unaufgeklärt

Grammatik Adjektiv · Komparativ: unaufgeklärter · Superlativ: am unaufgeklärtesten, Steigerung selten
Aussprache ['ʊnʔaʊ̯fgəˌklɛːɐ̯t]
Worttrennung un-auf-ge-klärt
Wortzerlegung un- aufgeklärt
Duden, GWDS, 1999 und DWDS

Bedeutungen

1.
ungeklärt, nicht aufgeklärt (1)
Grammatik: ohne Steigerung
in gegensätzlicher Bedeutung zu aufgeklärt (1)
Kollokationen:
als Adjektivattribut: die unaufgeklärten Morde, Sprengstoffanschläge, Verbrechen, Taten, Todesfälle, Widersprüche, Vorgänge, Umstände
Beispiele:
Alle 90 Sekunden wird in Deutschland ein Rad gestohlen, in Berlin bleiben 97 von 100 Diebstählen unaufgeklärt. [Bild, 18.10.2017]
Das Ergebnis des [Forschungs-]Vorhabens: Bereits 2011 seien die Tester »aus heutiger Sicht wohl sehr konkret dem Abgasskandal auf der Spur« gewesen. Aber[…] sie wurden bei der Aufklärung vom Kraftfahrt‑Bundesamt ausgebremst. Der Vorgang blieb unaufgeklärt. [Die Zeit, 26.07.2017 (online)]
Lange hielt das Glück nicht, der [neue Hamburger Innensenator] Mann mußte nach ebenso massiven wie unaufgeklärten Vorwürfen wieder gehen. [Die Zeit, 02.07.1998]
Unter Chruschtschow und Breschnew wurden [während der sowjetischen Besetzung Litauens nach 1945] mehrere Bischöfe verbannt und einige Priester wegen »religiöser Propaganda« zu Haftstrafen verurteilt. Mehrere Morde an Priestern blieben unaufgeklärt. [Litauische katholische Kirche. In: Aktuelles Lexikon 1974–2000. München: DIZ 2000 [1987]]
Der Begriff der Erfahrung scheint mir […] zu den unaufgeklärtesten Begriffen zu gehören, die wir besitzen. Weil er in der Logik der Induktion für die Naturwissenschaften eine führende Rolle spielt, ist er einer erkenntnistheoretischen Schematisierung unterworfen worden, die mir seinen ursprünglichen Gehalt zu verkürzen scheint. [Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Tübingen: Mohr 1960, S. 329] ungewöhnl.
2.
unwissend, uninformiertDWDS
in gegensätzlicher Bedeutung zu aufgeklärt (2)
Kollokationen:
als Adjektivattribut: das unaufgeklärte Volk
Beispiele:
In der Schweiz ist die Anlageberatung stark reguliert. Der Gesetzgeber will verhindern, dass Investoren unaufgeklärt sind und grobe Fehler bei der Geldanlage begehen. [Neue Zürcher Zeitung, 21.08.2017]
Einerseits leben wir in Zeiten, in denen von den Standardwerken zum Thema [die Terrororganisation Rote Armee Fraktion] […] alles gesagt scheint. Andererseits lässt sich beobachten, wie das RAF‑Logo in Nachgeborenenkreisen offenbar ganz unaufgeklärt zur neuen Ikone einer ahistorischen Popkultur mutiert. [Die Welt, 05.07.2018]
Die Dummheit verliert ihre scheinbare Simplizität, man erkennt in ihr nicht mehr einen primären Zustand unaufgeklärter Köpfe, sondern ein in sich selbst vieldeutiges, ja geradezu aufregend kompliziertes Phänomen. [Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft. Bd. 2. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1983, S. 867]
spezieller nicht über die Sexualität des Menschen informiert
Beispiele:
Der Vater besah den Titel, blätterte ein wenig in den vergilbten Seiten und gab das Werk der halbwüchsigen, unaufgeklärten Tochter, die von Liebe nichts wissen durfte, zur Lektüre frei. [konkret, 1985]
Zu den herzzerreißendsten Momenten des Kinos der letzten Jahre gehört zweifellos der pragmatische Ernst, mit dem Z[…] seiner völlig unaufgeklärten Schwester das verräterische Blut aus der Unterwäsche schrubbt und ihr überlebenswichtige Anweisungen und buchstäblich sein letztes Hemd gibt, damit sie es als provisorische Damenbinde benutzen kann. [Die Welt, 18.01.2019]
Ich war damals völlig hilflos und unaufgeklärt. Es gab keine Hilfe[…]. So ging ich zu einer Engelsmacherin (= Person, die illegal Abtreibungen durchführt) […]. [Bild, 01.04.2016]
3.
kleingeistig, engstirnig, in Vorurteilen befangen, spießigDWDS
in gegensätzlicher Bedeutung zu aufgeklärt (3)
Kollokationen:
als Adjektivattribut: die unaufgeklärten Massen
Beispiele:
Die brisante Mischung aus Elitenskepsis und Staatsgläubigkeit mag im Osten stärker verbreitet sein als in der alten Bundesrepublik, wo die antiautoritäre Bewegung der Sechzigerjahre vieles hinweggefegt hat, was an unaufgeklärtem, obrigkeitsstaatlichem Denken nach 1945 sich erst einmal hatte halten können. [Süddeutsche Zeitung, 14.10.2017]
Was heute nach 1955 klingt (und nicht nach 1985) [der Modeschöpfer Gaultier präsentierte 1985 in Paris einen Männerrock], zeigt, wie hermetisch und unaufgeklärt es in der Modewelt lange Zeit zugegangen ist – weit über die Zeitenwende des Punk hinaus und bis mit Jean Paul Gaultier einer kam, der einen Paradigmenwechsel einleitete. [Welt am Sonntag, 20.09.2015]
Als Deutsche einst ihr Land »über alles« stellten, entwickelte sich ein Nationalismus, der von forciertem Selbstbewusstsein über Selbstblendung bis zur Hybris alle Stadien eines unaufgeklärten Nationalbewusstseins durchlief. [Der Spiegel, 31.01.2014 (online)]
»Postfaktisch« ist zu einem Schlüsselbegriff dieser Tage geworden. Er bringt zum Ausdruck, dass sich Lügen nicht gegen jene kehren, die sie verbreiten, und unterstellt dem Volk einen Mangel an Intelligenz. Wäre das Volk nicht so emotional, unaufgeklärt und tumb, würde es – so der Tenor – »richtig« stimmen und die Lügen nicht durchwinken. [Neue Zürcher Zeitung, 03.01.2017]
Und bei einer so existentiellen Frage wie dem Ausstieg aus der Kernenergie sehe ich [SPD-Politiker Ortwin Runde] zur Hamburger CDU, die in ihrer Bundespartei zu den unaufgeklärtesten Landesverbänden gehört, so viele Unterschiede, daß ich mir eine Große Koalition nicht vorstellen kann. [Der Spiegel, 16.02.1987] ungewöhnl.
4.
unberührt von den Werten und Grundsätzen der Aufklärung (3), die für den Primat der Vernunft und der Naturwissenschaften, für religiöse Toleranz und Menschenrechte stehtDWDS
in gegensätzlicher Bedeutung zu aufgeklärt (4)
Beispiele:
Das größte Problem ist aber […], dass Homöopathie einen Einstieg in ein unaufgeklärtes Weltbild darstellt. Wer sagt, er glaube, dass Homöopathie wirkt, sagt damit implizit, dass er glaubt, dass grundlegende Annahmen unserer Physik und Chemie falsch sind. [Die Welt, 10.08.2018]
Manche der alten Fragen muten aus heutiger Sicht unendlich naiv an, zum Beispiel jene marxistische: Muss zuerst »der Arbeiter« befreit werden oder »die Frau«? Eine klare Präferenzliste lässt sich ja nur mit sehr gefestigtem ideologischem Weltbild postulieren. Stamme eine solche Weltanschauung nun von Marx oder von Hegel – sie wirkt selbst wie ein Stück unaufgeklärter Metaphysik. [Neue Zürcher Zeitung, 24.08.2016]
Europa hat sich in zum Teil schmerzvollen Prozessen vom Diktat des Transzendenten und der Unterdrückung im Namen Gottes befreit. Wir haben uns formell und auch real aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, wie Kant diesen unaufgeklärten Zustand genannt hatte, emanzipiert. [Der Standard, 30.03.2016]
Verfluchung und Verteufelung [der Juden] erreichten im ausgehenden Mittelalter ihren Höhepunkt. Sie ließen im Bewußtsein einer unaufgeklärten und abergläubischen Bevölkerung die Juden als fremde, geheimnisvolle und unheimliche Kreaturen erscheinen, deren Berührung Unheil und Tod brachte. [Kwiet, Konrad: Rassenpolitik und Völkermord. In: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1997], S. 122]

letzte Änderung:

Thesaurus

Synonymgruppe
ahnungslos · ignorant · unaufgeklärt · unbedarft · unbewandert · uninformiert · unwissend  ●  unbeleckt (von)  ugs.
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›unaufgeklärt‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›unaufgeklärt‹.

Zitationshilfe
„unaufgeklärt“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/unaufgekl%C3%A4rt>.

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