unerhört

GrammatikAdjektiv
Aussprache
Worttrennungun-er-hört (computergeneriert)
Wortbildung mit ›unerhört‹ als Grundform: ↗Unerhörtheit
eWDG, 1976

Bedeutungen

1.
abwertend empörend, schändlich, unverschämt
Beispiele:
das ist eine unerhörte Frechheit, Dreistigkeit, Gemeinheit, Beleidigung!
ein unerhörtes Ansinnen
sich unerhört aufführen
dein Verhalten ist geradezu, einfach unerhört!
das ist ja unerhört!
2.
noch nie dagewesen, einmalig in seiner Besonderheit
Beispiele:
eine unerhörte Begebenheit
Er ... wittert überall, wo er auch anpackt, Geheimnis und unerhörtes Wunder [JensMann80]
Etwas Neues und Unerhörtes war geschehen [WeismantelRiemenschneider232]
3.
übertrieben ungeheuer, gewaltig, groß, unglaublich
Beispiele:
eine unerhörte Menge, Summe
er hat unerhörtes Glück gehabt
eine unerhörte Leistung
ein Fest mit unerhörter Pracht, mit unerhörtem Aufwand feiern
eine unerhörte Steigerung der Produktion
[der Komponist] der für den einen Abend das unerhörte Honorar von sechstausend Dollar erhielt [Kellerm.Tunnel7]
adverbiell
sehr
Beispiele:
das ganze ist unerhört einfach
er hatte unerhört offen und kühn gesprochen
der Vortrag war unerhört spannend, unerhört interessant
er hat unerhört viel geleistet
4.
veraltend nicht erhört, nicht erfüllt
Beispiel:
eine unerhörte Bitte
oft mit »bleiben«
Beispiele:
ihre Wünsche blieben unerhört
seine Liebe blieb unerhört (= unerwidert)
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

hören · Hörer · hörig · Hörigkeit · aufhören · erhören · unerhört · Gehör · verhören · Verhör · Hörensagen
hören Vb. ‘mit dem Ohr wahrnehmen, vernehmen’, ahd. hōren (8. Jh.), mhd. hœren, asächs. hōrian, mnd. hȫren, mnl. hōren, nl. horen, aengl. (angl.) hēran, (westsächs.) hīeran, engl. to hear, anord. heyra, schwed. höra, got. hausjan. Das zu erschließende germ. jan-Verb für unwillkürliches Wahrnehmen mit dem Ohr, das später auch Bedeutungen wie ‘absichtlich vernehmen’ und weiter ‘gehorchen’ annimmt (vgl. wer nicht hören will, muß fühlen und s. ↗gehorsam), führt mit russ. (landschaftlich) čúchat’ (чухать) ‘wahrnehmen, riechen, schmecken’ und wohl auch mit (nicht eindeutig geklärtem) griech. akū́ein (ὀκούειν) ‘hören, gehorchen’ auf ie. *keus-, *kūs-, eine s-Erweiterung der Wurzel ie. *kē̌u- ‘worauf achten, beobachten, schauen’, auch ‘hören, fühlen, merken’, wozu (mit anlautendem s-) ↗schauen und ↗schön (s. d.) sowie auch aind. kavíḥ ‘klug, weise, Seher, Weiser, Dichter’, griech. koé͞in (κοεῖν) ‘bemerken, vernehmen, hören’, lat. cavēre ‘sich in acht nehmen, sich vorsehen’, lett. kavēt ‘zaudern, zögern’, aslaw. čuti ‘empfinden, erkennen’, russ. (älter) čut’ (чуть) ‘empfinden, fühlen, wittern, wahrnehmen’ gehören. Hörer m. ‘Zuhörer’, mhd. hœrære, hœrer. hörig Adj. ‘sich dem Willen eines anderen unterwerfend, triebhaft, sexuell abhängig’, älter (zuerst mnd., 14. Jh.) ‘abhängig vom Feudalherrn, an die Scholle gebunden, unfrei’, mhd. hœrec ‘auf einen anderen hörend, folgsam’, mnd. hȫrich ‘gehorsam, ergeben, zugehörig, an die Scholle gebunden’; dazu Hörigkeit f. (18. Jh.), mnd. hȫrichēt. aufhören Vb. ‘ablassen, nicht länger andauern, aufmerksam hinhören (aus aktuellem Anlaß)’, mhd. ūfhœren ‘ab-, unterlassen’. erhören Vb. ‘anhörend erfüllen, Erbetenes gewähren’, ahd. irhōren ‘hören’ (11. Jh.), mhd. erhœren ‘hören, hörend wahrnehmen, erfüllen’. unerhört Part.adj. ‘nicht erhört, nicht gebilligt, erstaunlich, empörend’, spätmhd. unerhōrt, eigentlich ‘nie gehört, beispiellos’. Gehör n. ‘das Hören, Hörsinn’, mhd. gehœre; vgl. häufigeres mhd. gehœrde, ahd. gihōrida (9. Jh.). verhören Vb. ‘eingehend befragen und anhören’, mhd. verhœren ‘hören, anhören, vernehmen, prüfen, erhören, überhören’, auch etw., sich verhören ‘falsch hören’ (17. Jh.); Verhör n. ‘eindringliche Befragung’, spätmhd. verhœr(e). Hörensagen n. heute meist in der präpositionalen Fügung vom Hörensagen (älter auch auf, durchs Hörensagen) ‘aus Erzählungen anderer’, mhd. hœrsagen (14. Jh.), frühnhd. hör(en)sagen.

Thesaurus

Synonymgruppe
(ein) starkes Stück · ↗(eine) Frechheit · ↗(eine) Unverschämtheit · (etwas) spottet jeder Beschreibung · ↗dreist · ↗haarsträubend · hagebüchen · ↗hanebüchen · jeder Beschreibung spotten · ↗skandalträchtig · unerhört · ↗unglaublich · ↗unsäglich · ↗unverschämt  ●  nichts für schwache Nerven  übertreibend · (da) bleibt einem die Spucke weg  ugs., fig. · (da) hört sich doch alles auf!  ugs. · (das ist) der Gipfel der Unverschämtheit  ugs. · (das) schlägt dem Fass den Boden aus!  ugs. · (das) schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht  ugs., scherzhaft-ironisch, salopp · (das) setzt dem ganzen die Krone auf!  ugs. · (dazu) fällt einem nichts mehr ein  ugs. · (ein) dicker Hund  ugs., fig. · (eine) Zumutung!  ugs. · (etwas) geht auf keine Kuhhaut  ugs. · also so etwas!  ugs. · ↗bodenlos  ugs. · das Allerletzte  ugs. · das Letzte  ugs. · das ist (ja wohl) die Höhe!  ugs. · heftig!  ugs. · ja gibt's denn sowas!?  ugs. · kaum zu fassen  ugs. · man fasst es nicht!  ugs. · nicht zu fassen  ugs., Hauptform · ↗unmöglich  ugs.
Assoziationen
  • geschmacklos · ↗niveaulos · ↗pietätlos · ↗pöbelhaft · ↗stillos · ↗taktlos · ↗unangebracht · ↗unfein · ↗wüst  ●  ↗platt  fig. · ↗proletenhaft  derb · unterste Schublade  ugs., fig.
  • tatsächlich? · wirklich?  ●  ↗(ja) allerhand  ugs., ironisierend · (jetzt) mach keine Sachen!  ugs., ironisch · ach was!  ugs., ironisch · du ahnst es nicht!  ugs. · nein sowas!  ugs. · sag bloß!  ugs., ironisierend · ↗soso  ugs. · sowas aber auch!  ugs., ironisierend · stell dir vor!  ugs. · was Sie nicht sagen!  ugs., ironisierend · was du nicht sagst!  ugs., ironisierend
  • Affäre · ↗Aufsehen · ↗Schande · ↗Skandal
  • ausgeschlossen · diskussionsunwürdig · geht zu weit · ↗inakzeptabel · ↗indiskutabel · ↗intolerabel · keiner Diskussion würdig · nicht haltbar · nicht hinnehmbar · nicht hinzunehmen · nicht tragbar · niemandem zuzumuten · ↗tadelnswert · ↗unannehmbar · ↗unhaltbar · ↗untragbar · ↗unvertretbar · ↗unzumutbar  ●  nicht akzeptabel  Hauptform
  • also hören Sie mal!  ugs. · entschuldige mal!  ugs. · entschuldigen Sie mal!  ugs. · ich bitte Sie!  ugs. · ich bitte dich!  ugs. · ich darf doch sehr bitten!  ugs. · ich muss doch sehr bitten!  ugs. · sagen Sie mal!  ugs.
  • Wie reden Sie mit mir!?  ●  Erlauben Sie mal!  ugs. · Was erlauben Sie sich!?  ugs. · Was fällt Ihnen ein!  ugs.
  • (schon) nicht mehr feierlich · (schon) nicht mehr schön · darf eigentlich nicht sein · kaum mit anzusehen  ●  schwer erträglich  geh. · so langsam reicht es (wirklich)  ugs.
  • anmaßend · ↗dreist · ↗flapsig · ↗respektlos · ↗rücksichtslos · ↗salopp · schlecht erzogen · ↗unangemessen · ↗unanständig · ↗unartig · ↗unflätig · ↗ungebührend · ↗ungebührlich · ↗ungehobelt · ↗ungehörig · ↗ungeschliffen · ↗ungesittet · ↗ungezogen · ↗unhöflich · ↗unmanierlich · ↗unverfroren · ↗unverschämt  ●  ↗frech  Hauptform · ↗präpotent  österr. · ↗dreibastig  ugs., regional · einen Ton am Leib (haben)!  ugs. · frech wie Dreck  ugs. · ↗impertinent  geh. · ↗kodderig  ugs. · ↗koddrig  ugs. · kotzbrockig  derb · ↗nassforsch  ugs. · ↗nickelig  ugs. · ↗pampig  ugs. · ↗patzig  ugs. · ↗rotzfrech  ugs. · ↗rotzig  ugs. · ↗rotznäsig  ugs. · ↗schnodderig  ugs. · ↗unbotmäßig  geh.
  • (das ist ja) (ein) dolles Ding  ugs. · (ja) ist denn das die Möglichkeit!?  ugs. · Ist nicht wahr!  ugs., salopp, Spruch · Jetzt wird (aber) der Hund in der Pfanne verrückt!  ugs., Spruch, variabel · Mich laust der Affe!  ugs., Spruch · das darf nicht wahr sein!  ugs. · das gibt's doch nicht!  ugs. · das kann doch einfach nicht wahr sein!  ugs. · das kann doch wohl nicht wahr sein!  ugs. · du glaubst es nicht!  ugs. · du kriegst die Motten!  ugs., Spruch · ich fress 'en Besen!  ugs., Spruch · ich glaub ich werd zum Elch  ugs., Spruch · ich glaub, es geht los!  ugs., Spruch · ich glaub, ich steh im Wald!  ugs., Spruch · ich glaub, mich holn'se ab!  ugs. · ich krieg die Motten!  ugs., Spruch · ich werd' verrückt!  ugs. · ich werd' zum Elch!  ugs., Spruch · ja isset denn möglich!?  ugs. · jetzt brat mir (aber) einer einen Storch!  ugs., Spruch · jetzt brat mir einer 'en Storch  ugs., veraltet · man glaubt es nicht!  ugs. · wie (...) ist das denn!?  ugs., jugendsprachlich · wie isset denn möglich?!  ugs.
  • Dreistigkeit · ↗Keckheit · ↗Unverfrorenheit · ↗Unverschämtheit · ↗Zumutung · harter Tobak · starker Tobak
  • Fehlverhalten · ↗Flegelhaftigkeit(en) · ↗Ungezogenheit(en) · schlechtes Betragen · unzivilisiertes Benehmen · unzivilisiertes Verhalten  ●  schlechtes Benehmen  Hauptform · (ein) Benehmen wie eine offene Hose  ugs. · ↗Ungebührlichkeit(en)  geh. · ↗Ungehörigkeit(en)  geh. · kein Benehmen  ugs. · keine Art (und Weise)!  ugs.
Synonymgruppe
empörend · himmelsschreiend · ↗schreiend (Ungerechtigkeit) · schwer erträglich · ↗skandalös · unerhört · ↗unerträglich · ↗unfassbar · ↗ungeheuerlich  ●  es fehlen einem die Worte  ugs.
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Anmaßung Ausmaß Begebenheit Beleidigung Brutalität Dichte Ereignis Frechheit Frevel Glücksfall Grausamkeit Intensität Klang Kühnheit Leichtigkeit Luxus Neuerung Neuigkeit Novum Provokation Reichtum Schimpf Tabubruch Vorgang Wagnis Zumutung dato geradezu verhallen wahrhaft

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›unerhört‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Unerhört hoch hinaus will Donna, und erstrebt dabei doch erschütternd wenig.
Süddeutsche Zeitung, 19.09.2003
Aber wenn sie etwas sagte, klang es in meinen Ohren unerhört echt.
Becker, Jurek: Amanda herzlos, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 [1992], S. 365
Die Musik hat eine unerhörte Höhe erreicht; es ist kaum zu verstehen, wie sie dazu gelangt ist.
Pfannkuch, Wilhelm u. Blume, Friedrich: Renaissance. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1963], S. 44631
Das war die schönste Zeit meines Lebens, damals habe ich unerhört viel gesehen!
Die Zeit, 22.12.1949, Nr. 51
Es waren unerhörte Theorien und sie lösten sich fast unbewußt von seinem Munde.
Kolbenheyer, Erwin Guido: Das Gestirn des Paracelsus, München: J.F. Lehmanns 1964 [1921], S. 351
Zitationshilfe
„unerhört“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/unerhört>, abgerufen am 20.05.2019.

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