren1
Wortbildung mit ›umkehren‹ als Erstglied: ↗Umkehrfarbfilm · ↗Umkehrfilm · ↗Umkehrfunktion · ↗Umkehrpunkt · ↗Umkehrschluss · ↗Umkehrung · ↗umkehrbar
 ·  mit ›umkehren‹ als Grundform: ↗Umkehr · ↗umgekehrt
eWDG, 1976

Bedeutungen

1.
auf dem eingeschlagenen Wege kehrtmachen und zurückgehen, zurückfahren
Grammatik: mit Hilfsverb ‘ist’
Beispiele:
wir sind umgekehrt, als es zu regnen begann
Hunderte mussten umkehren, weil das Stadion überfüllt war
er ist auf halbem Wege wieder umgekehrt
sie mussten (mit dem Wagen) umkehren, weil die Straße gesperrt war
wir sollten besser, wir wollen lieber umkehren
übertragen
Beispiele:
warum willst du denn auf halbem Wege umkehren? (= mit halbem Erfolg zufrieden sein?)
gehobener muss (auf diesem Wege) umkehren (= muß sich innerlich wandeln, sich bekehren, bessern)
2.
etw., sich in eine entgegengesetzte Richtung oder Lage bringen, etw., sich umdrehen, umwenden
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
a)
etw. von innen nach außen kehren
Beispiele:
Taschen, Hemden, Strümpfe, Kleidungsstücke umkehren
sie hat die Hosentaschen ihres Jungen umgekehrt
die Stühle standen umgekehrt (= das Untere nach oben gekehrt) auf den Tischen
bildlich
Beispiele:
wir haben das ganze Haus (nach dem Ausweis) umgekehrt (= das Unterste zuoberst gekehrt, alles durchsucht)
als ich das sah, kehrte sich mir der Magen um (= wurde mir übel)
mein Innerstes, alles kehrte sich mir bei diesem Gedanken um (= ich war entsetzt)
b)
etw. auf die andere (entgegengesetzte) Seite wenden, umdrehen
Beispiel:
die Stühle umkehren
umgangssprachlich, bildlich
Beispiele:
den Spieß umkehren
Sie kehrte den Spieß um: sie wurde nicht empfangen, sie empfing [G. HermannSchön146]
c)
sich umkehreneine Wendung um 180° machen
Beispiele:
ich kehrte mich um und begrüßte ihn
sie kehrte sich (noch einmal, nach ihm) um
3.
etw., besonders einen Zustand, ein Verhältnis, entgegengesetzt machen, ins Gegenteil verkehren
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiele:
im zweiten Durchgang wurde die Reihenfolge umgekehrt
die Verhältnisse haben sich bei ihnen völlig umgekehrt
Kehrte ich nicht damals schon gar zu gern ihren Ernst in meinen Scherz um [HagelstangeSpielball79]
Grammatik: im Part. Prät.
Beispiele:
diese Zahl kommt mit umgekehrtem Vorzeichen auf die andere Seite der Gleichung
Mathematikzwei veränderliche Größen sind zueinander umgekehrt proportional (= der Zunahme der einen entspricht eine Abnahme der anderen)
übertragen
Beispiel:
diese Entwicklung kann man mit umgekehrtem (= entgegengesetztem) Vorzeichen auch anderswo beobachten
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

kehren1 · Kehre · kehrtmachen · Kehrreim · Kehrseite · einkehren · Einkehr · umkehren · Umkehr · Umkehrung
kehren1 Vb. ‘etw. in eine bestimmte, namentlich die entgegengesetzte Richtung drehen, wenden’, seit Beginn der Überlieferung außerdem in reflexivem und (wohl durch Ersparung eines Akkusativobjekts entstandenem, heute unüblichem) intransitivem Gebrauch ‘die Gegenrichtung einschlagen, sich umwenden’, ahd. kēren (9. Jh.), gikēren (8./9. Jh.), mhd. (ge)kēren ‘(um)wenden, eine Richtung geben, sich wenden’ (mhd. und frühnhd. auch allgemeiner ‘eine Richtung einschlagen, sich begeben’) hat nur im Kontinentalwestgerm. sichere Verwandte, vgl. asächs. kērian, mnd. (ge)kēren, aostnfrk. kēron, mnl. kēren, nl. keren, afries. kēra ‘kehren, wenden’. Bei Annahme eines grammatischen Wechsels germ. *kaisjan, *kaizjan lassen sich diese Formen mit anord. keisa ‘biegen, zusammenfalten’, isl. keisa ‘in die Höhe ragen, hochtragen’, schwed. kesa ‘durchgehen, fliehen’ verbinden, die auf einen Ansatz ie. *geis- zurückgeführt werden, der zu der nur in verschiedenen Erweiterungen nachzuweisenden Wurzel ie. *gei- ‘drehen, biegen’ (s. auch ↗keifen) gehört; vgl. Pokorny 1, 354 f. Dieser fragliche Zusammenhang muß jedoch aufgegeben werden, wenn man für ahd. kēren von germ. *kairjan ausgeht und dieses (wie Petersson in: PBB 44 (1920) 178 f.) mit armen. cir ‘Kreis’, osset. zilyn (зuлын) ‘herumdrehen’ vergleicht. Ebenso ist aengl. cerran (westsächs. cierran, cyrran) trotz semantischer Übereinstimmung von den anderen westgerm. Bildungen zu trennen, da es eine auch im Vokalismus abweichende Form germ. *karrjan oder *karzjan voraussetzt. Substantivische Ableitung vom Verb ist Kehre f. ‘scharfe Wegbiegung’, seit Jahn (1816) auch Fachwort des Turnens ‘Sprung oder Abschwung, bei dem der Rücken zum Gerät gewandt ist’, ahd. kēra ‘Wendung, Beugung, Krümmung’ (11. Jh.), mhd. mnd. kēr(e) ‘Richtung, Wendung’ (die einsilbige Form noch in Einkehr, Umkehr, s. unten, ↗Heimkehr, s. d.); daneben steht in älterer Zeit ein Maskulinum ahd. (um 1000), mhd. mnd. kēr, frühnhd. Kehr, mnl. nl. keer (s. ↗Verkehr). kehrtmachen Vb. ‘eine halbe Drehung vollführen, die Gegenrichtung einschlagen’, im 20. Jh. zusammengewachsen aus der Fügung kehrt machen (substantiviert auch Kehrt machen, Anfang 19. Jh.), enthält als ersten Bestandteil den Imperativ und militärischen Befehl kehrt! (vielleicht verkürzt aus kehrt euch!). Kehrreim m. ‘regelmäßig am Schluß jeder Liedstrophe sich wiederholender Textteil’. Das von Bürger (1793) eingeführte Ersatzwort für ↗Refrain (s. d.) ist eine Zusammensetzung mit ↗Reim (s. d.) in dessen früher geläufiger Bedeutung ‘Verszeile’. Kehrseite f. ‘Rückseite’, metaphorisch auch ‘das einer zunächst günstig erscheinenden Sache anhaftende Unangenehme’, in der 2. Hälfte des 18. Jhs. aufkommende und trotz Adelungs Kritik sich durchsetzende Verdeutschung von ↗Revers ‘Rückseite einer Münze’ (s. d.), nach gleichbed. nl. keerzijde (dieses 1729 erstmals nachweisbar). einkehren Vb. ‘in einer Gaststätte Rast machen’, ursprünglich überhaupt ‘sich (als Gast) hineinbegeben’, mhd. īnkēren ‘hineingehen, umkehren’, in der Sprache der Mystik auch spätmhd. īnkēren, frühnhd. einkehren, mnd. inkēren ‘in sich gehen, sich versenken’; dazu Einkehr f. ‘Selbstbesinnung’, älter auch ‘Rast, Herberge’, mhd. īnkēr(e) f. ‘Einzug, Insichgehen’; vgl. spätmhd. īnkēr m., mnd. inkēr m. ‘Insichgehen’. umkehren Vb. ‘umwenden, umdrehen, in die entgegengesetzte Lage bringen’, intransitiv ‘sich umwenden, den Rückweg antreten, anderen Sinnes werden’, ahd. umbikēren (9. Jh.), mhd. umbekēren, mnd. ummekēren; seit dem Frühnhd. findet sich das Part. Prät. umgekehrt in adjektivischer Verwendung ‘gegenteilig, entgegengesetzt’; Umkehr f. ‘das Umkehren, Zurückgehen’, übertragen ‘Sinneswandel’, mhd. umbekēr(e) f. ‘Umkehr, Umwendung’; vgl. ahd. umbikēr m. ‘Umkehrung, Umtauschung’ (um 1000), mnd. ummekār ‘Umkehr, Wendung’; Umkehrung f. ‘Veränderung ins Gegenteil’ (15. Jh., frühnhd. daneben ‘Zerstörung’). S. auch ↗bekehren, ↗verkehren.

Thesaurus

Synonymgruppe
invertieren · ↗reversieren · umkehren · ↗verkehren · ↗wenden
Synonymgruppe
in die entgegengesetzte Richtung gehen · ↗kehrtmachen · umkehren
Unterbegriffe
  • (sich) auf dem Absatz umdrehen · auf dem Absatz kehrtmachen · spontan umkehren
Synonymgruppe
auf die andere Seite legen · ↗drehen · ↗invertieren · ↗umdrehen · umkehren · ↗umstülpen · ↗umwenden · ↗wenden
Synonymgruppe
umdrehen · umkehren · ↗wenden (Auto) · wieder zurückfahren
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Abwärtstrend Bewegungsrichtung Beweislast Blickrichtung Gegenteil Hierarchie Kapitalstrom Kräfteverhältnis Machtverhältnis Mehrheitsverhältnis Negativtrend Pilot Prozeß Rangfolge Reihenfolge Relation Rollenverteilung Schuh Spieß Tendenz Trend Verhältnis Vorzeichen gleichsam kehren notlanden sofort stoppen verlangsamen wieder

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›umkehren‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Linz hofft, den Trend mit der neuen Struktur des Unternehmens umkehren zu können.
Der Tagesspiegel, 06.03.2001
Diesen Trend gelte es nun durch die niedrigeren Sätze umzukehren.
Süddeutsche Zeitung, 06.02.1997
Mit seinen vier verschiedenen Tönen läßt sich der S. dreimal umkehren.
o. A.: S. In: Brockhaus-Riemann-Musiklexikon, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1989], S. 5113
Kehre dich um, von diesen Höhen auf das Land zurück zu sehen.
Tucholsky, Kurt: Osterspaziergang. In: ders., Kurt Tucholsky, Werke - Briefe - Materialien, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1919], S. 6406
Die erwachende magische Kunst kehrte alsbald den Sinn dieser Formen um.
Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes, München: Beck 1929 [1918], S. 420
Zitationshilfe
„umkehren“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/umkehren>, abgerufen am 15.11.2019.

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