Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

verfehlen

Grammatik Verb
Aussprache 
Worttrennung ver-feh-len
Grundformfehlen2
Wortbildung  mit ›verfehlen‹ als Grundform: verfehlt
eWDG

Bedeutungen

1.
jmdn., etw. nicht treffen
a)
an einem bestimmten Ziel vorbeigehen
Beispiele:
der Schuss verfehlte das Ziel
der Sportler verfehlte das Tor
den Weg, das richtige Haus, die Tür, das Schloss verfehlen (= nicht finden)
er hat eine Treppenstufe verfehlt und sich den Fuß verstaucht
Sportder Läufer verfehlte den Weltrekord um eine halbe Sekunde (= blieb eine halbe Sekunde unter dem Weltrekord)
er hat das Thema verfehlt (= er hat das Thema nicht erfaßt oder nur ungenügend behandelt)
b)
jmdn., etw. nicht erreichen
Beispiele:
den Bus, die Bahn verfehlen
er hatte Sorge, ihn zu verfehlen
sich verfehlen
Beispiel:
sie haben sich trotz Verabredung verfehlt (= sind nicht zusammengetroffen)
übertragen
Beispiele:
diese Worte haben die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt
dein Brief hat seinen Zweck bei mir (ganz und gar) verfehlt
du hast deinen Beruf verfehlt (= du hast den falschen Beruf ergriffen)
scherzhaftdu hast deinen Beruf verfehlt (= Lob für eine Leistung, Fähigkeit außerhalb des ausgeübten Berufes)
verfehltfalsch (angelegt), verkehrt, unangebracht
Grammatik: oft im Partizip II
Beispiele:
es wäre verfehlt, das Kind wegen dieses Verhaltens zu strafen
eine verfehlte Auffassung
ein verfehlter Beruf
ein verfehltes (= seinen Sinn nicht erfüllendes) Leben
2.
gehoben etw. versäumen
Beispiele:
wir möchten nicht verfehlen, allen Mitarbeitern herzlich zu danken
den rechten Augenblick, eine Gelegenheit (für etw.) verfehlen
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

fehlen · Fehl · fehl · Fehltritt · Fehlschluß · Fehlgeburt · Fehlanzeige · fehlbar · unfehlbar · Fehler · verfehlen · Verfehlung
fehlen Vb. ‘abwesend, nicht vorhanden sein, einen Irrtum, ein Unrecht begehen’, Aus afrz. falir, faillir ‘verfehlen, im Stich lassen, versagen, fehlschlagen, sich irren’ (frz. faillir ‘einen Fehler begehen, sich irren, versagen’), dann auch ‘jmdm. entgehen, mangeln, nötig sein’ (oft unpersönlich afrz. frz. il faut ‘es ist nötig’), das über vlat. *fallīre auf lat. fallere ‘betrügen, täuschen, irreführen’ zurückgeht, wird mhd. vælen, vēlen ‘verfehlen, nicht treffen’ entlehnt, daneben gleichbed. mhd. failieren, fālieren, fallieren mit stärkerer Bewahrung der fremden Form (zu unterscheiden von nhd. fallieren ‘Bankrott machen’, Übernahme des 16. Jhs. von gleichbed. ital. fallire, im 16./17. Jh. auch ‘betrügen’, in diesem Sinne unmittelbar aus dem Lat.). Das zunächst als Turnierausdruck aufgenommene Verb (‘beim Stoß mit der Lanze das Ziel verfehlen’) gilt bereits im Mhd. entsprechend dem afrz. Vorbild auch für ‘sich irren’, für ‘fehlschlagen’ und ‘mangeln, nicht zur Verfügung stehen’. Eine Variante mhd. veilen setzt sich noch in frühnhd. feilen fort, namentlich im Md., wohl beeinflußt durch ebenfalls aus dem Frz. stammendes mnd. fēilen ‘verfehlen, fehlschlagen, mangeln, im Stich lassen’. Fehl m. ‘Makel, Mangel, Verfehlung’, mhd. væle f., Entlehnung aus afrz. faille ‘Mißerfolg, Irrtum, Mangel’, das über vlat. *fallia auf lat. falla ‘Betrug’ zurückgeht. Maskulines Genus entwickelt sich wohl bei der verkürzten artikellosen Form des Substantivs in den Fügungen mhd. āne væl, sunder væl ‘jeden Irrtum ausschließend, zweifelsfrei, ganz gewiß’, die gleichbed. afrz. sans faille nachbilden (vgl. dagegen mit anderer Auffassung nhd. ohne Fehl ‘makellos’). Wahrscheinlich aus Verb und abhängigem Akkusativ (vgl. einen Fehl gebären bei Luther und danach im älteren Nhd.) sind Bildungen wie fehlgehen, fehlgreifen, fehlschlagen entstanden; diese werden bis ins 19. Jh. häufig getrennt geschrieben (fehl gehen usw.), da das erste Glied einem Adverb ähnelt. Hieraus erklärt sich fehl Adj. Adv. ‘falsch, irrig, ergebnislos’, das seit Ende des 15. Jhs. vielfach nachweisbar ist, heute nur noch in der jungen Wendung fehl am Platz(e) sein ‘unpassend, unangebracht sein’. Der genannte verbale Bildungstyp ermöglicht substantivische Zusammensetzungen, ohne daß in jedem Falle das entsprechende Verb vorausgeht: Fehltritt m. ‘falscher Schritt, Vergehen’ (16. Jh.); Fehlschluß m. ‘falsche Schlußfolgerung’ (16. Jh.); Fehlgeburt f. ‘Abgang einer nicht lebensfähigen Leibesfrucht’ (18. Jh.); Fehlanzeige f. ‘negativer Bescheid’ (um 1900, zuerst soldatensprachlich vom negativen Schießergebnis). Das Kompositionsglied fehl- ist bis in die Gegenwart produktiv, vgl. Fehlentscheidung, Fehlkonstruktion, Fehlleistung, Fehlverhalten, Fehlzündung. fehlbar Adj. ‘mit Mängeln behaftet, unvollkommen’, schweiz. ‘einer Verfehlung schuldig’ (um 1600), wohl Rückbildung zu unfehlbar Adj. ‘frei von Irrtum, untrüglich’ (16. Jh.). Fehler m. ‘Irrtum, Versehen’, anfangs auch ‘Fehlschuß’ (16. Jh.). verfehlen Vb. ‘nicht erreichen, nicht treffen’, mhd. vervælen ‘fehlen, sich irren, trügen, nicht treffen’; Verfehlung f. ‘Irrtum, Vergehen’ (17. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
verfehlen · vergessen · verpassen · versäumen · übersehen  ●  nicht mitbekommen  ugs. · verabsäumen  geh., Papierdeutsch · verbaseln  ugs., regional · verpennen  ugs. · verschlafen  ugs. · verschwitzen  ugs.
Assoziationen
  • (sich) nicht erinnern (an) · nicht denken an · vergessen  ●  (jemandem) entfallen (sein)  geh. · (jemandem) nicht erinnerlich (sein)  geh. · (sich einer Sache) nicht entsinnen können  geh. · aus den Augen verlieren  ugs. · verbummeln  ugs. · verschwitzen  ugs.
Synonymgruppe
(eine) Gelegenheit verpassen · (etwas) verfehlen  ●  (etwas) verhauen  ugs. · (etwas) versemmeln  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
(das Ziel) verfehlen · danebengehen (Schuss) · danebenzielen · den Falschen treffen (die / das Falsche treffen) · nicht treffen  ●  Knapp daneben ist auch vorbei.  scherzhaft-ironisch, sprichwörtlich · danebenschießen  auch figurativ
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›verfehlen‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›verfehlen‹.

Verwendungsbeispiele für ›verfehlen‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Man kann es sich nicht mehr erlauben, Ziele zu verfehlen. [Kellner, Hedwig: Das geheime Wissen der Personalchefs, Frankfurt a. M.: Eichborn 1998, S. 26]
Auf ihn hat das alles bestimmt auch nicht seine Wirkung verfehlt. [Schwarzer, Alice: Der »kleine Unterschied« und seine großen Folgen, Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verl. 1977 [1975], S. 69]
Es ist überhaupt verfehlt, für Sinn einen »Träger« zu suchen. [Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984, S. 133]
Überwiegt dabei die Freude, das richtige Wort gefunden zu haben, oder die Erfahrung, gescheitert zu sein, die Worte verfehlt zu haben? [Die Zeit, 28.10.1999, Nr. 44]
Das Brett fliegt mir gegen die Beine, aber das Messer verfehlt mich. [Die Zeit, 19.11.1998, Nr. 48]
Zitationshilfe
„verfehlen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/verfehlen>.

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