Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

vielarmig

Grammatik Adjektiv · ohne Steigerung
Aussprache  [ˈfiːlʔaʁmɪç]
Worttrennung viel-ar-mig
Wortzerlegung viel Arm -ig
DWDS-Vollartikel

Bedeutung

viele Arme (1) aufweisend; mit vielen Armen
Kollokationen:
als Adjektivattribut: ein vielarmiger Gott; eine vielarmige Göttin, Gottheit
Beispiele:
Auf einer nervösen Insel wie Java, an der die Erde zu Krämpfen neigt, arbeiten auch Archäologen im Akkord. Das verrät auch der Besuch der nicht allzu weit entfernten Tempel von Prambanan – steinerne Zeugnisse jener Tage, als die Schiffe aus Südindien hier Javas frühe Hochkultur begründeten, mit vielarmigen Hindu‑Göttern und exquisitem architektonischem Know‑how im Reisegepäck. [Der Standard, 03.05.2012]
Teuerstes Los [der Versteigerung] ist mit 117.000 Euro eine Bronzegruppe des 11./12. Jahrhunderts aus Südindien, die den vielarmigen [Gott] Shiva, seine Gemahlin Parvati und den gemeinsamen Sohn Skanda auf einer Thronbank vergegenwärtigt. [Süddeutsche Zeitung, 06.12.2008]
[Islamische] Kunst, bestimmt für Menschen, doch Menschen durften nicht zu sehen sein. Ein größerer Gegensatz zur Hindukunst mit ihren orgiastisch tanzenden Frauengestalten, vielarmigen Göttern, Kopulationen ist nicht denkbar, diese beiden Kulturen in ein und demselben Land [Indien] mussten sich aneinander reiben wie Schmirgelpapier, […]. [Die Zeit, 09.10.2003]
Die holzgeschnitzten, filigran verspielten Türen, Säulen und Fensterrahmen [in der Stadt Bhaktapur in Nepal] sind entsprechend tradierter Handwerkskunst verziert mit dem elefantenköpfigen Gott Ganapati, vielarmigen Verkörperungen Shivas, des Zerstörers und Erneuerers der Welt, der Glücksgöttin Lakshmi und anderen Motiven aus der hinduistischen Mythologie. [Die Zeit, 21.11.1997]
Von den vielen bronzenen oder steinernen Buddhas, die ich in Ostasien sah, haben mir allerdings die am besten gefallen, die sich gleich unsereinem, anatomisch richtig, mit zwei Armen begnügen und deren Hände zu stiller Betrachtung im Schoß falten, statt mit ihnen herumzufuchteln. Die vielarmigen erinnerten mich eher an Insekten als an einen Weisen, den seine Güte zur Gottheit erhob. [Katz, Richard: Übern Gartenhag. München / Zürich: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. 1965, S. 8]
a)
von Tieren   mehrere Fangarme, Tentakeln aufweisend; mehrere an Arme erinnernde Auswüchse aufweisend, die z. B. der Fortbewegung dienen
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: ein vielarmiges Wesen
Beispiele:
An die kriegerische Seite der attischen Macht erinnern die Bilder der furchteinflößenden Schilde zur Abwehr der Feinde. Dort verkörpern etwa grimmige Stier‑ oder Löwenköpfe, vielarmige Oktopusse, wild gewordene Eber oder die Fratze einer grünäugigen Medusa aus archaischer Zeit die Schrecken des Kampfes. [Süddeutsche Zeitung, 11.09.2020]
Riesenkalmare leben normalerweise in der Tiefsee und verfügen über acht Arme und zwei lange Tentakel sowie riesige Augen. Um sie ranken sich viele Seemanns‑Legenden, oft werden sie als vielarmige Meeresungeheuer bezeichnet. [Neue Zürcher Zeitung, 11.10.2016]
Sie sind vielarmig, haben einen Durchmesser von 30 bis 40 Zentimetern und sind von spitzen Giftstacheln bedeckt, die bei Menschen schmerzhafte und lang anhaltende Verletzungen verursachen können: Dornenkronenseesterne. [Der Standard, 08.11.2013]
Die Sippschaft ist blaublütig, uralt und weitverzweigt. Sie reicht vom urtümlichen Tintenfisch Nautilus zu den Familien von Sepia, Octopus und Kalamar [sic!] bis zur sagenumwobenen Riesenkrake Architeuthis in der Tiefsee, dem mit 18 Metern Länge größten wirbellosen Lebewesen der Welt. Der Stammbaum der vielarmigen Tierklasse beginnt vor 400 Millionen Jahren. [Süddeutsche Zeitung, 26.08.1998]
vergleichendAuch in den USA formiert sich inzwischen Widerstand gegen den Handel mit Kundeninformationen, der den Kunden schließlich wie eine vielarmige Krake mit Werbebotschaften und unverlangten Produkteinsendungen umarmt. [C’t, 2000, Nr. 11]
b)
bildlich in Form oder Funktion mehreren Armen ähnelnd, in mehrere an Arme erinnernde Teile getrennt, auseinandergegangen
Beispiele:
Oder warum nicht nach den ganzen filigranen Kerzenständern für Tische und Altäre mal Leuchter schmieden, vielarmig, rau und übermannshoch? Die Technik ist im Prinzip dieselbe, hämmern, schweißen, schmieden. [Welt am Sonntag, 13.11.2016]
Am Rande eines trockenen Flussbetts hat sie es sich bequem gemacht[…] zwischen strohigen Kreosotbüschen und vielarmigen Riesenkakteen. [Der Spiegel, 12.07.2010]
Während über den planen Ebenen des Mittelwestens die Sonne versank, legten wir meist noch an einer der zahlreichen Sandbänke [des Missouri] an, die sich wie einsame Inseln im Laufe des breiten, vielarmigen Flußbettes aufwarfen und gelegentlich sogar eine eigene Vegetation ausbildeten. [Düffel, John von: Vom Wasser. München: dtv 2006, S. 5]
Die Wirkung des Lichts einzufangen, war und ist für Maler eine Herausforderung. So gibt es zahlreiche Gemälde, auf denen Dämmerung und Dunkelheit ein Thema bilden. Manchmal aber auch vermitteln sie uns den Glanz, den vielarmige Leuchter, Wandleuchter und Kandelaber über Wandspiegel, Tapisserien, schimmernde Seidenkleider, Schmuck und Perücken einer höfischen Gesellschaft ausbreiteten. [Süddeutsche Zeitung, 03.12.2004]
Nach acht Stunden Wanderung vom Anlegeplatz in Hrafnsfjördur [auf Island] taucht Reykjafjördur tief unten auf: eine breite Bucht, durchzogen von zwei vielarmigen Flüssen, […]. [Der Tagesspiegel, 02.06.2000]
c)
übertragen weit verzweigt, verästelt, gut vernetzt (und dadurch einflussreich und mächtig)
Beispiele:
Der [Unternehmer] hatte sein Vermögen mit einer [Firmen-]Gruppe […] verdient, einem vielarmigen Giganten, der in mehreren bedeutenden Wirtschaftszweigen mitmischte: im Bergbau, in der Immobilienwirtschaft, auf dem Energiemarkt, selbst in der Unterhaltungsbranche. [Die Welt, 04.04.2015]
Das gilt in besonderem Maß für Mexiko mit seiner Realität eines dysfunktionalen Staats, der sich in einem zähen Krieg mit einer durchaus funktionalen, vielarmigen und mit einem Teil des Staatsapparats selbst auch noch verbündeten Mafia befindet – im Grunde ein failed state (= gescheiterter, seinen Aufgaben nicht mehr nachkommender Staat), […]. [Die Zeit, 04.12.2014]
Man versucht, sich die vielarmige und vieläugige, in die privaten Lebensbereiche hineinleuchtende Bürokratie vorzustellen, die hier […] alle Hände voll zu tun haben wird […]. [Jonas, Hans: Das Prinzip der Verantwortung. Frankfurt a. M.: Insel-Verl. 1979, S. 7]
Dazu [zur Verbesserung der Mörtellieferungen] ist es nötig, sich auf die verschlungenen Pfade einer Organisation zu begeben, deren Struktur recht kompliziert und vielarmig ist, die aber dennoch – oder eben deswegen? – nicht klappen will. Besuchen wir der Reihe nach die Büros, in denen die Leute sitzen, die mit den Mörtellieferungen […] zu tun haben. [Berliner Zeitung, 31.05.1952]

letzte Änderung:

Typische Verbindungen zu ›vielarmig‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›vielarmig‹.

Zitationshilfe
„vielarmig“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/vielarmig>.

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