Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 3. Band, 1969

Leben, das

Leben, das; -s, -
1. das Existieren, Dasein
a) physische Existenz, Ggs. Tod: d. Entstehung, Entwicklung, Erhaltung, Bedrohung des Lebens; das keimende L. (Embryo) ; d. Vielfalt, Fülle des Lebens; d. Sinn, Gesetz des Lebens; das L., eine Existenzform der Materie; er rettete den Ertrinkenden unter Einsatz seines Lebens; das L. regt sich, pulst, wirbelt, fließt dahin, geht weiter, versiegt; sein L. hing an einem seidenen Faden; sich seines Lebens nicht mehr sicher fühlen; dem L. einen Sinn geben; seinem L. ein Ende machen; ein zähes L. haben; sein L. erhalten, schützen; sein L. teuer verkaufen; er konnte nur sein nacktes L. (nichts weiter als sich selbst) retten; sein L. verlieren, wegwerfen; dieser Leichtsinn kostete ihn das L.; sich /Dat./ das L. nehmen; Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, / Der täglich sie erobern muß! Goethe Faust II 11575; sein L. für jmdn. einsetzen, geh. hingeben⌝; jmds. L. in Gefahr bringen; jmdm. das L. retten; jmdm. sein L. verdanken; geh. einem Kinde das L. schenken (ein Kind zur Welt bringen) ; am L. sein, bleiben, hängen; jmdn. am L. lassen; jmdm. ans L. wollen (jmdn. töten wollen) es geht ans L.; ein Kampf auf L. und Tod (bis zur Vernichtung) ; geh. verhüll. freiwillig aus dem L. scheiden (sterben) ; es besteht keine Gefahr für sein L. sie fürchten für ihr L.; einen Bewußtlosen wieder ins L. zurückrufen; mit dem L. davonkommen mit seinem L. für etw. eintreten; er hat seine kühne Tat mit dem L. bezahlt; jmdm. nach dem L. trachten; der Tyrann war Herr über L. und Tod seiner Untertanen; um sein L. laufen, kämpfen er ist bei dem Zugunglück ums L. gekommen; jmdn. vom L. zum Tode bringen; die Natur ist zu neuem L. erwacht d. Wille, Liebe zum L.; der Schwerverletzte schwebte lange zwischen L. und Tod /übertr./ Lebendigkeit, Vitalität: es war kein Funke von L. mehr in ihm; Sie … steht mit funkelnden Augen vor ihm, herrlich und voller Leben Weisenb. Mädchen 142; in sein Gesicht kam wieder L.; das Bild hat, atmet L.; seine Züge zeigen L. und Ausdruck; Herr von Schröder gewann wieder Leben Th. Mann 7,17 (Königl. Hoheit) ; der Künstler erfüllte sein Werk mit L.; von L. strotzen; vor L. sprühen; sie sieht aus wie das blühende L. etw. tritt ins L., wird ins L. gerufen etw. wird neu eingerichtet, gegründet: der Verein trat ins L.; eine Kommission wurde ins L. gerufen; für sein L. gern (sehr gern) etw. tun
b) Zeitdauer der physischen Existenz, Lebenszeit: ein kurzes, langes L.; d. Beginn, Verlauf, Mitte, Ende seines Lebens; die Stationen, Merksteine des Lebens; schöne, dunkle Stunden des Lebens; d. Arbeit, Ziel seines Lebens; L. und Werk eines Dichters; Jahre seines Lebens für eine große Aufgabe hingeben; die Tage seines Lebens sind gezählt; die Geschichte seines Lebens niederschreiben; zeit seines Lebens (solange er lebt) sein L. lang (immer) ich hab ja noch nie im Leben soviel komponiert wie gerade jetzt! Kästner Lottchen 90; das L. beginnt, zieht schnell dahin, geht zu Ende; sein L. währte siebzig Jahre; sein L. zählt nur noch nach Tagen; Leben und Liebe, – wie flog es vorbei! Storm 8,273; sein L. anfangen, fortführen, beschließen; sein L. hinter sich haben; das L. künstlich verlängern; nur ein Gedanke beherrschte sein späteres L.; einem großen Werk sein ganzes L. widmen; umg. der Wunsch seines Lebens (sein größter Wunsch) auf ein langes L. zurückblicken; er erzählte Erlebnisse aus seinem L.; diese Freundschaft hielt fürs ganze L.; den Bund fürs L. (Ehe) schließen wir begegneten uns zum erstenmal im L.
2. Art und Weise des Existierens, Daseins
a) /individuell/ ein gutes, anständiges, ruhiges, sorgloses, frohes, lustiges, komfortables, üppiges, herrliches, glückliches L.; ein erlebtes, erfülltes, bewußtes, sinnvolles, arbeitsreiches, tatenreiches L.; ein einfaches, bescheidenes, sorgenvolles, schlechtes, schweres, ärmliches, hartes, trostloses, elendes, verfehltes, verpfuschtes L.; ein gesundes, vernünftiges, geordnetes, gesichertes, kultiviertes, harmonisches L.; ein leichtes, unbeschwertes, unruhiges, aufregendes, hektisches, gefährliches, ungebundenes, liederliches, gottloses, ausschweifendes, wildes L.; das äußere, innere, persönliche L.; welch ein vorbildliches L.!; ein L. in Armut, Wohlstand; ein L. in kleinen Verhältnissen; ein L. voll Freude; ein L. wie im Paradies; das L. des Arbeiters; das mannigfaltige L. der Tiere und Pflanzen; die Erfahrungen eines tätigen Lebens Brecht Dreigroschenroman 272; ihr L. war Arbeit; sein L. ist geregelt; sein L. gehört seiner Familie, der Kunst; ein ausgefülltes L. haben; sein eigenes L. leben; ein solides L. führen; Ein freies Leben führen wir, / Ein Leben voller Wonne Schiller Räuber IV 5; sein L. meistern, menschenwürdig gestalten; das süße L. (Nichtstun und Luxus) lieben ein neues L. anfangen; sein gewohntes L. fortsetzen; sein L. ändern, verbessern; er konnte sein gehetztes L. kaum noch ertragen; sich /Dat./ ein bequemes L. einrichten; sich /Dat./ das L. erleichtern; jmdm. das L. angenehm, erträglich, schwer, sauer machen; jmdm. das L. erschweren, vergällen, zerstören; aus seinem L. das Beste machen; sich durch ein zügelloses L. zugrunde richten; für ein besseres L. kämpfen; wieder in sein leichtsinniges L. verfallen; nach einem sorgenfreien L. streben; über sein eintöniges L. klagen; von seinem abenteuerlichen L. erzählen; er fand den Weg zu einem zufriedenen L.
b) /gesellschaftlich/ ein gemeinsames, geselliges, kollektives, bürgerliches, soziales, sozialistisches, christliches L.; ein privates, häusliches, zurückgezogenes L.; das L. auf dem Lande, in der Stadt; die Technik verändert das L.; im beruflichen L. vorbildlich sein;
3. Gesamtheit der gesellschaftlichen Lebensformen: die Zufälle, Wechselfälle des Lebens; d. Lust, Härte, Strenge des Lebens; die Freuden, Güter des Lebens; die Sonnen-, Nachtseite des Lebens; im Strom, in den Stürmen des Lebens; den Ernst des Lebens kennenlernen; das L. hat ihn ins Ausland verschlagen; das L. stellt uns Aufgaben, fordert seine Rechte, verlangt Opfer; das L. hat ihm viel, nichts geboten; dem L. die guten Seiten abgewinnen; dem L. entsagen; das L. leben, lieben, genießen; das L. einfach, ernst nehmen, geringschätzen; am L. verzweifeln; ihm liegt nichts am L.; gut durchs L. kommen sich durchs L. schlagen; im L. zu kurz kommen es im L. zu etwas bringen; sich im L. bewähren; sich in das L. schicken; mit dem L. fertig werden er hatte mit dem L. abgeschlossen; vom L. enttäuscht, gebrochen sein viel vom L. erwarten, haben wollen; nichts vom L. wissen; eine gesunde Einstellung zum L. haben /sprichw./ man muß das L. eben nehmen, wie das L. eben ist (man muß mit den Gegebenheiten des Daseins rechnen) Ordnung ist das halbe L.; Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst Schiller Wallenst., Prolog; die gesellschaftliche Realität: das L. nimmt uns in die Schule; das L. hat ihn hart angefaßt; das L. schreibt die besten Romane; diese Geschichten sind dem L. nacherzählt; sie werde dem Leben mit Gewalt entfremdet Musil Mann 566; am L. vorbeileben; dieses Thema ist aus dem L. gegriffen; nicht für die Schule, für das L. lernen wir; im L. ist es ganz anders als im Film umg. mit beiden Beinen fest im L. stehen; sich im L. (nicht) zurechtfinden; hinaus ins L. treten; die Verbindung mit dem L. verlieren; ein Kunstwerk nach dem L. gestalten geh. für die Abiturienten öffnete sich das Tor zum L. das gesellschaftliche Geschehen: das tägliche, moderne, großstädtische L.; das literarische, künstlerische, wirtschaftliche, wissenschaftliche, internationale, politische L.; Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens; aktiv im gesellschaftlichen L. stehen; Von dem geistigen Leben Berlins wurde ich stärker berührt als von dem von Paris Schweitzer Aus meinem Leben 26
4. Betrieb, lebhafte Tätigkeit: das geräuschvolle L. auf der Straße; lautes L. herrschte auf dem Markt; am Strand war kein L. mehr; um ihn herum brodelt, quirlt das L. der Großstadt; das vielstimmige L. des nächtlichen Waldes; L. in ein Unternehmen bringen; Nebel, der mit seiner lähmenden Kraft das Leben im Hafen zum Stocken brachte Bredel Väter 337 das bunte L. und Treiben während der Messe;
5. /Anrede einer geliebten Person/ vertraul. du mein geliebtes L.!; Reich mir die Hand, mein Leben Mozart Don Giovanni I 9

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Zitationshilfe
„Leben“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/Leben>, abgerufen am 14.08.2020.

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