Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

wagen

Grammatik Verb
Aussprache 
Worttrennung wa-gen
Wortbildung  mit ›wagen‹ als Erstglied: Wagehals · Wagemut · Wagestück · Waghals · Wagnis · Wagstück
 ·  mit ›wagen‹ als Letztglied: durchwagen · heranwagen · herauswagen · hervorwagen · hinaufwagen · hinauswagen · hineinwagen · hinunterwagen · hinüberwagen · vorwagen
 ·  mit ›wagen‹ als Grundform: gewagt
eWDG

Bedeutung

etw. mutig, die Gefahr nicht scheuend, tun, etw. riskieren
a)
Beispiele:
einen Angriff wagen
wir müssen es wagen
er wagte es, ihm zu widersprechen
sie hatten nicht gewagt zu stören
er wagte kein Wort zu sagen
eine Bitte, einen Versuch wagen
er wagte den kühnen Sprung
eine gewagte (= kühne) Behauptung
umgangssprachlich, scherzhaftdann wagten auch die Alten mal wieder ein Tänzchen [ BredelVäter402]
sich irgendwohin wagensich mutig, die Gefahr nicht scheuend, irgendwohin begeben
Beispiel:
sich auf die Straße, aus dem Hause wagen
bildlich
Beispiele:
sich auf ein unbekanntes Gebiet wagen
er wagte sich an die schwierige Aufgabe
umgangssprachlichsich in die Höhle des Löwen wagen (= beherzt, unerschrocken eine gefürchtete Person aufsuchen)
sprichwörtlicherst wägen, dann wagen (= erst überlegen, dann handeln)
b)
etw. selbst auf die Gefahr des Verlustes hin daransetzen, um den Ausgang eines Unternehmens für sich zu entscheiden
Beispiele:
er hat dabei viel, alles gewagt
einen hohen Einsatz wagen
der Retter hat sein Leben für das Kind gewagt
es ist sehr gewagt (= leichtsinnig), so schnell zu fahren
eine gewagte Operation
ein gewagtes Spiel spielen
sprichwörtlichwer wagt, gewinnt
sprichwörtlichfrisch gewagt ist halb gewonnen (= wer kühn wagt, hat schon fast sein Ziel erreicht)
bildlich
Beispiel:
seinen Hals, Kopf wagen (= sein Leben aufs Spiel setzen)
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

wagen · Wagnis · Wagehals · wag(e)halsig
wagen Vb. ‘kühn unternehmen, etw. auf gut Glück riskieren, aufs Spiel setzen’, mhd. wāgen ‘in die Waagschale legen, aufs Geratewohl daransetzen oder tun, einem ungewissen Ausgang anheimgeben’, mnd. wāgen, mnl. wāghen, nl. wagen, abgeleitet von dem unter Waage (s. d.) dargestellten Substantiv. Vgl. Wendungen wie mhd. den līp ūf die wāge lān ‘sein Leben riskieren, es aufs Spiel setzen’, er gap sich in wāge ‘überließ sich dem ungewissen Ausgang’. – Wagnis n. ‘Risiko, kühnes Unterfangen’ (16. Jh.), wohl in der obd. Kanzleisprache entstanden und erst nach 1800 allgemein gebräuchlich. Wagehals m. ‘Draufgänger, kühner, mutiger Mensch’ (15. Jh.), in der Art imperativischer Satznamen gebildet nach den Hals (‘das Leben’) wagen. Älter ist der urkundlich bezeugte Name Johan Waginhals (14. Jh.). wag(e)halsig Adj. ‘sich verwegen in Gefahr begebend, tollkühn’ (18. Jh.).

wägen · abwägen · erwägen
wägen Vb. ‘vorsichtig bedenken, überlegend prüfen’, fachsprachlich (älteren Gebrauch fortsetzend) ‘auf die Waage legen und das Gewicht bestimmen’ (wofür sonst wiegen2, s. d.). Auszugehen ist von dem starken Verb ahd. wegan ‘wiegen, wägen, einschätzen, bewegen’ (8. Jh.), mhd. wegen ‘in Bewegung setzen, (sich) bewegen, wiegen, wägen, einschätzen, Gewicht, Zahl, Wert haben’, asächs. wegan ‘(er)wägen’, mnd. wēgen ‘wiegen, schwer sein, wägen’, mnl. wēghen ‘wägen, schätzen’, nl. wegen, aengl. wegan ‘wägen, messen’, anord. vega ‘schwingen, heben, wägen, schätzen’. Dazu gehört das schwache Kausativum ahd. weggen (8. Jh.), mhd. wegen ‘bewegen, schwingen, schütteln’; zu Verwandtschaft und Herkunft s. bewegen. Beide Verben fallen im Nhd. in der oben genannten verengten Bedeutung zusammen. Der Vokalismus der starken Präteritalformen mhd. wac, wāgen (Prät.), gewegen (Part. Prät.) wird vom 15. Jh. an nach -o- ausgeglichen, vgl. mhd. wuoc (neben wac), frühnhd. wug, dann wog (ab 16. Jh.) und frühnhd. gewogen (15. Jh.). Aber auch dem schwachen Verb folgende Präteritalformen (nhd. wägte, selten auch gewägt) bleiben vereinzelt erhalten. Die Schreibung mit -ä- (im 15. Jh. auftretend) wird im Hinblick auf Waage durch die Wörterbücher und Grammatiken des 17. Jhs. verbreitet. – abwägen Vb. ‘das Gewicht feststellen, abwiegen’ (15. Jh.), ‘messen’ (16. Jh.) und ‘(vergleichend) prüfen, genau überlegen, bedenken’ (15. Jh.). erwägen Vb. ‘prüfend überlegen, bedenken’, mhd. erwegen ‘emporheben, in Bewegung setzen, zu etw. bewegen, entschlossen machen, bedenken’, reflexiv auch ‘auf-, preisgeben’, vielleicht schon (unsicher) ahd. irwegan ‘bedenken, überlegen’ (9. Jh.).

Wagen · Wagner
Wagen m. ‘auf Rädern rollendes Fahrzeug’, auch ‘Auto’. Mit n-Suffix sind gebildet ahd. (8. Jh.), asächs. wagan, mhd. wagen, mnd. wāgen, mnl. wāghen, nl. wagen, aengl. wæg(e)n, wǣn, engl. (dichterisch) wain, anord. schwed. vagn, krimgot. waghen (germ. *wagna-) sowie air. fēn ‘Art Wagen’, aind. (dēva)vā́hana- ‘(Götter) fahrend’. Vergleichbar sind die anders abgeleiteten Formen aind. vāhá- ‘Zugtier’, griech. óchos (ὄχος, aus *ϝόχος) ‘Wagen’, aslaw. vozъ, russ. voz (воз) ‘Wagen’. Sie gehören mit einer Ausgangsbedeutung ‘das sich Bewegende, das Fahrende’ zu der unter bewegen (s. d.) angeführten Wurzel ie. *u̯eg̑h- ‘bewegen, ziehen, fahren’. – Wagner m. ‘Stellmacher’ (vorwiegend südd. Wort), ahd. waganāri (11. Jh.), mhd. wagener, kontrahiert (md.) wainer, weiner ‘Wagenmacher, Fuhrmann’.

Thesaurus

Synonymgruppe
(einen) Test machen · (einen) Versuch wagen · (sich) herantrauen (an) · (sich) wagen (an) · antesten · auf die Probe stellen · auf einen Versuch ankommen · ausprobieren · erproben · es auf einen Versuch ankommen lassen · es versuchen mit · hineinschnuppern · probieren · testen  ●  die Probe aufs Exempel machen  Redensart · versuchen  Hauptform · sein Glück versuchen  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
(all) seinen Mut zusammennehmen · (es) schaffen (zu) · (es) über sich bringen · (etwas) übers Herz bringen · (seinem) Herzen einen Stoß geben · (sich) ein Herz fassen · (sich) ein Herz nehmen (und) · (sich) einen Ruck geben (und) · (sich) trauen · (sich) überwinden · wagen  ●  (sich) ermannen  altertümelnd · über seinen (eigenen) Schatten springen  fig.
Assoziationen
Synonymgruppe
(etwas) wagen · es wagen, zu  ●  (der) Gefahr (furchtlos) ins Auge sehen  Hauptform · (sich) in die Höhle des Löwen begeben  fig., variabel · (die) Gefahr nicht scheuen  geh., veraltend
Assoziationen
  • Haifischbecken  fig. · Hexenkessel  fig. · Löwengrube  fig. · Minenfeld  fig. · Schlangengrube  fig. · Wespennest  fig. · vermintes Gelände  fig.
  • (das) Risiko auf sich nehmen · (ein) Wagnis eingehen · (etwas) riskieren · (etwas) wagen · (sein) Glück herausfordern · (sein) Schicksal herausfordern · Risiken eingehen · es auf einen Versuch ankommen lassen · sich (einer Gefahr) aussetzen  ●  (ein) Risiko eingehen  Hauptform · (sich) (zu) weit aus dem Fenster gelehnt haben  kommentierend, fig. · (sich) auf dünnem Eis bewegen  fig. · auf schmalem Grat wandern  fig. · mit dem Feuer spielen  fig. · (mit einer Gefahr) kokettieren  geh. · es darauf ankommen lassen  ugs. · es wissen wollen  ugs. · ganz schön mutig sein  ugs., kommentierend
Synonymgruppe
(das) Risiko auf sich nehmen · (ein) Wagnis eingehen · (etwas) riskieren · (etwas) wagen · (sein) Glück herausfordern · (sein) Schicksal herausfordern · Risiken eingehen · es auf einen Versuch ankommen lassen · sich (einer Gefahr) aussetzen  ●  (ein) Risiko eingehen  Hauptform · (sich) (zu) weit aus dem Fenster gelehnt haben  kommentierend, fig. · (sich) auf dünnem Eis bewegen  fig. · auf schmalem Grat wandern  fig. · mit dem Feuer spielen  fig. · (mit einer Gefahr) kokettieren  geh. · es darauf ankommen lassen  ugs. · es wissen wollen  ugs. · ganz schön mutig sein  ugs., kommentierend
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›wagen‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›wagen‹.

Verwendungsbeispiele für ›wagen‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Selbst diejenigen, die schon oft Wände tapeziert haben, scheuen davor zurück, sich an das Tapezieren der Decken zu wagen. [o. A.: Das Buch vom Wohnen, Hamburg: Orbis GmbH 1977, S. 216]
Wir hatten schon seit acht Stunden den Motor nicht abzustellen gewagt. [Grzimek, Bernhard: Kein Platz für wilde Tiere, Köln: Lingen [1973] [1954], S. 107]
Es sieht fast so aus, als wage er es nicht. [Bodenreuth, Friedrich [d.i. Jaksch, Friedrich]: Alle Wasser Böhmens fließen nach Deutschland, Berlin: Büchergilde Gutenberg 1938 [1937], S. 141]
Dieses Entsetzen wirklich werden zu lassen, würden die Mächte so bald nicht wagen. [Weizsäcker, Carl Friedrich von: Bewußtseinswandel, München: Hanser 1988, S. 66]
Die Reinheit seines Charakters haben selbst seine zahlreichen wütenden Gegner nicht anzuzweifeln gewagt. [Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie. In: Geschichte der Philosophie, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1913], S. 7470]
Zitationshilfe
„wagen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wagen>.

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