verdeutschen

GrammatikVerb · verdeutscht, verdeutschte, hat/ist verdeutscht
Aussprache
Worttrennungver-deut-schen
formal verwandt mitdeutsch
Wortbildung mit ›verdeutschen‹ als Erstglied: ↗Verdeutschung
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2017

Bedeutungen

1.
jmd. verdeutscht etw.ins Deutsche übersetzen, übertragen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiele:
Lorrie Moores Weihnachtswichtelgeschichte […] wurde von Frank Heibert verdeutscht, einem der besten deutschen Transferierer aus dem Englischen und Französischen. [Die Welt, 27.11.2004]
Aus purem Zufall bekam sie [Dr. Erika Fuchs] 1951 die Aufgabe, die erste deutsche Ausgabe von »Micky Maus« zu übersetzen, um dann fast 40 Jahre lang die Sprechblasen von Disneys Entenhausenern zu »verdeutschen«. [Frankfurter Rundschau, 25.10.1997]
Wie oft hat man [den russischen Dichter] Tjutschew zu verdeutschen versucht, aber niemandem ist es gelungen, die feierliche Tragödie der Natur und des dichterischen Schaffens so wahrheitsgetreu wiederzugeben wie [Friedrich] Fiedler. [Die Zeit, 17.10.1997, Nr. 43]
Bei der ersten Stunde ließ […] [der Lehrer] seinen Schüler den Bericht über einen Diebstahlsprozeß vorlesen, verbesserte behutsam die Aussprache und verdeutschte die Fremdwörter. [Bieler, Manfred: Der Bär, Hamburg: Hoffmann und Campe 1983, S. 33]
Luther verdeutscht die Bibel […] und lenkt damit auch den einfachen Menschen zum Glauben hin. [Frör, K.: Pädagogik. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1961], S. 24307]
Kollokation:
mit Akkusativobjekt: Fremdwörter verdeutschen
2.
umgangssprachlich jmd. verdeutscht etw.jmdm. etw. mit einfacheren Worten erläutern, verständlich machen
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiel:
Im Mietshaus Kantstraße 114 palavert er [der Berliner Polizist] mal mit den acht staatenlosen Bewohnern, […] einem jugoslawischen Flickschuster verdeutschte er nach einem Unfall die Usancen des Kfz-Versicherungswesens. [Der Spiegel, 26.09.1977, Nr. 40]
3.
jmd., etw. verdeutscht sich, jmdn., etw.jmdn. zur Übernahme von in Deutschland üblichen Sitten und Umgangsformen bringen; sich an in Deutschland übliche Sitten und Umgangsformen anpassenQuelle: DWDS, 2017
Grammatik: mit Hilfsverb ‘hat’
Beispiele:
Onur B[…]: »Sie [eine junge Türkin] hat sich sehr verdeutscht. Wenn meine Schwester so was machen [als Fotomodell arbeiten] würde, würde sie von der Familie verstoßen.« [Bild, 15.04.2011]
Ich habe […] gleichzeitig den Unterricht in der niederländischen Sprache ebenso verstärken lassen, um eben damit zu dokumentieren, daß ich die Niederländer nicht verdeutschen will, sondern ihnen nur die Möglichkeit des deutschen Sprachunterrichts geben will. [o. A.: Einhundertzweiundfünfzigster Tag. Dienstag, 11. Juni 1946. In: Der Nürnberger Prozeß, Berlin: Directmedia Publ. 1999 [1946], S. 19867]
4.
jmd. verdeutschtdeutsch werden, deutsche Sitten und Umgangsformen annehmenQuelle: DWDS, 2017
Grammatik: mit Hilfsverb ‘ist’
Beispiele:
Die [türkischen] Eltern schicken sie [ihre Tochter] aufs Gymnasium, »hatten aber Angst, dass ich verdeutsche«. [Süddeutsche Zeitung, 06.03.2004]
Vor allem, wenn die Mädchen langsam erwachsen werden, wollen viele Eltern verhindern, dass die Mädchen verdeutschen. Sie sollen ihre türkische Kultur bewahren und nicht auf den Gedanken kommen, an Gott zu zweifeln oder die Religion zu wechseln. [Der Tagesspiegel, 16.11.1999]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

deutsch · verdeutschen · Deutschland
deutsch Adj. ahd. thiutisk (um 1000), mhd. diutisch, diutsch, tiutsch, tiusch, (md.) dūdesch, dūtsch, dūsch, nhd. (häufig bis ins 16./17. Jh., gelegentlich noch 2. Hälfte 18. sowie 19. Jh.) teutsch, asächs. thiudisc, mnd. dǖdesch, mnl. (holl.) duutsc (woraus engl. Dutch ‘holländisch’), nl. duits, fläm. dietsc; zu aengl. þēodisc, got. þiudiskō sowie zu den skandinav. Formen s. unten. In latinisierter Form erscheint das westgerm. Adjektiv bereits zur Zeit Karls des Großen (seit 786) als mlat. theodiscus ‘zum (eigenen) Volk gehörig’; zuerst auf sprachliche Verhältnisse bezogen, meint es den Gebrauch der germ. Volkssprache im Gegensatz zu Lat. und den roman. Sprachen, bezeichnet daher (im frühesten Beleg) auch das Aengl., dann das Frk. und wird später auch auf politische Verhältnisse angewandt. Neben theodiscus erscheint seit etwa 880 als Reflex der ahd. Form (s. oben) auch mlat. diutiscus, tiutiscus. Die den germ. Formen und ihren Latinisierungen zugrundeliegenden Bildungen gehören als Zugehörigkeitsadjektive auf -isk- zu germ. *þeuðō ‘Volk’, ahd. thiota, thiot (8. Jh.), mhd. diet (erhalten in Eigennamen wie Dietrich, Dietwald), asächs. thiod(a), mnl. diet, aengl. þēod, anord. þjōð, got. þiuda (s. auch ↗deuten). Verwandt mit germ. *þeuðō sind air. tūath ‘Volk, Stamm, Land’, lit. tautà ‘Volk, Nation, Land’. Diese Substantive gehören wie ↗tausend (s. d.) zur Wurzel ie. *tē̌u-, *teu̯ə-, *tū̌- ‘schwellen’, bezeichnen ursprünglich also die ‘große (kraftvolle, mächtige) Menge’. Die westgerm. Adjektivbildung ist vielleicht als Äquivalent für lat. vulgāris ‘allgemein, alltäglich, allbekannt’ (zu lat. vulgus ‘große Menge, Volk’) entstanden. Einmal belegtes got. þiudiskō Adv. ‘heidnisch’ ist unabhängig davon Übersetzung von griech. ethnikṓs (ἐθνικῶς), zu éthnos (ἔθνος) ‘Volk’, Plur. (biblisch) auch ‘Heiden’ (s. ↗ethnisch und ↗Heide m.). Entsprechend übersetzt aengl. þēodisc ‘heidnisch’ lat. gentīlis (s. ↗Gentilgesellschaft) in der kirchenlat. Bedeutung ‘heidnisch’ (zu lat. gentēs Plur., kirchenlat. ‘Heiden’). Offen bleibt die Frage, wieweit das substantivierte Adjektiv aengl. þēodisc n. ‘einheimische Sprache, Einzelsprache’ eine selbständige Bildung ist oder unter dem Einfluß des Kontinentalwestgerm. steht. Ein solcher ist zumindest in semantischer Hinsicht für die skandinav. Bildungen anord. þȳðverskr, þȳzkr, norw. schwed. dän. tysk ‘deutsch’ vorauszusetzen. Mlat. theodiscus wird Mitte des 11. Jhs. durch das konkurrierende mlat. teutonicus verdrängt (umgedeutet aus lat. Teutonicus ‘dem Stamm der Teutonen angehörend, germanisch’; der Name der Teutonen gehört gleichfalls zur hier behandelten Wortgruppe, weist in seiner antiken Lautform lat. Teutonī, Teutonēs aber auf kelt. Umgestaltung). Anfang des 10. Jhs. werden sowohl mlat. theodiscus wie mlat. teutonicus auf die sprachlichen und politischen Verhältnisse des Ostfrankenreiches (und damit auf das mittelalterliche deutsche Reich) eingeschränkt. Die Wendung mit jmdm. deutsch (‘offen, unmißverständlich’) reden ist seit der 2. Hälfte des 15. Jhs. bezeugt. verdeutschen Vb. ‘ins Deutsche übertragen’, früher verteutschen (15. Jh.); älter ist noch im 17. Jh. vorkommendes deutschen, teutschen, mhd. diutschen, tiutschen ‘auf deutsch sagen, erklären’. Deutschland, aus Fügungen wie mhd. in Diutischemi lande (Annolied, um 1085) entstanden, im Mhd. vereinzelt schon in Diutisk lant (Kaiserchronik, um 1150), spätmhd. Tiutschland; Zusammenschreibung setzt sich endgültig erst im 16. Jh. durch.

Thesaurus

Synonymgruppe
eindeutschen · ↗germanisieren · ins Deutsche übersetzen · verdeutschen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Fremdwort

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›verdeutschen‹.

Zitationshilfe
„verdeutschen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/verdeutschen>, abgerufen am 07.12.2019.

Weitere Informationen …

alphabetisch vorangehend alphabetisch nachfolgend
Verdeutlichung
verdeutlichen
Verderbtheit
verderbt
Verderbnis
Verdeutschung
verdichtbar
verdichten
Verdichter
Verdichtung