ungestillt

GrammatikAdjektiv · Komparativ: ungestillter · Superlativ: am ungestilltesten, Steigerung selten
Worttrennungun-ge-stillt
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2019

Bedeutungen

1.
nicht (durch Erlangen des Ersehnten, Erwünschten) befriedigt
siehe auch stillen (2)
Beispiele:
Er [der Buchautor und Fotograf] hat legendäre Orte, Momente und Routen als eine Kulturgeschichte des Reisens im 19. und 20. Jahrhundert zusammengestellt. Auch hier geht es um gestilltes und ungestilltes Fernweh. [Die Welt, 20.05.2017]
Die Schweizer Wirtschaft hat eine ungestillte Nachfrage nach gut qualifizierten Arbeitskräften. [Neue Zürcher Zeitung, 15.01.2014]
Verstehen Sie mich richtig, ich lehne den Kapitalismus nicht rundweg ab. Aber sein ewiges Wachstumsstreben und diese ungestillte Gier nach mehr Profit passen einfach nicht mehr in unsere Zeit. [Süddeutsche Zeitung, 02.01.2014]
Drogen, Alkohol, Gicht, Autounfälle, mehrere Operationen und ihr ungestillter Hunger nach Liebe hatten Seele und Körper der [französischen Sängerin Edith] Piaf zerstört. [Die Zeit, 09.10.2013 (online)]
Amerika als Projektionsfläche für ungestillte Sehnsüchte nach Freiheit und Glück […] Dies ist vielleicht bis heute, wo Madonna und Michael Jackson an die Stelle von Janis Joplin und Jim Morrison getreten sind, das stärkste Argument für die anhaltende Westbindung und Amerika-Faszination der [jungen] Deutschen. [Die Zeit, 05.01.2000, Nr. 2]
[Der Übersetzer schreibt] »… er ließ seinen schweigenden Innereien die Zügel schießen …« (statt: Er ließ seinen aufgestauten Gefühlen freien Lauf.) Die »entrañas« sind in Mexiko nicht nur Eingeweide und Innereien, sondern eine umfassende Metapher für die innersten, schmerzvollsten oder ungestilltesten Gefühle. [Süddeutsche Zeitung, 12.02.1992] ungewöhnl.
Kollokationen:
als Adjektivattribut: ein ungestillter Hunger, Ehrgeiz; eine ungestillte Sehnsucht, Neugier; ein ungestilltes Verlangen; ungestillte Bedürfnisse
mit Adverbialbestimmung: eine ewig ungestillte [Sehnsucht, Leidenschaft]
2.
als Säugling nicht an der Mutterbrust genährtQuelle: DWDS, 2019
siehe auch stillen (1)
Beispiele:
Und die [Medizin] spricht wohl ziemlich eindeutig für das Stillen, wenngleich sich durchaus Studien finden lassen, die dessen »alleinseligmachende« Wirkung relativieren. Aber ein oberflächliches Stöbern in medizinischen Online-Archiven nach generellen Stillrisiken oder Nachteilen gestillter gegenüber ungestillten Kindern liefert magere Ergebnisse. [Neue Zürcher Zeitung, 06.11.2017]
Es gibt genug kerngesunde ungestillte Kinder, und neueste Studien haben gezeigt, dass die Neigung zu Krankheiten viel eher genetisch bedingt ist. [Der Standard, 22.10.2014]
Weder bekommen gestillte Kinder eine Traumfigur, noch müssen sich ungestillte Kinder als Erwachsene mit Übergewicht herumplagen. Zwischen dem Gestilltwerden des Babys und seinem späteren Körpergewicht besteht kein Zusammenhang […]. [Die Welt, 05.02.2013]
Psychologisch betrachtet ist meine Nikotinsucht also erklärbar. Als ungestilltes Kind habe ich nach einer oralen Ersatzbefriedigung gesucht und auch gefunden. [Der Standard, 17.08.2011]
Wer im ersten Lebensjahr deshalb [vor Hunger] nicht zu schreien braucht, der wird – das weiß man heute, entgegen früheren Annahmen – in seinem späteren Leben besser warten können. Unsere unstillbare Konsumgesellschaft mit ihrer Umweltzerstörung ist unter anderem sicher auch eine Folge der ungestillten oder nicht nach Bedarf gestillten Kinder. [Die Zeit, 11.10.1985, Nr. 42]
3.
nicht zum Stillstand gebracht, nicht eingedämmt, nicht begrenztQuelle: DWDS, 2019
Beispiele:
Gerade mal 44 Kilo bringt [der Dichter Max] Hermann-Neisse 1937 in London noch auf die Waage. Aber eben in der Emigration, in der Zeit der größten Entbehrung, des größten Schmerzes und der ungestillten Trauer, entstehen die schönsten Gedichte[…]. [Süddeutsche Zeitung, 02.06.2003]
Ihr Leben ist eine einzige Verhärtung, sie lebt in einer kargen Ecke von Sevilla, und nun ist sie schwanger von einem, der nichts weiter von ihr hält und will. Da wächst ihre ungestillte Wut ins Bodenlose. [Die Zeit, 05.04.2001, Nr. 15]
Die Verachtung der Gegenwart bei diesem großen Geist [dem Chemiker und Schriftsteller Erwin Chargaff] ist wund und ungestillt. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.1999]
Die Trümmer in unserer Heimatstadt und die ungestillten Tränen der zahllosen Mütter, die ihr Liebstes verloren, sind die Quittung für diese Verbrecherpolitik [der Nationalsozialisten]. [Berliner Zeitung, 31.01.1952]
Dort, wo der Rand der Krone sich in den bleichen Schläfen breit und dunkel abgezeichnet hatte, war das Wundmal eingegraben. Sie senkten die Krone auf das ungestillte Blut. [Klepper, Jochen: Der Vater, Gütersloh: Bertelsmann 1962 [1937], S. 51]

Typische Verbindungen zu ›ungestillt‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Appetit Bedürfnis Begehren Begierde Ehrgeiz Hunger Leidenschaft Lust Neugier Neugierde Sehnsucht Verlangen Wissensdurst ewig unstillbar

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›ungestillt‹.

Zitationshilfe
„ungestillt“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/ungestillt>, abgerufen am 27.02.2020.

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