Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 3. Band, 1969

Luft, die

Luft, die; -, Lüfte
/vgl. Lüftchen /
1. Gasgemisch, das die Erde als Hülle umgibt
a) /ohne Pl./ atmosphärische Luft: eine eisige, feuchte, kalte, klare, laue, milde, ozonreiche, rauhe, reine, scharfe, warme, winterliche L.; die L. im Hochgebirge, an der See ist sehr gesund; die L. flimmert vor Hitze; die Industrie, der ständige Rauch verpestet die L.; frische L. ins Zimmer hereinlassen; die L. im Hörsaal war abgestanden, stickig, verbraucht; einen Motor mit L. kühlen; (auf einen Reifen) L. aufpumpen; die L. aus dem Reifen herauslassen; der Schlauch hält keine L. (ist undicht) umg. Luftdruck: der Schlauch hat zu wenig, nicht genug L., keine L. mehr; die L. nachsehen, prüfen (lassen); zwischen Wand und Schrank etwas L. (Zwischenraum) lassen Phys. flüssige (verflüssigte) L.
b) /ohne Pl./ dient zum Atmen: der Kragen schnürte ihm die L. ab; die L. (den Atem) anhalten keine, wieder L. bekommen (nicht, wieder atmen können) bitte tief L. holen (einatmen) nach L. schnappen, ringen (rasch und mühsam atmen) Die übertriebene Art, wie Gion sein eines Nasenloch zupreßte und durch das andere heftig die Luft ausstieß, wirkte höchst anregend auf ihn Carossa Gion 76; umg. der alten Frau ging beim Treppensteigen die L. aus; /bildl./ jmdm. bleibt die L. weg vor Schreck, Ärger, Überraschung (jmd. ist fassungslos) etw. verschlägt einem die L.
c) /in Bewegung/ Luftzug, leichter Wind: sich von der L. umspielen lassen; sich /Dat./ L. zufächeln; dicht. Lüfte Winde: Vor dem Fenster durch die Linden / Spielt es wie ein linder Gruß, / Lüfte, wollt ihr mir verkünden, / Daß ich bald hinunter muß? Eichendorff Gedichte 1,224
d) /in bildl. Wendungen/ umg. eine andere, bessere, freiere, frische L. (Atmosphäre) in etw. hineinbringen; salopp Berliner Luft P. Linke /Titel/ es ist dicke L., riecht nach dicker L. (es droht Gefahr) na, (dann) gute L.! /Ausruf, wenn man Schlimmes befürchtet/ die L. ist rein (niemand ist in der Nähe und horcht) scherzh. gesiebte L. atmen (im Gefängnis, Zuchthaus sitzen) umg. wieder etwas (mehr) L. bekommen, kriegen (aus den Schwierigkeiten heraus sein) fürs erste habe ich L. (bin ich mit der Arbeit fertig) jetzt kann ich wieder L. holen, schnappen (jetzt habe ich wieder etwas mehr Zeit, jetzt hat sich meine Lage verbessert) jmdm. etwas L. (Zeit, Bewegungsfreiheit) lassen sich /Dat./ L. machen, schaffen (sich von etw. befreien) sich /Dat./ mit ein paar Ohrfeigen L. machen (von seinem Zorn befreien) sich /Dat./ in dem Gedränge L. schaffen (sich Bewegungsfreiheit verschaffen) seinem Ärger, Zorn, Herzen, seiner Freude, seinen Gefühlen L. machen (sich durch Sprechen davon befreien) hier muß erst einmal L. gemacht, geschaffen werden (aufgeräumt und Übersicht gewonnen werden) es wird allmählich L. (übersichtlich) Was ist das schon, wenn einer ausscheidet und tausend bleiben! Da wird doch nicht Luft (dadurch ändert sich nichts) Brecht Dreigroschenroman 384; salopp derb halt die L. an (halt den Mund)! umg. jmdn. an die (frische, freie) L. setzen, befördern (jmdn. hinauswerfen, jmdm. kündigen) etw. ist (frei, völlig) aus der L. gegriffen, geholt (frei erfunden) etw. hängt, schwebt (noch) in der L. (ist noch ganz ungewiß) jmd. hängt (zur Zeit, beruflich) völlig in der L. (hat keine feste Existenzgrundlage) etw. liegt in der L. (ist zu erwarten) ich weiß nicht, woher ich das weiß, das liegt halt so in der L. (drängt sich einem von selbst auf) in die L. gehen (wütend werden)
e) /übertr.; ohne Pl./ umg. etw. nicht Vorhandenes: jmd. ist L. für mich (jmd. wird von mir nicht beachtet) jmdn. wie L., als ob er L. wäre behandeln (jmdn. absichtlich übersehen) sich in L. (in Nichts) auflösen, in L. zergehen, zerfließen man kann schließlich nicht von der L. leben (man braucht Geld, einen Beruf) er lebt von der L. (er braucht sehr wenig) etw. Leeres: in die L. greifen, stieren; etw. in die L. reden, schreiben; Schlösser in die L. bauen; na, und ich gucke (dann) in die L. (gehe leer aus, bekomme nichts)?
2. /ohne Pl./ das Freie, nicht der geschlossene Raum: regelmäßig, umg. fleißig⌝ an die L. gehen; er darf nicht, muß viel an die L.; jmdn. an die L. führen; Betten, Wäsche, Kleider an die frische L. hängen (auslüften) am wohlsten fühlt er sich draußen in der freien L.; er ist an die Tätigkeit in freier, frischer L. gewöhnt; O welche Lust, in freier Luft / Den Atem leicht zu heben Beethoven Fidelio I 9; er ging L. schnappen (spazieren, ins Freie)
3. Raum über der Erdoberfläche, nicht der feste Boden: eine Ortschaft aus der L. mit Lebensmitteln, Post versorgen, angreifen; durch die L. segeln Frühling läßt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte Mörike Er ist's; frei wie der Vogel in der L. sein schwerelos in der L. schweben; hoch in den Lüften; die Arme, den Ball in die L. werfen; etw. in die L. (hoch) halten vor Freude in die L. springen; der Vogel, das Flugzeug erhob sich in die L., in die Lüfte; /bildl./ etw. in die L. sprengen, umg. jagen; in die L. fliegen, gehen (explodieren) Kaufleute aus Volkspolen … die heute noch per Luft (auf dem Luftwege) nach Leipzig weiterreisen möchten Tageszeitung 1963; geh. der Adler ist der König der Lüfte

Im WDG stöbern

a b c d e f g h i j
k l m n o p q r s t
u v w x y z - ' & µ
Zitationshilfe
„Luft“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/Luft>, abgerufen am 04.08.2020.

Weitere Informationen zum Zitieren …


Weitere Informationen zum WDG – Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache