versauern

GrammatikVerb · versauerte, ist/hat versauert
Aussprache
Worttrennungver-sau-ern
Grundformsauer
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2017

Bedeutungen

1.
a)
mit Hilfsverb ›ist‹
etw. versauertsauer werden, an Säure gewinnen
Beispiele:
Der Klimawandel ändert Luft, Land und Meere auf Zehntausende Jahre, die Ozeane versauern. [Spiegel, 27.09.2016 (online)]
Eine Ketoazidose [eine Stoffwechselentgleisung bei Insulinmangel] entsteht, wenn der Blutzucker unbemerkt über längere Zeit ansteigt und der Stoffwechsel deshalb auf Notversorgung umschaltet. Die Produkte dieses Ausnahmezustands, sogenannte Ketonkörper, lassen das Blut versauern. [Süddeutsche Zeitung, 05.08.2015]
Wenn alle Kohle abgebaggert ist, soll das verbliebene Loch mit Wasser volllaufen – ein künstlicher See mit einer Oberfläche von 23 Quadratkilometern und mit 200 Metern fast so tief wie der Bodensee. Das Tiefenwasser werde absterben und versauern, befürchten Kritiker. [Die Zeit, 29.08.1997, Nr. 36]
Übertriebenes Gießen [der Topfpflanzen] wird leider nur zu gerne geübt. Die Erde versauert, beginnt faulig oder säuerlich zu riechen, schimmelt, wird krustig und führt zur Ansiedlung von Milben und winzigen Tierchen. [Oheim, Gertrud: Das praktische Haushaltsbuch, Gütersloh: Bertelsmann 1967 [1954], S. 139]
Kollokation:
mit Aktivsubjekt: die Böden, Meere versauern
b)
mit Hilfsverb ›hat‹
etw. versauert etw.sauer machen, mit Säure durchsetzen
Beispiele:
Der Mensch handelte, als Forscher erkannten, dass aus schwefeligem Dreck in der Luft über Umwege in Regenwolken Schwefel- und Salpetersäure entsteht. Diese chemischen Verbindungen versauern Böden und setzen Wäldern zu. [Die Zeit, 16.03.2016 (online)]
Steigende Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre durch Verbrennung fossiler Energieträger bringen steigende [Kohlendioxid-]Konzentrationen im Meerwasser mit sich. Dadurch bildet sich verstärkt Kohlensäure, welche die Meere versauern lässt. [Der Standard, 27.11.2015]
Der Kunde verbinde den Joghurtkonsum nun einmal mit einem wohlig-süsslichen Gout, während die bei der Gärung beteiligten Bakterien die Milch leicht versauerten – das Ganze wird dadurch lange haltbar, was der historische Auslöser der Joghurtherstellung war. [Neue Zürcher Zeitung, 11.08.2015]
Ohne Rauchgasreinigung entsteht daraus [aus Schwefeldioxid] zunächst feinstverteiltes Sulfat-Aerosol und schließlich saurer Regen: ein aggressiver Niederschlag aus Schwefel- und Salpetersäure […], der Böden und Süßwasserseen versauert und Ballungszentren unter einer Dunstglocke verschwinden läßt. [Bild der Wissenschaft auf CD-ROM, 1997 [1996]]
Kollokation:
mit Akkusativobjekt: [die Emissionen] versauern die Böden
2.
umgangssprachlich
a)
mit Hilfsverb ›ist‹
jmd. versauertaus Mangel an geistigen, kulturellen o. ä. Angeboten geistig verkümmern
Beispiele:
Dein Beruf ist nichts als ein anderes Wort für reiches, ausgefülltes Leben, während wir Frauen hier zu Hause sitzen und versauern. [Schwanitz, Dietrich: Männer, Frankfurt a. M.: Eichborn 2001, S. 55]
Einige [Fußball-]Talente versauern auf der Bank, werden ignoriert […]. [Spiegel, 14.11.2014 (online)]
Es [das moderne Märchen] geht so: Begabte Pianistin versauert in der amerikanischen Provinz, verliert aber nicht den Glauben an sich und die Kunst, sondern ergreift die Initiative. Sie stellt ein eigenes Video ins Netz [und wird entdeckt] […]. [Die Zeit, 10.02.2014 (online)]
übertragen Es liegt jedoch in der Natur der Keramik, dass sie immer auch auf ihre Funktion verweist; ihre Schönheit liegt irgendwie auch im Reiz des Benutzens. Jammerschade, wenn die schmucken Schüsseln und Teller in Vitrinen versauern. [Der Standard, 23.08.2013]
Wir hatten viel Spaß damals, die Landjugend sorgte schon dafür, daß man auf dem Hof nicht versauerte! [Die Zeit, 01.10.1998, Nr. 41]
Davonlaufen geht nicht und gilt nicht, Leute! Ich bin 62, ich weiß aber, was ich nach der Pensionierung tun werde. Ganz sicher nicht vor Langeweile versauern. [Späth, Gerold: Commedia, Frankfurt a. M.: S. Fischer 1980 [1980], S. 40]
Kollokation:
hat Präpositionalgruppe/-objekt: in der Provinz versauern
b)
mit Hilfsverb ›hat‹
jmd., etw. versauert jmdm. etw.jmdm. etw. verleiden, die Freude an etw. nehmen
Beispiele:
Um einem Kind den Tag zu versauern, muss man ihm nur am Morgen mitteilen, heute werde sein Zimmer mal gründlich ausgemistet und auch gleich frisch gestrichen. [Die Zeit, 28.05.2015, Nr. 22]
Wie es sich anfühlt, einen Hit zu haben, hat [der Schlagersänger] […] immerhin erlebt. Aber auch, wie einem so ein Erfolg das Leben versauern kann. [Spiegel, 17.06.2011 (online)]
Demonstrationen müssen jedenfalls erwartet werden. Manche Amerikaner überlegen sich schon, wie den Russen die [olympischen] Winterspiele versauert werden könnten[…]. [Der Spiegel, 04.02.1980]
Jene zusätzliche Getränkesteuer, die den Gästen in den Kurorten des öfteren den Urlaub oder die Kur versauerte, soll in Bad Wörishofen abgeschafft werden. [Die Zeit, 12.02.1965, Nr. 07]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

sauer · säuerlich · säuern · versauern · Säure · Sauerampfer · Ampfer · Sauerstoff · sauersüß · Sauerteig · Sauertopf · Sauregurkenzeit
sauer Adj. (vom Geschmack) ‘scharf und zusammenziehend’, auch ‘säurehaltig, geronnen’ (von Milch), verschiedentlich übertragen ‘mühevoll, schwer, verärgert’, ahd. (8. Jh.), mhd. mnd. aengl. sūr, mnl. suur, nl. zuur, engl. sour, anord. sūrr, schwed. sur. Germ. *sūra- ‘sauer, salzig’, auch ‘feucht’ (vgl. ahd. sūrougi ‘triefäugig, halbblind’, 9. Jh., asächs. sūrōgi, aengl. sūrēagede, sūrīege, anord. sūreygr) läßt sich vergleichen mit lit. (älter mundartlich) sū́ras ‘gesalzen’, lett. sūrs ‘salzig, bitter’, lit. sū́ris ‘(harter und stark gesalzener) Käse’, aslaw. syrъ ‘feucht, naß’, russ. syrój (сырой) ‘roh, feucht, sauer’, aslaw. syrъ, russ. syr (сыр) ‘Käse’, (mit Ablaut) anord. saurr ‘Schmutz, feuchte Erde’, aslaw. surovъ ‘hart, grausam’, russ. suróvyj (суровый) ‘rauh, roh’ und auf ie. *suəro- ‘sauer, salzig, bitter’, eigentlich ‘saftend, käsig geronnen, schleimig naß’ zurückführen. Dies gehört zur Wurzel ie. *seu-, *seu̯ə-. *sū- ‘tropfen lassen, schlürfen, saugen’ (s. ↗saufen, ↗saugen, ↗suhlen). Vgl. die Wendungen etw. wird jmdm. sauer ‘zur Qual, schwer’, mhd. sūr werden ‘qualvoll, peinlich werden’; jmdm. das Leben sauer (‘zur Qual’) machen (15. Jh.); jmdn. sauer ankommen ‘Mühe, Qual verursachen’, mhd. sūr ankomen. säuerlich Adj. ‘leicht sauer schmeckend’ (17. Jh.), sauerlicht (16. Jh.). säuern Vb. ‘sauer machen’, ahd. sūren (9. Jh.), mhd. siuren. versauern Vb. ‘sauer werden, machen’ (15. Jh.), zu nhd. sauern ‘sauer werden, sein’, ahd. sūrēn (9. Jh.), mhd. sūren, siuren. Säure f. ‘saure Beschaffenheit, Herbheit, Schärfe, sauer schmeckende Flüssigkeit’ (Essig u. dgl.), ahd. sūrī (9. Jh.), mhd. siure, Abstraktum zu sauer (s. oben); in der Chemie ‘mit Basen Salze bildende Verbindung’ (18. Jh.). Sauerampfer m. Name einer sauer schmeckenden Wiesenpflanze, ahd. sūrampho (Hs. 12. Jh.), mhd. sūrampfe, dann sūrampfer (14. Jh.), nhd. Sauerampfer (15. Jh.). Daneben steht früher bezeugtes Ampfer m. ahd. amph(a)ra f. (10. Jh.), amph(a)ro m. (11./12. Jh.), mhd. ampfer, nd. Amper, aengl. ampre, Substantivierung eines in anord. apr (aus *ampaR) ‘hart, böse’, schwed. amper ‘scharf, herb, derb’, nl. amper (älter, doch noch mundartlich) ‘scharf, herb, sauer’ erhaltenen Adjektivs. Diesem vergleichbar sind aind. amláḥ, amblaḥ ‘sauer’ und lat. amārus ‘bitter’. Erschließen läßt sich eine Wurzel ie. *am- ‘bitter, sauer’ (da die genannten Bildungen aus semantischen Gründen besser nicht zu einer Wurzel ie. *om- ‘roh, bitter’ gerechnet werden sollten). Die Komposition ahd. sūrampho ist als eine verdeutlichende Bildung zu dem (vielleicht nicht mehr verstandenen) Grundwort anzusehen. Sauerstoff m. farb-, geruch-, geschmackloses Gas. Das Anfang der 70er Jahre des 18. Jhs. entdeckte chemische Element nannte Lavoisier (1783), der den sauren Charakter vieler Oxide feststellte und fälschlich annahm, daß alle Säuren Sauerstoff enthielten, frz. gaz oxygène ‘säurebildendes Gas’ bzw. substantiviert nlat. oxygenium, frz. oxygène; vgl. griech. oxýs (ὀξύς) ‘scharf, herb, bitter, sauer, schnell, heftig’ (s. ↗Oxid) und s. ↗-gen. Den frz. Ausdruck übersetzt Girtanner (in Analogie zu Stick- und Wasserstoff) mit Sauerstoff (1791). sauersüß Adj. ‘sauer und süß zugleich’ (17. Jh.), häufiger süßsauer (16. Jh.); vgl. mhd. sīn süeʒe sūreʒ ungemach. Sauerteig m. ‘gärender Mehlteig, der dem Brotteig als Treibmittel zugefügt wird’ (15. Jh.). Sauertopf m. ‘verdrießlicher, mürrischer Mensch’ (16. Jh.), eigentlich ‘Essigtopf’, vgl. mnd. sūr ‘Essig’. Sauregurkenzeit f. ‘ereignisarme Zeit’, eigentlich ‘Juli und August, die Zeit, in der die Gurken reifen’. Im 18. Jh. unter Berliner Kaufleuten für den ‘geruhsamen Geschäftsgang während des Sommers’ verbreitet, seit der Mitte des 19. Jhs. als Ausdruck der Tagespresse für die ‘ereignis- und stoffarme Zeit der Hundstage’, dann allgemein zur Bezeichnung einer ereignislosen Zeit.

Thesaurus

Synonymgruppe
vereinsamen · ↗verkommen · versauern  ●  ↗absacken  ugs.

Typische Verbindungen
computergeneriert

Bank Boden Bundesliga Ersatzbank Grundwasser Provinz Reservebank See Talent Tribüne Waldboden Warteschleife

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›versauern‹.

Zitationshilfe
„versauern“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/versauern>, abgerufen am 27.03.2019.

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