Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

volkstümlich

Grammatik Adjektiv · Komparativ: volkstümlicher · Superlativ: am volkstümlichsten
Aussprache  [ˈfɔlkstyːmlɪç]
Worttrennung volks-tüm-lich
Wortzerlegung Volkstum -lich
Wortbildung  mit ›volkstümlich‹ als Erstglied: Volkstümlichkeit
eWDG und ZDL

Bedeutungen

1.
dem (vermuteten) Denken und Fühlen großer Teile der Bevölkerung, des Volkes (3) nahe
Kollokationen:
als Adjektivattribut: volkstümliche Überlieferung; eine volkstümliche Anschauung
als Adverbialbestimmung: etw. volkstümlich ausdrücken, darstellen
Beispiele:
einen literarischen Stoff volkstümlich gestaltenWDG
Der 55‑Jährige [CDU-Politiker Karl-Josef Laumann] gibt sich volkstümlich, geht gern auf Schützenfeste und in die Bierzelte. [Der Spiegel, 26.11.2012 (online)]
So wurde die heilige Anna eine der volkstümlichsten Heiligen des späten Mittelalters. [Münchner Merkur, 26.07.2021]
Harald [V. von Norwegen] ist ein viel volkstümlicherer König als sein Vater. [Badische Zeitung, 21.02.2017]
[Klaus] Wowereit sei zu abgehoben, zu wenig volkstümlich, lautet die einhellige Analyse der Berliner Lokalzeitungen über den Senatschef: […] [Der Spiegel, 03.03.2010 (online)]
T[…]s volkstümliche Art, seine schnörkellose Sprache, die sich vom geschliffenen Umgangston der meisten Politiker in der Hauptstadt abhebt, gefällt hier. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2000]
[Wilhelm] Busch wurde durch seine moralisierenden Bilder und seine zahllosen Geschichten zu einem der bedeutendsten und volkstümlichsten deutschen Humoristen. [Leipziger Volkszeitung, 10.05.1997]
Abseits von der stürmisch fortschreitenden Entwicklung der Florentiner Malerei bewahrte er in seinen Werken den Geist volkstümlicher, spätmittelalterlicher Frömmigkeit und klösterlicher Stille. [Oertel, R.: Fra Angelico. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1958], S. 9717]
allgemeiner Viele Helfer sorgen an den Kontrollstellen und an Start und Ziel für das Wohl der Wanderer, selbstverständlich zu volkstümlichen (= für viele erschwinglichen) Preisen. [Rhein-Zeitung, 18.04.2008]
2.
Kunst, gelegentlich abwertend einfach, nicht kunstvoll gestaltet
Kollokationen:
als Adjektivattribut: ein volkstümliches Lied; volkstümliche Melodik; eine volkstümliche Melodie; volkstümliche Musik
Beispiele:
volkstümliche KunstWDG
volkstümliche Lieder, Balladen, Theaterstücke, Bilder, TänzeWDG
Weniger volkstümlich, dafür kunstvoll und virtuos ausgeziert bot die Sonata sesta »La Giralda« Gelegenheit für Violine und Flöte zu improvisieren. [Dresdner Neueste Nachrichten, 26.05.2021]
Unter Bauerntheater versteht man eine dramatische Form, aber auch eine Spielstätte oder Institution, in der volkstümliche, burleske Stoffe dargeboten werden. [Mittelbayerische, 22.09.2015]
Doppeltes Vorurteil lastet immer noch auf den drei Akten [der Oper »Rusalka«]: der Vorwurf der Folklore mit Neigung zum volkstümlichen Kitsch und der angebliche Mangel an Dramatik […]. [Die Welt, 19.08.2008]
Eineinhalb Stunden steht die Markgrafenstadt [Schopfheim in Baden-Württemberg] im Mittelpunkt einer Sendung, die gespickt ist mit volkstümlicher und klassischer Musik[…]. [Badische Zeitung, 23.10.2004]
Es handelt sich […] um vergnügt zu singende Verse, die seit neuerem die bunte Palette volkstümlichen Liedguts der Vereinigten Staaten von Amerika mit neuem humoristischen Schwung bereichern. [konkret, 2000 [1986]]
Außer diesen Bezeugungen genuin röm. Musikalität hat man summarisch vor allem das volkstümliche »kunstlose« Singen der Römer, das sich in den verschiedensten Formen darbietet, als urtümlichen mus. Eigenbesitz anzusprechen. [Angelis, Alberto de [u. a.]: Rom. In: Blume, Friedrich (Hg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1963], S. 63571]
3.
gemeinverständlich, populärwissenschaftlich
Kollokationen:
als Adjektivattribut: eine volkstümliche Bezeichnung
als Adverbialbestimmung: etw. volkstümlich ausdrücken, darstellen
in Koordination: volkstümlich und wissenschaftlich
Beispiele:
ein volkstümlicher VortragWDG
er gab eine volkstümliche EinführungWDG
Der Historiker hat einen volkstümlichen und populärwissenschaftlichen Stil gewählt, um die Vergangenheit der Gemeinde möglichst interessant zu vermitteln. [Neue Westfälische, 12.04.2003]
Die Predigten waren sehr volkstümlich und allgemeinverständlich. [Mittelbayerische, 03.11.2021]
Die Requisiten sind spärlich, die Sprache volkstümlich einfach, die Kostüme schlicht und überzeugend. [Saarbrücker Zeitung, 18.12.2018]
Um den Gläubigen das Verständnis biblischer Gleichnisse und theologischer Schriften zu erleichtern, bedienten sich früher viele Prediger gerne einer volkstümlichen Ausdrucksweise und verwendeten auch anschauliche Vergleiche aus dem Alltagsleben. [Münchner Merkur, 03.03.2018]
Der Freiburger Historiker Ernst Schulin hat 1997 über den gescheiterten Versuch seines Lehrers Hermann Heimpel berichtet, in den fünfziger Jahren eine volkstümliche deutsche Geschichte zu verfassen. [Die Zeit, 05.07.2001]

letzte Änderung:

Zum Originalartikel des WDG gelangen Sie hier.

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Volk · völkisch · Volkslied · Volksschule · volkstümlich · Volkstümlichkeit · Volkstum · Volksvertreter · Volkswirtschaft · bevölkern · Bevölkerung
Volk n. ‘aus einer Vereinigung von Stämmen hervorgegangene ethnische Gemeinschaft, Bevölkerung eines Landes, (die einfachen) Leute, Menschenmenge’, ahd. folc n. m. ‘Volk, Völkerschaft, Volksmenge, -haufen, Heer(haufen), die breite Masse’ (8. Jh.), mhd. volc n., auch m., asächs. folk n., mnl. volc, mnd. nl. volk, aengl. folc, engl. folk ‘Leute’ (meist im Plur. folks), anord. schwed. folk ‘Volk, Leute’ führt auf germ. *fulka- ‘Kriegerschar, Heerhaufen’, vielleicht zu verstehen als ‘die Menge der waffenfähigen Männer’ als Repräsentanten der Gemeinschaft. Dann kann von ie. *pḷgo- ‘Fülle, Menge’ und von der Wurzel ie. *pel(ə)-, *plē- ‘aufschütten, (ein)füllen’ ausgegangen werden (s. voll, viel). – völkisch Adj. ‘ein Volk betreffend, zu ihm gehörend, von ihm ausgehend’ (16. Jh.), volckisch (Ende 15. Jh.). Volkslied n. volkstümliches, im Volk überliefertes und verbreitetes, oft von einem unbekannten Verfasser stammendes Lied, geprägt von Herder (1773) neben Populärlied, womit er engl. popular song wiedergibt. Volksschule f. (18. Jh.). volkstümlich Adj. ‘dem Volk, der Art des Volkes entsprechend, gemeinverständlich, bekannt, beliebt’ (Ende 18. Jh.), anfangs auch im Sinne von ‘national’; dazu Volkstümlichkeit f. (Ende 18. Jh.) und Volkstum n. ‘Wesen, Eigenart des Volkes (einer bestimmten Landschaft)’ (Anfang 19. Jh.), zuerst ‘Nationalität’. Volksvertreter m. ‘Vertreter, Verteidiger des Volkes gegen Beeinträchtigung seiner Rechte, gewähltes Mitglied einer Volksvertretung, Abgeordneter’ (Anfang 19. Jh.). Volkswirtschaft f. ‘Gesamtheit der Wirtschaft eines Staates oder Landes, Nationalökonomie’ (um 1830), für engl. national economy. bevölkern Vb. ‘mit Bewohnern besetzen, besiedeln, in Scharen beleben’ (17. Jh.); Bevölkerung f. ‘das Bevölkern, die Einwohner, Bewohner eines bestimmten Gebietes’ (Ende 17. Jh.).

Typische Verbindungen zu ›volkstümlich‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›volkstümlich‹.

Zitationshilfe
„volkstümlich“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/volkst%C3%BCmlich>.

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