Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)

WDG, 4. Band, 1974

Mund, der

Mund, der; -(e)s, Münder/ dicht. -e
1. /Verkl.: Mündchen, Mündlein/ in der unteren Hälfte des menschlichen Gesichtes befindliche, durch Lippen und Mundhöhle gebildete Öffnung, die zur Nahrungsaufnahme und Bildung der sprachlichen Laute dient: ein großer, kleiner, schmaler, breiter, schiefer, wulstiger, schöner, geschwungener, blühender, rosiger, sinnlicher, lachender, brutaler, blasser, welker, eingefallener, zahnloser M.; der lächelnde rote M. des Kindes; der volle, reife M. einer jungen Frau; ein schmerzlich, spöttisch verzogener M.; den M. (zum Essen, Sprechen) öffnen, schließen, umg. auf- und zumachen; M. zu!; M. auf und Augen zu!; ihm blieb der M. vor Staunen offenstehen; salopp er riß den M. auf wie ein Scheunentor; den M. zusammenpressen, umg. ein-, zusammenkneifen⌝; den M. verächtlich, vergnügt, im Scherz, zum Schmollen, Weinen verziehen; den M. schelmisch, zum Pfeifen, Kuß spitzen; geh. jmdm. den M. zum Kuß bieten; umg. er leckte sich /Dat./ vor Appetit den M.; sich, jmdm. den M. (so richtig, mit Leckerbissen) vollstopfen; ich kann nicht sprechen, ich habe gerade den M. voll!; sich /Dat./ beim Essen den M. verbrennen; der Wein war so sauer, daß es mir den M. zusammenzog; jmds. M. küssen; der liebliche Hauch ihres Mundes; er setzte d. Glas, Flasche an den M., um zu trinken; sie hingen M. an M. (küßten sich) er küßte sie auf den M. jmdn. auf den M. schlagen, umg. hauen; jmdm. eins, eine auf den M. geben (versetzen) ich war wie auf den M. geschlagen (konnte nichts antworten) den Finger auf den M. legen; er nahm die Zigarette aus dem M. aus dem M. riechen (einen unangenehmen Mundgeruch haben) ; den Daumen, eine Zigarette im M. (zwischen den Lippen) haben; vor Schrecken blieb mir der Bissen im M. stecken; einen Bissen in den M. nehmen, umg. schieben, stopfen⌝; du sollst nicht mit vollem M. reden, sprechen! mit offenem M. (staunend) ; ein harter, weicher Zug um den M.; Schaum vor dem M. haben; sich /Dat./ beim Niesen, Husten die Hand vor den M. halten; einen Bissen, d. Glas, Löffel zum M. führen die Beatmung von M. zu M.; /in bildl. Wendungen/ er ist ein Mann des Mundes, nicht der Feder (ihm fällt das Reden leichter als das Schreiben) umg. den M. aufmachen, auftun reden, etw. sagen: er weiß eine ganze Menge, aber er tut den M. fast nie auf; mach, tu doch den M. endlich auf (rede doch, sprich deutlich)! sie wagt (es) nicht, den M. aufzutun (wagt nicht zu sprechen) kannst du den M. nicht aufkriegen?; salopp M. und Augen, M. und Nase aufreißen, aufsperren (völlig überrascht sein) umg. den M. voll nehmen prahlen, übertreiben: Einer von denen, die den Mund nicht voll genug nehmen können mit schönen Worten Weiskopf 1,604 (Abschied v. Frieden) ; jmd. hat den großen M. jmd. ist vorlaut: sie hat immer den großen, größten, vorlautesten M.; jmd. hat einen losen M. (ist ein wenig vorlaut, neckt andere gern) salopp da kannst du dir den M. fusselig reden (intensiv auf jmdn. einreden, um ihn zu überzeugen) umg. ihr M. steht nie, nicht einen Augenblick still (sie redet gern und viel) /sprichw./ wes das Herz voll ist, des läuft der M. über; jmdm. den M. öffnen (jmdn. zum Reden bringen) geh. jmdm. seinen M. leihen (für jmdn. sprechen) umg. er hat den M. auf dem rechten Fleck (ist schlagfertig) ; sich /Dat./ den M. verbrennen (unbedacht etw. sagen, was unangenehme Folgen haben kann) den M. schließen, verschließen (still sein, nicht reden) geh. sein M. verstummte (für immer); umg. er kann (einfach) den M. nicht halten (still sein) ; reinen M. halten nichts ausplaudern: wir haben versucht, ihn zu bestechen, damit er reinen Mund hält Brecht Furcht u. Elend 10; jmdm. den M. verbieten jmdm. das Reden untersagen: ich lasse mir nicht, von niemand den M. verbieten!; umg. jmdm. den M. stopfen jmdn. durch Bestechung oder Gewalt zum Schweigen bringen: Stopfen wir ihnen den Mund mit ein paar Aktien Molo Ein Deutscher 381; jmdm. den M. wäßrig machen (jmdm. Appetit auf etw. machen) einen schiefen M. ziehen (ein mürrisches, verdrießliches Gesicht machen) [sie schnitt] den vorübergehenden Herren einen schiefen Mund (eine Grimasse) H. Mann 1,279; landsch. sich /Dat./ den M. (nach etw.) wischen (leer ausgehen, nichts bekommen) ; an jmds. M. hängen (jmdm. gespannt zuhören) ; umg. er ist nicht auf den M. gefallen (ist schlagfertig) ; etw. aus jmds. M. (von jmdm.) erfahren, hören, wissen; Aus seinem Munde weiß ich nichts davon Lessing Nathan V 8; jmdm. das Wort aus dem M. nehmen (etw. sagen, bevor es der andere ausspricht) umg. das Wort blieb mir im M. stecken (ich konnte plötzlich nicht weitersprechen) ; etw., jmdn. im M. führen (etw., jmds. Namen oft wiederholen) ; umg. jmdm. das Wort im M. herumdrehen, verdrehen (den Sinn von jmds. Worten ins Gegenteil verkehren) /sprichw./ Morgenstunde hat Gold im Munde; umg. mir läuft das Wasser im M. zusammen (ich bekomme Appetit) in den M. der Leute kommen (viel beredet werden) geh. in aller M. sein sehr bekannt sein: der Name des Siegers war in aller M.; du sollst diese häßlichen, ordinären Worte, Ausdrücke nicht in den M. nehmen (nicht aussprechen)!; jmdm. etw. in den M. legen jmdn. bestimmte Worte sagen lassen; jmdm. die Antwort nahelegen: man legt mir Dinge in den M., die ich nie gesagt habe; er hat mir die Antwort förmlich in den M. gelegt; umg. jmdm. die Bissen in den M. zählen (genau aufpassen, wieviel jmd. ißt) ; von der Hand in den M. leben nur gerade das Notwendigste zum Leben haben: der Arbeiter, der so schlecht gestellt ist, daß er von der Hand in den Mund lebt Bebel Aus meinem Leben 80; mit offenem M. (erstaunt) zuhören; mit offenen Mündern [beobachteten sie] jede Bewegung der merkwürdigen Familie Th. Mann 7,202 (Königl. Hoheit) ; umg. sie ist (immer) mit dem M. vor(ne)weg (ist vorlaut) ; mit hängendem M. (niedergeschlagen) ; jmdm. nach dem M. reden (reden, was jmd. gern hört) ; salopp jmdm. über den M. fahren (jmds. Worte unhöflich unterbrechen und korrigieren) ; sich /Dat./ den M. über etw., jmdn. zerreißen (über etw., jmdn. klatschen) ; jmdm. Honig um den M. schmieren (jmdm. geschickt schmeicheln) ; umg. sich /Dat./ den letzten Bissen vom M. absparen (die Ausgaben auf das Allernötigste beschränken) ; (sich /Dat./) kein Blatt vor den M. nehmen ohne Scheu sprechen, geradeheraus reden: er nahm in der Diskussion kein Blatt vor den M.; umg. jmdm. zum M. reden (reden, was jmd. gern hört)
2. /steht für die ganze Person/ ein berufener M. (ein berufener Mensch) ein beredter, frecher M.; ein loser M. hatte diesen Spitznamen geprägt; ein stummer M. ist kein Zeuge; alle Münder gingen (alle sprachen gleichzeitig) Worte, Gerüchte, Witze gehen von M. zu M. (von einem zum andern) Dergleichen Nachrichten wanderten schnell von Mund zu Mund Bredel Enkel 612; umg. sie hat sechs hungrige Münder zu stopfen (sechs Kinder zu versorgen)
3. geh. Öffnung: der M. (Mundloch) eines Schachtes, Stollens Einen goldenen Becher werf' ich hinab / Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund Schiller Der Taucher; der M. der Kanonen spie Feuer und Qualm

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Zitationshilfe
„Mund“, in: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1964–1977), kuratiert und bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/wdg/Mund>, abgerufen am 02.12.2020.

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